So wirst du stinkreich im boomenden Asien – Mohsin Hamid

Selbsthilfebücher gibt es wie Sand am Meer. Unter all den Ratgebern, die sich in Hülle und Fülle ganz unterschiedlichen Themen widmen, sticht der von Mohsin Hamid aber heraus, denn Ratgeber, wie man stinkreich im boomenden Asien wird, gibt es bisher wohl noch nicht all zu häufig. Geboren wurde Mohsin Hamid in Pakistan, studiert hat er in Amerika. Mittlerweile lebt er gemeinsam mit seiner Familie wieder in seinem Heimatland. Bisher erschienen von ihm bereits die Romane “Der Fundamentalist, der keiner sein wollte” und  “Nachtschmetterlinge”. “So wirst du stinkreich im boomenden Asien” erschien im vergangen Literaturherbst und wurde übersetzt von Eike Schönfeld.

Collage Hamid

“Seien wir ehrlich, ein Selbsthilfebuch ist ein Widerspruch in sich, es sei denn, man schreibt selbst eines.”

Mohsin Hamid erzählt in “So wirst du stinkreich im boomenden Asien” die Lebensgeschichte seines namenlosen Protagonisten, der vom Autor immer nur mit einem Du angesprochen wird. Er wächst in einem asiatischen Land auf, das auch namenlos bleibt, jedoch an Pakistan  erinnert . Es ist die Lebensgeschichte eines Mannes, der vom kränklichen Jungen (einem kleinen, gelbsüchtigen Dorfjungen), der mit seinen Eltern und zwei älteren Geschwistern in der ärmlichen und bäuerlichen Provinz aufwächst, zu einem erfolgreichen Geschäftsmann und Großunternehmer aufsteigt.

“Dieses Buch ist ein Selbsthilfebuch. Sein Zweck ist, wie im Titel angegeben, dir zu zeigen, wie man stinkreich werden kann im boomenden Asien.”

Aufgebaut ist das Buch wie ein typisches Selbsthilfebuch, jedem Kapitel sind Tipps vorangestellt, wie man sie so oder so ähnlich auch in herkömmlichen Ratgebern finden dürfte. Es sollte nicht verwundern, dass der erste Ratschlag “Zieh in die Stadt” lautet, denn für den Protagonisten ist dies der erste Schritt auf dem Weg zu einem stinkreichen Geschäftsmann. Als er und seine Familie endlich die engen Grenzen des heimatlichen Dorflebens zurücklassen, öffnen sich für den Protagonisten ganz neue Welten. Zunächst arbeitet er noch als Fahrradkurier, der mitten in der Nacht DVDs ausliefert, doch es soll nicht lange dauern, bis er sein eigenes Unternehmen gründet. Ironischerweise baut er sich sein Imperium mit dem wichtigsten und knappsten Gut unserer heutigen Welt auf – er investiert in die Erstellung und den Verkauf von Tafelwasser.

“Die Straße zum Glück hält Gabelungen bereit, die nichts mit Wahl, Wunsch oder harter Arbeit zu tun haben, Gabelungen, die mit Zufall zu tun haben, und in deinem Fall ist einer davon der Zeitpunkt deiner Geburt.”

Es sind insgesamt zwölf Ratschläge, die dem Leser auf dem Weg dahin stinkreich im boomenden Asien zu werden, erteilt werden: sie reichen vom Hinweis darauf, sich Bildung zu verschaffen, bis zum Tipp nie Kriegskünstler zu fördern. Getrieben von dem Wunsch stinkreich zu werden, befolgt der Protagonist alle Ratschläge, doch er muss erkennen, dass Reichtum etwas Flüchtiges ist, das einem, auch wenn man glaubt, es in Händen zu halten, im nächsten Moment zwischen den Fingern zerrinnen kann. Reichtum macht vielleicht stinkreich, aber nicht unbedingt glücklich. Glücklich macht den Protagonisten nur das hübsche Mädchen, das er bereits als Junge kennen lernt, jedoch nicht festhalten kann. Doch die Lebenswege der beiden kreuzen sich immer wieder. Während der Protagonist ein erfolgreicher Vertreter von Tafelwasser wird, wird das hübsche Mädchen ein erfolgsverwöhntes Model.

