Tonio. Ein Requiemroman – A. F. Th. van der Heijden

A. F. Th. van der Heijden – oder auch ausgeschrieben: Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden – wurde am 15. Oktober 1951 geboren und lebt als Schriftsteller in Amsterdam. Bekannt wurde er mit seinem mehrbändigen Werk “Die zahnlose Zeit”, das vielfach ausgezeichnet wurde. Im Moment arbeitet er an einem weiteren Romanzyklus, dessen zweiter Band “Das Scherbengericht” 2010 im Suhrkamp Verlag erschienen ist.

“Wenn ich mein Kind verlöre, könnte ich dann weiterleben, oder würde ich den Schmerz verkürzen, indem ich mich möglichst schnell umbrachte?”

Es ist der Pfingstsonntag des Jahres 2010, im Rückblick bezeichnet A. F. Th. van der Heijden diesen Tag als Schwarzen Pfingstsonntag. An diesem 23. Mai verlieren er und seine Frau Mirjam Rotenstreich ihr einziges Kind. Ihr gemeinsamer Sohn Tonio stirbt in den Morgenstunden, er wird auf seinem Fahrrad von einem Auto erfasst. Der gerade einmal 21 Jahre alte Student wird ins Krankenhaus gebracht und notoperiert, doch noch am selben Tag müssen die behandelnden Ärzte vor den verheerenden Verletzungen kapitulieren. Den erschütterten Eltern, die seit dem frühen Morgen im Krankenhaus ausharrten, kann nur noch der Tod mitgeteilt werden.

“Als Mirjam und ich ihn das letzte Mal sahen, ragten zwei Drainageröhrchen aus seiner Stirn, ein kurzes und ein etwas längeres, wie Hörner.”

A. F. Th. van der Heijden schreibt den Requiemroman für seinen Sohn in den Monaten nach dessen Tod, in den dunkelsten Momenten der Trauer und Verzweiflung, die er gemeinsam mit seiner Frau erlebt. Er berichtet von dem Morgen am 23. Mai 2010 – es ist die schrillende Türglocke, die das Leben von ihm und seiner Frau für immer verändern sollte: zwei Polizisten überbringen die Nachricht, dass Tonio in kritischem Zustand in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Wenige Stunden später ist der geliebte Sohn tot. Die Eltern dürfen sich noch verabschieden, danach stellen die Krankenschwestern die Geräte ab.

“Entsetzen. Es gab kein anderes Wort dafür. […] Mein Entsetzen war ein stilles, kaltes Entsetzen. Blut, Tränen, sonstige Körperflüssigkeit – alles schien, der Oberfläche entzogen, in mein erkaltetes Inneres gelenk zu werden, um dort zu gefrieren.”

A. F. Th. van der Heijden schreibt aber auch über die Vergangenheit, die sich immer wieder in die Gegenwart hinein Bahn bricht: er schreibt über Tonios Kindheit, über die Klippen, die er in seiner Ehe mit seiner Frau überwinden musste und er schreibt über die letzten Tage und Wochen, in denen er Tonio erlebt hat. Herauszufinden, wie er seine letzten Stunden verbracht hat wird für den Vater zu einer Obsession: er lädt Freunde von Tonio ein, befragt Ärzte und Polizisten – nach einigen Wochen des Verdrängens möchte der Vater nun plötzlich alles wissen. Das Unfassbare greifbar machen, in dem man es zu verstehen lern;, bis in das kleinste Detail hinein. Es ist der Drang des Verstehenwollens, der dem Autor zwar keine Heilung ermöglicht (doch inwieweit ist es überhaupt möglich von dem Verlust des eigenen Kindes geheilt zu werden?), der ihm aber Halt gibt und einen Weg aus der Trauer heraus aufzeigt.

