Traumsammlerin – Patti Smith

Patti Smith ist Punk- und Rockmusikerin, von manchen wird sie auch als “Godmother of Punk” bezeichnet. Sie singt jedoch nicht nur, sondern ist darüber hinaus auch als Dichterin, Malerin und Fotografin bekannt. Neben einigen Gedichtbänden, erschien im Jahr 2010 die Autobiographie “Just Kids. Die Geschichte einer Freundschaft”, die die Geschichte der Freundschaft von Patti Smith und Robert Mapplethorpe erzählt. Im vergangenen Jahr erschien schließlich der schmale Band “Traumsammlerin”, im Original: “Woolgathering”, eine Zusammenstellung aus kurzen Texten, Zeichnungen und Fotografien.

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“Jemand hat mich gefragt, ob ich Traumsammlerin als Märchen sehe. Ich mochte solche Geschichten immer sehr, aber ich fürchte, es fällt nicht darunter. Alles in diesem kleinen Buch ist wahr und so erzählt, wie es war. Es zu schreiben, löste mich aus meiner seltsamen Erstarrung, und ich hoffe, dass es den Leser bis zu einem gewissen Grad mit einer unbeschwerten, eigentümlichen Freude erfüllt.”

Viele der Texte, die in diesem wunderbaren Band versammelt sind, sind im Original bereits im Jahr 1992 bei Hanuman Books erschienen. Es handelt sich um Reflexionen und Gedankensplitter, die Patti Smith zu Beginn der 90er Jahre gesammelt und zu Papier gebracht hat. 1991 lebte Patti Smit gemeinsam mit ihrem Mann und zwei Kindern in einem alten Steinhaus am Stadtrand von Detroit. Das Haus liegt direkt an einem Kanal, Efeu und Purpurwinde winden sich die bröckelnden Mauern entlang. Doch sinnbildlich für die damalige Gemütsverfassung von Patti Smith sind wohl eher die beiden alten Trauerweiden.

“Ich liebte meine Familie und unser Zuhause aufrichtig, doch in diesem Sommer litt ich an einer schlimmen und unbeschreiblichen Schwermut.”

In dieser düsteren Gemütsverfassung beginnt Patti Smith damit Texte für die “Traumsammlerin” zu verfassen. Sie setzt sich in dem Moment an die Arbeit, als die Birnen anfingen zu reifen.

“Ich schrieb mit der Hand auf kariertes Papier, und am 30. Dezember 1991, meinem fünfundvierzigsten Geburtstag, war ich fertig mit dem Manuskript.”

“Traumsammlerin” ist eine lose Sammlung an Gedankensplittern und Erinnerungsfetzen; ohne Zusammenhang und chronologische Ordnung. Patti Smith erinnert sich in allerlei kurzen Texten und Sequenzen zurück an ihre Kindheit, greift einzelne Ereignisse heraus, beschreibt Menschen, denen sie begegnet ist, erinnert sich an Dinge, die sie getan hat. Angereichert sind die kurzen Erzählungen mit Fotografien und Zeichnungen. Auch wenn die Autorin selbst sich dagegen verwahrt, dass es sich bei ihren Texten um Märchen handelt, erwecken diese mitunter einen märchenhaften und beinahe magischen Eindruck. Der Stil, in dem Patti Smith ihre Erinnerungen notiert, ist assoziativ – sie überschreitet beim Schreiben immer wieder die unsichtbare Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit und versetzt sich selbst und den Leser in eine Form von Traumland, in dem einem nicht mehr bewusst ist, was Realität und was Einbildung ist.

“Ich wusste schon immer, ich würde ein Buch schreiben, wenn auch nur ein kleines, das einen fortträgt in eine Welt, die weder zu vermessen ist noch in Gedanken zu fassen.”

Patti Smith beschreibt sich selbst als “melancholisches” und “staksiges” Kind, mit ungeschickten Armen. Und in der Tat: Die Stimmung der Melancholie ergreift einen beim Lesen, sie lässt sich aus den Texten herausschälen und setzt sich irgendwann wie ein Kloß im Hals fest. Dies ist umso erstaunlicher, da Patti Smith überwiegend positive Erinnerungen an ihre Kindheit hat. Sie wächst mit vielen Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf, zu acht wohnen sie in einem kleinen Häuschen, doch auf ihre Kindheit blickt sie nicht zurück im Zorn, sondern mit viel Gleichmut und mitunter auch mit “unbändiger Freude”. Vielleicht ist dieses Glück, was aus den Erinnerungsfetzen von Patti Smith spricht, das Befremdlichste und gleichzeitig Schönste dieses schmalen Bändchens. Selten kann wohl alles, was man als Kind erlebt hat, ausschließlich positiv besetzt sein, doch Patti Smith gelingt es, nicht verbittert und verletzt zurückzublicken, sondern als gereifte Frau. Möglicherweise liegt in diesem Blick auch eine Form der Verklärung und doch habe ich ihre Perspektive auf das, was sie in ihrer Kindheit erlebt hat, als eine starke und mutige Perspektive empfunden.

