Kondor und Kühe – Christopher Isherwood

zgbdc5-69l8ua6xc95jcm05b22-original-2-1904 wurde Christopher Isherwood als Sohn eines Offiziers geboren. Sein Studium der Geschichte und Medizin hat er ohne einen Abschluss zu erwerben abgebrochen. Nach einem Aufenthalt in Berlin, zog es Isherwood an der Seite seines Freunde W. H. Auden nach Amerika. Dort arbeitete er als Drehbuchautor und hatte eine Gastprofessur inne. In Deutschland bekannt wurde Isherwood vor allem durch die Veröffentlichung seines Romans “Der Einzelgänger”, der von Tom Ford verfilmt wurde. Mit “Kondor und Kühe” liegt nun dank des Liebeskind Verlags erstmals das südamerikanische Reisetagebuch des Autors in deutscher Übersetzung vor.

Am 20. September 1947 bricht Christopher Isherwood gemeinsam mit dem Fotografen William Caskey zu einer Reise quer durch Südamerika auf. Gemeinsam schiffen sie in New York ein, um Seite an Seite den südamerikanischen Kontinent zu bereisen. William Caskey, der von Christopher Isherwood nur Bill genannt wird, ist sechsundzwanzig Jahre alt und arbeitet als Fotograf. Es sind vor allem auch seine Fotos, die den Berichten des Autors Authentizität verleihen. Beide Männer bereisen einen Kontinent, dessen Sprache sie nicht sprechen und doch zieht es sie in das ferne Südamerika.

“Seine Berge erhoben sich jäh und erhaben aus dem flachen Meer, von gewaltigen, schrägen Lichtbündeln der aufgehenden Sonne in ein wuchtiges Relief geworfen. Die Schluchten lagen tief in roten Schatten, die Kämme waren von blendendem Gold umrandet. Die Stadt La Guaria breitete sich über die Hänge und entlang der Küste aus. Es war sehr still.”

Der Weg von Isherwood und Caskey führt über die Karibik nach Venezuela, von Kolumbien nach Ecuador, von Bolivien nach Argentinien. Obwohl beide Fremde sind, möchten sie nicht als Touristen durch diese Länder reisen, sondern einen persönlichen Kontakt zu den Einheimischen und den Orten, an denen sie sich aufhalten, aufbauen.

“Ein Geruch, der dem Bewusstsein unmittelbarer und kraftvoller als irgendein Wort oder Bild die selbstverständliche und atemberaubende Tatsache vermittelte, dass Südamerika tatsächlich existiert – dass es genau hier ist, die ganze Zeit, an jedem Tag unseres Lebens …”

Christopher Isherwood ist ein herausragender Beobachter, der sowohl die Landschaft, als auch die Kultur und die Lebensumstände aufsaugt und versucht in Worten zu beschreiben. Beide besuchen ein traditionelles Pferderennen, erleben die Schlachtung einer Kuh auf dem Schiffsdeck mit, sehen Kondore, die über Kühen kreisen und begeben sich hinein in die Natur, in “hohe nasse Wälder und Felder großer triefender Farne”. Sie scheuen sich auch nicht davor, dahin zu fahren, wo kein Tourist hin möchte: in die Vororte, die häufig deprimierend und trostlos erscheinen oder im schlimmsten Fall von Armut und Gewalt geprägt sind.

Collage Isherwood

Das, was dieses Reisetagebuch für mich so besonders lesenswert und faszinierend macht, ist vor allem die Art und Weise, in der die beiden Männer reisen. Ihre Reise liegt beinahe siebzig Jahre zurück und Strecken, die heutzutage leicht und schnell absolviert werden können, legen sie mit Muße und Genuss zurück. Diese Art der Reise führt dazu, dass jeder Geruch, jeder Geschmack und jeder Anblick festgehalten wird. Die Länder werden nicht nur bereist, sondern mit Augen, Ohren und Nase in sich aufgenommen.

Besonders sympathisch sind auch die Eindrücke vom Schiff, mit dem die beiden Männer reisen. Die anderen Passagiere scheinen sich von Passagieren, wie ich sie mir auf heutigen Kreuzfahrtschiffen vorstelle, kaum zu unterscheiden. Christopher Isherwood berichtet von amüsanten, skurrilen und unterhaltsamen Begegnungen, die ab und an aber auch in einer Schlägerei in der Schiffsbar enden können. Überhaupt hält sich der Autor mit Urteilen nicht zurück und beschreibt immer wieder mit spitzer Zunge Begebenheiten und Erlebnisse.

“In der heutigen Ausgabe von El Tiempo steht ein langer Bericht von Salazar über unser Gespräch mit Rochester. Dort heißt es, dass Caskey ‘während der gesamten Diskussion mit unverwüstlicher Geduld zuhörte’ – was taktvoll ausgedrückt ist. Eigentlich saß er da und sah aus wie eine ausgestöpselte Lampe.”

Mit “Kondor und Kühe” von Christopher Isherwood liegt nun auch endlich für den deutschsprachigen Raum ein unheimlich lesenswertes Reisetagebuch vor, das darum bemüht ist, einen riesigen und faszinierenden Kontinent zu beschreiben. Die Beobachtungen von Isherwood zeichnen sich vor allem durch eine ungeheure Dichte aus, die beim Lesen das Gefühl vermittelt, auf dem Deck eines Schiffes selbst durch Südamerika zu reisen. Erwähnenswert ist auch die liebevolle und aufwendige Gestaltung der Ausgabe, die “Kondor und Kühe” zu einem Buch macht, das griffbereit auf meinem Nachtisch liegt und das ich wohl immer mal wieder in die Hand nehmen werde, um hindurchzublättern und in eine ferne und fremde Welt zu reisen. Herzlichen Dank an den Liebeskind Verlag für die Bergung dieses literarischen Schatzes!

