Die Halbruhigen – Simone Regina Adams

Simone Regina Adams wurde 1967 geboren und hat fünfzehn Jahre lang als Psychotherapeutin gearbeitet, bevor sie sich entschieden hat, hauptberuflich als Autorin tätig zu sein und ein literaturwissenschaftliches Studium aufzunehmen. Ihr Roman “Die Halbruhigen”, der in diesem Frühjahr im Aufbau Verlag erschien, wurde bereits 2011 mit dem Werner-Bräunig-Preis ausgezeichnet.

Christian Neumann, der als Chefarzt einer psychiatrischen Klinik arbeitet, steht im Mittelpunkt von Simone Regina Adams Roman, dessen Handlung am Ende der siebziger Jahre angesiedelt ist. Gemeinsam mit seiner Frau Ada und seinen drei Kindern lebt er auf dem Gelände der Klinik – zwar entfernt von den Insassen, doch nah genug, um Ausschnitte ihres Alltags mitzuerleben. Neumann hat nicht nur mit der Unzufriedenheit seiner Frau zu kämpfen, die wegziehen möchte, da sie die Klinik nicht als den richtigen Ort empfindet, um ihre Kinder aufwachsen zu sehen, sondern auch mit den Strukturen in der Klinik. Seine Patienten, für die er immer weniger Zeit hat, werden als billige Arbeitskräfte missbraucht.

“Seit Jahren setzte Christian sich für Aufklärung und Verhütungsmittel ein. Für eine Verhütung, die nicht mehr darin bestehen konnte, nicht mehr darin bestehen durfte, dass man versuchte, die Treffen der Patienten zu verhindern.”

Die therapeutische Begleitung ist mangelhaft, die Klinik völlig überfüllt – immer wieder erlebt sich Christian Neumann in der Rolle des hilflosen Helfers, der nicht nur nicht helfen kann, sondern auch noch gegen den Widerstand seiner Kollegen ankämpfen muss. Sein Wunsch nach Veränderung und seine Ideen zur Reformierung der Klinik, werden nicht nur von niemandem geteilt, sondern im Keim erstickt und abgeschmettert.

“Die Klink war ihm immer schon wie eine alte Dame vorgekommen, respektabel, beinahe erfurchtgebietend, mit ihrer Fassade aus rostrotem Sandstein und dem Rondell davor, stets frisch bepflanzt mit gelben und violetten Stiefmütterchen, einer Brosche vor dem gepflegten Dekolleté.”

Doch nicht nur Christian Neumann ist unglücklich und unzufrieden, auch seine Frau Ada leidet. Beide leiden unter ihrer Lebenssituation: Christian kapituliert vor der hohen Arbeitsbelastung und Ada fühlt sich alleine gelassen von ihrem Mann. Beide haben sich in Strukturen und Abhängigkeiten begeben, die sie weder auflösen können, noch können sie darüber kommunizieren. Hilflos schweigend stehen sie sich immer wieder gegenüber. So lange, bis beide eine Entscheidung treffen, die dazu führt, dass ihnen beinahe ihr ganzes Leben entgleitet …

Simone Regina Adams erzählt ihren Roman zunächst aus der Perspektive der Tochter Edith, die dreißig Jahre später auf das Gelände der Klinik zurückkehrt und in die damalige Vergangenheit abtaucht. Später wechselt die Erzählperspektive hin zu einem auktorialen Erzähler, der das Leben der Familie Neumann schildert.

“Papa. Der immer da war und doch unerreichbar, immer anwesend und dabei abwesend.”

Zurückzukehren fällt Edith schwer, so schwer, dass sie den Anblick der Klinik kaum aushalten kann. Die Klinik war ein Großteil ihrer Kindheit ihr Zuhause, es war normal für sie, durch die Flure des Hauptgebäudes zu gehen, zum Hinterausgang und über das Klinikgelände nach Hause. Doch das, was sie damals aus den Augen eines jungen Mädchens wahrgenommen hat, hat bei ihren Eltern zu kaum auszuhaltender Unzufriedenheit geführt. Die Nähe zu den Patienten, die Nähe zu den Medikamenten, die Nähe zu Menschen, die psychisch aus dem Gleichgewicht geraten sind … wie gefährlich ist diese Nähe gewesen?

