Der Komet – Hannes Stein

Hannes Stein wurde 1965 in München geboren und arbeitet heutzutage als Autor und Journalist. Er ist in Österreich aufgewachsen, lebt jedoch seit einigen Jahren in Amerika. Als Journalist ist er für unterschiedliche Medien tätig, unter anderem für die Literarische Welt. Sein Roman “Der Komet” wurde in diesem Frühjahr im Galiani Berlin Verlag veröffentlicht.

Die Welt wie wir sie kennen und die Geschichtsschreibung der letzten 100 Jahre werden in Hannes Steins Roman “Der Komet” auf den Kopf gestellt. “I bin doch ned deppat, i fohr wieder z’haus” ist der entscheidende Satz des Romans. Gesprochen wird er von Franz Ferdinand, der sich entscheidet, rechtzeitig aus Sarajewo abzureisen und damit dem geplanten Attentat auf ihn entgeht. Was folgt daraus? Der Erste Weltkrieg fällt aus und auch der Zweite Weltkrieg findet nicht statt. Den Holocaust gibt es nicht und Auschwitz geht nicht als Ort des Schreckens in die Geschichte ein, sondern die polnische Stadt ist lediglich ein Bahnknotenpunkt. Wien wird zur Welthauptstadt und statt Coca Cola trinken die Menschen Almdudler. Anglizismen sind verpönt und Amerika ein Dorf voller zurückgebliebener Hinterwäldler, einen Mondflug hat das Land natürlich auch nie zu Stande bringen können.

“Amerika war ein wüstes weites freies Land, wo jeder Bürger nicht nur das Stimmrecht besaß, sondern eine Waffe besitzen durfte. […] nur eine Kultur hatten sie dort drüben selbstverständlich nicht. Aber daraus konnte man den Amerikanern keinen Vorwurf machen, schließlich hatten sie keinen Victor Léon, keinen Eric Charell, keinen Oskar Hammerstein, der ihnen leichtfüßige Operetten geschrieben hätte […].”

Mit viel Liebe zum Detail entwirft Hannes Stein ein faszinierendes Szenario: er beschreibt eine Welt, wie sie ohne die Schrecken zweier unfassbarer Kriege hätte sein können. Er beschreibt eine Welt, in der Stefan Zweig in den sechziger Jahren als alter Mann in Salzburg stirbt und sich nicht dazu gezwungen sieht, sich 1942 das Leben zu nehmen. Er beschreibt eine Welt, in der Anne Frank nicht als junges Mädchen im Konzentrationslager stirbt, sondern stattdessen eine berühmte Schriftstellerin wird und sogar den Literaturnobelpreis erhält. Eine Welt, in der Deutschland von Peenemünde aus die ersten Raketen auf den Mond schickt und diesen gleich kolonialisiert. Dort oben stirbt Albert Einstein an einem Aneurysma und wird auf dem Mond beerdigt.

“Die Deutschen hatten also einen alten Menschheitstraum wahr gemacht, waren als Pioniere zum Mond geflogen und hatten ihn danach mit preußischer Gründlichkeit in Beschlag genommen und kolonisiert […].”

Der Roman von Hannes Stein hat keine Hauptfigur, sondern heftet sich sich an die Fersen von ganz unterschiedlichen Personen und folgt deren Spuren. Da gibt es zum einen den jungen Mann Alexej von Repin, der noch nie mit einer Frau zusammen gewesen ist und sich rettungslos in Barbara Gottlieb verliebt, eine grande dame der Gesellschaft.

“Alexej war hässlich (“schiech” sagen die Österreicher). Sein Haar lockte sich dünn und rötlich über der Stirn, im Gesicht störte ihn empfindlich das Fehlen eines Kinns, sein Mund war viel zu schmal; er hatte eine Hühnerbrust und war ein wenig verwachsen.”