11 Comments

  • Reply
    dasgrauesofa
    August 19, 2013 at 10:31 am

    Liebe Mara,
    man müsste so viel Zeit und Muße zum Reisen haben, wie Isherwood es hier in seinem Reisetagebuch beschreibt. Für diejenigen, die das nicht haben, bleibt aber offensichtlich sein Buch zum Nachreisen und Nachempfinden. Immerhin ein kleiner Ersatz.
    Viele Grüße, Claudia

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 21, 2013 at 12:45 pm

      Liebe Claudia,
      oh ja, man bräuchte wirklich mehr Zeit: zum Reisen und Lesen. 😀 Ich möchte schon lange gerne mal wieder verreisen, gerne nach Skandinavien – um ehrlich zu sein, sind wir aber noch nie mit Hund verreist und etwas unsicher, was wir unserem Bandit zumuten können und wollen. Aber vielleicht klappt es ja mal mit einer Reise im nächsten Sommer, es muss ja auch nicht gleich ins Ausland gehen. 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    kaffeehaussitzer
    August 20, 2013 at 7:32 am

    Ein wirklich tolles Buch und ein schöner Beitrag. In meinem Blog Kaffeehaussitzer.de habe ich auch über “Kondor und Kühe” geschrieben und witzigerweise dasselbe Zitat über die Ankunft in Südamerika verwendet. Es ist sprachlich aber auch einfach brillant…
    Viele Grüße
    Uwe
    http://kaffeehaussitzer.de/?p=431

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 21, 2013 at 12:32 pm

      Lieber Uwe,

      herzlich Willkommen auf meinem Blog und danke für deinen Kommentar und natürlich auch für den Link zu deiner Besprechung, die ich im Vorfeld gar nicht entdeckt hatte. 🙂 Das Zitat über die Ankunft in Südamerika ist ja auch wirklich sehr beeindruckend und sehr brillant, so dass für mich schon beim Lesen feststand, genau diese Passage zu verwenden …. interessant, dass es dir genauso erging. 🙂

      Lieber Grüße
      Mara

  • Reply
    buechermaniac
    August 20, 2013 at 8:56 am

    Liebe Mara

    Ich stelle gerade einen Trend der Reiseliteratur fest. Da kommt Steinbeck mit seinen Reportagen aus Russland, John Dos Passos aus dem Orient und nun dieses Buch. Dass die Reisegeschwindigkeit gemächlich war, liegt auf der Hand, denn vor siebzig Jahren ging noch nichts mit Überschall.

    Danke für diese schöne Besprechung. Reisen ist und bleibt faszinierend.

    LG buechermaniac

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 21, 2013 at 12:20 pm

      Liebe buechermaniac,

      ja, einen Trend in der Reiseliteratur kann man in der Tat feststellen – da hinein passt auch wunderbar “Kondor und Kühe”, ein Reisetagebuch, dem ich möglichst viele Leser wünsche. Auch wenn man nicht plant, nach Südamerika zu reisen, nimmt man aus der Art und Weise wie Christopher Isherwood in die fremde Kultur reist und diese wahrnimmt, doch einiges mit. Denken musste ich bei der Lektüre auch an “Slow Travel”, das zumindest vom Titel auch gut zu diesem neuen Trend passt.

      Bei mir ist auf jeden Fall die Reiselust geweckt, denn ich bin schon lange nicht mehr gereist und würde gerne mal wieder … 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Die Farbe der Nacht – Madison Smartt Bell | buzzaldrins Bücher
    October 28, 2013 at 12:39 pm

    […] Bücher zu verlegen – bereits meine letzte Lektüre aus diesem Verlag, das Reisetagebuch von Christopher Isherwood, hat mich intensiv gefangen genommen und nachhaltig beschäftigt. “Die Farbe der […]

  • Reply
    Alexandra Hübner
    April 27, 2014 at 9:46 am

    Liebe Mara,
    bin auf verworrenen Wegen zu dir gestoßen und auf diesen Titel, der mich sehr neugierig macht. Ich habe 2011/2012 acht Monate mit meinem Mann Ecuador und Peru mit dem Fahrrad bereist, was wahrscheinlich ähnlich langsam ist wie das Reisen damals. Diese Reise ist das beste, was ich bisher in meinem Leben erlebt habe und Südamerika abseits des “Gringotrails” hat mich definitiv in seinen Bann gezogen. Wir sind z.B. die ersten gewesen die es nach der Regenzeit über zerstörte Straßen in abgelegene Bergdörfer geschafft haben. Ich muss das Buch also unbedingt lesen! Danke für diese Anregung!
    Alexandra

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 28, 2014 at 11:52 am

      Liebe Alexandra,

      erst einmal freue ich mich darüber, dass du auf verworrenen Wegen zu mir geführt wurdest – wie schön. 🙂 Dein Reisebericht klingt unheimlich spannend, mir würde wohl – um ehrlich zu sein – der Mut für eine solche Unternehmung fehlen.
      Wenn du dieses Buch lesen solltest, würde ich mich über eine Rückmeldung sehr freuen! 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

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    Liebeserklärung an Liebeskind – SchöneSeiten
    July 3, 2017 at 10:03 pm

    […] crimenoir Chloe Hooper: Die Verlobung • Zeilenkino Christopher Isherwood: Kondor und Kühe • Buzzaldrins Bücher Frank Jacobs: Seltsame Karten. Ein Atlas kartographischer Kuriositäten • Jargs Blog Adam […]

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    Eine Liebeserklärung – We read Indie
    August 2, 2017 at 6:07 am

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