Eine lange Nacht auf Erden – Ingvar Ambjørnsen

Ingvar Ambjørnsen wurde 1956 in Tønsberg geboren und ist in Larvik aufgewachsen, seit 1985 lebt der Autor in Hamburg. Einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde er vor allem mit der Veröffentlichung seiner “Elling”-Romanfolge. Zuletzt erschien von ihm im vergangenen Jahr der lesenswerte Roman “Den Oridongo hinauf”. “Eine lange Nacht auf Erden” ist seine neuste Veröffentlichung und wurde aus dem Norwegischen von der Übersetzerin Gabriele Haefs übersetzt.

“Eine lange Nacht auf Erden” erzählt nicht nur die Geschichte des Autors und Journalisten Claes Otto Gedde, sondern ist auch eine tragikomische Auseinandersetzung mit dem Älterwerden. Claes Otto Gedde blickt der Tatsache älter zu werden mit gemischten Gefühlen entgegen. Bei dem Gedanken daran, dass sich im Laufe der Jahre alles Bekannte verändern wird und vieles sich schneller verändert, als er dies überhaupt noch realisieren kann, ist er ein wenig wehmütig, “aber nur ein wenig”. Der ehemalige Journalist wird am Heiligen Abend gerade einmal sechzig Jahre alt und doch hat er bereits das Gefühl, dass “der Tod ihn demnächst zu sich nähme”. Den Winter vor seinem sechzigsten Geburtstag möchte er alleine in Berlin verbringen, in der Stadt, mit der er sich jahrzehntelang eng verbunden gefühlt hat. Bevor er in Berlin ankommt, besucht er noch schnell die Frankfurter Buchmesse, doch er hofft schon lange nicht mehr auf das Beste oder Zweitbeste und so soll es dann auch eintreten. Für sein Kochbuch “Die alte belgische Küche” erntet der Autor nicht einmal mehr Hohn und Spott, sondern lediglich ein erschlagendes Desinteresse. Auch auf der Frankfurter Buchmesse kann er seinem Werk, dass er sich mehr oder weniger aus dem Internet zusammen kopiert hat, kein Leben einhauchen. Der ehemalige Großjournalist reist, verbittert von seinem gesunkenen Standing im Literaturbetrieb, aus Frankfurt ab und hofft darauf, endlich in Berlin bessere Zeiten erleben zu können, denn die guten Zeiten sind schon lange vorbei. Er gehört einer Generation an, die darauf wartet, abgelöst zu werden. Einer Generation, die abtreten muss, um der nächsten Generation Platz zu machen, sich aber dennoch zwanghaft an die große Bühne klammert – während die anderen darauf warten, endlich einen Nachruf schreiben zu können.

“Nein, nichts war böse gemeint, und Claes Otto Gedde dachte, das sei ja oft das Schlimmste daran, mit all diesen anderen auf Erden anwesend zu sein, und dass es eben dauernd schiefging, auf irgendeine Weise falsch lief, selbst, wenn man den allerbesten Absichten und Taten freundlicher Menschen ausgesetzt war.”

In der Wohnung seiner verstorbenen Freundin Margot möchte der Autor überwintern, er bezeichnet seinen Aufenthalt selbst als Winterschlaf – doch in Berlin kommt alles anders als geplant. Claes Otto Gedde bleibt nicht lange alleine, sondern bekommt Gesellschaft: die mittlerweile 70 Jahre alte Prostituierte Adele Lusthoff zieht bei ihm ein und bringt das Leben dieses kauzigen Autors gehörig durcheinander …

“[…] und als der Applaus versiegt, sind das Geräusch seiner Füße und der ferne Verkehrslärm das Einzige, was zu hören ist, und er weiß nicht, wie er hier herauskommen soll, es gibt keinen Ausweg, und sie sagen nichts, sie lachen nicht, sie ermuntern ihn nicht, er tanzt ganz allein, hin und her über den schmalen Parkettstieg am Fenster, die ganze Zeit die Arme über den Kopf gehoben, mit den Wurstfingern schnippend, das ist der Eingang zu der langen Nacht auf Erden, denkt er, die lange Nacht, wie sie in Wirklichkeit aussieht, hinter Phantasien und Vorstellungen, ganz allein in aufgezwungener Gesellschaft, der letzte Zug ist abgefahren und nirgendwo wartet irgendwer auf mich.”

