Machloikes – Michel Bergmann

Michel Bergmann wurde 1945 in einem Internierungslager in der Schweiz als Kind jüdischer Eltern geboren. Der Autor ist ausgebildeter Journalist und war unter anderem bei der Frankfurter Rundschau tätig. Neben dem geschriebenen Wort ist seine zweite große Leidenschaft der Film, Bergmann arbeitete als Autor, Regisseur und Produzent. “Machloikes” ist der zweite Teil einer Romantrilogie und folgt auf den Roman “Die Teilacher”. Die Trilogie wurde in diesem Frühjahr mit der Veröffentlichung von “Herrn Klee und Herrn Feld” abgeschlossen.

“Die wilden Jahre waren vorbei und langsam begannen die Wunden zu vernarben. Es gab die Bundesrepublik Deutschland, einen volkstümlichen Bundespräsidenten und einen scharfkantigen Kanzler. Und es gab die Teilacher, die jüdischen Handeslvertreter, die von Tür zu Tür zogen, um den Deutschen Wäschepakete zu verkaufen.”

Der Roman “Machloikes” versetzt den Leser zurück in die Zeit nach dem Krieg und in die Welt der Juden in Frankfurt. Im Mittelpunkt stehen Alfred Kleefeld und Robert Fränkel. Alfred ist 16 Jahre alt und genießt seine Jugend und das wilde Leben in vollen Zügen – er besucht Partys, hat viele Freunde und irgendwann begegnet er schließlich auch seiner ersten großen Liebe.

“Er dachte an Juliette, die ihm fast so sehr fehlte wie das Fahrrad. Er hatte sich mit dem Virus der Liebe infiziert.”

Alfred hat neben all dem Spaß, aber auch eine ernsthafte Seite, er arbeitet hart in seinen Schulferien, um sich seinen schon lange ersehnten Traum von einem eigenen Rennrad erfüllen zu können. Er ist auch ein begeistert Leser, der sich immer wieder in die Welt der Bücher versenken kann. Sein größter Wunsch ist es, später einmal als Schauspieler zu arbeiten und als Regisseur des Frankfurter Kinder- und Jugendtheaters sammelt er die ersten Erfahrungen auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

“Weißt du, was große Literatur ist? In großer Literatur finden wir uns selbst wieder. Man muss viel lesen, um ein Mensch zu werden.”

Robert Fränkel betreibt – mehr oder weniger erfolgreich – sein eigenes Geschäft, dem er den Namen “Robby’s Teppichparadies” gegeben hat. Doch die Dienstage verbringt er nicht zwischen seinen Teppich, sondern beim Verhör der CIA. Jede Woche trifft er dort auf den Ermittler Kramski, der ihn befragt. Vorgeworfen wird Fränkel eine Kollaboration mit den Nationalsozialisten. Ist allein dieser Vorwurf nicht schon unglaublich genug, erzählt Robert Fränkel auch noch eine schier unglaubliche Geschichte.

“Für den US-Offizier war Fränkel bis jetzt ein oberflächlicher Mensch gewesen, der sich als zweitklassiger Entertainer durchs Leben gemogelt hatte. Er war nie ein großer Schauspieler geworden, hatte Kellner gespielt in Reveufilmen. Er hatte die Gelegenheit ergriffen, um mit Nazigrößen wie Otte und Bormann zusammenzuarbeiten, um sein Leben zu retten.”

In das Visier der Ermittler ist er geraten, weil er Adolf Hitler unterrichten sollte, er sollte ihm das Erzählen von Witzen beibringen. Robert Fränkel war nicht nur ein jüdischer Gefangener im Konzentrationslager, sondern auch einer der begabtesten humoristischen Schauspieler des Landes. Stück für Stück, Gespräch um Gespräch, Seite für Seite ergibt sich aus einzelnen Fäden ein Gesamtbild, dass die unfassbare Geschichte von Robert Fränkel erzählt. Es ist eine berührende und traurige Geschichte.

“Waren alle schuld? Oder nur einige? Deshalb kam der Begriff ‘Kollektivschuld’ ins Spiel. Wie aber war diese Verantwortung zu fassen?”

Neben Alfred Kleefeld und Robert Fränkel tauchen eine Vielzahl weiterer Personen und Figuren auf, die alle mit sehr viel Liebe zum Detail gezeichnet und beschrieben werden.

Michel Bergmann gelingt es mit viel Feingefühl und Wärme, ein beeindruckendes und authentisches Panorama der fünfziger Jahre zu zeichnen. Der Roman lässt sich stellenweise wie eine Milieustudie lesen, so lebensnah und realistisch erscheinen die beschriebenen Figuren und Situationen. Doch auch ein feinsinniger Humor kommt bei Michel Bergmann nicht zu kurz; seine Figuren nehmen mit viel Gespür für Witz und Ironie, auch sich selbst mal auf die Schippe.  Dieser Humor ist um so erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass die meisten Figuren in diesem Roman den Krieg entweder selbst erlebt haben oder aus traumatisierten Familien kommen und mit den Folgen der Judenvernichtung groß geworden sind. All das Leid und all das unfassbar Schreckliche, was geschehen ist, wird durch den Humor nicht abgemildert, es wird aber erträglicher gemacht.

“Alfred radelte und radelte und empfand diese Zeit als eine aufregende, lichte, fröhliche. Die Menschen waren neugierig, aufgeschlossen und voller Hoffnung. Man hatte Arbeit, man hatte Ziele, man wollte etwas.”

