Workuta – Horst Bienek

Horst Bienek, der 1930 geboren wurde und 1990 starb, war Schriftsteller, Künstler und Filmemacher. Nach einer Tätigkeit beim Hessischen Rundfunk und als Lektor bei dtv, lebte er ab 1968 als freier Schriftsteller in München. Für seine Veröffentlichungen erhielt er unter anderem den Wilhelm-Raabe-Preis sowie den Jean-Paul-Preis. Herausgegeben und mit einem lesenswerten Nachwort ergänzt, wurde “Workuta” von Michael Krüger, der viele Jahre lang Horst Bieneks Lektor und Verleger gewesen ist. Die Aufzeichnungen, die diesem Buch zugrunde liegen, hat Michael Krüger nach dem Tod seines Freundes in dessen Unterlagen gefunden und macht sie mit dieser Veröffentlichung zum ersten Mal einem breiteren Publikum zugänglich.

Mit gerade einmal 21 Jahren gehörte Horst Bienek bereits zu den Meisterschülern von Bertolt Brecht am Berliner Ensemble, doch 1951 war auch das Jahr, in dem der Autor vom Staatssicherheitsdienst verhaftet wurde. Verurteilt wurde er in einem Schauprozess, zu Last gelegt wurde ihm “antisowjetische Hetze” – 20 Jahre Zwangsarbeit lautete der Schuldspruch für den jungen Mann. Horst Bienek wurde nach Workuta gebracht, einem Arbeitslager, in dem er unter Tage im Kohlebergbau arbeiten musste. Das Lager in der russischen Stadt Workuta, die nördlich des Polarkreises gelegen ist – “etwa dort, wo das Eismeer mit dem Nordural zusammenstößt” –, gehörte zum sogenannten Gulag. Vier Jahre lang musste der Autor es dort unter zum Teil nur schwer vorstellbaren Bedingungen aushalten, bis er 1955 endlich frei gekommen ist.

“Ich war wie aus Blei. Ich konnte nicht sprechen. Mein Blut pulsierte nicht. Ich konnte mich kaum bewegen. Erst nach zwei Tagen flutete wieder Wärme in meinen Körper. Ich fing an zu heulen.”

Trotz der prägenden Erfahrungen, die Horst Bienek im Laufe dieser vier Jahre gemacht hat, hat er nie über Workuta geschrieben. Erst ein einschneidendes Erlebnis während einer Lesung, hat bei ihm zum ersten Mal den Wunsch ausgelöst, über diese Erinnerungen zu schreiben. Ein grauhaariger Mann meldet sich bei der Diskussion mit dem Autor zu Wort, spricht über seine eigenen Erfahrungen, für die er vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben Worte findet und endet mit einem Gesicht, das ganz nass war (“Ich weiß nicht, hatte er geweint oder war er verschwitzt.”) und mit der Frage, warum Bienek selbst nie über Workuta geschrieben hat.

“Ich bin nach Haus gefahren. Ich habe mich an den Schreibtisch gesetzt. Es waren 35 Jahre seitdem vergangen. Und seit 35 Jahren war mir das nicht mehr so nahe gewesen. […] Ich wußte, jetzt mußte ich darüber schreiben.”

Horst Bienek schreibt über die Verhöre, die er über sich ergehen lassen musste und die in seiner Beschreibung beinahe schon kafaesk anmuten. Nacht für Nacht wird er erneut befragt, immer und immer wieder; schnell verliert er den Glauben daran, an seiner Situation noch etwas ändern zu können. Die Verhandlung seines Strafmaßes dauert gerade einmal 15 Minuten. Angeklagt ist er wegen Paragraph 58,6 (Spionage), 58,10 (Antisowjethetze) und 58,11 (Bandenbildung). An heutigen Maßstäben gemessen wirken die Vorwürfe absurd und schon beinahe lächerlich.

“Vielleicht habe ich Glück und kriege nur fünf Jahre, dachte ich. Aber fünf Jahre, das wäre viel zu lange. Die Welt draußen würde sich verändern und ich nicht mehr zu ihr gehören, nach fünf Jahren.”

Die anschließende Haftstrafe ist für den Autor ein entsetzlicher Schlag, es geht von Zelle zu Zelle, bis er schließlich auf einen Transport nach Workuta geschickt wird – die Reise geht bis nach Sibirien. Die Zustände werden schlimmer, Betten voller Wanzen werden zur Normalität, Bienek ist nicht mehr nur gefangen, sondern auch zur Zwangsarbeit verurteilt – verurteilt zu einer unmenschlichen Arbeit, für die sich sonst niemand hergeben würde.