Ingvar Ambjørnsen legt mit “Eine lange Nacht auf Erden” einen erstaunlich heiteren und unterhaltsamen Roman vor, der jedoch auch eine nachdenkliche Note offenbart. Die Geschichte ist mit den großen Themen Alter, Gesundheit, Verfall und Tod überschrieben und mit lakonischem Tonfall und viel Humor widmet sich der Roman all diesen Facetten des Älterwerdens. Ingvar Ambjørnsen gelingt es wunderbar, dieses Gefühl einzufangen, langsam überflüssig und nutzlos zu werden – Claes Otto Gedde muss diese Erfahrung immer wieder erneut machen. Es sind die Momente, in denen er nicht erkannt wird und sein Name auf der Gästeliste nicht zu finden ist, es sind die Momente in denen er an seine gescheiterten Projekte denkt; an seine ehemaligen Ambitionen, die wie gekenterte Schiffe im offenen Meer gesunken sind.

“Eine lange Nacht auf Erden” liest sich wie eine skurrile und humoristische Komödie, dazu tragen auch die häufig liebenswert-skurrilen Figuren bei, die Ingvar Ambjørnsen mit viel Liebe zum Detail beschreibt. Hinter dieser humorvollen Oberfläche verbirgt sich jedoch eine tieftraurige Geschichte über den langsamen Verfall einer ehemals großen Persönlichkeit. Beschrieben wird dabei nicht nur der zunehmende körperliche Verfall, denn Gedde verliert mittlerweile bereits die ersten Haare und auch den ein oder anderen Zahn, sondern auch die berufliche Niederlage. Der Leser begleitet Claes Otto Gedde bei diesem Prozess, der einem Prozess der Zerstörung gleich kommt: in seinem alten Leben war Gedde ein hochdekorierter und angesehener Kriegsreporter und Nachrichtensprecher, mittlerweile veröffentlicht er als abgehalfterte Persönlichkeit halbgare Kochbücher. Was für ein Niedergang, was für eine Niederlange und wie bekannt ist uns diese Geschichte von ganz vielen Personen, die in der Öffentlichkeit stehen und nicht rechtzeitig den Weg in ein Dasein als Rentner finden? Sprachlich zeichnet sich der Roman vor allem durch einen stetigen Bewusstseinsstrom aus, durch lange Sätze, die sich manchmal über mehrere Seiten erstrecken und nur durch Kommata getrennt die Gedankenwelt von Claes Otto Gedde abbilden.

Ingvar Ambjørnsen legt mit “Eine lange Nacht auf Erden” ein höchst vergnügliches Stück über das Älterwerden vor, das neben all dem Humor, aber auch viel Tiefsinnigkeit bietet. Lakonisch, skurril und humorvoll – aber auch mit dem Potential zum Nachdenken – schreibt der norwegische Autor über die Niederlagen des Lebens, Generationenwechsel, Erinnerungen und die Vergangenheit. Ein lesenswerter Roman, der das vereint, was gute Literatur ausmacht: ein lautes Lachen und eine kleine Prise Traurigkeit. Prädikat: lesenswert!

