Der Sommer hat lange auf sich warten lassen – Melitta Breznik

Melitta Breznik wurde 1961 in der Steiermark geboren und lebt heutzutage in Basel und Zürich. Im Luchterhand Verlag sind bereits einige viel beachtete Bücher von ihr erschienen, zuletzt im Jahr 2010 ihr Roman “Nordlicht”. Im vergangenen Herbst erschien ihr neuester Roman “Der Sommer hat lange auf sich warten lassen”.

Collage Breznik

Margarethe ist eine starke Frau, auch wenn sie bereits über neunzig Jahre alt ist. Ihr Leben im Altersheim empfindet sie wie das Leben in einer Zelle, in der sie selbst lediglich eine Insassin ist. Lang hat Margarethe an der Seite ihres zweiten Mannes Alexander ein selbstständiges Leben geführt. Ihr Alterswohnsitz war das “Grüne Haus” – ein Gemeinschaftsprojekt mehrere Freunde, die ein Haus renoviert haben, um sich dort niederzulassen. Doch Alexander ist nach einem Schlaganfall verstorben und Margarethe sah sich nicht länger dazu in der Lage, alleine zu leben. Ihre Selbstständigkeit hat sie mittlerweile gegen die Trägheit des Alters getauscht, die immer mehr Besitz von ihr ergreift. Doch Margarethe beschließt, bevor es ganz mit ihr zu Ende geht, noch einmal alle ihr zur Verfügung stehenden Kräfte zu sammeln und sich auf eine letzte Reise zu begeben. Sie flieht aus dem Altersheim, um an den Ort ihrer Kindheit zu reisen. Dort möchte sie sich mit ihrer Tochter Lena treffen, die bereits seit vielen Jahren in London lebt. Mutter und Tochter haben sich über zahlreiche Zerwürfnisse entfremdet, zwischen ihnen herrscht meistens Schweigen – ein Schweigen, das schwer ist von Ungesagtem und Vorwürfen. Reicht den beiden die gemeinsame Zeit, um sich versöhnen zu können?

“Dieser Krieg, der ständig unter der intakt anmutenden Oberfläche zum Vorschein kam.”

Die Reise an den Ort ihrer Kindheit nützt Margarethe zur Reflexion und erinnert sich zurück an die Vergangenheit. An ihr Aufwachsen nach dem Ersten Weltkrieg, das voller Entbehrungen gewesen ist. An ihren ersten Ehemann Max, der als Kind während der Kriegswirren in die Sowjetunion verschickt wurde, als er heimkehrte, kehrte er zu einer völlig veränderten Mutter zurück und in ein Leben, das nicht im Entferntesten dem glich, was er zuvor zurück gelassen hatte. Max und Margarethe lernten sich vor dem Zweiten Weltkrieg kennen und lieben, doch als Max in Kriegsgefangenschaft gerät und nach Griechenland verschleppt wird, kehrt er verändert und traumatisiert nach Deutschland zurück. Es wird ihm nie gelingen, die Erinnerungen an das, was er im Krieg erlebt hat, abzuschütteln – sie verfolgen ihn, Tag und Nacht. Auch Margarethe bewahrt Erinnerungen und Bilder in sich auf, wie in einem geschlossenen Gefäß; nicht einmal Max kann sie sich anvertrauen.

“Ich sehe die Bilder aus der Entfernung von fast siebzig Jahren an mir vorüberziehen und möchte nicht wieder in die Haut von damals schlüpfen und fühlen müssen, wie es wirklich war. Davor habe ich Angst, daran will ich nicht erinnert werden, aber ich weiß, all das liegt in meinem Körper begraben.”

Margarethe steht zwar im Zentrum des Romans, denn die Geschichte kreist um ihre Erinnerungen, doch Melitta Breznik lässt auch Max und Lena zu Wort kommen. Jedes Kapitel ist mit einem Ort und einer Jahreszahl überschrieben: die Handlung springt von Basel und London im Sommer 2011, in das Wien der sechziger Jahre und bis ganz zurück an den Anfang, nach Kapfenberg im Jahr 1934. Dadurch, dass der Roman um die Perspektiven von Max und Lena erweitert wird, entsteht ein vollständiges Panorama einer vom Krieg versehrten Familie. Die Erinnerungen der drei stimmen nicht immer überein, jeder von ihnen hat ein anderes Erleben der Vergangenheit.

“In den letzten Jahren habe ich versucht, Mutter besser zu verstehen, und die Geschichte ihrer und letztendlich auch meiner Familie kommt mir wie die Chronik eines schleichenden Verlusts vor, angefangen mit dem Tod ihrer Eltern, über den sie nie sprach, ich vermute, sie vermied es, um nicht hemmungslos losweinen zu müssen.”

