Katharina Hartwell im Gespräch!

Katharina Hartwell

Ihr Roman “Das Fremde Meer” war einers der Überraschungserfolge in diesem Herbst, gefeiert wurde er sowohl von der Kritik, als auch vom Publikum. Auf der Frankfurter Buchmesse hatte ich die Möglichkeit Katharina Hartwell zu treffen und ihr dieses Mal sogar mehr als fünf Fragen zu stellen.

Wie und warum bist du auf die Idee gekommen, nicht nur für dich selbst zu schreiben, sondern damit in die Öffentlichkeit zu gehen und ein richtiges Buch zu veröffentlichen?

Das war irgendwie für mich von Anfang an Teil des Schreibens. Ich wollte nie für mich selbst schreiben, das war mir schon direkt, als es losging, klar. Ich glaube, dass Schreiben auf jeden Fall ein Kommunikationsakt ist und nichts, was ich für mich mache. Ich spreche nicht zu mir selbst, sondern ich spreche irgendwen an oder irgendwohin. Deswegen wollte ich auch, dass es irgendwo ankommt.

Hast du irgendwann zwischendurch an deinem Schreiben gezweifelt oder gab es da eine Sicherheit, dass es jemanden gibt, der dich hören möchte?

Ich glaube, ich hatte Zweifel … aber eher in der Hinsicht, dass ich das Gefühl hatte, mich nicht durch den Literaturbetrieb navigieren zu können. Es gibt dort diese unglaublich vielen Schwellen, über die man irgendwie drüber treten muss. Ich hatte Angst, dass ich nicht das Durchhaltevermögen dafür haben würde.

Nach deinem Magister bist du zum Studium an das Deutsche Literaturinstitut Leipzig gegangen – wie hat das Studium dort dein Schreiben beeinflusst?

Gar nicht.

Gar nicht?

Nein. Also ich glaube, dass ich mal Irrwege gegangen bin und gedacht habe, dass ich irgendwie verändern muss, wie ich schreibe, dass ich etwas abschleifen muss oder auch nüchterner gestalten. Bei all den Revisionen ist das dann aber wieder zurückkorrigiert worden von mir. Ich glaube also nicht, dass es einen nachhaltigen Effekt gehabt hat. Es gibt durchaus Orte, an denen das passiert ist. Ich habe Veranstaltungen bei Markus Orths und Ursula Krechel besucht und das hat sicherlich noch einmal sehr verändert, wie ich überarbeitet habe oder wie professionell ich gearbeitet habe.

Deine eigenen Texte während deines Studiums für die Kritik der Mitstudenten freizugeben – ist dir das schwergefallen?

Ja, ich habe das immer als sehr anstrengend empfunden. Es ist so gestaltet, dass im Wechsel jede Woche ein anderer Text besprochen wird – dann sitzt man halt vier bis fünf Stunden da. Es ist eigentlich immer so gewesen, dass die erste Stunde okay gewesen ist, die zweite, dritte, vierte Stunde, dann aber wahnsinnig anstrengend war. Die Kritik ist eigentlich nie positiv und je länger man die Leute reden lässt, desto mehr wird gemäkelt.

Wie gehst du ansonsten mit Kritik um, googelst du dich selbst und liest du die Besprechungen zu deinem Roman?

Ich versuche mich dem so wenig wie möglich auszusetzen, weil ich glaube, dass es total unproduktiv ist. Ich google mich schon, weil es auch unangenehm ist, gar nicht zu wissen, was los ist. Gerade auch weil man auch andauernd darauf angesprochen wird. Es ist also auch nicht möglich, sich komplett rauszuhalten. Wenn ein Verriss oder eine sehr positive Besprechung erscheint, wirst du dauernd darauf angesprochen und wenn ich dann gar keine Ahnung habe, worum es geht, ist es mir irgendwie auch unangenehm. Aber ich lese die Besprechungen dann nicht. Ich lese die Überschriften und ich lese meistens den letzten Satz, aber ansonsten eigentlich nichts.

Hat das einen bestimmten Grund?

Ich glaube, dass es schädlich ist. Es ist für mich als Mensch schädlich und schädlich für den Text. Es ist wirklich nicht gut. Ich glaube, man muss das meiste mit sich selbst ausmachen. Man selbst ist sich der beste Wegweiser und Kompass und man muss darauf vertrauen, dass man es selbst richtig macht und nicht darauf, dass es erst richtig ist, wenn andere Leute sagen, es ist richtig. Ich glaube, das ist eine ganz falsche Herangehensweise an das Schreiben.

