Deine Stimme in meinem Kopf – Emma Forrest

Emma Forrest wurde 1977 in London geboren. Bereits mit dreizehn Jahren begann sie, als Journalistin zu arbeiten und es dauerte nicht lange, bis ihre Karriere steil bergauf führte: sie hatte nicht nur eine wöchentliche Kolumne in der Sunday Times, sondern führte auch Interviews mit berühmten Musikern und Künstlern. In einem Essay für die Paris Review schreibt sie über ihre Erfahrungen als Musikjournalistin. Die Autorin, die auch bei Twitter aktiv ist, lebt heutzutage in Los Angeles und veröffentlicht mit “Deine Stimme in meinem Kopf” bereits ihren dritten Roman. Übersetzt hat es Anne Braun.

Das Unglück nistet sich früh ein in dem bewegten Leben von Emma Forrest. Mit dreizehn Jahren besucht das junge Mädchen immer wieder in London die Tate Gallery. Es ist ein Bild von Ophelia, das sie förmlich magisch anzieht, obwohl sie gleichzeitig weiß, dass das Bild sie zum Weinen bringt.

“Ich glaube, sie hat mich angesteckt. Damals, als Dreizehnjährige, befürchtete ich, in ihr mein eigenes Schicksal zu sehen.”

In einem lakonischen Ton, der nie ganz frei von Humor und Selbstironie ist, berichtet Emma Forrest über ihr Leben. Trotz all der Traurigkeit und des Schmerzes, die ihr Leben durchziehen und überschatten, gelingt es ihr dennoch, sich selbst nicht all zu ernst zu nehmen. Vieles von dem, was sie über ihre Kindheit berichtet, lässt sich amüsant lesen. Ihre Eltern erscheinen exzentrisch, aber liebenswert – ihre Schwester Lisa, die drei Jahre jünger ist als Emma Forrest, führt ein geregeltes Leben, mit einem festen Partner an ihrer Seite, der sie seit zwölf Jahren begleitet.

“Ich finde, dass sich meine Eltern in ihrer Exzentrizität ganz gut ergänzen – zwei mit ihren Neurosen perfekt zusammenpassende Puzzleteile. Wie gern hätte ich auch so ein Puzzleteil.”

Mit einundzwanzig Jahren zieht Emma Forrest nach New York. Die große Stadt verschluckt das junge Mädchen und es sollte lange dauern, bis die Dämonen, auf die sie dort trifft, sie wieder freigeben. In New York führt sie ein erfolgreiches Leben: sie lebt in einer Wohnung in Manhattan, hat eine Anstellung beim Guardian und der erste Roman ist bereits in Planung.

“Alles war verrückt. Es gab keinen Bezugsrahmen für meine Verrücktheit, weil alle meschugge waren. Aber sie alle funktionierten, und ich merkte nicht, dass ich es nicht tat.”

Doch ihr äußeres Glück wurde schon lange durch ein inneres Unglück ersetzt, die Neurosen sind mittlerweile zu exzentrischen Marotten geworden. Das, was in ihrem Elternhaus noch amüsant gewesen ist, gerät in den Straßenschluchten von New York plötzlich außer Kontrolle.

“Sie wussten nicht, dass ich mit Rasierklingen an mir herumritzte – an Armen, Beinen und am Bauch -, und sie wussten auch nicht, dass ich sechs bis sieben Mal pro Tag Fress- und anschließende Kotzattacken hatte.”

Rettung findet Emma Forrest bei Dr. R, zu dem sie das erste Mal im Jahr 2000 geht – nach einer Nacht in der Notaufnahme. Es sind nur wenige Wochen nach ihrem ersten Termin bei Dr. R vergangen, als Emma Forrest versucht, sich das Leben zu nehmen. Sie überlebt und der Psychiater nimmt die junge Frau unter seine Fittiche – acht Jahre lang begleitet er sie durch die Höhen und Tiefen ihres Lebens, so lange, bis sich beide nur noch wenige Male im Jahr sehen müssen, weil vieles im Leben von Emma Forrest sich positiv entwickelt hat. Einen großen Anteil an dieser Entwicklung hat der Schauspieler Colin Farrell, der im Buch immer nur als Gypsy Husband (“GH”) bezeichnet wird. Doch dann muss Emma Forrest erleben, dass man trotz dem größtmöglichen Glück der Welt, nicht vor Unglück gefeit ist …

Mit “Deine Stimme in meinem Kopf” legt Emma Forrest einen autobiographisch geprägten Roman vor, den ich innerhalb kürzester Zeit verschlungen habe. Der Text erinnert stellenweise eher an einen Roman und weniger als autobiographische Erinnerung. Das Erzähltempo ist hoch, vieles wirkt fragmentarisch und zusammenhangslos. Trotz der schweren Thematik ist das Buch flüssig geschrieben, es gibt unheimlich viele humorvolle Passagen, aber auch traurige und berührende Abschnitte.