11 Comments

  • Reply
    Conor
    October 18, 2013 at 4:13 pm

    Hallo, Mara!
    Auf die Rezi habe ich gewartet.
    Und wieder ein “Muss” für mein Bücherregal. Nachdem mir “Den Oridongo hinauf” so gut gefallen hat, werde ich sicher nicht lange warten mit dem Kauf; bzw. der Roman könnte ein Weihnachtswunsch werden.
    Liebe Grüße und danke für die schöne Rezi und dem ständigen Erhöhen meines SuB’s..:))
    Conor

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      October 19, 2013 at 6:52 pm

      Hallo Conor,

      danke für deine liebe Rückmeldung, da macht das Rezensieren doch gleich doppelt Spaß! 😀 Bei der Lektüre von “Eine lange Nacht auf Erden” wünsche ich dir genauso viel Spaß wie bei dem lesenswerten Roman “Den Oridongo hinauf”. Ich glaube, letzteres hat mir ein klitzekleines bisschen besser gefallen, insgesamt finde ich aber beide Romane toll und leseswert.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Wortgalerie
    October 18, 2013 at 4:30 pm

    Kling nach einem Roman für meine Merkliste 🙂 Ich will mich demnächst nämlich skandinavischen Autoren zuwenden und da passt er gut dazu!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      October 19, 2013 at 6:50 pm

      Das freut mich sehr, dass ich dich neugierig machen konnte! 🙂 Deine Idee verstärkt skandinavische Autoren zu lesen, finde ich spannend und reizvoll – ich bin bereits jetzt auf deine Eindrücke gespannt. Neben Ingvar Ambjørnsen kann ich dir auch Karl Ove Knausgard und Lars Saaby Christensen empfehlen, ach und so viele andere! 😀

      • Reply
        Wortgalerie
        October 19, 2013 at 8:54 pm

        Super, danke für die Tipps, die Autoren werde ich mir mal anschauen 🙂 Ich habe nämlich festgestellt, dass ich Skandinavien literarisch nie berücksichtigt habe, obwohl ich so gerne in die Gegend reise und angefangen habe, Schwedisch zu lernen.

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          October 21, 2013 at 12:31 pm

          Oh, Schwedisch habe ich auch eine Zeit lang in der Uni gelernt – eine spannende Sprache. Literarisch war ich schon immer gerne im Norden unterwegs, es gibt wirklich tolle skandinavische Autoren! 😀

  • Reply
    Karin Braun
    October 19, 2013 at 6:07 pm

    Ich lese mich gerade durch das Ambjörnsensche Gesamtwerk. 🙂 Eine lange Nacht auf Erden ist sicher eines meiner Lieblingsbücher. Schön das es Dir auch so gut gefallen hat. Alles Liebe Karin

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      October 19, 2013 at 6:40 pm

      Liebe Karin,

      ja, mir hat es ausgezeichnet gefallen. 😀 Hast du noch weite Tipps, was man von diesem spannenden Autor gelesen haben sollte? Ich würde mich sehr gerne weiter in sein Werk vertiefen.

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Karin Braun
        October 20, 2013 at 8:54 am

        Liebe Mara, sehr gefallen haben mir Innocentia Park, Stalins Augen, Der letzte Deal. Aber ich bin auch sehr angetan von seinen Frühwerken. Sarons Haut und Weiße Nigger. Auf dem Weg zu mir sind gerade zwei ältere Bücher aus der Samson und Roberto Reihe. Da erscheint im nächsten Frühjahr ein neues, wenn ich richtig informiert bin, bei Nautilus. Ich bin schon sehr gespannt, darauf. Alles Liebe Karin

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          October 21, 2013 at 12:28 pm

          Liebe Karin,

          oh toll, ich danke dir für all die schönen Tipps – ich habe alle notiert und werde schauen, was ich davon in der Bücherei finde. Mich begeistert dieser Autor wirklich sehr, auch seine Elling-Romane möchte ich unbedingt bald entdecken.

          Liebe Grüße
          Mara

          • Karin Braun
            October 21, 2013 at 1:12 pm

            Liebe Mara,
            Die Elling Sachen habe ich vergessen aufzulisten. Die sind wirklich wunderbar. Viel Spaß wünsche ich Dir. Alles Liebe Karin

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