Als Tonio starb, war er gerade einmal 21 Jahre alt und hatte eine schwierige Phase hinter sich. Nach einem abgebrochenen Studium, befand er sich gerade auf der Suche nach einem neuen Weg, kurz vor seinem Unfall hatte er endlich das Gefühl, diesen gefunden zu haben. Es ist ein Zufall, der ihn und seine Eltern eine Woche vor seinem Tod gemeinsam zu Abend essen lassen – doch an diesem Abend bekommen die Eltern endlich den Eindruck, ihr Sohn sei glücklich und auf einem guten Weg, zufrieden mit seinem neu aufgenommenen Studium. Er wird um halb fünf am frühen Morgen auf seinem Fahrrad angefahren, als er auf dem Rückweg aus einer Diskothek ist. Er ist ohne Licht unterwegs und er ist angetrunken. Der Autofahrer ist zu schnell, aber Tonio hätte nie dort sein dürfen, wo sein Fahrrad auf das Auto trifft.

“Mein Leben ist vorbei und dient nur noch als Hülle für sein amputiertes Dasein.”

Besonders eindrücklich gelingt es dem Autor, die Atmosphäre der Morgenstunden des Tages zu beschreiben, an dem Tonio sterben sollte. A. F. Th. van der Heijden liegt noch im Bett, es ist ein frühsommerlicher Tag, er empfindet Zufriedenheit und Wohlbehagen und freut sich darauf, mit seiner Frau zu frühstücken. Die Nachricht der Polizisten, dass ihr Sohn Tonio sich in kritischem Zustand befindet, bricht über die Eltern ohne Vorankündigung und Warnung hinein und zieht ihnen den Boden unter den Füßen weg. Die Minuten und Stunden nach dem sie von Tonios Unfall erfahren, verbringen beide in einem Zustand des Schocks, in “etwas Wirbelndem”, das einem “schwarzen Loch” gleicht. Beide bekommen Medikamente, um den Schmerz ertragen zu können – beide sind zu erschöpft und zu betäubt, um sich einander Trost seien zu können. Der Tag nach Tonios Unfall war eigentlich als Tag Null gedacht, als der Tag, an dem A. F. Th. van der Heijden  mit seinem neuen Romanprojekt beginnen wollte – 100 Tage hatte er sich Zeit genommen, um daran zu arbeiten. Doch an Schreiben ist nach Tonios Tod nicht mehr zu denken, so lange, bis A. F. Th. van der Heijden damit beginnt, über Tonio zu schreiben.

“Wir können uns zwar weiterhin einreden, wir könnten sein Leben bis zum 23. Mai 2010 in der Erinnerung behüten, aber es ist nicht mehr das Leben, das wir aus der Nähe gekannt haben. […] Keine Erinnerung ist mehr ungetrübt und unbefangen. Das Gedächtnis erstickt im Schatten von Tonios frühem Ende, und die darin gespeicherten Bilder werden in Form und Helligkeit beeinträchtigt.”

“Tonio” ist ein berührender und schwer auszuhaltender Requiemroman, der geprägt wird von den Erinnerungen an den Sohn, aber auch von den widerstreitenden Gefühlen, die der Vater nach dessen Tod empfindet. “Die Welt ist aus dem Lot” – und der Autor kämpft nach diesem unwiderruflichen Verlust mit ganz unterschiedlichen Emotionen, die ihn zu überschwemmen scheinen: da ist die Wut, auf sich selbst, aber auch auf den Autofahrer und auf Tonio. Da ist Fassungslosigkeit über das, was geschehen ist. Da ist das Gefühl, einen Verrat begangen zu haben, weil man als Vater nicht bei seinem Sohn gewesen ist. Da ist Scham über den Verlust des Sohnes, aber auch darüber, den Verlust nicht verhindert zu haben.