Mit viel Ruhe und Souveränität erzählt die Autorin die Geschichte der Familie Neumann und davon abstrahierend erfährt der Leser darüber hinaus einiges über die Zustände der psychiatrischen Versorgung in den siebziger Jahren.  Christian und Ada entfremden sich voneinander, diese Entfremdung wird in kurzen, aber glasklaren Sätzen dargestellt. Für Christian ist Ada das Problem, er leidet unter ihren Vorwürfen und ihren Tränen und glaubt, dass seine Frau überfordert ist. Er glaubt, dass die Entfremdung zwischen ihnen so tief sitzt, dass auch äußere Veränderungen wie ein Umzug, nichts verbessern würden. Ada fühlt sich von ihrem Mann im Stich gelassen und auch von Edith, ihrer Tochter, die ein Alter erreicht hat, in dem sie sich immer stärker von ihrer Mutter abwendet. Simone Regina Adams gelingt es mit sehr viel Feingefühl und Liebe zum Detail das Innenleben einer Familie zu schildern, die sich fremd geworden ist. Statt Wut und lautstarken Auseinandersetzungen herrscht Müdigkeit und Schweigen , ein bodenloses und erdrückendes Schweigen, das alles Glück der Welt im Keim erstickt.  Es ist vor allem dieses Schweigen, das die Familie ergriffen hat und alles beherrscht, das die Lektüre so beklemmend macht.

Simone Regina Adams ist ein lesenswerter Roman gelungen, der durch eine klare und nüchterne Sprache besticht. Trotz dieser Nüchternheit gelingt es der Autorin auf beeindruckende Art und Weise und mit viel Einfühlungsvermögen das Innenleben einer von einander entfremdeten Familie zu schildern. “Die Halbruhigen” ist ein Roman, der ohne jegliche Schnörkel  auskommt, sondern stattdessen in einer unheimlichen Dichte erzählt wird. Eine Empfehlung, auf die ich besonders nachdrücklich hinweisen möchte, da dieser wunderbare Roman neben all den laut schreienden Neuerscheinungen droht unterzugehen.

4 Comments

  • Reply
    buechermaniac
    August 13, 2013 at 2:21 pm

    Liebe Mara

    Deine einleitenden Sätze haben mich gleich an meinen Besuch in der psychiatrischen Klinik Münsingen erinnert, in die der Autor Friedrich Glauser etliche Male eingeliefert wurde. In früheren Jahrzehnten war es ja Gang und Gäbe, dass der Direktor und somit auch seine Familie in der Klinik wohnte. So war es dann wohl nichts Ungewöhnliches, wenn auch diese mit den Patienten, je nach Schweregrad ihrer Krankheit, in Berührung kamen.

    Ich danke dir für diese feine Besprechung.

    LG buechermaniac

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 15, 2013 at 12:30 pm

      Liebe buechermaniac,

      gern geschehen, ich freue mich, dass du meine Besprechung gerne gelesen hast! 🙂

      Für mich waren die Beschreibungen des Klinikalltags erstaunlich, da gerade auch die drei Kinder sehr eng mit den Patienten in Berührung kommen. Ich bezweifel, dass heutzutage solche Konzepte immer noch Gang und Gäbe sind – da reist der Klinikchef doch eher mit dem Auto Richtung Klinik, als dass er mit seiner Familie auf dem Gelände lebt. Ich fand “Die Halbruhigen” einen ungewöhnlich ruhigen aber gleichzeitig auch sehr gelungenen Roman, den ich gerne gelesen habe – ich kann ihn dir nur empfehlen.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    wildganss
    August 17, 2013 at 7:05 am

    Diese Buchbeschreibung bewirkt nun, dass ich den Roman unbedingt lesen will! Danke.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 17, 2013 at 1:17 pm

      Ich freue mich sehr und bin nun bereits ganz gespannt, wie es dir gefallen wird! 😀

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