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“Wie glücklich wir doch als Kinder sind. Wie die Stimme der Vernunft dieses Licht verdunkelt. Wir wandern durchs Leben, eine Fassung ohne Stein, bis wir eines Tages um eine Ecke biegen und er vor uns auf der Straße liegt, ein geschliffener Tropfen Blut, realer als ein Geist, strahlend. Wenn wir uns rühren, wird er vielleicht verschwinden. Wenn wir nicht handeln, werden wir nichts gewinnen.”

Patti Smith sammelt Träume, Erinnerungen und Gedanken, Seite an Seite mit wunderbar mystischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Sie selbst erhoffte sich, dem Leser eine unbeschwerte und eigentümliche Freude schenken zu können. Ich habe dieses Geschenk annehmen können, ich habe Texte  gelesen, die wie Juewelen funkelten. In einer wunderbaren Prosa gehalten. Ich habe Erinnerungen voller Magie aufgesaugt und bin eingetaucht in die Familiengeschichte und Träume voller Wolle. Patti Smiths “Traumsammlerin” ist ein Buch mit Zauberkraft – lasst euch verzaubern!

13 Comments

  • Reply
    IngridW
    February 24, 2014 at 6:52 am

    Jetzt hast erst einmal Du mich mit Deiner Besprechung verzaubert. Als nächste ist Patti Smith dran …

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 24, 2014 at 3:41 pm

      Ich habe Patti Smith auch erst vor kurzem und durch dieses Buch entdeckt – nun steht “Just Kids” ganz oben auf meiner Wunschliste! 😀

  • Reply
    kulturellematrix
    February 24, 2014 at 8:27 am

    Schön.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 26, 2014 at 1:33 pm

      Freut mich … 😀 Ich finde übrigens auch deinen “Gravatar” herzallerliebst, dein Hund sieht Bandit ja ein bisschen ähnlich. 🙂

      • Reply
        kulturellematrix
        March 3, 2014 at 8:14 am

        Danke. Meine Schäferhündin heißt Xenia und ist eine ganz aufgedrehte. 😉

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          March 3, 2014 at 10:35 am

          Schöööön! 😀 Aufgedreht ist Bandit auch häufig, aber im zunehmenden Alter wird es immer weniger … 😉

  • Reply
    Henni
    February 24, 2014 at 3:16 pm

    Klingt nach einer Zauberhaften Reise durch ein anderes Leben? 🙂
    Könnte man sich durchaus mal durchlesen. Ich behalte es mal im Auge. 🙂

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 26, 2014 at 1:34 pm

      Wie schön, dass du das Buch im Auge behalten möchtest, es ist wirklich lesenswert und auch nur ganz schmal … lässt sich also schnell weglesen, auch wenn es lange nachwirkt! 😀

  • Reply
    sputniksweetheartffm
    February 25, 2014 at 6:22 pm

    Danke für diese Buchbesprechung! Ich habe “Just Kids” vor ein oder zwei Jahren gelesen und es gehört zu meinen Lieblingsbüchern, kannte “Die Traumsammlerin” jedoch noch nicht. Und danke für diesen fabelhaften Satz: “Ich habe Texte gelesen, die wie Juewelen funkelten.” 🙂

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 26, 2014 at 1:35 pm

      “Just Kids” kenne wiederum ich noch nicht, ich möchte es nun aber unbedingt lesen! Schön, dass ich dich neugierig machen konnte! 🙂

  • Reply
    Bücherphilosophin
    February 25, 2014 at 6:38 pm

    Wie habe ich ihre Autobiografie geliebt – auch wenn ich mit Robert Maplethorpe eher nichts anfangen kann – einfach dieses Gefühl “to be young and in love in New York”, wunderbar 😀
    Ich bin geneigt es auch mit diesem Band mal zu versuchen, auch wenn ich diese Sammelsurien nicht unbedingt mag, aber Patti Smith ist einfach eine so faszinierende Frau, dass ich spontan alles kaufen, bzw. lesen möchte, was sie so schreibt.

    LG, Katarina 🙂

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 26, 2014 at 1:36 pm

      Liebe Katarina,

      ich mag eigentlich auch keine Sammelsurien – in diesem Fall hat mich Patti Smith jedoch einfach mitgerissen in ihre märchenhafte Welt. “Just Kids” kenne ich noch nicht, es steht nun aber ganz oben auf meiner Wunschliste!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    (Die Sonntagsleserin) KW #09 – März 2014 | Bücherphilosophin.
    March 2, 2014 at 7:04 am

    […] Robert Mapplethorpe, veröffentlicht unter dem Titel “Just Kids”. Nun stellt buzzaldrins Bücher ihr neues Buch “Traumsammlerin” vor. Eine Sammlung aus Texten, Zeichnungen und […]

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