Zu Beginn des Jahres habe ich David Grossmans Roman “Aus der Zeit fallen” gelesen, in dem er den Verlust seines Sohnes in einer fiktiven Erzählung aufarbeitet. Grossman benötigt nur ganz wenige Seiten, um die Fassungslosigkeit von Eltern in Worte zu kleiden, die ihr eigenes Kind verlieren. A. F. Th. van der Heijden braucht sehr viel mehr Worte, knappe 700 Seiten umfasst der Roman – 700 Seiten auf denen der Autor den Verlust seines Sohnes in immer engeren Zirkeln umkreist. “Tonio” ist ein Wagnis, ein literarisches Experiment – 700 Seiten über den Verlust eines Kindes, kann das gelingen? Ja, in diesem Fall gelingt es. “Tonio” liest sich wie ein Bericht von innen heraus, denn er wurde geschrieben in einer Situation der Trauer und der Fassungslosigkeit, er entstand aus Momenten des Entsetzens und des Nichtbegreifenwollens. Schreiben ist für den Autor ein Kampf, ein Kampf mit der Erinnerung und ein Kampf mit sich selbst. Er kämpft darum, schreiben zu können, denn er ist nicht in der Lage zu weinen – wohin dann mit seinen Gefühlen?

“Tonio” ist ein Produkt des Trauerprozesses, den A. F. Th. van der Heijden nach dem Verlust seines Sohnes durchschreiten musste. Dadurch ist dieses Buch zuvorderst natürlich ein ganz persönliches Zeugnis, doch dem Autor gelingt es, seine Gefühle in eine so berührende Sprache zu kleiden, dass auch der unbeteiligte Leser angesprochen wird. A. F. Th. van der Heijden führt einem durch seine schonungslose Auseinandersetzung mit dem Tod seines Sohnes vor Augen, wie vergänglich das Leben ist und wie schnell es vorbei sein kann. Zurück bleiben die trauernden Eltern und ein Leben, das viel zu früh zerstört worden ist.

12 Comments

  • Reply
    keeweekat
    August 22, 2013 at 8:18 pm

    Oh Gott, wie schrecklich. Ich glaube, ich hätte nicht den Mut, dieses Buch zu lesen. 🙁

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 25, 2013 at 1:02 pm

      Es braucht schon Mut und auch Durchhaltewillen, um das Buch zu lesen. Auch wenn ich keine Kinder habe, haben die Beschreibungen des Autors unheimlich berührt und mitgenommen. Ein lesenswertes und wichtiges Buch, ich glaube aber nicht, dass viele es zur Hand nehmen werden – es fordert schon sehr viel, um es zu lesen.

  • Reply
    brunnenwaechterin
    August 23, 2013 at 8:23 am

    Das hört sich nicht gerade nach leichter Lektüre an. Für solche Bücher muss ich immer den richtigen Moment finden. Gerade hatte ich Köhlmeiers Novelle “Idylle mit ertrinkendem Hund” gelesen, auch dort verarbeitet der Autor den Tod seiner 21jährigen Tochter. Daher lege ich das Thema erst mal auf Halde, aber Tonio bekommt sich noch mal seinen Platz in meiner Leseliste.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 25, 2013 at 1:06 pm

      Nein, die Lektüre ist in der Tat nicht leicht und dennoch habe ich die Auseinandersetzung des Autors mit seinen Erinnerungen und widerstreitenden Gefühlen als sehr lesenswert empfunden. “Idylle mit ertrinkendem Hund” steht auch noch auf meiner Wunschliste, erst vor kurzem habe ich erfahren, dass auch Michael Köhlmeier ein Kind verloren hat. Im Buch werden auch weitere Schriftsteller genannt, die sich mit einem solchen Verlust auseinandergesetzt haben. Ich finde den Umgang mit einem solchen Erlebnis unheimlich spannend und lesenswert – “Tonio” hat mich an den berührenden Text von Joan Didion über den Verlust ihres Mannes erinnert.

