Im Licht von Apfelbäumen – Amanda Coplin

Amanda Coplin wurde in Wenatchee geboren;  mit “Im Licht von Apfelbäumen” legt sie ihren ersten Roman vor. Sie hat bereits zahlreiche Stipendien erhalten und war unter anderem als Writer in Residence am Ledig House in Upstate New York. Wer mehr über die Autorin erfahren möchte, sollte einen Blick auf die Homepage von Amanda Coplin werfen.

Collage Coplin

“Das Leiden hatte ihn geformt, ihn schweigsam gemacht und vorsichtig, bedachtsam: tiefgründig. Großherzig, freundlich und rücksichtsvoll, obwohl er das auch vorher schon gewesen war. Mit jeder bedachtsamen Geste zielte er weit zurück und hoffte, seine Schwester zu erreichen, sie irgendwo aufzuspüren.”

William Talmadge lebt in einem abgelegenen und fruchtbaren Tal im nordöstlichen Teil von Washington. Im Sommer 1857 ist er gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Schwester dorthin gezogen, damals war William Talmadge neun Jahre alt. Nicht einmal sieben Jahre später, bleibt Talmadge alleine auf der Farm zurück, die Mutter starb an einer Atemwegserkrankung seine Schwester Elsbeth ging in den Wald und kehrte nie wieder zurück. Die Jahre vergehen, doch seine geliebte Schwester kann Talmadge nicht vergessen, auch wenn er sich mit der Zeit an diesem abgeschiedenen Ort in seiner Einsamkeit eingerichtet hat. In Gedanken ist Elsbeth, wenn er die Apfel- und Aprikosenbäume erntet, immer bei ihm.

“Das Einzige, was – vielleicht – noch schlimmer war, als mit Sicherheit zu wissen, dass man sie verschleppt hatte, war, es nicht zu wissen. Das war die traurige Wahrheit. Und Talmadge lebte mit dieser Ungewissheit, er hatte sich darin eingerichtet, und es gab keine Möglichkeit für ihn, jemals wieder zur Ruhe – wirklich zur Ruhe – zu kommen.”

Eines Tages tauchen zwei junge Frauen auf, die Äpfel von den Bäumen stehlen. Talmadge lässt sie gewähren und die beiden kehren immer wieder zu der Plantage zurück. Die Frauen sind scheu und verängstigt, doch dieser alte und gutmütige Mann, macht sie auch neugierig. Sanft und ohne viele Worte nähern sich die drei an und Della und Jane, so heißen die beiden Frauen, werden Stück für Stück zu einem neuen Bestandteil von Talmadges Leben. Als er ihnen Zutritt in sein Leben als Einsiedler gewährt, kann Talmadge nicht ahnen, wie weitreichend diese Entscheidung sein restliches Leben verändern sollte und welches grausame Schicksal die beiden Frauen teilen …

“Freundlichkeit konnte sich mir nichts, dir nichts in ihr Gegenteil verkehren, konnte einem die Luft abdrücken oder mit dem Handrücken ins Gesicht schlagen.”

Amanda Coplin erzählt in ihrem Debütroman “Im Licht von Apfelbäumen” eine berührende Geschichte, eine Geschichte, in der Tragik und Hoffnung mit einem ganz zart schimmernden Faden miteinander verbunden werden. Verzaubern kann der Roman dabei nicht nur durch den Handlungsort, denn die abgelegene Plantage ist ein herrlich einsamer und in der Natur gelegener Ort und die Geschichte ist angefüllt mit traumhaften Landschaftsbeschreibungen, sondern auch durch die beschriebenen Figuren.

“Die Tage verschwammen, einer war weitgehend wie der andere. Es gab kaum Veränderungen. Vielleicht war die Zeit stehen geblieben; vielleicht hatte sie nie existiert. Es war nicht klar, was geschehen würde.”

Im Zentrum der Geschichte steht William Talmadge, der immer nur bei seinem Nachnamen genannt wird. Talmadge ist kein Mann, der vielen Worte. Geprägt wurde sein Leben durch den frühen Verlust seiner Schwester. Dieser Verlust hat ihn zu einem sensiblen Mann gemacht, der sich in seiner Einsamkeit und einem Leben, das aus Apfel- und Aprikosenbäumen besteht, eingerichtet hat. Die Begegnung mit Della und Jane gibt ihm zum ersten Mal in seinem Leben die Möglichkeit, etwas wieder gut zu machen, was er glaubt, bei seiner Schwester falsch gemacht zu haben. Della und Jane geben ihm die Möglichkeit, das drängende Gefühl der Schuld und Unzulänglichkeit abtragen zu können und zu mildern.

“Es war alles neu – die Gesellschaft, die Geräusche -, doch zugleich hatte er das Gefühl, als gehe es schon seit Langem so. Er war, dachte er – und die Erkenntnis erschütterte ihn -, glücklich.”

Auch die beiden Frauenfiguren werden von Amanda Coplin mit viel Wärme und Liebe gezeichnet, aber auch in all ihrer Zerrissenheit, in ihrer Orientierungslosigkeit, in ihrer Verzweiflung. Besonders die Lebensgeschichte von Della ist mir nahe gegangen; selten zuvor hat mich das Schicksal einer Romanfigur so im Innersten berühren können. An der Lebensgeschichte von Della wird deutlich, dass Erlebnisse in der Kindheit einen für immer prägen, aber auch zerstören, können. Caroline Middey, eine Ärztin, die mehrmals aus der Stadt anreist, um Talmadge zu unterstützen, fungiert als weise Stimme der Vernunft, die voller Ruhe und Gelassenheit Situationen bewertet und Ereignisse in die richtige Richtung lenkt.

