Techno der Jaguare. Neue Erzählerinnen aus Georgien – Manana Tandaschwili, Jost Gippert (Hrsg.)

Im diesjährigen literarischen Frühjahr erschien in der Frankfurter Verlagsanstalt ein ganz besonderes Buch: eine Sammlung von sieben Erzählstimmen aus Georgien. Herausgegeben wurde der Band von Manana Tandaschwili und Jost Gippert. Beide lehren und arbeiten an der Universität Frankfurt im Bereich Vergleichende Sprachwissenschaft.

“Ich lache, weil das das Einzige ist, was ich noch kann. Weil ich aus den Trümmern ein Lebenszeichen geben muss – damit die Welt mich erhört. Weil ich noch lebe. Oder gerade jetzt. Erst.”

Der Begriff “Erzählerinnen” im Titel des Bandes deutet bereits an, dass Manana Tandaschwili und Jost Gippert ihren Blick  erfrischenderweise ausschließlich auf Schriftstellerinnen und weibliche Erzählperspektiven gerichtet haben. Die hierzulande bekanntesten georgischen Autorinnen sind mit Sicherheit Tamta Melaschwili und Nino Haratischwili, die in den vergangenen Jahren mit ihren Veröffentlichungen auf sich aufmerksam gemacht haben – beide sind auch in dieser Anthologie vertreten. Nachdem mich im vergangenen Jahr “Abzählen” von Tamta Melaschwili begeistern und berühren konnte, war für mich schnell klar, dass ich an dieser Sammlung von jungen Stimmen aus Georgien nicht vorbeigehen darf.

Als ich das Buch aufschlug fiel mir auf den ersten Blick vor allem die schöne Gestaltung ins Auge – jede der sieben Geschichten wird ergänzt durch ein Foto der Autorinnen und ergänzende Angaben. Mit jeder Geschichte, die ich aufschlug, hatte ich das Gefühl, in eine jeweils eigene Welt hineinzuspringen. Auf einem kleinen Raum, “Techno der Jaguare” umfasst lediglich 250 Seiten, erhält man als Leser die Möglichkeit, sieben Autorinnen kennen zu lernen, sieben Geschichten, sieben Leben, sieben Stimmen. Eine unfassbar weite und vielschichtige Welt offenbart sich in diesem Erzählband, durch die ich mich erst einmal hindurch lesen musste. Ich bin dabei nicht chronologisch vorgegangen, die Geschichten von Tamta Melaschwili und Nino Haratischwili musste ich zu erst lesen, zu neugierig war ich darauf, noch mehr Worte von diesen beiden Autorinnen aufsaugen zu können.

Von Tamta Melaschwili findet sich in “Techno der Jaguare” die Erzählung “Killer’s Job”, die die Geschichte einer außergewöhnlichen Frau erzählt. Die Protagonistin ist eine Killerin, eine Profikillerin. Dies ist ein Betätigungsfeld, das ich zunächst einmal nicht auf Anhieb mit dem weiblichen Geschlecht in Verbindung bringen würde, doch Melaschwilis Protagonistin steht in Sachen Effizienz und Killerinstinkt ihren männlichen Kollegen in nichts nach. Tamta Melaschwili richtet in der Erzählung, die in einer knappen Sprache gehalten ist, ihren Blick auf die klassische Rollenverteilung und die immer noch herrschenden Geschlechterklischees.

“Ich bin Killer von Beruf. Ich weiß nicht, wie viele ich schon in die ewigen Jagdgründe geschickt habe; ich habe sie nie gezählt. Zählen mag ich nicht.”

Nino Haratischwili ist mit dem Theaterstück “Die zweite Frau” vertreten. Mit dem Stück, das für die drei Frauen Laura, Agnes und Lena geschrieben ist, endet der Erzählband. Laura ist an Krebs erkrankt und blickt im Augenblick des nahenden Todes auf ihr Leben zurück, Agnes ist ihre Tochter und Lena die Haushaltshilfe. Zwischen den drei Frauen entspinnen sich lesenswerte Dialoge, die so fulminant und mächtig sind, dass man beinahe rettungslos von Beginn an in dieses Stück hineingezogen wird. Ein Stück, das mich in Teilen an die großartige Sarah Kane erinnert hat und Hoffnungen weckt, noch mehr von dieser aufregenden Autorin erwarten zu dürfen. Besonders die Dialoge zwischen Laura und Agnes sind von Härte und Gewalt geprägt.

“Ich habe immer gedacht, wenn ich ein Messer in sie ramme, dann wird sie gar nicht bluten, so hart ist sie, so hart, wie aus Stahl.”

Neben den beiden bekannten Autorinnen wird man jedoch auch neugierig auf die anderen literarischen Stimmen. Eine Geschichte, die mir im Gedächtnis haften geblieben ist, ist die Erzählung “Eine mit Buch und ihre erlesene Leserschaft” von Maka Mikeladze, die nicht nur schreibt, sondern auch als Psychiaterin in einem Rehabilitationszentrum für Drogenkranke arbeitet. Ihre Erzählung erzählt die Geschichte von Tino, die eines Morgens aufwacht, in den Spiegel blickt und eine Überraschung erlebt, die Erinnerungen an Kafkas Gregor Samsa wecken.