  • Reply
    schifferw
    August 23, 2013 at 10:25 am

    Reblogged this on Wortspiele: Ein literarischer Blog and commented:
    Ich freue mich, dass ich durch den Ende Juli eingestellten Beitrag zu A. F. Th. van der Heijdens noch nicht übersetzen Roman “De helleveeg” wohl zu dieser einfühlsamen Rezension anregen konnte und gebe sie mehr als gerne an meine “Blog”-Kreise weiter…

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 25, 2013 at 1:07 pm

      Genau, du hast dazu beigetragen, dass ich das Buch gekauft und gelesen habe – ich danke dir noch einmal für diesen ganz besonderen und sehr berührenden Tipp. Das Buch hat mich lange Zeit gefangengenommen und mich sehr lange und intensiv beschäftigt … 🙂

  • Reply
    Brigitte
    August 23, 2013 at 5:26 pm

    Schwer auszuhalten, ja, da hast Du völlig recht. Man – ich – möchte gar nicht lesen, aber die Worte umklammern Geist und Seele und lassen nicht los.
    Ich habe mich nicht getraut, zu diesem Buch auch nur das Geringste zu sagen. Vielleicht auch, weil man – ich – zu viel von sich selbst sagen muss.
    Danke, dass Du es gewagt hast. Und wie immer: eindrücklich.

    Gespannt bin ich, was Du zu “Workuta” sagen wirst. Für mich eines der besten Bücher über Lager, egal, ob auf sowjetischer oder nationalsozialistischer Seite und egal, ob es nun vollständig ist oder nicht. Es scheint mir ein “Bruder” von Chil Rajchmans “Ich bin der letzte Jude” zu sein.

    Liebe Grüße
    Brigitte

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 25, 2013 at 1:11 pm

      Liebe Brigitte,

      ich habe keine Kinder, kann die Erfahrung von A. F. Th. van der Heidjeden deshalb sicherlich nur in gewissen Grenzen nachvollziehen und dennoch hat mich das Buch unheimlich berührt. Auch wenn ich kein Kind habe, habe ich geliebte Menschen um mich herum und meinen geliebten Hund, die ich alle nicht verlieren mag. Die Erinnerungen des Autors haben mich erschüttert und beschwert und dennoch konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Schwer auszuhalten, aber weglegen konnte ich es auch nicht.

      “Workuta” hat mir sehr gut gefallen – ich habe noch nicht viel Literatur über Lager gelesen, doch dieses habe ich “gerne” gelesen. Gefallen hat mir vor allem das spürbare Ringen um Sprache und Erinnerungen, ein Ringen, das ich auch bei “Tonio” gelesen habe.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Muromez
    September 3, 2013 at 9:35 am

    Schrecklich, wenn Eltern ihre Kinder verlieren – es kann kaum was Erdrückendes geben. Umso erstaunlicher, wie der Autor den Tod seines Sohnes reflektiert. Scheinbar auf einer unglaublich tiefgründigen, persönlichen und ehrlichen Weise. Hochachtung!

    Danke für die Besprechung!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      September 4, 2013 at 10:13 am

      Gern geschehen! 🙂 Es war keine leichte Lektüre und es war nicht einfach, darüber zu schreiben, aber ich glaube, dass das Buch wichtig und viele Leser verdient hat, deshalb war es mir wichtig, es auch hier zu besprechen.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    A. F. Th. van der Heijden – Tonio – Ein Requiemroman | Muromez
    January 24, 2014 at 3:03 pm

    […] Weitere Rezensionen zu »Tonio – Ein Requiemroman« sind bei Buzzaldrin, die mich auf das Buch gebracht hat, und bei Sätze&Schätze zu […]

  • Reply
    Die Sonntagsleserin #KW4 | Literaturen
    January 26, 2014 at 7:30 am

    […] rezensiert, wie vor ihm auch schon Mara von buzzaldrins und Birgit bei Sätze&Schätze, ,Tonio’ von A. F. Th. van der Heijden. Es ist ein Roman […]

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