Manu Joseph wurde 1974 geboren und lebt heutzutage in Delhi. Nach einer Anstellung bei “The Times of India” arbeitet er mittlerweile als Herausgeber des “Open Magazine”. 2010 veröffentlichte er den Roman “Serious Men”, für den er mit dem Hindu Literary Prize ausgezeichnet wurde. Seine neueste Veröffentlichung, die den Titel “Das verbotene Glück der anderen” trägt, wurde von der Schriftstellerin, Publizistin und Übersetzerin Claudia Werner übertragen.
“Eine Tragödie zu erleben, die gleichzeitig witzig ist, ist das Schlimmste, was einem widerfahren kann.”
Die Geschichte, die Manu Joseph erzählt, ist in den frühen neunziger Jahren angesiedelt und spielt in der indischen Metropole Madras. Es ist die Geschichte von Ousep und Mariamma Chacko. Drei Jahre sind vergangen, seitdem sich ihr Sohn Unni das Leben genommen hat. Geblieben ist ihnen Unnis jüngerer Bruder Thoma und die offene und unbeantwortete Frage nach dem Warum. Unni war ein mittelmäßiger Schüler, der jedoch ein großes künstlerisches Talent besaß: er zeichnete leidenschaftlich gerne Comics und Cartoons. Eines Nachmittags, Unni hat die ganze Nacht gebraucht, um einen Comic fertigzustellen und hat sich danach die Haare schneiden lassen, stürzt der Junge sich von der Dachterrasse seines Elternhauses. Ausgerechnet Unni. Kopfüber schlägt er im Innenhof auf und ist sofort tot. Seit drei Jahren quält seinen Vater die Frage, warum sein Sohn, sich das Leben genommen hat. Seit drei Jahren verfolgt Ousep Freunde und Bekannte seines Sohnes, um herauszufinden, welches Mysterium sich hinter Unnis Entscheidung verbirgt. Er möchte der Persönlichkeit seines Sohnes auf die Spur kommen, einem Menschen, mit dem er zwar zusammengelebt hat, den er aber kaum gekannt hat.
“Aber er hat jeden Zentimeter von Unnis dreiundsechzig Cartoons und Comics studiert, die in der Wohnung herumliegen, die meisten in einer Holztruhe. […] Irgendwo in Unnis Cartoons und Comics muss der Schlüssel verborgen liegen, des Rätsels Lösung, glaubt Ousep. Viel mehr an Glauben bleibt ihm nicht.”
Ousep ist auf einer nicht enden wollenden Suche nach der Wahrheit, nach Gründen und Ursachen und danach, eine Bedeutung in dem sehen zu können, was passiert ist. Doch Stück für Stück – in dem der Autor die Perspektiven von Mariamma, die bereits vor dem Tod ihres Sohnes dem Wahnsinn nahe gewesen ist und dem ewig ängstlichen Thoma einbindet – offenbart Manu Jospeh, dass das Bild, dass er von Unnis Familie gezeichnet hat, noch düstere Schattenseiten besitzt. Ousep ist schwerer Alkoholiker, Mariamma ist psychisch krank und geplagt von Erinnerungen, die sie nicht mehr auslöschen kann. Die Chackos sind arm und doch fällt es Ousep schwer, sich einzuschränken.
“Falls es doch einen Grund gibt, dann sind Sie dieser Grund. Denken Sie mal darüber nach. Bei ihm zu Hause gibt es die meiste Zeit nichts zu essen. Seine Mutter bettelt jeden um Geld an. Unni hat sich nur mit anderen angefreundet, um bei ihnen zu Hause zu essen. Sein Schulgeld hat die Kirche bezahlt. Seine Mutter ist meschugge, und sein Vater ist ein Alkoholiker, der sich jeden Abend lächerlich macht.”
Angetrieben wird die Geschichte, die Manu Joseph erzählt, von der Suche Ouseps nach der Wahrheit. Doch gibt es so etwas überhaupt, die Wahrheit? Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto stärker wird die Handlung von philosophischen Gedanken überlagert. Auf der Suche nach der Wahrheit, erhält Ousep auch Einblicke in die Philosophie seines Sohnes. Es geht um den Tod und darum, ein glückliches Leben zu führen. Ist Glück etwas zwanghaftes, dass unausweichlich ist? Trotz dieser schweren Thematik, gelingt es Manu Joseph jedoch einen leichten und ironischen Tonfall anzuschlagen und auf viele Momente mit einem leichten Augenzwinkern zu blicken.
