Gefährliche Arten – Svealena Kutschke

Svealena Kutschke wurde 1977 in Lübeck geboren. Nach einem Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetischen Praxis in Hildesheim lebt sie heutzutage als freie Autorin in Berlin. 2008 gewann sie den Open Mike, ein Jahr später wurde ihr vielbeachteter Debütroman “Etwas Kleines gut versiegeln” veröffentlicht. Im vergangenen Literaturherbst erschien im Eichborn Verlag ihr zweiter Roman “Gefährliche  Arten”.

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“Auch wenn ich wusste, dass es nur die Erinnerung an Glück war, fehlte mir im Gegensatz zu den anderen jede ironische Distanz.”

“Gefährliche Arten” beginnt mit einem Moment, der schockiert, entsetzt, verstört. Es ist der Moment in dem Sasha, eine junge Künstlerin, eine obdachlose Frau im Schlaf ermordet, in dem sie ihren Fuß auf ihre Kehle stellt. Während sie mit ihrem nackten Fuß der Frau die Luft zum Atmen abdrückt, telefoniert sie mit ihrer kleinen Tochter Lizzy. Diese Szene ist dem Buch in Form eines Prologs vorangestellt. Es ist ein Prolog, der sich schattengleich auf die Figur von Sasha in allen weiteren Szenen legt, wie ein Abdruck auf der Netzhaut, der sich nicht mehr wegwischen lässt.

“In den nächsten Wochen würde ich Freunden wie Fremden bei der ersten Gelegenheit, auf Partys und in Cafés, im Supermarkt und in der U-Bahn unaufgefordert mitteilen, dass meine Mutter versucht hätte, sich zu erhängen, ertränken, ersticken, erschießen, und die irritierten, peinlich berührten oder auch verärgerten Blick fotografieren.”

Sasha ist Künstlerin. Wenn man so wollen würde, könnte man sie als Konzeptkünstlerin bezeichnen. Das Konzept hinter ihrer Kunst ist der Wunsch danach, zu verstören. Sie möchte Kunst schaffen, die berührt und wenn sie allein dadurch berührt, dass sie verwirrt und schockiert, Entsetzen und Ekel hervorruft oder auch provoziert. Die Kunst ist für Sasha eine Möglichkeit ihr Leben zu verlassen und fremde Welten zu betreten: für ihre Kunstprojekte schlüpft sie in fremde Leben, verkleidet sich als Apothekerin, stempelt als Postangestellte Briefe oder handelt mit ausgestopften Tieren. Ihr Privatleben ist ähnlich turbulent wie ihre Performance-Kunst. Mal schläft sie mit Mo, mal mit Tim, dann mit Jannis. Dabei ist Jannis doch eigentlich mit Sophie zusammen, die wiederum eine Affäre mit Tim hat. Gemeinsam nimmt man Drogen, liebt und streitet sich.

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“Mit Jannis zu reden war wie eine Line zu ziehen, zusammen entwickelten wir Gedanken, die in der Lage waren, Glas zu schneiden.”

Das Leben von Sasha ist spielerisch, nicht spielerisch leicht, aber spielerisch wie ein Abenteuerspielplatz. Als wäre das ganze Leben von Sasha ein Ausstellungsstück ihrer eigenen Konzeptkunst. Nichts ist ernst, nichts bleibt. Doch dann bleibt Jannis, mit dem sie gemeinsam ein Kind bekommt: Lizzy. Doch kaum ist Lizzy auf der Welt, treibt es Sasha und Jannis bereits wieder auseinander: “Dass wir Lizzy zeugten, in dem Moment, wo wir erkannten, dass wir einen Fehler gemacht hatten.” Sasha bricht aus, aus den Erwartungen an sie und aus den Erwartungen die ein Leben mit Kind schüren. Sie setzt sich ab, aufs Land, später nach Nanjing – Lizzy lässt sie bei Jannis zurück.

“Die ganze Wohnung kam mir vor, als wäre sie eine Kulisse. Auch Jannis und Lizzy blieben zweidimensional, wenn auch eine beunruhigend echte Körperwärme von ihnen ausging.”

Sasha gerät in einen Strudel, aus dem sie nicht herausfindet. Während Jannis die Geburt seiner Tochter zum Anlass nimmt, die wilden Zeiten zurückzulassen und ein ruhigeres Leben zu beginnen, stürzt Sasha ab. Die Drogen, die sie nimmt, führen irgendwann dazu, dass sie selbst kaum noch zwischen Kunst und Leben, zwischen Wahn und Realität, zwischen Phantasie und Wirklichkeit unterscheiden kann.  Sie beginnt Liebe die vergeht, mit Hass zu verwechseln. Sie wird gemein, perfide, zeigt ihr hässliches Gesicht und ist zu Dingen fähig, von denen man im Prolog des Romans eine Ahnung erhält.