Collage Breznik 1

“Der Sommer hat lange auf sich warten lassen” erzählt eine Geschichte des Krieges. Es ist eine Geschichte darüber, dass Kriege ganze Familie entzweien und zerreisen können. Es ist eine Geschichte darüber, dass Kriege eine Wunde sind, die sich vielleicht irgendwann schließt, die jedoch nie ganz heilen wird. Es ist eine Geschichte der Vergangenheit und der Erinnerungen. Erinnerungen, die immer noch bis hinein in unserer heutige Zeit wirken. Genau das ist vielleicht das Tragischste an diesem Roman: Lena hat den Krieg nicht erlebt, doch sie trägt schwer an den unausgesprochenen Erinnerungen ihrer Eltern, die wie eine Hypothek auf ihrem jungen Leben lasten. Ruth Klüger sagte einmal, dass Familien entweder zu viel oder zu wenig über den Krieg sprechen. Margarethes Familie hat zu wenig gesprochen, dadurch ist jeder von ihnen mit seinen Erinnerungen alleine geblieben. Wenn der Roman von Melitta Breznik eines zeigt, dann ist dies die Tatsache, dass wir sprechen müssen, um zu überleben.

“Nichts hatte ich Max vom Ende des Krieges erzählt, wozu erzählen, was mich seither innerlich verstummen hat lassen, was mich beim Gedanken die Fingernägel in meine Haut hat krallen lassen, um die Erinnerung zu verscheuchen, auszutreiben, die Schüsse, das Krachen, die Schatten, das Getümmel, meine Schreie.”

Melitta Breznik erzählt in “Der Simmer hat lange auf sich warten lassen” eine leise Geschichte, voller Feinfühligkeit und Sensibilität. Mit sanften Pinselstrichen zeichnet sie die Lebenswege ihrer Protagonisten nach und erzählt von deren Schicksalen. Es sind Schicksale, die vollgesogen sind mit Schwere und unausgesprochenen Vorwürfen, doch Melitta Breznik gelingt es aufzuzeigen, dass es möglich sein kann, sich ganz am Ende mit dem eigenen Leben und den eigenen Erinnerungen auszusöhnen.

8 Comments

  • Reply
    dasgrauesofa
    January 19, 2014 at 5:54 pm

    Liebe Mara,
    die Ausgangssituation erinnert mich sehr an Schertenleibs “Wald aus Glas”, in dem die Protagonistin ja auch dem Altersheim entflieht, um nach Hause zu reisen. (Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das ein wichtiges Motiv im Alter werden kann.) Aber dann wird doch die Familengeschichte und die Auswirkungen des Krieges auf die Menschen wichtiger. Wie lange und über wie viele Generationen die Kriegserlebnisse doch ihr Unwesen treiben! Vielen Dank für die schöne Besprechung des Romans – den ich natürlich auch gerne lesen würde, wenn…
    Viele Grüße, Claudia

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      January 20, 2014 at 2:02 pm

      Liebe Claudia,

      stimmt, bei Hansjörg Schertenleib flieht auch eine alte aber “starke” Frau aus dem Altersheim, um zurück in ihre Vergangenheit zu reisen. Dieses Motiv, sich im Alter noch einmal zurückzuwenden, ist sicherlich kein seltenes Motiv, ich kann diesen Wunsch noch einmal zurückzublicken sehr gut nachvollziehen. Bücher über den Krieg habe ich bereits viele gelesen, Wie es Melitta Breznik gelingt aufzuzeigen, wie lange ein Krieg eine Familie noch in den Fängen halten kann, ist jedoch beeindruckend.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    kulturgeschwaetz
    January 19, 2014 at 7:10 pm

    Du sollst doch nicht immer über Bücher schreiben, die ich dann lesen will, wenn ich gelesen habe, was du über sie schreibst.:(

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      January 20, 2014 at 1:59 pm

      Tschuldigung. 😉 Ich freue mich aber, dass ich deine Neugier und dein Interesse wecken konnte!

  • Reply
    Eva Jancak
    January 19, 2014 at 9:30 pm

    Das Buch beziehungsweise die Lesung daraus, ist irgendwie an mir vorbeigegangen, ich habe aber mal den Erzählband “Figuren” gelesen und Melitta Breznik ist sicher eine starke Autorenstimme, vielleicht komme ich noch mal zu dem Buch-

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      January 20, 2014 at 1:56 pm

      Liebe Eva,

      für mich war das Buch und die Autorin eine Neuentdeckung, ich hatte zuvor noch nichts gelesen. Dieses Buch wird aber sicherlich nicht meine letzte Lektüre von Melitta Breznik gewesen sein. Ihr sanfter und feinfühliger Erzählstil hat mir ausgesprochen gut gefallen.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    buechermaniac
    January 21, 2014 at 7:06 am

    Liebe Mara

    Chapeau für deine sehr feine und einfühlsame Besprechung dieses wunderbaren, wenn auch traurigen Buches. Melitta Breznik ist ein grossartiger Roman gelungen und die Textpassagen, die du gewählt hast, sind auch mir in die Augen gesprungen, denn sie sind sehr ausdrucksstark und sagen eigentlich alles.

    LG buechermaniac

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      January 23, 2014 at 3:28 pm

      Liebe buechermaniac,

      deine Besprechung zu dem Buch hat mir auch sehr gut gefallen: wunderbar, wenn auch traurig – das trifft mein Lektüreerlebnis eigentlich punktgenau. Schade, dass das Buch auf vielen Literaturblogs bisher noch nicht Thema gewesen ist, die Autorin und die Geschichte hätte etwas mehr Aufmerksamkeit verdient.

      Liebe Grüße
      Mara

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