Der größte Fall meines Vaters – Zdenka Becker

Zdenka Becker wurde 1951 in Eger geboren. Die Autorin ist in Bratislava aufgewachsen, wohnt aber seit den siebziger Jahren in Österreich. Sie schreibt in deutscher Sprache und hat bereits einige Bücher veröffentlicht, für die sie mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet wurde. “Der größte Fall meines Vaters” ist ihre neueste Veröffentlichung und im Frühjahr im Deuticke Verlag erschienen.

“Mein Papa ist jemand. Mein Papa war jemand. Er war Polizeipräsident, jemand, der es gewohnt war, dass ihm die Menschen Respekt entgegenbringen. Mein Vater, Teodor Mudroch trug zeit seines Lebens, zuerst als Leutnant, Oberleutnant und Kapitän, am Ende seiner Laufbahn als Major, Oberst und Landespolizeipräsident, eine unsichtbare Uniform. Aber seit er im Rollstuhl sitzt, braucht er die richtige, die ihm die fehlende Würde verleiht.”  

Laras Vater ist mittlerweile neunzig Jahre alt und die Last des Alters lässt den Mann, der früher Polizeipräsident gewesen ist, eine gebückte Haltung  einnehmen. Seit zwei Jahren kann der Vater nicht mehr gehen, abgesehen von kurzen Strecken. Er sitzt im Rollstuhl. Mit viel Liebe und Geduld pflegt die Tochter ihren gealterten Vater. Jeden Samstag besucht sie ihn und badet ihn, manchmal fahren sie gemeinsam zum Friedhof, um die verstorbene Mutter zu besuchen.

“Wenn man mir vor Jahren gesagt hätte, dass ich meinen Vater eines Tages wie ein kleines Kind behandeln würde, hätte ich ihn ausgelacht. Heute ist es für mich die normalste Sache der Welt, ihn im Rollstuhl zu fahren, ihn zu füttern und zu baden. So wie meine Eltern mich in der Kindheit mit dem Kinderwagen spazieren fuhren, mich fütterten und badeten, so fahre ich ihn spazieren, füttere und bade ihn.”

Trotz der eingeschränkten Mobilität, geht dem Vater immer noch vieles durch den Kopf; es gibt vieles, das ihn beschäftigt und umtreibt – aber auch da ist er zunehmend auf die Hilfe anderer angewiesen. Von seiner Tochter, die Schriftstellerin ist und gerade an ihrem neuen Buch arbeitet, wünscht sich der Vater, dass sie doch einmal etwas “Vernünftiges” schreibe: “Schreib über mein Leben als Polizist. […] Schreib einmal etwas über einen echten Kriminalfall. Ich werde dir dabei helfen.” Lara soll für ihn so etwas wie eine Gedankenstütze sein und die Erinnerungen des Vaters sortieren, festhalten und zu Papier bringen. Lara ist von dieser Idee zunächst nicht begeistert, doch ihr Vater ist so, wie er immer gewesen ist: hartnäckig. Und irgendwann kann sich die Tochter seinen Erzählungen und Erinnerungen nicht mehr entziehen.

Teodor Mudroch erzählt seiner Tochter von seinem wichtigsten Fall, von dem Fall, der der einzige Mordfall seiner Karriere seien sollte. Er erzählt und erzählt und Lara stolpert durch die Erinnerungen ihrer Kindheit. Schon damals hat sie den Fall mitverfolgt – trotz ihres jungen Alters. Sie hat heimlich in den Ermittlungsakten gelesen und in den Unterlagen ihres Vaters gestöbert. Doch das Geschehen, das längst Jahrzehnte zurückliegt, hat sie damals lediglich aus einer kindlichen Perspektive wahrgenommen, aus einem eingeschränkten Blickwinkel. Durch die Erzählungen ihres Vaters setzt sie nun fehlende Puzzleteilchen zusammen und bekommt zum ersten Mal einen wirklich Überblick über das, was damals geschehen ist, über den Fall, der ihre Familie fast zerstören sollte.