“Früh am Morgen, gleich nach dem Aufwachen, wurde ihr klar: Das Leben steckt voller Überraschungen. Ihr Spiegelbild teilte ihr mit, dass ihr über Nacht ein Buch aus dem Kopf gewachsen war.”

Das Buch sitzt so fest, dass Tino es nicht herausziehen kann, beim Kämmen, kämmt sie auch die Blätter von einer Seite zur anderen. Das erstaunliche in dieser Erzählung ist jedoch weniger die Tatsache, dass Tino ein Buch aus dem Kopf gewachsen ist, sondern, dass sie mit ihrem Aussehen auf den Straßen und in der Öffentlichkeit kaum für übermäßiges Aufsehen sorgt. Die Verkäuferin vermutet respektvoll, dass dies bestimmt “der letzte Schrei” sei, anderen reagieren fast schon begeistert auf das Buch. Auf einer Party entdeckt Tino sogar, dass sie mit ihrem neuen Haarschmuck ganz und gar nicht alleine ist, auch andere scheinen diesem neuen Trend, oder um was auch immer es sich handelt, zu folgen. Seltsam ist nur, dass jeder, der einen Blick in Tinos Buch wirft, etwas anderes sieht – als würde der Inhalt des Buches, je nach seinem Leser, eine unterschiedliche Form annehmen. Was für ein schönes Gleichnis, denn entdeckt nicht jeder von uns etwas anderes in einem Buch?

“Techno der Jaguare” ist ein besonderer Erzählband, ein Erzählband von Frauen, der auch noch von lauter mutigen, wilden und eigenwilligen Frauenfiguren bevölkert wird. Die Erzählstimmen der sieben Autorinnen unterscheiden sich natürlich voneinander, doch eines haben sie alle gemeinsam: eine gewisse lakonische Leichtigkeit, einen gewissen Esprit, einen gewissen Pep. In den Geschichten erinnert kaum etwas an die Tatsache, dass die Autorinnen aus Georgien stammen – ihre Heimat wird nur am Rande thematisiert. “Techno der Jaguare” ist ein wunderbarer Erzählband, der auch sprachlich überzeugen kann. Ich hoffe, dass er viele Leser aufmerksam machen wird, nicht nur  auf Literatur aus Georgien, sondern vor allen Dingen auf Literatur von jungen Frauen, die sperrige und absonderliche, aber sehr lesenswerte Geschichten zu erzählen haben.

9 Comments

  • Reply
    ODudek
    September 20, 2013 at 10:04 am

    Meine Güte, was für ein Lesetempo… Während du ganze Bücher durchackerst, komme ich nicht mal mit dem Lesen der Rezensionen nach. Wie/wann machst du das bloß?

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      September 23, 2013 at 1:46 pm

      Ach, lieber Oliver, genau die selbe Frage wurde mir schon so häufig gestellt … im Moment habe ich erzwungenermaßen viel Zeit, ich wäre aber die erste, die sich darüber freuen würde, wenn mein Rezensionstempo geringer werden würde. 😉

  • Reply
    madameflamusse
    September 21, 2013 at 3:30 pm

    Ja, das frage ich mich auch 🙂

  • Reply
    Klappentexterin
    September 21, 2013 at 6:06 pm

    Liebe Mara,
    ich freue mich besonders, dass dich dieser Erzählband genauso begeistert hat wie mich. Schön war es, noch einmal in das Buch einzutauchen. Dankeschön!

    Alles Liebe,
    Klappentexterin

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      September 23, 2013 at 1:41 pm

      Liebe Klappentexterin,

      kein Wunder, dass uns dieser besonder Erzählband so gut gefallen hat – ich finde es einfach klasse, dass die FVA so spannende Frauenstimmen versammelt, die auch noch von so mutigen und spannenden Frauenfiguren erzählen. Ich muss nur jetzt endlich auch mal den Roman von Nino Haratischwili lesen. 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    tobiaslindemann
    September 22, 2013 at 12:35 pm

    Hallo Mara,
    wow, das Buch ist ein toller Tipp, sofort auf meiner Leseliste notiert. Vielen Dank!
    Tobias

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      September 23, 2013 at 1:16 pm

      Lieber Tobias,

      ich freue mich, dass ich dich neugierig machen konnte … viel Spaß bei der Lektüre! 😀

  • Reply
    wildganss
    September 24, 2013 at 10:10 am

    Auf meinem Wunschzettel steht das Buch schon ein Weilchen – nun suche ich verstärkt danach, es zu bekommen…Ich würde gern mal nach Georgien reisen, würde mich gleichzeitig fürchten…

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      September 26, 2013 at 10:11 am

      Eine Reise nach Georgien wäre sicherlich spannend, aber fürchten würde ich mich wohl auch … ich bin ein Mensch, der eher durch Bücher reist und die tatsächliche Reise in ferne Länder scheut. 🙂

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