“Du bist wie eine lebende Erinnerung, und sie, gegen Erinnerungen gnadenlos resistent, ist wegen dir durcheinander. Deine Sprechweise enthält, auch wenn sie sich in dem Jahrzehnt seit eurem letzten Gespräch weiterentwickelt hat, noch immer den Tonfall, in dem auch sie einmal gesprochen hat, mehr noch als den Tonfall die Perspektiven, die Ansichten des Viertels, dem sie einmal angehört hat, eines Viertels, dem entflohen zu sein sie froh ist und in das sie nicht zurück will, nicht einmal für einen Augenblick, nicht einmal flüchtig.

Der dritte Ratschlag des Buches ist kurz und prägnant: “Verlieb dich nicht”. Der Protagonist heiratet, doch es ist eine Heirat aus Vernunftsgründen, keine Liebesheirat. Er liebt ausschließlich das hübsche Mädchen, doch diese Liebe in ein gemeinsamen Lebensglück zu überführen, gelingt ihm nicht, doch es gelingt ihm, sich seine Liebe zum Leben, zum hübschen Mädchen und zu seinem Sohn zu bewahren. Mohsin Hamid begleitet den Weg der beiden bis zu ihrem Ende, er lässt beide namenlose Figuren immer wieder aufeinanderprallen; ihre Lebensläufe trennen sich, nur um sich wieder zu vereinen und wirft dabei gleichzeitig die Frage auf, wann man wirklich steinreich ist: wird Reichtum in Geld gemessen, oder in Glück und Liebe? Kann man auch als armer aber liebender Mann stinkreich sein?

Collage Hamid 2

“Die Früchte der Arbeit sind köstlich, aber einzeln machen sie nicht besonders dick. Also teil deine nicht un beiß in die anderen, sooft du kannst.”

In “So wirst du stinkreich im boomenden Asien” begleitet man den Protagonisten ein ganzes Leben lang. Vom Anfang, bis zum Ende. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass das Buch lediglich 220 Seiten umfasst; in diesem Fall lässt sich wirklich von einem rasanten Erzähltempo sprechen. Mohsin Hamid parodiert natürlich die Selbsthilfebücher, die einer Flut gleich den Markt überschwemmen und doch finden sich auch in seinem Selbsthilfebuch zwischen all den anderen Sätzen kleine Satzjuwelen, die man sich ins Herz schreiben möchte.

“Denn es hat einmal einen Augenblick gegeben, in dem alles möglich war. Und es wird einen Augenblick geben, in dem nichts mehr möglich ist. Aber in der Zwischenzeit können wir gestalten.”

Mohsin Hamid gelingt mit “So wirst du stinkreich im boomenden Asien” eine scharfzüngige und intelligente Satire, die sich zum einen unserer globalisierten Welt widmet, die sich immer rasanter entwickelt, zum anderen aber auch einen Blick auf das wirft, was sich hinter dem Streben nach Reichtum verbirgt. Am Ende eines langen Lebens ist es bei manchen Menschen vielleicht einfach der Wunsch nach Wärme und Liebe. Ich habe selten zuvor einen Roman gelesen, der mir so sehr Selbsthilfebuch gewesen ist: Mohsin Hamid regt dazu an, sein eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen und das Beste daraus zu machen.

11 Comments

  • Reply
    Karo
    February 14, 2014 at 6:48 pm

    Liebe Mara, dieses Buch hatte ich letzten Herbst auch mal auf dem Schirm, deshalb war ich besonders gespannt auf deine Rezension. Aber trotz der originellen Idee, finde ich, klingt die Umsetzung recht vorhersehbar und gewöhnlich. Außerdem würde mich interessieren: Hat dich die “Du”-Form im Text nicht irgendwann genervt? Also ich muss gestehen, dass ich nach deiner Besprechung eher froh bin, es nicht gelesen zu haben 😉

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 15, 2014 at 9:51 am

      Liebe Karo,

      ich danke dir für deinen Kommentar und auch für deine “Ehrlichkeit”. 😉 Auch wenn ich es natürlich schade finde, dass ich dich mit meiner Besprechung nicht neugierig machen konnte. Die “Du”-Perspektive hat mich übrigens nicht gestört, ich habe noch nicht viele Bücher gelesen, die aus dieser Perspektive heraus geschrieben worden sind und ich fand die Umsetzung sehr interessant. Einschränkend muss ich natürlich sagen, dass das Buch auch nur 220 Seiten – über 500 Seiten hätte ich das vielleicht auch eher anders empfunden.