Unni ist ein nachdenklicher junger Mann, der schwierigen Verhältnissen entstammt. Die Frage, wie Identitäten konstruiert werden und wie es einem gelingen kann, auch unter solchen Umständen, seine Identität zu bewahren, steht im Mittelpunkt des Romans. Manu Joseph wirft auch einen Blick auf die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse in Indien. Er beschreibt die Kultur des Landes als unheimlich erfolgsorientiert, bereits in jungen Jahren herrscht unter den Schülern und Schülerinnen ein immens hoher Leistungsdruck, verbunden mit der Angst, zu versagen und somit die Chance zu verpassen, sich aus seinen Verhältnissen zu befreien. Insofern ist “Das verbotene Glück der anderen” sowohl die Beschreibung eines Einzelschicksals, die zusammenbrechende Familie Chacko, als auch ein kritischer Blick auf die indische Gesellschaft. Unnis Mitschüler und Freunde werden als junge Menschen beschrieben, die mit wahnsinniger Verbissenheit Zielen hinterherjagen, die ihnen Glück versprechen.
“Kann er ein besserer Mensch werden, ein verantwortlicher Mann, ein guter Vater? Ist es denn so schwer, all dies zu sein, normal zu sein, wie alle anderen?”
Manu Joseph legt mit “Das verbotene Glück der anderen” einen lesenswerten Roman über einen Jungen vor, der viel zu früh lernen musste, dass das Leben keine Gnade kennt. Dem Autor gelingt dabei das Kunststück, eine zugleich todtraurige und fürchterlich lustige Geschichte zu erzählen. “Das verbotene Glück der anderen” ist ein reichhaltiger Roman, der geprägt ist von philosophischen Gedanken, einem Geheimnis und der zerstörerischen Dynamik einer bemitleidenswerten Familie. Lest diesen Roman und entdeckt eine spannende literarische Stimme aus Indien!

8 Comments
Nanni
November 11, 2013 at 12:41 pmHey,
wieder mal eine sehr aufschlussreiche Rezension. Sowohl der Inhalt, als auch die Umsetzung sprechen mich sehr an. Wandert direkt mal auf meine WuLi 🙂
LG Nanni
buzzaldrinsblog
November 12, 2013 at 3:56 pmLiebe Nanni,
freut mich, dass ich dich überzeugen konnte. Ich hatte im Vorfeld der Lektüre wenig Erwartungen an den Roman und war dann von seinem Sog und der literarischen Kraft unheimlich positiv überrascht. Eine tolle Lektüre. 🙂
Liebe Grüße
Mara
Karo
November 11, 2013 at 6:58 pmDas Cover sieht so fröhlich aus, aber die Story klingt wirklich traurig und hoffnungslos…was ich nicht ganz nachvollziehen kann: Wenn Vater Ousep nach den Gründen für den Selbstmord seines Sohnes forscht, wieso kommt er nicht auf die naheliegende Idee, dass es mit seinem eigenen Alkoholismus und dem Wahnsinn der Mutter zutun hat? Das ist doch irgendwie seltsam…Lg, Karo
buzzaldrinsblog
November 12, 2013 at 3:54 pmLiebe Karo,
ich glaube, dass das ganz viel mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion zu tun hat, wenn er aufhört, die Schuld nur außerhalb der Familie zu suchen, dann muss er sich zwangsläufig seine eigenen Fehler und sein eigenes Versagen eingestehen. Ich befürchte, dass das gar nicht so einfach ist.
Liebe Grüße
Mara
Karo
November 13, 2013 at 7:07 pmWie wahr – aber ich weiß nicht, ob mich das bei der Lektüre nicht doch sehr stören würde. Vielleicht hat diese Blindheit des Vaters gegenüber eigener FEhler aber auch etwas mit kulturellen Unterschieden zu tun. Deshalb klingt der Roman dennoch lesenswert und spannend 🙂
buzzaldrinsblog
November 14, 2013 at 3:20 pmLiebe Karo,
ich muss gestehen, dass ich beim Lesen Ousep auch ab und an ganz gerne mal schütteln wollte, damit er anfängt zu erkennen, was er selbst eigentlich angerichtet hat. Das hat bei mir aber der Freude an der Lektüre keinen Abbruch getan, ich finde es dagegen ganz im Gegenteil auch sehr reizvoll, wenn es einem Autor gelingt, so starke Gefühle bei seinen Lesern zu provozieren.
Liebe Grüße
Mara
wortstarkmh
November 12, 2013 at 8:34 amEine sehr schöne Buchempfehlung! Es klingt nach einer klugen, aber auch komischen und ungemein traurigen Erzählung mit Tiefgang.
buzzaldrinsblog
November 12, 2013 at 3:53 pmLiebe Michaela,
du hast die Geschichte in sehr treffende Worte zusammengefasst, genauso habe ich die Lektüre auch empfunden! 🙂 Ich werde nun auch auf jeden Fall das erste Buch des Autors lesen, das ich bisher noch nicht kenne.