Barbara und Alexej beginnen eine romantische Affäre, just zu dem Zeitpunkt, als sich Barbaras Mann David, der von allen nur Dudu genannt wird, auf dem Mond aufhält. Denn trotz der ausgebliebenen Kriege und der spürbaren Harmonie, droht der Welt eine Katastrophe: ein Komet bewegt sich auf die Erde zu, auf einer Flugbahn, die nicht verändert oder beeinflusst werden kann. Wenn der Komet auf die Erde trifft, ist ein Ende der Welt unausweichlich. Dudu erfährt auf dem Mond als einer der ersten von diesem drohenden Weltuntergangsszenario. Diese beiden Handlungsfäden – die Affäre zwischen Barbara und Alexej und der immer näher kommende Komet – bilden das Grundgerüst der Erzählung.

Doch wichtiger als die Handlung des Romans, sind die detaillierten Beschreibung der neuen Welt, wie sie Hannes Stein in “Der Komet” entwirft. Es ist eine Welt, wie sie hätte sein können. Eine Welt, in der nicht viel an das erinnert, was in Wirklichkeit geschehen ist und im Rückblick das 20. Jahrhundert prägen sollte. “Stacheldraht” und “Panzer” sind Begriffe, die mit der Welt, die Hannes Stein beschreibt, nichts zu tun haben und doch tauchen sie immer wieder auf. Sie tauchen auf in den Träumen eines Patienten.

“‘Im Traum habe ich geglaubt: Was dort angerichtet worden ist, das kann kein Mensch wiedergutmachen. Und Gott auch nicht’, sagte August Biehlolawek.”

August Biehlolawek lässt sich von dem berühmten Analytiker Dr. Anton Wohlleben behandeln. Der Mann wird von furchtbaren Albträumen gequält, von Albträumen, in denen er Panzer sieht, Leichenberge, Stacheldraht. Die Träume dieses Mannes sind so ungewöhnlich, dass Dr. Wohlleben die Vokabel “Stacheldraht” erst einmal nachschlagen muss.

“Dies klang nach etwas aus einem utopischen Roman von H. G. Wells (aber in seinem berühmten Krieg der Welten hatte Anton Wohlleben nachgesehen und nichts Vergleichbares gefunden).”

Für den Psychoanalytiker sind die Träume seines Patienten unvorstellbar, es ist unvorstellbar für ihn, dass Deutschland die Verbrechen verüben könnte, von denen August Biehlolawek Nacht für Nacht träumt.

“Ein Volk, das solche Genies, solche Musik hervorgebracht hat, wäre doch zu einer echten Bestialität gar nicht fähig.” 

Die Geschichte, die Hannes Stein erzählt, spielt im Jahr 2000 – dennoch glaubt man beim Lesen immer wieder, dass man sich noch mitten im vorherigen Jahrhundert befinden könnte. Die Welt hat sich ganz anders entwickelt, als sie uns heutzutage bekannt ist, doch alles, was Hannes Stein beschreibt, ist an reale Ereignisse und Figuren angelehnt, an technische Innovationen und künstlerische Entwicklungen, die alle auch in eine andere Richtung hätten laufen können, wenn … ja, möglicherweise wenn Franz Ferdinand in Sarajewo rechtzeitig abgereist wäre. Ist die Geschichte der Welt, die Geschichte der letzten 100 Jahre also vielleicht einfach nur ein Zufall? Ein Zufall, der von einer einzigen Person abhängen kann? Beruht die Entwicklung der Menschheit also lediglich auf Zufällen und anders geartete Zufälle hätten uns in eine andere Welt geführt, möglicherweise in eine Welt, wie sie Hannes Stein beschreibt? Kann das wirklich sein? Oder gehören – neben dem Zufall – nicht auch noch andere Faktoren zu der Geschichtsschreibung dazu?

Hannes Stein ist mit “Der Komet” ein spannendes Gedankenexperiment gelungen. Er beschreibt die Welt, wie sie hätte sein können – es ist eine harmonische Welt, in der die Menschen friedlich zusammenleben können. “Der Komet” ist ein witziges und unterhaltsames Buch, voller skurriler Ideen. Es ist aber auch ein trauriges und bedrückendes Buch, da es schmerzlich bewusst macht, wie unsere Welt auch hätte werden können.

Eine etwas weniger euphorische Besprechung findet ihr bei Mariki im Bücherwurmloch.

