Frühling der Barbaren – Jonas Lüscher

1976 wurde Jonas Lüscher in der Schweiz geboren, heutzutage lebt der Autor in München und arbeitet als Doktorand am Lehrstuhl für Philosophie der ETH Zürich. Mit “Frühling der Barbaren” legte der Autor in diesem Bücherfrühjahr sein Debüt als Schriftsteller vor.

“Frühling der Barbaren” ist eine Novelle von überschaubarer Seitenzahl, gerade einmal 125 Seiten schmal ist der Text. Eröffnet wird die Novelle mit einem Zitat von Franz Borkenau, einem österreichischen Autor, der in seiner Schrift “Ende und Anfang” die These aufstellt, dass die Barbarei ein Zustand sei, “in dem viele der Werte der Hochkultur vorhanden sind, aber ohne die gesellschaftliche und moralische Kohärenz, die eine Vorbedingung für das rationale Funktionieren einer Kultur ist”. Dieser Zustand der Barbarei, den Franz Borkenau so trefflich definiert, wird auch in der Novelle von Jonas Lüscher erreicht, in deren Mittelpunkt der Schweizer Preising steht, der eine Fabrik geerbt hat und dessen Geschichte in “Frühling der Barbaren” erzählt wird.

“‘Eine Geschichte’, versprach er mir, ‘aus der sich etwas lernen lässt. Eine Geschichte voller unglaublicher Wendungen, abenteuerlicher Gefahren und exotischer Versuchungen.'”

Die Firma, zu der Preising ohne eigenes Verschulden kommt, ist in einem desolaten Zustand – gerettet wird sie von Prodanovic, einem jungen und talentierten Mitarbeiter, der die Kommanditgesllschaft für Televisionsempfang und Dachantennen ganz alleine vor dem drohenden Konkurs bewahrt Es ist Prodanovic, der Preising in den Urlaub nach Tunesien schickt, um dort das Nützliche mit dem Vergnügen zu verbinden und nicht nur am Hotelpool zu liegen, sondern auch Verhandlungsgespräche zu führen.

Preising nächtigt in einem Luxusressort und erlebt dort eine Miniaturapokalypse, einen Zustand der Barbarei im Kleinformat, mit.  Zu den Gästen des Hotels gehört auch eine englische Hochzeitsgesellschaft, bestehend aus steinreichen jungen Menschen, die in ihren Chinos, Polohemden und Mokassins am Hotelpool entlang spazieren und wenn sie nicht gerade auf Hochzeitsreise in Tunesien sind, auch gerne mal auf Martha’s Vinyard urlauben. Sie verprassen ihr Geld, weil sie wissen, dass sie es haben – als dann aber Großbritannien völlig überraschend seinen Staatsbankrott erklärt, wird aus der Gruppe neureicher junger Menschen von einem Moment auf den anderen eine Herde wilder Tiere, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können.

“Der Mensch wird zum Tier, wenn es an sein Erspartes geht.”

Jonas Lüscher gelingt es hervorragend, seine Novelle über unterschiedliche Ebenen zu konstruieren: die Erzählperspektive wechselt zwischen dem Ich-Erzähler und der dritten Person hin und her, wodurch es gelingt, einen vielschichtigen und umfassenden Blick abzubilden. Alles, was mit viel Akribie und Liebe zum Detail erzählt wird, ist ausgerichtet, auf den Höhepunkt der Novelle, auf den Moment, in dem alle Hüllen und Fassaden fallen und das Tier im Menschen erkennbar wird. Dieser Moment kommt erstaunlich spät, erst im letzten Drittel des Textes geht England unter, alle Seiten davor dienen dazu, das Innenleben der Protagonisten zu beschreiben. Für den eigentlichen Höhepunkt,  der vollständigen Implosion aller moralischen und ethischen Grenzen, bleibt am Ende nur noch wenig Raum.