“Die Liebe kann doch nicht mehr gut schmecken. Da steckt doch schon der Dreck von Generationen drin. Tränen, gebrauchte Kondome, Judith Butler, Alice Schwarzer, Marquise de Sade und Don Juan. Eheringe oder Goldkronen, macht doch keinen Unterschied. Ist es nicht egal, was ich mir im Kino schaue? Einen Porno oder Himmel über Berlin. Ist es nicht egal?”

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“Gefährliche Arten” ist ein schmales Büchlein, doch den Eindruck, ein leichtes Lesevergnügen vor sich zu haben, der täuscht. Svealena Kutschke schreibt über die Liebe und unsere heutige Generation, doch “Gefährliche Arten” ist ganz sicherlich weit entfernt von einer Liebesgeschichte oder gar von einem Wohlfühlroman. Man fühlt sich in diesem Roman nicht wohl. Ganz im Gegenteil: ich habe mich abgestoßen gefühlt, angeekelt, frustriert, verwirrt, verstört. Einen roten Faden zu finden ist schwer, zusammengehalten wird die Geschichte durch die Schockmomente. Der rote Faden ist der schleichende Absturz von Sasha, es ist ein Sturz in die Bodenlosigkeit – an einen Ort, wo Wahn und Realität eins zu werden scheinen. An diesem Punkt kann der Roman überzeugen: Svealena Kutschke pflanzt uns hinein in den Kopf einer Figur, die irgendwann einen Zustand erreicht hat, an dem sie nicht mehr weiß, ob sie das, was sie gerade getan hat, wirklich getan hat. Auch sprachlich überzeugt die Autorin mit Sätzen, die wie Rasierklingen in weiße helle Haut schneiden. Es gibt wunderbare Sätze, die man am Liebsten für immer im Kopf behalten möchte. Und doch! Und doch, und doch, und doch hat mir der vielbeschworene rote Faden gefehlt. Das Garn, was all diese bestürzenden Momente und wunderbaren Sprachbilder zusammennähen könnte, das fehlt. Leider. Das führt dazu, dass “Gefährliche Arten” an vielen Stellen ein fragmentarisches Leseerlebnis bleibt.

Svealena Kutschke legt mit “Gefährliche Arten” einen gefährlichen Roman vor, der rau, hart und derb ist, voller Ecken und Kanten, an denen man sich beim Lesen stoßen kann. Beworben wird das Buch als Generationenroman, doch mich habe ich in dieser Generation nicht wiederfinden können. Gelesen habe ich stattdessen einen Roman über die Macht der Kunst, die Kraft der Bilder und die dreckigen und verdorbenen Seiten der Liebe.

13 Comments

  • Reply
    saetzebirgit
    February 17, 2014 at 12:27 pm

    Hmmm….die Hammerszene, mit der das Buch beginnt – ich glaube, das wäre nichts für mich. Deine Besprechung gibt eindrücklich wieder, dass es ein verstörendes Buch zu sein scheint…

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 17, 2014 at 12:46 pm

      Ja, verstörend ist es in der Tat! Ich denke auch, dass die Autorin es auf diese verstörenden Effekte angelegt hat. Ob ich den Roman weiter empfehlen kann, weiß ich nicht … ich selbst musste ihn mehrmals lesen, bevor ich das Gefühl hatte, Worte dafür finden zu können. Eine intensive und verstörende Lektüre ist das Buch also in jedem Fall.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    dasgrauesofa
    February 17, 2014 at 12:49 pm

    Liebe Mara,
    die Verstörung ist tatsächlich das wesentliche Element, das ich au Deiner eindrücklichen Besprechung mitnehme. Und da ich gerade mit Viktor in Bosnien (ich lese gerade – angeregt durch Sophies Besprechung – den Roman von Martin Kordic) schon ziemlich viel Verstörendes erlebe, muss ich erst einmal wieder zu Atem kommen.
    Viele Grüße, Claudia

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 17, 2014 at 5:38 pm

      Liebe Claudia,
      das Buch von Martin Kordic liegt hier übrigens auch noch und wartet darauf, gelesen zu werden – vielleicht sollte ich nach dieser Lektüre zuvor aber erst einmal eine kleine Pause machen. Verstörung ist wirklich das passende Schlagwort für diesen Roman, den man irgendwie als Gesamtkunstwerk mit Schockeffekten betrachten muss und doch hat mir irgendwie etwas gefehlt bei Lesen.
      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    bookwives
    February 17, 2014 at 3:10 pm

    Verstörend, aber trotzdem interessant klingend… Danke für die tolle Rezension!
    SaCre

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 17, 2014 at 5:39 pm

      Gerne! Ich freue mich, dass dich die Rezension – trotz der Kritikpunkte – neugierig macht. Falls du das Buch lesen solltest, würde ich mich sehr über deine Eindrücke freuen, denn im Netz bin ich bisher noch nicht über viele Stimmen zu diesem ungewöhnlichen Roman gestolpert.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    mickzwo
    February 17, 2014 at 7:25 pm

    Wenn Imitation für die Wirklichkeit genommen wird: das ist kalt und macht gemeinsam einsam.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 19, 2014 at 4:50 pm

      Schön gesagt, genau das lässt sich auch im Roman feststellen.