In deinem Roman „Das fremde Meer“ wird die gleiche Geschichte immer wieder in unterschiedlicher Variation erzählt. Wie bist du auf diese Idee gekommen?

Ich weiß das ehrlich gesagt gar nicht mehr. Ich glaube, wo die Ideen dann herkommen, weiß man später häufig nicht mehr. Ich weiß aber noch, dass es wirklich der Grundstein war. Ich wusste einfach, dass es eine Geschichte in mehreren Varianten werden sollte, bevor ich wusste, dass es eine Liebesgeschichte wird oder um den Tod geht. Ich wusste, ich möchte gerne zehn Variationen von etwas erzählen und möchte mit unterschiedlichen Genres arbeiten, weil ich mich sehr für unterschiedliche Genres interessiere. Dann musste ich eher den Punkt finden oder, besser gesagt, den roten Faden, der alles zusammenhält.

Wie findet man einen solchen roten Faden dann?

Man denkt darüber nach. Man denkt einfach. Also ich denke ganz viel in Bildern. Ich stelle mir Szenen fast filmisch vor und bekomme dann langsam ein Gefühl dafür, welche Szene welcher Szene folgt. Wie ein Film, der sich irgendwie entwickelt.

Die Figuren in deinem Roman haben alle Namen, die jeweils mit demselben Buchstaben beginnen – in einer Geschichte weichst du jedoch von dieser Gleichförmigkeit ab. Was steckt dahinter?

Ich wollte, dass alle Figuren wiedererkennbar sind. Ich wollte, dass alle Avatare sind, oder unterschiedliche Versionen. Darum wollte ich, dass sie alle ähnliche Namen tragen. In der Geschichte „Astasia-Abasia“ war es jedoch so, dass ich eine konkrete historische Figur genommen habe, die wirklich existiert hat. Ich wollte den Namen nicht ändern, ich wollte den Namen der konkreten historischen Figur verwenden und es erschien mir dann logisch, weil ich dachte, meine Figuren wandeln sich auf allen Schichten ihres Seins. Das Geschlecht wird gewandelt, der Status, ob sie lebend sind oder nicht, wird gewandelt und es erschien mir logisch, dass auch eine Schicht sein könnte, dass sie in die Rolle einer historischen Figur schlüpfen und sich damit auch der Name ändert. Der Name ist wie eine Identitätsschicht, genauso wie das Geschlecht.

Dein Roman erzählt nicht nur von der Rettung einer Liebe und eines Lebens, sondern auch von der Rettung durch die Literatur – was bedeutet dir persönlich Literatur?

Für mich ist es genau das: eine Rettung. Ich habe ganz schön oft gedacht, dass man im Leben an Punkte kommt, wo es das einzige ist, was man so uneingeschränkt positiv sieht. Also an allem anderen zweifelt man oder hat vielleicht nicht so gute Momente oder Durststrecken. Aber die Literatur ist, glaube ich, eigentlich immer die Rettung.

Wie ergeht es dir als junge Autorin im Literaturbetrieb?

Manchmal gut, manchmal nicht so gut. Ich lerne gerade ganz viel. Ich dachte, dadurch dass ich schon einen Erzählband veröffentlicht habe, bin ich vorbereitet auf viele Sachen und dann habe ich doch gemerkt, dass ich auf vieles überhaupt nicht vorbereitet bin. Ich bin über ganz viele Dinge immer wahnsinnig überrascht. Ich kann zum Beispiel noch gut schreiben, das war das, wovor ich wahnsinnige Angst hatte, dass ich irgendwie so mit dem Kopf woanders bin, dass ich nicht mehr arbeiten kann. Das ist nicht so, das geht noch gut. Aber bei anderen Sachen merke ich, dass die mich wahnsinnig strapazieren und wahnsinnig anstrengen.

Kannst du bereits vom Schreiben leben?

Ich kann im Moment vom Schreiben leben und ich bin für die nächsten zwei Jahre abgesichert.

Und das ist auch dein Ziel, als Schriftstellerin zu leben? Oder hast du auch noch andere Lebenspläne?