Und dennoch haben viele Frankfurter Juden mit Schwierigkeiten zu kämpfen, es sind vor allem innere Konflikte, die sie belasten. Wie kann man, nach allem was den Juden im Krieg angetan wurde, immer noch in Deutschland leben?

Michel Bergmann legt mit “Machloikes” einen humorvollen und lesenswerten Roman vor. Obwohl ich den ersten Teil “Die Teilacher” nicht gelesen habe, fiel es mir leicht, sofort in die Geschichte  des Romans  hineinzufinden. “Machloikes” ist nicht nur ein humorvolles Buch, das zum Lachen und Schmunzeln einlädt, sondern ein Roman, der die Geschehnisse weder beschönigt noch verschweigt. Ein Thema, über das zu lachen, sich eigentlich verbietet, wird hier mit Leichtigkeit und schlemenhafter Fröhlichkeit erzählt, die jedoch nie Gefahr läuft, das, was geschehen ist, ins Lächerliche zu ziehen. Michel Bergmann hat einen Roman geschrieben, den man kaum noch aus der Hand legen möchte.

6 Comments

  • Reply
    Conor
    July 31, 2013 at 11:14 am

    Liebe Mara,
    auf diese Rezension habe ich gewartet:)
    Schön, dass dir der Roman gefallen hat. Ich habe alle drei Teile gelesen und habe mich bestens unterhalten gefühlt. Vielleicht nimmst du dir ja noch “Die Teilacher” und dann “Herr Klee und Herr Feld” vor, dass würde mich freuen.

    Liebe Grüße
    Conor

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 31, 2013 at 11:17 am

      Liebe Conor,

      “Herr Klee und Herr Feld” liegt hier bereits, “Die Teilacher” habe ich mir bestellt – ich freue mich schon sehr auf beide Bücher, da ich nun ganz auf den Geschmack gekommen bin. Michel Bergmann ist ein großartiger Erzähler – ein bisschen befinde ich mich immer noch in dieser seltsamen Frankfurter Welt, auch wenn die Lektüre schon einige Tage zurückliegt. 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    skyaboveoldblueplace
    July 31, 2013 at 1:34 pm

    Liebe Mara,
    eine sehr schöne Besprechung dieses wunderbaren Buches, der ich mich in jeder Zeile bloss anschliessen kann. Ich hatte, nach Herrn Klee und Herrn Feld, dem Abschluss der Trilogie, die beiden anderen Bände auch sofort lesen müssen, weil mir diese Geschichten, auch dieser irre Humor, so gut gefallen haben, dass ich zwischendurch, bereits während des Lesens mal kurz einen dieser dollen Stücke auf den Blog gebracht habe.
    http://skyaboveoldblueplace.com/2013/06/01/ein-witz-von-herrn-klee-und-herrn-feld/
    Naja, und dann hab ich die Besprechungen immer wieder rausgeschoben. Erst noch dies lesen und das tun… ich glaube, ich werd dann noch so eine Art kurze Dreierbesprechung machen.
    Heute hab ich mich auf jeden Fall sehr über Deine Besprechung gefreut und dass Dir die Machloikes so gut gefallen haben. Mit Deiner Beschreibung war ich sofort wieder in der Geschichte drin. Gutes Gefühl! – Und ich bin mir sicher, die beiden anderen Bände werden Dir genau so gefallen und schon sehr gespannt auf Deine Meinung dazu.
    Nun frage ich mich bloss schon eine Weile, wann der Michel Bergmann nicht mal wieder ein neues Buch rausbringt. Ich finde, seine Art zu Schreiben macht Lust auf mehr.
    Liebe Grüsse, Kai

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 2, 2013 at 10:29 am

      Lieber Kai,
      ich freue mich sehr darüber, dass du meine Leseeindrücke zu diesem Roman teilen kannst. Ich habe die “Machloikes” sehr gerne und mit sehr viel Begeisterung gelesen und war selbst überrascht darüber, da ich zuvor noch nie etwas von diesem Schriftsteller gehört oder gelesen hatte. Ich war mir nicht einmal darüber bewusst, dass es sich um eine Trilogie handelt .. nun weiß ich Bescheid und freue mich sehr auf die restlichen beiden Bände. Mit genügend Lesefutter bin ich also noch ausgestattet, ansonsten würde ich mir wahrscheinlich auch schon bald ein neues Buch dieses großartigen Autors wünschen. 😉

      Die Idee, eine umfangreichere Besprechung zu allen drei Teilen zu machen finde ich übrigens toll, weil man darin vielleicht noch viel besser die Entwicklung der einzelnen Figuren und Charaktere darstellen kann. Ich bin auf jeden Fall gespannt darauf, was zu Michel Bergmann und seiner Trilogie auf deinem Blog erscheinen wrd. 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    dasgrauesofa
    July 31, 2013 at 2:44 pm

    Von Michel Bergmann habe ich bisher noch nie etwas gehört. Und in Deiner Besprechung musste ich auch gleich über die irrwitzige Konstruktion lächeln (Witzeerzählen, Verhör beim CIA). Da scheint sich ja wirklich eine besondere Art des Himors zu zeigen.
    Viele Grüße, Claudia

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 2, 2013 at 10:22 am

      Liebe Claudia,
      oh ja, Michel Bergmann ist mit “Machloikes” wirklich ein großartiges Buch gelungen mit einem großartigen Humor, der dafür sorgt, dass einem schon ab und an fast das Lachen im Halse stecken bleit. 😉 Ich freue mich auf jeden Fall sehr auf “Die Teilacher” und “Herrn Klee und Herrn Feld”, die ich beide – nun, wo ich auf den Geschmack gekommen bin – unbedingt lesen möchte.

      Liebe Grüße
      Mara

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