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
      Mara

      • Reply
        Karo
        February 15, 2014 at 12:15 pm

        Deine Besprechung fand ich ja super und sehr hilfreich, nur der Inhalt des Romans hat mich nicht angesprochen 🙂 Dir auch ein schönes Wochenende!

  • Reply
    lesenslust
    February 15, 2014 at 11:16 am

    Ich bin hin- und hergerissen, irgendwie klingt die Story sehr interessant, dann, wenn ich den Aspekt mit dem Lebenratgeber lese, schreckt mich das irgendwie ab. Die Aufmachung des Buches ist witzig, aber dem Buch einen derarten Titel zu geben, find ich eigenartig. Auch die Sache mit dem Protagonisten, der scheinbar keinen Namen zu bekommen scheint und dem “hübschen Mädchen”. Macht das der Autor, damit man Distanz zur Geschichte wahren kann?

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 16, 2014 at 1:30 pm

      Die “Du”-Perspektive führt sicherlich dazu, dass das Buch auch als Parabel gelesen werden könnte, für all die Geschichten von Menschen, die reich werden wollten und dabei vergessen haben, was eigentlich ein reiches Leben ausmachen könnte: nicht nur Geld, sondern auch Liebe und Glück. 🙂 Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, vielleicht auch gerade weil ich ansonsten Ratgeber eher nicht in die Hand nehmen würde.

  • Reply
    birtheslesezeit
    February 15, 2014 at 11:24 am

    Liebe Mara, ich weiß auch nicht so recht, was ich von solchen “Ratgebern” halten soll… Aber danke für die Vorstellung dieses Buches – hört sich immerhin …interessant – an ;-).
    Habe Dir übrigens ein Stöckchen zugeworfen – vielleicht magst Du es ja fangen …? ;-). Liebe Grüße

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 16, 2014 at 1:27 pm

      Ich lesen ansonsten übrigens in der Tat auch keine Ratgeber oder Selbsthilfebücher – dieses hier ist ja auch eher eine Parodie auf all diese selbsternannte Fachliteratur. 🙂

      Danke auch für das Stöckchen, ich schaue mal, ob Bandit die Zeit findet, es zu fangen.

  • Reply
    masuko13
    February 15, 2014 at 12:46 pm

    Tolle Besprechnung!! Ich erinnere mich, dass Hamids Roman mich damals sehr begeistert hat. Die “Du”-Perspektive empfand ich als einen ganz raffinierten Kniff. Nie störend.
    Ich mochte, Hamids rasante Schreibweise und dass die Story jede Menge Weisheit enthält. Liebe kann vielleicht ein Hemmnis sein, um reich zu werden. Aber was nutzt alles Geld der Welt, wenn man ohne Liebe ist?
    Ich war immer dann am glücklichsten beim Lesen, wenn das hübsche Mädchen auftauchte. Für mich eine der schönsten Liebesgeschichten.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 16, 2014 at 1:23 pm

      Liebe Masuko,

      oh, wie schön, dass du das Buch auch gerne gelesen hast! 🙂 Ich finde es toll, dass du den Fokus auf die Liebesgeschichte legst, in der Tat ist das Buch neben all der Satire und der Parodie von Selbsthilfebüchern schlichtweg einfach eine wunderschöne Liebesgeschichte.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    (Die Sonntagsleserin) KW #07 – Februar 2014 | Bücherphilosophin.
    February 16, 2014 at 7:06 am

    […] Hinter Mohsin Hamids “So wirst du stinkreich im boomenden Asien” verbirgt sich nicht etwa ein Ratgeber für aufstrebende Geschäftmänner, sondern “eine scharfzüngige und intelligente Satire, die sich (…) unserer globalisierten Welt widmet”, mehr dazu bei buzzaldrins Bücher. […]

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