Tag der Vergeltung – Liad Shoham

tagdervergeltung_liadshohamLiad Shoham ist nicht nur Schriftsteller, sondern arbeitet auch als Anwalt. Studiert hat er in Jerusalem und London, heutzutage lebt er mit seiner Familie in Tel Aviv. Alle Bücher, die er bisher veröffentlicht hat, landeten auf der israelischen Bestsellerliste – er gehört dort zu den führenden Thriller-Autoren und wird mit “Tag der Vergeltung”, das in diesem Bücherfrühjahr im DuMont-Verlag erschienen ist, endlich auch in Deutschland bekannt.

Eine junge Frau, wird auf ihrem Heimweg brutal vergewaltigt. Nachts, auf offener Straße, mitten in einem ansonsten ruhigen und beschaulichen Viertel. Der Täter flüchtet, das Opfer bleibt zurück, zunächst zu traumatisiert, um die Polizei einzuschalten. Es ist ihr Vater, der die Vergewaltigung schließlich zur Anzeige bringt, lange nachdem letzte Spuren am Körper seiner Tochter verschwunden sind. Es gibt keine Zeugen, keine Beweise, keinen Verdächtigen. Die Polizei, rund um den schon lange erfolglosen Polizisten Eli Nachum, tappt im Dunkeln. Doch dann legt sich der Vater des Opfers selbst auf die Lauer, nächtelang sitzt er im Auto vor ihrer Wohnanlage und beobachtet die Straßen, bis zu jener Nacht, als er glaubt, den Vergewaltiger endlich gefunden zu haben.

“Jaron Regev saß in seinem Wagen, das Haus, in dem seine Tochter wohnte, fest im Blick. Wie lange er hier Wache halten müsste, war ihm egal. Von ihm aus nächtelang, monatelang, jahrelang, bis er darauf bauen konnte, dass es ihr besser ging.”

Ziv Nevo ist bereits wegen Belästigung vorbestraft. Im vergangen Jahr hat er nicht nur seine Arbeit verloren, sondern auch seine Frau. Sie hat sich von ihm getrennt und das gemeinsame Kind mitgenommen. Er sieht aus wie der mutmaßliche Täter, hat sich Nachts in der Wohnanlage herumgetrieben und hat für die Tatnacht kein stichhaltiges Alibi. Doch schnell kommen dem Ermittler Eli Nachum Zweifel: warum schweigt Ziv Nevo? Warum verteidigt er sich nicht gegen die Vorwürfe? Und welches Geheimnis verbirgt der Mann?

“‘Schreiben Sie es auf, schreiben Sie auf, wie Sie Adi Regev vergewaltigt haben …’ sagte Eli Nachum und schob ihm das Papier zu.”

Eli Nachum, der unter enormen Erfolgsdruck stehende Polizist, macht sich auf die Suche nach dem Geheimnis von Ziv Nevo und begibt sich dabei in ein Gespinst aus Lügen und Misstrauen. Irgendwann droht er, selbst darin unterzugehen …

“Beugte auch er sich dem Druck, Fälle schnell zu den Akten zu legen? Belastete ihn die Tatsache, dass er in den letzten Jahren keine Beförderung erhalten hatte?”

Liad Shoham legt mit “Tag der Vergeltung” einen lesenswerten Thriller vor, der sich weniger durch Grusel und Schrecken auszeichnet, als durch eine hervorragende sprachliche Umsetzung und eine beeindruckende Figurenzeichnung. Auf knapp 300 Seiten erweist sich der Autor als herausragender Erzähler, dem es gelingt, das Tempo seiner Geschichte punktgenau zu dosieren. Weder gibt es Längen, noch wird das Lesen der Geschichte irgendwann zu atemlos. Rasante Entwicklungen wechseln sich mit intensiven Figurenbeschreibungen ab und sorgen sowohl für Inhalt, als auch für Spannung.

Im Mittelpunkt stehen die Figuren: Eli Nachum, der alternde Polizist, der gezwungen ist, eine Erfolgsquote zu erfüllen. Ziv Nevo, dessen Leben in kürzester Zeit auseinander gebrochen ist, die Scherben sind kaum noch aufzusammeln und der negative Strudel in den er gerät, scheint an Tempo und Brisanz immer weiter zuzunehmen. Dann gibt es noch das traumatisierte Vergewaltigungsopfer und den auf Rache sinnenden Vater. Von Kapitel zu Kapitel wechselt der Autor die Perspektiven, aus der die Geschichten erzählt wird und es gelingt ihm dabei, ein spannendes und lesenswertes Panorama aus ganz unterschiedlichen Erzählstimmen anzufertigen.

“Handelte es sich um einen Polizisten, an dessen Ansehen der Polizei gelegen war, wusste sie es zu vertuschen, zu entschuldigen, denjenigen bei den internen Ermittlungen zu decken. Einst hatte auch er sich einer solchen Immunität erfreut. Damit schien es nun vorbei.”