“Versuch ja nie, dich umzubringen, wenn du nicht krankenversichert bis, denn wenn du überlebst, bist du so hoch verschuldet, dass du nur noch sterben willst.”

“Deine Stimme in meinem Kopf” liest sich im ersten Teil des Buches wie ein literarisches Denkmal, das Emma Forrest Dr. R setzen wollte – doch der Fokus verschiebt sich zusehends und zum Ende des Buches steht beinahe nur noch ihr Gypsy Husband im Mittelpunkt. Ihr Mitteilungsbedürfnis über intimste Details dieser Beziehung habe ich mitunter als beklemmend und erschreckend empfunden. Ich hätte mir gewünscht, mehr über die Hintergründe der psychischen Erkrankung der Autorin zu erfahren, als darüber, dass sie und Colin Farrell ihr Baby Pearl nennen wollen. Die Beziehung der beiden hält lediglich wenige Wochen, doch sie nimmt so viel Raum im Roman ein, als hätte sie ein ganzes Leben hindurch existiert. Für mich als Leserin war es schwer zu akzeptieren, wie viel Bedeutung die Autorin dieser dann doch eher oberflächlichen und schnelllebigen Verbindung beimisst. Im Vergleich zu der ausführlich geschilderten Beziehung erscheinen die Erinnerungen an Dr. R und die Beschreibung ihres eigenen Innenlebens beinahe schon seltsam hohl und inhaltsleer.

Wer “Deine Stimme in meinem Kopf” in der Erwartung liest, mehr über das Überleben und dem täglichen Erleben einer psychischen Erkrankung zu erfahren, wird höchstwahrscheinlich enttäuscht. Die berührenden und bewegenden Passagen sind da, es gibt sie, aber sie liegen im Schatten der anderen Themen, die für mein Empfinden viel zu stark in den Fokus gerückt werden. Dennoch ist Emma Forrest ein lesenswerter Text gelungen, der in rasantem Erzähltempo und einer eingängigen Erzählstimme aufzeigt, dass es sich bei der Autorin um eine begabte Schriftstellerin handelt. Vielleicht ist “Deine Stimme in meinem Kopf” in dieser Hinsicht mehr als ein Roman zu sehen, denn als ein autobiographischer Erfahrungsbericht – es wäre der Autorin zu wünschen.

2 Comments

  • Reply
    literaturen
    October 14, 2013 at 12:22 pm

    Klingt für mich in der Tat mehr wie eine oberflächliche Betrachtung zum Wegkonsumieren. Mit schönen Momenten, aber eben nicht dem Tiefgang, den es benötigt, das Leben mit einer psychischen Erkrankung angemessen darzustellen. Wird denn irgendwas über die Ursachen gesagt? Oder erstreckt sich das mehr auf eher lustige Anekdoten über die exzentrischen Eltern?

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      October 14, 2013 at 1:14 pm

      Liebe Sophie,

      du sprichst in deinem Kommentar einen ganz wichtigen Punkt an, der mich bei der Lektüre des Buches auch gewurmt hat: Emma Forrest beschäftigt sich kaum mit den Ursachen und Gründen für ihre Erkrankung. Ihre Eltern werden als exzentrisch, aber liebenswert beschrieben – insgesamt ist mir das aber bei einem Buch über eine psychische Erkrankung irgendwie zu wenig. So etwas kommt ja nicht aus heiterem Himmel über dich, die Autorin thematisiert aber kaum die Hintergründe ihrer Erkrankung. Das Buch lässt sich rasant lesen und ist mit einem Augenzwinkern geschrieben, der Erkenntnisgewinn für Menschen, die sich aber wirklich für psychische Erkrankungen interessieren, ist marginal. Auch über das Leben mit dieser Erkrankung erfährt man erschreckend wenig, genauso wenig über die Therapiemöglichkeiten. “Die Stimme in meinem Kopf” ist eine Abrechnung mit der Beziehung zu Colin Farrell, mehr leider nicht.

      Liebe Grüße
      Mara

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