“Mein Bruder nannte ihn den Winter der Katastrophen – die Morde, Vaters Unfall, die Ehekrise der Eltern und schließlich mein Nervenzusammenbruch.”

Die Geschichte, die Zdenka Becker erzählt, spielt in der damaligen Tschechoslowakei. Am 6. Dezember 1964 wird in der Toilette eines Schnellzuges ein abgetrennter männlicher Kopf in einem Jutebeutel gefunden. Als man herausfindet, wer der Tote gewesen ist – ein gewisser Lukás Podhajský – gerät schnell seine Lebensgefährtin Irma Sládeková unter Verdacht. Teodor Mudroch ermittelt und muss feststellen, dass die rätselhafte Verdächtige mehr verbirgt, als er sich je hätte vorstellen können.

Zdenka Beckers Romanhandlung ist an einen Kriminalfall angelehnt, den es wirklich gegeben hat, die Rahmenhandlung ist jedoch fiktiv. Diese Mischung sorgt für ein spannendes und aufregendes Leseerlebnis. “Der größte Fall meines Vaters” zeichnet sich dabei vor allen Dingen durch eine ungeheure Vielfältigkeit aus: hinter dem Titel verbirgt sich nicht nur ein spannender Kriminalfall, sondern auch eine berührende Vater-Tochter-Geschichte. Für jeden Leser kann der Text dadurch ganz unterschiedliche Anknüpfungspunkte bieten. Ein zentrales Thema ist darüber hinaus auch die Frage, warum Frauen ihre Männer ermorden. Was macht Ehefrauen zu Täterinnen und inwiefern unterscheiden sie sich von männlichen Tätern?

“Warum hat sie sich nicht wie Millionen anderer Frauen einfach scheiden lassen? Hat sie ihre Männer nur deswegen umgebracht, weil sie eine ehrbare Frau bleiben wollte? Das kann doch passieren, dass man sich in den Falschen verliebt oder dass sich die Liebe irgendwann verabschiedet. Warum verharren Frauen in Beziehungen mit schlagenden Ehemännern? Und warum bringen sie sie manchmal um?”

Der Fall, der in Zdenka Beckers Buch beschrieben wird, liegt mehr als fünfzig Jahre zurück. Das Phänomen der Männer mordenden Ehefrau gibt es jedoch immer noch. Auch die Wissenschaft beschäftigt die Frage nach der Motivlage von weiblichen Täterinnen.

In “Der größte Fall meines Vaters” erzählt Zdenka Becker eine wunderbare Vater-Tochter-Geschichte, die den Leser nicht nur berührt, sondern die dabei auch zu unterhalten weiß. Zdenka Becker gelingt es flüssig und mitreißend zu erzählen, ihr Ton ist dabei häufig humorvoll, es fehlt aber auch nicht an Liebe und Warmherzigkeit. Für mich ist “Der größte Fall meines Vaters” nicht nur eine der Entdeckungen dieses Bücherfrühjahrs, sondern eine rundum gelungene Mischungen aus Kriminalroman und Familiengeschichte!

13 Comments

  • Reply
    Dina ♥
    July 10, 2013 at 10:57 am

    Das Buch kommt sofort auf meiner Liste, ganz, ganz herzlichen Dank für die feine Vorstellung, liebe Mara!
    Sonnige Grüße aus Norfolk und viele Streicheleinheiten für Bandit!
    Dina

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 12, 2013 at 12:25 pm

      Liebe Dina,
      oh toll, ich freue mich! 🙂 Das Buch hat mich sehr berührt, sicherlich auch wegen der geschilderten Vater-Tochter-Beziehung, da dies ein Thema ist, das mich sehr beschäftigt.
      Die Streicheleinheiten sind gerade ganz doll notwendig, da Bandit eine ganz schlimme Nacht hatte (schon wieder das Ohr). Nun denke wir darüber nach, eine Spezialklinik aufzusuchen. Mal schauen, wie unser Wochenende werden wird. Dir liebe Grüße, Mara. 🙂