“Es war ekelhaft. Aber solche Gefühle wie Ekel hatten wir schon gar nicht mehr.”

Obwohl der Autor seine Aufzeichnungen nicht abschließen konnte, der Tod kam dem schwer an AIDS erkranktem Horst Bienek zuvor, besitzen seine Erinnerungen eine unheimliche Kraft und einen sehr berührenden Ausdruck. An seinem Bericht wird erkennbar, dass er zuvor noch keine Sprache für das, was er erlebt hat, gefunden hatte. Vieles wirkt fragmentarisch, holprig. Vieles wirkt so, als würde Horst Bienek gerade erst anfangen, Worte für Workuta zu finden und dabei noch ab und an stolpern, den Faden verlieren oder neu ansetzen müssen. Doch es ist gerade und vor allen Dingen auch diese Form, die beim Lesen so sehr beeindruckt. “Workuta” ist ein Erinnerungs- und Gedankenfragment, das auch noch unvollendet ist, doch es gibt einen unverstellten Einblick in das Erleben eines Menschen, der zu einer unverhältnismäßig harten Strafe verurteilt wurde. Zum Abschluss des Fragments äußert sich Horst Bienek auch zu der Rolle von Bertolt Brecht, seinem eigentlichen Mentor, der sich jedoch nicht für die Freilassung des Autors eingesetzt hatte.

“Workuta” ist ein persönliches und bewegendes literarisches Zeugnis. Ein Zeugnis eines unfassbaren menschlichen Einzelschicksals, aber auch ein Zeugnis davon, wie ungerecht und menschenverachtend die damalige Zeit gewesen sein muss. Horst Bienek hat ein schmales Buch geschrieben, dem man anmerkt, dass hier ein Autor erst noch seine Sprache finden muss und doch ist das Buch gleichzeitig unheimlich groß und wichtig – ich kann “Workuta” nur möglichst viele Leser wünschen.

6 Comments

  • Reply
    brunnenwaechterin
    August 25, 2013 at 5:18 pm

    Ich kann mich noch an “Die Zelle” von Bienek erinnern, das Buch habe ich vor ca. 20 Jahren gelesen. Beim Lesen deiner Eindrücke kam mir die Lektüre über die Isolationshaft wieder in den Sinn. “Die Zelle” war sehr bedrückend, aber auch sehr beeindruckend. “Workuta” scheint ähnlich zu sein. Wenn auch “Die Zelle” sprachlich schon viel ausgefeilter. war, soweit ich mich erinnere.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 27, 2013 at 3:30 pm

      Ich hatte zuvor noch nichts von Horst Bienek gelesen, auch wenn “Die Zelle”, das auch mehrmals in diesen Erinnerungen erwähnt wird, nun auf meiner Wunschliste steht. “Workuta” merkt man sprachlich einfach an, dass es ein Fragment gewesen ist … Horst Bienek ist gestorben, bevor er es veröffentlichen und beenden konnte, stellenweise merkt man diesem dem Text an und doch denke ich, dass es wichtig und richtig gewesen ist, “Workuta” in dieser Form der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

  • Reply
    kulturgeschwaetz
    August 25, 2013 at 5:43 pm

    Vielen Dank für die Besprechung, Literatur zu solchen Themen interessiert mich immer sehr – ist so gut wie gekauft.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 27, 2013 at 3:19 pm

      Das freut mich sehr und ich bin gespannt auf deine Meinung zu diesem Buch – sag bitte Bescheid, wenn du es gelesen haben solltest. 🙂

  • Reply
    dasgrauesofa
    August 26, 2013 at 8:17 am

    Liebe Mara,
    es ist, wenn auch sicherlich beim Lesen manchmal schwer erträglich, wichtig, dass es diese Zeugnisse unmenschlicher Zustände im Namen des Staates gibt. Schön, dass Du uns dieses Buch vorgestellt hast.
    Viele Grüße, Claudia

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 27, 2013 at 3:01 pm

      Liebe Claudia,

      es ist in der Tat schwer erträglich, doch gleichsam unheimlich wichtig, dass solche Zeugnisse gelesen werden. Heutzutage erscheint das, was in dem Buch beschrieben wird, schon teilweise absurd – damals waren diese Verurteilungen jedoch Realität und ich kann nur hoffen, dass sie nie wieder Realität werden … solche Bücher können vielleicht ein Stück weit dabei helfen.

      Liebe Grüße
      Mara

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