Losgelöst von den ganz persönlichen Figurenschicksalen, die der Autor am Ende des Thrillers zu einem überraschend positiven Ende zusammenführt, richtet Liad Shoham jedoch auch einen Blick auf das israelische Justizsystem und auf die Arbeitweise der israelischen Polizei. Beides wird aus einer sehr kritischen Perspektive betrachtet, die sich auch am Ende des Buches nicht in Wohlgefallen auflöst, sondern weiterhin bestehen bleibt. Justiz und Polizei wirken mit den Verbrechen, mit denen sie konfrontiert sind, gleichermaßen überfordert und sind erschreckenderweise viel zu leichtfertig dazu bereit, faule Kompromisse einzugehen. Ein einzelner Mensch kann in den Mühlen dieses Systems viel zu schnell und viel zu einfach untergehen, ein Schicksal, das auch Ziv Nevo widerfährt.

Liad Shoham ist mit “Tag der Vergeltung” ein lesenswerter Thriller gelungen, der durch seine Sprache und die hervorragende Figurenzeichnung zu überzeugen weiß. Dem Autor gelingt es, so gekonnt zu erzählen, dass es beim Lesen schwer fällt, das Buch zur Seite zu legen, wenn man erst einmal abgetaucht ist in diesen Strudel aus Lügen und Halbwahrheiten. “Tag der Vergeltung” ist ein literarischer Thriller und hoffentlich nicht das letzte Buch dieses spannenden Autors, das es auf den deutschen Buchmarkt geschafft hat.

7 Comments

  • Reply
    seitengeraschel
    July 20, 2013 at 12:48 pm

    Oh, das klingt gut, vor allem die Tatsache, dass der Thriller sprachlich so gut gelungen sein soll. Wieder ein Fall für die Wunschliste. Und dabei wäre ich wahrscheinlich in einer Buchhandlung an dem Buch vorbeigegangen…

  • Reply
    schifferw
    July 21, 2013 at 5:04 pm

    Reblogged this on Wortspiele: Ein literarischer Blog and commented:
    Ein lesenswerter Thriller, den zu lesen ich gerne weiter empfehle!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 22, 2013 at 1:51 pm

      Danke für die Weiterempfehlung, über die ich mich sehr freue! 😀

  • Reply
    papercuts1
    July 21, 2013 at 5:58 pm

    Literarische Thriller sind ja eher eine Seltenheit. Schön, wenn sie dann auch noch NICHT aus Amerika kommen.
    Israel. Noch so ein weißer Fleck auf meiner Literatur-Landkarte. Wäre mal was für eine #readdifferent Aktion!

    Wie kommst du eigentlich auf ein Buch wie dieses? Persönliche Empfehlung? Durch den Verlag? Würde mich mal interessieren!

    Gruß,
    papercuts1

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 22, 2013 at 1:50 pm

      Liebe papercuts1,

      ich freue mich auch, dass der DuMont Verlag mit diesem Buch auch einmal einen Thriller aus einem Land bekannt macht, bei dem es sich nicht um Amerika oder Schweden handelt. 😉 Da war “Tag der Vergeltung” wirklich eine lesenswerte Abwechslung.

      Wo ich genau auf das Buch aufmerksam geworden bin, weiß ich leider nicht mehr ganz genau, ich glaube aber, dass ich es auf dem Literaturblog von Günter Keil entdeckt hatte und es aufgrund seiner Eindrücke gleich selbst lesen wollte.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    dasgrauesofa
    July 22, 2013 at 10:45 am

    Liebe Mara,
    das scheint ja wirklich wieder so ein Krimi/Thriller zu sein, der zum einen eine spannende Geschichte bietet, die auch noch gut geschrieben ist, und zum anderen – und das finde ich immer an diesem Genre “spannend” – auch Gesellschaftskritik transportiert. Und wenn es dann um entlegenere Länder geht, kann man beim Lesen gleich noch ganz viel lernen. Danke für den schönen Tipp.
    Viele Grüße, Claudia

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 22, 2013 at 1:45 pm

      Liebe Claudia,
      ich freue mich darüber, dass du Krimi/Thriller schreibst, denn für mich war das Buch eher ein Krimi, denn ein Thriller, aber ich kenne mich auch nicht so gut aus in diesem Bereich und könnte für mich selbst gar nicht definieren, wie ich zu dieser Einschätzung komme. Es ist eher ein Gefühl. Wie auch immer: dieses Buch ist wirklich gelungen. Wie du selbst schreibst: es ist nicht nur literarisch gelungen und spannend, sondern greift auch noch gesellschaftskritische Themen auf. Israel als Handlungsort für einen Krimi hatte ich übrigens auch noch nicht all zu oft, das ist schon sehr exotisch. 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

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