  • Reply
    jancak
    July 10, 2013 at 1:58 pm

    Ja, das Buch habe ich vor nun schon vor längerer Zeit auch gelesen und es war sehr spannend und interessant. Ich kenne Zdenka Becker ja ein bißchen und sehe sie gelegentlich wenn ich in St. Pölten über den Marktplatz gehe oder so und den Spruch, daß man, in der CSSR, wenn wann nicht stieht, seine Familie bestehlen würde, habe ich inzwischen noch einmal gelesen, ich weiß aber nicht mehr wo.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 12, 2013 at 12:17 pm

      Liebe Eva,

      ich freue mich, dass dir das Buch auch gefallen hat! 🙂 Meine Erwartungen vor der Lektüre waren nicht besonders hoch, als ich dann aber anfing zu lesen, konnte ich das Buch kaum noch aus der Hand legen – so gut hatte es mir gefallen. Zdenka Becker gelingt in der Tat eine spannende und interessante Mischung, ich bin schon sehr gespannt darauf, weitere Texte von ihr zu entdecken. Hast du noch andere Bücher von ihr gelesen? 🙂

      • Reply
        jancak
        July 12, 2013 at 12:50 pm

        http://literaturgefluester.wordpress.com/2012/09/21/taubenflug/und dann wahrscheinlich kleinere Texte in Antologien, als sie noch nicht so bekannt war. Auf Lesungen bin ich auch ein paar Mal gewesen. Und dann haben wir beide einen Text in der ersten “Österreich-Anthologie” die von Amrat Mehta ins Hindi übersetzt wurde. Zdenka Becker hat den Übersetzer nach Österreich gebracht, ihn zu Veranstaltungen eingeladen und war auch selber in Indien und hat auch einiges von ihm übersetzt.

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          July 14, 2013 at 1:49 pm

          Liebe Eva,

          danke für die Tipps, sind notiert! 🙂 Ich freue mich schon sehr darauf, mehr von dieser spannenden Schriftstellerin zu entdecken und wünsche ihr und ihrem Buch ganz viel Erfolg.

          Sonnige Sonntagsgrüße
          Mara

      • Reply
        jancak
        July 12, 2013 at 12:53 pm

        Da ist jetzt irgendwie die Friderike Mayröcker, auch ein tolles Buch hineingerutscht. Ich versuche es nochmals mit dem http://literaturgefluester.wordpress.com/2012/09/21/taubenflug/

      • Reply
        Zdenka Becker
        July 22, 2013 at 12:16 pm

        Liebe Mara, vielen Dank für Deine wunderbare Rezension meines Romans “Der größte Fall meines Vaters”. Wenn Du weitere Bücher von mir lesen möchtest, empfehle ich Dir die Romane “Die Töchter der Roza Bukovska” (Residenz Verlag, 2006) und “Taubenflug” (Picus, 2009).

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          July 24, 2013 at 12:40 pm

          Liebe Zdenka,
          vielen Dank für Deinen lieben Kommentar hier, über den ich mich sehr freue. 🙂 Danke auch für Deine beiden Empfehlungen, die ich mir beide notiert habe und auf die ich mich schon sehr freue.

          Sonnige Grüße aus dem Norden
          Mara

  • Reply
    B.ee
    July 11, 2013 at 8:03 pm

    Sofort auf Beschnüffelungsliste aufnehme und Leseprobe besorge…weghusche…

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 12, 2013 at 12:08 pm

      Eine gute Entscheidung, das Buch solltest du dir wirklich notieren für die Zeit, wenn du wieder Geld für Bücher ausgeben magst … 🙂

  • Reply
    Mariki
    July 15, 2013 at 1:41 pm

    Oh toll, das hab ich schon länger auf der Wunschliste!

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