“Zu diesem Zeitpunkt überstieg die Rechnung für die Hochzeit, die sie in Tunesischen Dinar zu bezahlen hatten, gerade den Wert ihres Londoner Reihenhauses in Pfund Sterling, das noch zu achtzig Prozent der Bank gehörte, einer Bank, deren Anwälte gerade Insolvenz anmeldeten und eine E-Mail an die Mitarbeiter aufsetzten, in der sie ihen vorschlugen, doch heute zur Arbeit einen Pappkarton mitzubringen.”

Es ist der Moment, in dem die Novelle Fahrt aufnimmt, der mich an diesem Text am meisten begeistern konnte. England geht unter und die Hochzeitsgesellschaft gleich mit. Die, die vorher noch verbunden waren, denken nun nur noch an sich selbst. Kreditkarten werden gesperrt, Rechnungen  können nicht bezahlt und Rückflüge nicht gebucht werden – die “Barbarei” bricht in sekundenschnelle aus. Das Erschreckende von Jonas Lüschers Novelle ist weniger der Zustand der Barbarei, als die Tatsache, wie dünn und leicht einreißbar die Membran ist, die zwischen der gesellschaftlichen Norm und der völligen Kulturlosigkeit liegt. Ein Ereignis reicht, um alles, was bis dahin aufrecht erhalten wurde, zu erschüttern. Dies ist einer der zentralen Themen, die sich wie ein roter Faden durch die Novelle von Jonas Lüscher ziehen.

Jonas Lüscher gelingt mit “Frühling der Barbaren” eine lesenswerte und interessante Darstellung unserer Zivilisation und zeigt dabei nachdrücklich auf, an welch dünnen Fäden diese hängt. Das hochmodern gewählte Thema bildet einen Kontrast zu der häufig altertümlichen Sprache, die jedoch wie ein bewusster Schachzug wirkt, denn es geht weniger um die Finanzkrise der heutigen Zeit, als um uns Menschen und um die Frage, wie wir uns als Menschen in bestimmten Situationen verhalten. “Frühling der Barbaren” ist eine schmale aber um so inhaltsschwere Lektüre, die sich lohnt zu lesen.

13 Comments

  • Reply
    Karo
    August 2, 2013 at 1:09 pm

    Dieses barbarische Hochzeitsdebakel klingt gemein gut. Ich habe jetzt aber erst gedacht, es würde primär um diesen unfreiwilligen Fabrikchef Preising gehen, der dann ja mehr in die zurückhaltende Beobachterrolle fällt, wenn ich es richtig verstehe. Klingt, als ob Lüschers originelle Idee auch für nen ganzen Roman gereicht hätte 😉

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 5, 2013 at 11:00 am

      Liebe Karo,

      dein Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe, enthält einen guten Einwand, der auch für mich zu den kleineren Kritikpunkten am Text gehört hat: Jonas Lüscher hätte aus der Novelle ruhig einen Roman machen können, der Stoff hat gereicht und durch die gestrafte Form wird hinten dann doch einiges etwas arg gestrafft, was mehr Raum verdient hätte.

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Karo
        August 5, 2013 at 11:27 am

        Siehst du, ich hab’s doch geahnt 😉

  • Reply
    dasgrauesofa
    August 2, 2013 at 4:01 pm

    Liebe Mara,
    Deine Besprechung der Novelle liest sich wie eine exemplarische literarische Umsetzung zu John Lanchesters “Warum jeder jedem etwas schuldet”, den bösen Folgen eines Staatsbankrotts und wie dies auf die betroffenen Menschen wirkt. HIer trifft es zwar offensichtlich nicht gerade “Ottonormalverdiener”, die am Pool herumspazieren, aber, so wie Du erzählst, ist ihr Reichtum ja auch noch nicht so ganz gefestigt, sondern scheint mehr auf Pump zu sein. Sehr spannend, sehr aktuell, sehr interessant Das Buch wandert sofort auf meine “Will ich unbedingt lesen”-Liste!
    Viele Grüße, Claudia