Nein, das ist total wahnsinnig, aber ich habe tatsächlich keine anderen Lebenspläne. Irre renne ich da so rein und manchmal erschrecke ich mich dann ganz doll, wenn ich zum Beispiel meine Steuererklärung machen muss, aber die meiste Zeit denke ich, dass es funktionieren muss, also wird es auch funktionieren.

Sitzt du denn bereits an einem neuen Romanprojekt?

Ich bin bereits im fünften Monat. Ich habe wieder bei null angefangen, aber es ist ganz toll – es ist auch wieder eine Art Rettung. Ganz lange habe ich niemandem erzählt, worum es geht, nicht einmal meinem Verlag. Jetzt wissen es schon ein paar Leute, aber es war wirklich so, wie in eine Kapsel zurückkehren und wieder den ganzen Tag schreiben.

22 Comments

  • Reply
    geistigkrank
    November 6, 2013 at 3:22 pm

    Mein persönliches Lieblingsbuch in diesem Jahr. Wundervoll.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 9, 2013 at 10:20 am

      Schön, für mich gehört es auch zu den Highlights meines Lesejahres! 😀

  • Reply
    Wulf | Medienjournal
    November 6, 2013 at 3:24 pm

    Was für ein spannendes, interessantes Interview. Danke zunächst einmal dafür! Und endlich ist für mich das Rätsel um “Astasia-Abasia” und den Namen gelöst, der so gar nicht zum Schema passen wollte.

    Ich bin ja schon sehr gespannt, was wir in den nächsten Jahren von Katharina Hartwell hören und lesen werden, nachdem sie mit “Das Fremde Meer” nicht nur, aber insbesondere unter den Literatur-Bloggern gehörige Wellen geschlagen hat.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 9, 2013 at 10:22 am

      Lieber Wulf,

      die Irritationen, die die Geschichte “Astasia-Abasia” unter den Bloggern ausgelöst hatte, war für mich auch Anlass, um danach zu fragen – in der Hoffnung ein bisschen Licht ins Dunkle zu bringen.

      Ich bin übrigens auch schon sehr gespannt, was wir von dieser jungen Autorin noch erwarten dürfen und freue mich schon auf ihren neuen Roman.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    seitenspinner
    November 6, 2013 at 3:43 pm

    Habe das fremde Meer nach deinem Interview sofort auf meine Wunschliste gesetzt. Das hoert sich wirklich nach einem großartigen Roman an!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 8, 2013 at 3:27 pm

      Oh schön, ich freue mich sehr darüber, dich auf den Roman aufmerksam gemacht zu haben. Er ist wirklich großartig und ich kann dir nur ganz viel Freude bei der Lektüre wünschen. 🙂

  • Reply
    Tanja
    November 6, 2013 at 4:17 pm

    Ich mag es, wenn man sich nicht verbiegen lässt, wenn man sich selbst treu bleibt. Schönes Interview!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 8, 2013 at 3:28 pm

      Ich mag das auch, es ist aber wahrscheinlich – gerade auch im Literaturbetrieb – nicht gerade einfach, sich selbst treu zu bleiben. 🙂

  • Reply
    Xeniana
    November 6, 2013 at 4:36 pm

    Das Buch ist mir jetzt schon so oft begegnet, dass ich es sicher lesen werde. Ein beeindruckendes Interview!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 8, 2013 at 3:29 pm

      Das Buch solltest du in der Tat unbedingt lesen, vielleicht erscheint es ja auch bereits im nächsten Jahr als Taschenbuch – dann solltest du es spätestens dann lesen. Es ist wirklich großartig. 🙂

  • Reply
    keeweekat
    November 6, 2013 at 5:04 pm

    Eine sehr sympathische, erfrischend unprätentiöse Autorin – danke für das Interview! Ich scharwenzel ja schon seit einer ganzen Weile um dieses Buch herum. Ich glaube, ich setze es gerade in diesem Moment auf meine Leseliste. 🙂

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 8, 2013 at 3:35 pm

      Sehr schöööööön, da gehört das Buch auch hin! 😀 Bei der Lektüre wünsche ich dir ganz viel Spaß und Freude, das Buch ist wirklich großartig, wunderschön und traurig. Eine tolle Lektüre, gerade auch in der Weihnachtszeit.