Collage Coplin 2

“Wer hat in dieser Gegend schon eine Kindheit?, sagte sie oft. Wenn man geboren werde, sei der Tod bereits im Zimmer, warte bereits auf einen.”

Die Geschichte, die Amanda Coplin erzählt fasst einen Zeitrahmen von mehreren Jahrzehnten ein: von der Mitte des 19. Jahrhundert an, bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts reicht die Erzählung, die sich auf die arme Bevölkerungsschicht von Amerika konzentriert, die darum bemüht ist, ihr Geld in der Landwirtschaft zu verdienen. Amanda Coplin erzählt eine herzergreifend Geschichte, bei der sie jedoch auf Kitsch und Sentimentalitäten verzichtet. Der Roman wird – ganz im Gegenteil – mit einer ungeheuer tiefen Kraft und einer außerordentlichen Ruhe erzählt.

“Im Licht von Apfelbäumen” ist ein Roman, der aus dem Leben von Menschen erzählt, die es nicht einfach haben. Von Menschen, die das, was sie erlebt haben, nicht mehr loslässt, die ein Leben führen, das bestimmt ist von dem, was ihnen widerfahren ist, deren Seelen Wunden tragen, die eitern statt zu heilen und die dennoch die Möglichkeit erhalten, ein ganz besonderes Gefühl zu entdecken: das Gefühl der gegenseitigen Liebe. Eine Liebe, die die Zeit überdauern kann. Amanda Coplin ist ein wunderbarer Roman gelungen, auf den letzten Seiten abgerundet durch ein großartiges Ende, das ich am Liebsten immer und immer wieder gelesen hätte.

10 Comments

  • Reply
    NanniNanni
    February 11, 2014 at 1:56 pm

    Ich habe jetzt mal nur den letzten Abschnitt deiner Rezi gelesen, da das Buch bei mir auf dem SuB liegt. Aber eben diese machen mich sehr neugierig darauf den Roman zu lesen und versprechen eigentlich das, was ich mir auch von Coplins Debüt erhoffe.

    LG Nanni

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 11, 2014 at 2:33 pm

      Wenn das Buch bei dir noch auf dem SuB liegt (bei mir ist das ja erschreckenderweise eher ein RuB), dann hast du etwas, auf das du dich definitiv noch freuen kannst. 🙂 Bei der Lektüre wünsche ich dir viel Spaß – auf deine Eindrücke bin ich schon jetzt sehr gespannt. 🙂

      • Reply
        Nanni
        February 12, 2014 at 7:57 am

        Ich werde es mir sicher sehr bald vornehmen 🙂

        Naja eigentlich ist der SuB bei mir auch eher ein RuB, da ich die Bücher aber geschickt überall verteile, sieht es nur nach SuB aus …dutzenden von SuB`s 😉

        Neulich sagte mal jemand zu mir: “Ich würde nervös, wenn ich so viele Bücher um mich herum hätte. Ich hab nur 15 oder 20 Stück.” Woraufhin ich entgegnete: ” Und das würde MICH nervös machen!” 😉

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          February 14, 2014 at 2:32 pm

          Deine Entgegnung kann ich gut nachvollziehen, ich habe auch die irrationale Angst, dass mir die Bücher ausgehen könnten und bei nur noch 15 Büchern würde ich wohl eine ausgewachsene Panikattacke bekommen. 😉

  • Reply
    lesenslust
    February 15, 2014 at 11:21 am

    Irgendwie hast du mich neugierig gemacht. Ich liebe Geschichten, die scheinbar alltäglich sind und doch so komplexe Verwebungen aufzeigen.

    “Es war alles neu – die Gesellschaft, die Geräusche -, doch zugleich hatte er das Gefühl, als gehe es schon seit Langem so. Er war, dachte er – und die Erkenntnis erschütterte ihn -, glücklich.”

    Das Zitat hat mir besonders gut gefallen. Ich denke, ich lass das Buch mal auf meinen Wunschzettel wandern. =)

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 16, 2014 at 1:28 pm

      Das würde mich freuen! 😀 Ich bin über dieses Buch auf anderen Blogs leider noch nicht all zu häufig gestolpert, mich hat es aber wirklich begeistern können. 🙂

  • Reply
    Die Sonntagsleserin #KW7 | Literaturen
    February 16, 2014 at 7:15 am

    […] buzzaldrins Bücher gab es natürlich wieder eine Menge zu entdecken, besonders ins Auge gestochen ist mir aber Amanda […]

  • Reply
    [Die Sonntagsleserin] KW #07 – Februar 2014 | Phantásienreisen
    February 16, 2014 at 9:35 am

    […] Buzzaldrins Bücher findet ihr in dieser Woche unter anderem eine Rezension zu “Im Licht von Apfelbäumen”. Amanda Coplins Debütroman verspricht den Lesern “eine berührende Geschichte, eine […]

  • Reply
    Sonntagsleserin #KW7 | Wörterkatze
    February 16, 2014 at 1:26 pm

    […] Mara Giese von buzzaldrin erzählt “Im Licht von Apfelbäumen” von Amanda Coplin “Von Menschen, die das, […]

  • Reply
    Amanda Coplin: Im Licht von Apfelbäumen | Bücherwurmloch
    December 17, 2014 at 9:22 am

    […] großartiges Ende, das ich am liebsten immer und immer wieder gelesen hätte“, schwärmt Mara von buzzaldrins.de. – „Amanda Coplin erzählt diese Geschichte um (Wahl-)Familie, Freundschaft und Unrecht in […]

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