12 Comments

  • Reply
    brunnenwaechterin
    July 1, 2013 at 5:42 pm

    Das Buch habe ich auch gerade gelesen. Ich mag Steins Sprache sehr, und auch die Idee des Buches fand ich sehr charmant. Aber er ist gegen Ende für meinen Geschmack etwas zu sehr in den Geschichtsunterricht abgedriftet. Die historischen Entwicklungen und Zusammenhänge zu lesen fand ich in der ersten Hälfte sehr interessant, es wurde mir aber irgendwann zu theoretisch und trocken. Ich hätte mir ein wenig mehr Handlung und weniger Referat gewünscht… Trotzdem, eine schöne und phantasievolle Geschichtsvariante zeichnet Stein in dem Roman.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 3, 2013 at 11:00 am

      Deine Kritikpunkte kann ich nachvollziehen, dem Roman fehlt es stellenweise an Handlung, es sind die Stellen, an denen der Autor dazu neigt, lediglich zu beschreiben. Das Glossar, das ich als interessant empfunden habe, habe ich auch erst am Ende der Lektüre gelesen – zwischendurch habe ich nichts nachgeschlagen. Das Gedankenexeperiment von Hannes Stein ist amüsant und skurril, ich kann die Lektüre nur empfehlen, der Roman bedarf aber auch einiges an Zeit und Ruhe, um sich auf ihn einlassen zu können. 🙂

  • Reply
    B.ee
    July 1, 2013 at 8:39 pm

    Ich konnte mich mit Steins Sprache und Stil nicht so sehr anfreunden. Nach der Leseprobe vor einigen Tagen habe ich beschlossen, dass Buch nicht zu lesen.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 3, 2013 at 10:58 am

      Liebe Bee,
      so geht es einem manchmal, das finde ich auch okay. 🙂 Ich habe bei diesem Buch ja auch mehrere Anläufe gebraucht, bis ich in die Sprache und den Erzählstil hineingefunden habe. Wenn das gelingt, ist dieses Gedankenspiel aber sehr spannend und unterhaltsam zu lesen. 🙂

  • Reply
    jancak
    July 1, 2013 at 8:47 pm

    Das Buch wurde in Leipzig prominent besprochen, Dennis Scheck hat es, glaube ich, sehr gelobt und scheint sehr witzig, aber auch sehr übertrieben zu sein. Mal sehen, ob es mal zu mir kommt

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 3, 2013 at 10:57 am

      Liebe Eva,
      übertrieben ist “Der Komet” auf jeden Fall und zwar von der ersten Seite an. Der Leser wird in diese Welt gestoßen und muss sich erst einmal zurechtfinden. Wenn man sich jedoch darauf einlassen kann, liest der Roman sich aber auch sehr witzig und unterhaltsam. Ich könnte mir vorstellen, dass gerade dir als Österreicherin der Roman gut gefallen könnte, da Wien ja keine unerhebliche Rolle spielt. 🙂

  • Reply
    Hermia
    July 2, 2013 at 5:16 pm

    Klingt auf jeden Fall sehr faszinierend – das werde ich auf jeden Fall mal anlesen!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 3, 2013 at 10:55 am

      Liebe Hermia,
      ich bin gespannt, wie es dir gefallen wird – die Meinungen dazu gehen ja noch etwas auseinander, so dass ich mich auf jeden Fall über weitere Leserstimmen freuen würde. 🙂

  • Reply
    Hannes Stein: Der Komet | Bücherwurmloch
    July 4, 2013 at 9:02 am

    […] Lesern wird das bestimmt gelingen: Die Zeit und Profil beispielsweise sind voll des Lobes, Mara von buzzaldrins Bücher fand auch Gefallen am […]

  • Reply
    Mariki
    July 4, 2013 at 9:03 am

    Ja, das Gedankenexperiment ist faszinierend und interessant, die Ausführung fand ich … najaaa. Aber du darfst mich doch nicht mit meiner negativen Rezi verlinken, wie sieht das denn aus!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 5, 2013 at 12:01 pm

      Liebe Mariki,
      ach, ich finde auch negative Besprechungen zu Büchern wichtig, deshalb ich dich sehr gerne verlinkt! 🙂 Auch in meinen Augen war dieser Roman sicherlich nicht perfekt, ich habe ihn aber scheinbar noch mehr genießen können, als du. So etwas finde ich immer spannend.

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