Frühling auf dem Mond – Julia Kissina

Julia Kissina wurde 1966 in Kiew geboren. In den 80er Jahren gehörte sie zum Kreis der Moskauer Konzeptionalisten um Vladimir Sorokin und Pawel Pepperstein. Bekannt wurde sie durch zahlreiche spektakuläre Kunstaktionen, aber auch durch ihre Arbeit als Fotokünstlerin. 2005 erschien mit “Vergiß Tarantino” ihr erster Roman, es folgte das Kinderbuch “Milin und die Zauberkreide”. Die Autorin lebt heutzutage in Deutschland. “Frühling auf dem Mond” ist ihr neuster Roman, er erschien im vergangenen Jahr im Suhrkamp Verlag und wurde übersetzt von Valerie Engler.

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“Wir alle sitzen im Empfangssaal des Herrn und warten auf unsere Stunde. Sein Empfangssaal ist riesig, dort stehen für die Wartenden Bänke.”

In “Frühling auf dem Mond” verarbeitet Julia Kissina – mal humorvoll, mal nostalgisch, mal mit tragischer Note – ihre eigenen Erinnerungen an ihre Kindheit. Geboren wurde sie 1966 in Kiew, in eine Stadt hinein, die damals in Trümmern lag. Ganze Straßenzüge lagen in Schutt und Asche, Abrissbagger verwandelten Kiew in ein Trümmerfeld. Julia Kissina erinnert sich an eine Zeit zurück, in der sie gerade einmal elft Jahre alt war, doch gleichzeitig auch ein bereits seltsam frühreifes Mädchen – bei Begegnungen mit anderen Menschen macht sie sich ein Jahr älter, um “älter und seriöser zu erscheinen”.

“Meine ganze Kindheit spielte sich in diesen Schrunden der verschlungenen Straßen ab. Aber das Schlimmste war gar nicht die Kindheit. Das Schlimmste war das Bedauern, das später kam.”

Julia Kissina erzählt von einer Kindheit, die von der Vergangenheit eines Krieges und der Gegenwart hinter dem Eisernen Vorhang geprägt ist. Sie wächst mit einer Mutter auf, die eigentlich als Lehrerin arbeitet. Ihre Mutter ist eine wunderschöne Frau, die nur einen Fehler hat: sie findet keine Ruhe, wenn sie nicht arbeitet, sucht sie sich neue Aufgaben. Sie kümmert sich um die alten Menschen in der Irrenanstalt oder quartiert arme und haltlose Frauen bei sich zu Hause ein. Wie ein Geschwür, schleicht sich die Mutter in das Leben fremder Menschen hinein – sie möchte helfen, doch über die Pflege der anderen, vernachlässigt sie ihre eigene Familie. Mit dem Versuch der Mutter, sich bedürftigen Menschen anzunehmen, endet allmählich die Kindheit von Julia Kissina. Der Vater schreibt Texte für eine Zirkusrevue und ermöglicht seiner Familie immer wieder exklusive Plätze bei den beliebten Zirkusvorstellungen; gleichzeitig lebt er in der Angst, aufgrund seiner politischen Ansichten denunziert zu werden.

“Man zwingt mich zu wachsen. Man zwingt mich, das papierene Rückgrat zu strecken. Man misst mich mit dem Lineal, ob mein Wachstum nicht stockt, man wiegt mich und spickt mich mit Vitaminen. Meine Eltern achten sorgfältig darauf, dass ihr mickriges Geschöpf Fleisch ist.”

Der Krieg ist in den 60er Jahren schon lange vorbei, doch sein drohender Schatten konnte aus der Stadt noch nicht vertrieben werden. Julia Kissina erzählt von einer Nacht im Juni 1941, es ist die Nacht, in der ihre Mutter zur Welt kommt und es ist die Nacht, in der erste Bomben auf Kiew fallen. Auch das Krankenhaus wird getroffen, das Bett in dem Mutter und Großmutter liegen, ist das einzige Bett, das nicht getroffen wird. Auch die Auswirkungen des Lebens hinter dem Eisernen Vorhang sind spürbar: überall herrscht die Angst vor Denunziation, vor Wanzen, vor Abhörung. Ausländische Lebensmittel werden heimlich nach Kiew geschmuggelt. Eines Abends isst Julia Kissina mit ihren Eltern bei Verwandten zu Abend, die englisches Salz nach Kiew geschmuggelt haben. Das Salz wird mit einer Vorsicht und Begeisterung probiert, als könnte es sich um ein Wundermittel handeln.