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 5, 2013 at 11:04 am

      Liebe Claudia,

      ach wie schön, dass dich meine Besprechung so neugierig machen konnte und was für ein interessanter Zufall, dass es scheinbar einige Parallelen zu deiner Lektüre (die auch bei mir auf die Wunschliste gewandert ist) gegeben hat.
      Die englische Hochzeitsgesellschaft besteht sicherlich nicht unbedingt aus Ottonormalverdienern, dafür aber aus Aufsteigern, die durch zweifelhafte Geschäfte an Geld gekommen sind und es ist auch ausschließlich das Geld, dass sie in dieser höheren Schicht hält – denn so bald es weggebrochen ist, weiß keiner dieser Menschen mehr, wie man sich eigentlich behnehmen und verhalten sollte.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    literaturen
    August 4, 2013 at 12:17 pm

    Eines der besten Bücher, das ich dieses Jahr gelesen habe. Wirklich wahr. 😉
    Schön, dass es dich offensichtlich auch überzeugen konnte.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 5, 2013 at 10:58 am

      Wirklich wahr? 😉 Freut mich, mir hat es ja auch sehr gut gefallen, auch wenn ich nicht behaupten würde, dass es eines der besten Bücher des bisherigen Lesejahres gewesen ist … da kommen doch noch ein paar andere Titel davor. Aber es war ein ausgesprochen lesenswertes Buch!

  • Reply
    wildganss
    August 5, 2013 at 8:14 am

    Wie “anders” hier die Lesestoffe besprochen werden….aber GUT!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 5, 2013 at 10:53 am

      “Anders” aber “gut” klingt gut … ich freue mich, dass dir meine Besprechung scheinbar gefallen hat und ich hoffe, dass ich dich habe neugierig machen können. 😀

  • Reply
    Deutscher Buchpreis 2013 – Longlist | buzzaldrins Bücher
    August 14, 2013 at 9:27 am

    […] Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren (C. H. Beck, Januar 2013)  […]

  • Reply
    5 lesen 20 Romane der Longlist – Deutscher Buchpreis 2013 » Atalantes Historien
    August 26, 2013 at 4:11 pm

    […] Jonas Lüscher: Früh­ling der Bar­ba­ren (C. H. Beck, Januar 2013) (Rezen­sion bei Buz­zal­d­rins, das graue […]

  • Reply
    ODudek
    September 24, 2013 at 8:24 am

    Jetzt habe auch ich endlich diesen schmalen Band gelesen, der mich doch mit seinen vielen Bildern (wie zum Beispiel mit der eindrucksvollen Schilderung der Begleitumstände des Unfalls zwischen Touristenbus und Kamelherde) sehr begeistert hat. Im Gegensatz zu den Meinungen anderer Leser empfinde ich die Kürze des Werks gerade als großen Vorteil und auch dramaturgisch sinnvoll, um ein Schlaglicht auf die Situation zu werfen, die urplötzlich zivilisierte Lebewesen (in diesem Fall sind allerdings an der Zivilisiertheit der Banker, die ihr hochrisikoreiches Tun als Spiel begreifen, bereits Zweifel angebracht) in barbarische verwandelt. Eine weitergehende Verfolgung der Hauptpersonen würde der „Herr der Fliegen“-Thematik nichts Neues hinzufügen. Ein rundum gelungenes Stück Literatur.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      September 26, 2013 at 10:14 am

      Lieber Oliver,

      ich freue mich darüber, dass auch dich der Roman begeistern konnte. Ein bisschen trauere ich immer noch der Tatsache nach, dass Jonas Lüscher es mit diesem spannenden Stück Literatur nicht auf die Shortlist schaffen konnte – ich hätte ihn dort gerne gesehen, vielleicht statt Monika Zeiner, deren Roman mich nicht ganz so überzeugen konnte, wie Lüschers Novelle. Die Kürze des Romans hat sicherlich auch ihre Vorteile, mir ging es beim Lesen jedoch so, dass ich ständig auf den Höhepunkt wartete und als er endlich eintrat, war das Buch schon fast wieder zu Ende – aber wer weiß, vielleicht entfaltet der Höhepunkt erst dadurch seine enorme Kraft.

      Liebe Grüße
      Mara

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