  • Reply
    Karo
    November 6, 2013 at 7:53 pm

    Danke, liebe Mara, dass du mich wieder schmerzlich unter die Nase reibst, dass ich “Das Fremde Meer” immer noch nicht gelesen habe 😛 Wirklich ein sehr witziges und sympathisches Interview!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 8, 2013 at 3:36 pm

      Zur Not werde ich dir das noch ein paar Mal unter die Nase reiben, bis du diesen großartigen Roman gelesen hast. Ich fand es unglaublich spannend, nachdem mir der Text so gut gefallen hat, auch die Autorin kennenzulernen, es war eine wirklich spannende Begegnung. 🙂

  • Reply
    dasgrauesofa
    November 7, 2013 at 8:04 am

    Liebe Mara,
    mir hat das Interview auch sehr gut gefallen. Es ist schon beeinruckend, wie gradlinieg Katharina Hartwell ihren Weg in die Literatur geht. Und erinnert hat mich das Interview auch, dass ich doch noch das Buch lesen wollte!
    Viele Grüße, Claudia
    PS: Ich hoffe, es kommen noch viel mehr Messeinterviews

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 8, 2013 at 3:40 pm

      Liebe Claudia,

      oh ja, das Buch solltest du auch noch unbedingt lesen – die Lektüre lohnt sich sehr! 😀 Ich habe die Begegnung mit Katharina Hartwell, die ganz genau vor Augen hat, welchen Weg sie gehen möchte, auch sehr beeindruckend.
      Noch “viel mehr” Interviews werden es wohl nicht werden, aber noch ein paar warten. 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    macg82
    November 7, 2013 at 8:37 am

    Kurz und knapp und im Einklang mit den vorherigen Kommentatoren: Wieder ein sehr gelungenes Interview mit interessanten Fragen und passenden Antworten. Ich finde vor allem die “Dynamik” (wenn man das so bezeichnen will) in deinen Interviews bisher sehr passend. Bin gespannt, wen du auf der Buchmesse noch interviewt hast.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 8, 2013 at 3:42 pm

      Lieber Marc,

      ich freue mich, danke für diese schöne Rückmeldung! 😀 Im Vorfeld war ich mir nicht sicher, inwieweit diese Interviews funktionieren und auf Interesse stoßen würden. Nun freue ich mich um so mehr über die vielen schönen Rückmeldungen. Danke!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Nanni
    November 7, 2013 at 2:26 pm

    Wieder ein sehr schönes Interview.
    “Das fremde Meer” befindet sich ja bereits auf meinem SuB und ich denke ich sollte es möglichst bald mal endlich lesen 🙂

    LG Nanni

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 8, 2013 at 3:41 pm

      Liebe Nanni,

      oh ja! Das solltest du unbedingt tun! 😀 Ich glaube, ich habe bereits erwähnt, dass das Buch wirklich großartig ist und ich kann dir nur ganz viel Freude und Spaß an und bei der Lektüre wünschen.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    buecherphilosophin
    November 13, 2013 at 12:27 am

    Das ist ein wirklich schönes Interview 🙂
    Ich fand besonders interessant, was Hartwell über das Arbeiten, bzw. Studieren am DLI erzählt. Ich habe da in der Vergangenheit schon viel grenzwertiges gehört. Ich studiere ja ebenfalls literarisches Schreiben, aber so arbeiten wir nicht, dass wir die Leute in eine Form pressen und an jedem Fitzelchen herum mäkeln.
    Ich hatte immer davon geträumt in Leipzig zu studieren, aber das wird mit der Zeit immer weniger. So möchte ich nämlich nicht behandelt werden.

    Ihr Buch muss ich übrigens immer noch lesen. Ich dachte ich warte auf das Tb, aber wenn das zu lange dauert, lasse ich es mir glaub ich einfach zu Weihnachten schenken.

    LG, Katarina 🙂

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 14, 2013 at 3:21 pm

      Liebe Katarina,

      nach Vea Kaiser, die sich damals negativ über ihr Studium in Hildesheim äußerte, ist Katharina Hartwell bereits die zweite Autorin, die nicht unbedingt von einem solchen literaturwissenschaftlichen Studium profitiert hat. Ich glaube, dass das auch immer ein bisschen typabhängig ist.

      Ich drücke dir die Daumen, dass das Buch hoffentlich bald als Taschenbuch erscheinen wird! 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

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