“Die Brachen in unserer Stadt waren wie echt endlose Steppen. Denn sobald man ein Haus abriss, überzogen sich die Ruinen mit langem kräftigem Gras, sofort schlug die Natur zu, und gelbe Weiden tauchten auf, wie aus dem Nichts, vom Dnepr herausgehinkt, und diese Weiden weinten mit ihren Peitschenzweigen, darum hießen sie auch Trauerweiden.” 

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“Frühling auf dem Mond” ist ein ungewöhnlicher Roman, ein außergewöhnlicher Text und eine gleichzeitig quälende Lektüre. Selten zuvor habe ich einen Roman gelesen, der mich auf der einen Seite angezogen hat, zu dem ich auf der anderen Seite aber nur sehr schwer einen Zugang gefunden habe. Etwas, das dieser Roman im Überfluss hat, ist Humor: es ist ein manchmal gewollter Humor, ein erzwungener Humor, der förmlich einen heiteren Dunst über die Vergangenheit legt.

“Kein Mensch auf dieser Welt kann die ganze Zeit Gutes tun, das schafft er gar nicht. Leiden können wir dagegen von morgens bis abends, sogar im Schlaf.”

Erst als ich diesen Humor wie eine Schicht vom Text abgekratzt habe und mich auf das, was dahinter liegt, konzentriert habe, habe ich besser in diesen Text hineinfinden können. Julia Kissina taucht mit einer rückhaltlosen Ernsthaftigkeit in ihre eigenen Erinnerungen hinab, hinab zu dem Menschen, der sie als Kind gewesen ist. Es ist ein frühreifer Mensch, ein Mensch voller Ernst und schwerer Gedanken. Als Kind schreibt Julia Kissina Briefe an sich selbst, sie schreibt Briefe in die Zukunft, an ein späteres Ich, dem sie Belehrungen und Ermahnungen erteilt. Die Zirkusvorstellungen genießt sie nicht, stattdessen hinterfragt sie die Fassade der Zirkusartisten, von denen die meisten eine unglaubliche Lebensgeschichte haben: “viele waren Kriegsveteranen.” Die erwachsene Julia Kissina widmet sich ihrem kindlichen Ich mit viel Wärme und Liebe, ihre Erinnerungen – an die Stadt, in der sie aufwuchs, an die Eltern, mit denen sie lebte und an die erste Liebe, die sie liebte – sind mit einer feinen Nostalgie durchwebt.

“Manchmal scheint es, dass die Ziegelsteine der Vergangenheit so dicht aneinanderkleben, dass es dort überhaupt keinen Platz für Neues gibt. […] Mit der Zeit verlor ich das mystische Gefühl, das mich damals begleitet hatte, ein Gefühl, das wohl niemals zu mir zurückkehren wird.”

“Frühling auf dem Mond” ist herrlich schrill und gleichzeitig von einer tiefen Ernsthaftigkeit geprägt. Ich habe etwas Zeit gebraucht, um mich auf die Stimme dieses seltsamen Mädchens einzulassen, das tieftraurig, altersweise und rebellisch ist. Ich glaube aber, dass genau solche Romane wichtig sein können für die Literatur: “Frühling auf dem Mond” ist verrückt, doch dieses Verrückte muss einen nicht abstoßen, es kann etwas mit einem machen. Julia Kissina hat einen lesenswerten Roman geschrieben, über die Liebe, Nostalgie und Kindheitserinnerungen.

 

5 Comments

  • Reply
    Mariki
    March 6, 2014 at 12:23 pm

    Zack, auf die Wunschliste!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 6, 2014 at 1:07 pm

      Ui, das freut mich sehr! Ich habe die Lektüre wie erwähnt stellenweise als quälend empfunden, aber auch als sehr bereichernd. 🙂

      • Reply
        Mariki
        March 6, 2014 at 1:18 pm

        Mal sehen, ob es von der Wunschliste auch zu mir kommt 😉 Aber es ist schon mal ein Anfang …

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          March 6, 2014 at 1:20 pm

          Die Wunschliste ist immer ein guter Anfang, ich tendiere nur dazu, ständig den Überblick über meine rasant wachsende Wunschliste zu verlieren. 🙂

  • Reply
    Sonntagsleser: Blog-Presseschau 09.03.2014 (KW10) | buecherrezension
    March 9, 2014 at 6:51 am

    […] altersweises, tieftrauriges Mädchen leiht “Frühling auf dem Mond” von Julia Kissina seine Stimme. Buzzaldrin’s Blog würdigt das Buch mit einer ausführlichen Rezension. […]

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