  • Reply
    Literatella
    February 18, 2014 at 5:27 am

    Ich finde, Bücher sollten das Leben bereichern (Gedanken- und Gefühlswelt) … Ich kann mir ehrlich gesagt nicht ganz vorstellen, wie eine verstörende Geschichte, mit noch so vielen Preisen ausgezeichnet, eine echte Bereicherung darstellen sollte. Das Lesen an sich sollte Freude im Herzen versprühen, bloß weiß ich nicht, wie dies möglich sein sollte, wenn eine Geschichte während des Lesens düstere Stimmung verursacht und verstörend auf die Seele wirkt. Auch die Gedanken, die einen nach dem Lesen eines solchen Buches beschäftigen, dürften nicht gerade rosig und aufbauend sein. Aber gut – so eine Geschichte, das ist vermutlich Kunst. Und schließlich kann jeder lesen, was er mag.

    Hut ab, dass Du diesen Roman gewählt und darüber auch berichtet hast, indem du die richtigen Worte fandest, um uns allen dieses Buch näher zu bringen. Ich für meinen Teil denke aber, dass ich lieber deine nächste Rezension abwarten werde … 🙂

    LG
    Literatella

    • Reply
      laura
      February 19, 2014 at 11:52 am

      Eine verstörende, aufrüttelnde Lektüre kann doch auch das Leben und die Wahrnehmung bereichern, das ist zumindest meine Meinung. Ich bin allerdings auch eine Leserin, die das Düstere und Verstörende mag und sucht, gerade weil es eine Herausforderung ist. Wenn alles nur freudig und nett ist, langweile ich mich beim Lesen.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 19, 2014 at 4:49 pm

      Liebe Literatella,

      ich stimme dir insofern zu, dass auch ich mir wünsche, dass Bücher mein Leben in jeglicher Form bereichern. Ich finde aber nicht, dass Bereicherung nur dann funktioniert, wenn es sich um schöne, angenehme Wohlfühllektüre handelt (um es nun mal überspitzt zu formulieren). Mich können auch Bücher bereichern, die schmerzhaft sind, die mich verstören und befremden. Auch eine schmerzhafte Auseinandersetzung kann bereichernd sein.

      Ich bin gespannt, ob meine aktuelle Besprechung, dich eher neugierig machen konnte … 😀
      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    laura
    February 19, 2014 at 11:59 am

    Spannend, dass du das Buch hier vorstellst, Mara, das bei mir seit Weihnachten steht und mich mit einem kleinen bösen, herausfordernden Blick anschaut um gelesen zu werden. Ich hab bei der Auftaktveranstaltung des Open Mike S. Kutschke lesen hören aus eben diesem Buch und es mir daraufhin schenken lassen, weil ich das Dunkle, Aufrüttelnde mag. Ich finde, gerade verstörende Lektüre kann einen intensiven Eindruck hinterlassen und das mag ich bei Büchern, wenn ihr Inhalt nicht nur an mir vorbeirauscht, sondern mich erschüttert und Fragen aufwirft (wie auch bei Bernhard :)).
    Ich werde das Buch bald lesen und bin gespannt, ob mir auch der rote Faden fehlen wird, wie dir oder ob ich ihn für mich entdecke… Jedenfalls hast du, gerade weil du so offen von deinen eher negativen Eindrücken sprichst, mich wieder sehr neugierig auf dies Buch gemacht! Beste Grüße, Laura

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 19, 2014 at 5:00 pm

      Liebe Laura,

      danke für deinen interessanten Kommentar. Auch ich mag dunkle Lektüre, die schmerzhaft sein kann oder aufrüttelt und erschüttert – da sind wir in der Tat wohl wieder bei Thomas Bernhard. Als ich das Buch von Svealena Kutschke gelesen habe, habe ich realisiert, dass ich bereits viel zu lange nicht mehr so viele Bücher gelesen habe, die mich aufrütteln und beschäftigen, wie das mal der Fall gewesen ist. Bei “Gefährliche Arten” fehlt mir jedoch in der Tat der rote Faden – sprachlich war es interessant, auch inhaltlich, aber es fehlte etwas, dass all dies zusammenhalten könnte. Vielleicht habe ich es aber auch nur nicht entdeckt und du wirst das Buch ganz anders lesen, als ich. Ich bin gespannt. 🙂 Ich habe beim Lesen des Romans sowieso an dich & Katja denken müssen, weil ja auch Kunst bei Svealena Kutschke eine wichtige Rolle spielt.

      Liebe Grüße
      Mara

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