Im Rachen des Alligators – Lisa Moore

Lisa Moore wurde 1964 in St. John’s, Neufundland, geboren. Am Nova Scotia College of Art and Design studierte sie Kunst. Im Jahr 2010 erschien im Hanser Literaturverlag ihr vielbeachteter Roman “Und wieder Februar”. Im vergangenen Jahr wurde ihr zweiter Roman veröffentlicht, doch  wenn man’s genau nimmt, ist”Im Rachen des Alligators” das eigentliche Debüt von Lisa More als Schriftstellerin, das im Original bereits im Jahr 2005 erschien. Aus dem Englischen übersetzt wurde das Buch von Kathrin Razum.

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“Die gewaltige neue Einsamkeit ihrer Mutter war ein Stigma, sie verwehrte ihr jede Freude und Unbeschwertheit, ohne Wenn und Aber; es war eine Einsamkeit, die Colleen ansteckend vorkam.”

Der Alligator, der titelgebend gewesen ist und auch das Buchcover schmückt, spielt im Roman selbst nur eine untergeordnete Rolle. Die Geschichte rund um ihn, ist schnell erzählt: ein Mann steckt hauptberuflich zur Erheiterung von Touristen seinen Kopf in den Rachen eines Alligators. Es handelt sich um eine diffizile Tätigkeit, bei der jeder Fehler tödlich sein kann. Der Mann vergisst ein einziges Mal, sich den Schweiß vom Gesicht zu wischen; als er den Kopf in den Rachen des Alligators legt, schnappt dieser zu. Der Mann überlebt schwer verletzt. Das Unglück ist durch die Videokamera der Dokumentarfilmerin Madeleine für die Ewigkeit festgehalten. Doch viel wichtiger als diese unglaubliche Geschichte, ist die Metapher, die im Titel steckt: Im Rachen des Alligators ist ein Zustand, der nur schwer auszuhalten ist, ein Zustand der Bedrängung, ein Zustand, in dem jede Kleinigkeit ein tödlicher Fehler sein kann. Ein Schweißtropfen reicht aus, um eine Existenz auszulöschen oder schwer zu beschädigen. Im Rachen des Alligators ist ein Bild für die Fragilität des Lebens, eine Metapher, die auf alle Figuren von Lisa Moore angewendet werden kann.

“David hatte nach dem Rasieren nie das Waschbecken saubergemacht. Das von Stoppeln übersäte Porzellan fehlte ihr, obwohl es jedesmal wieder ein kleiner Schock gewesen war, es vorzufinden. Sie hatte nie damit gerechnet, doch jetzt fehlte es ihr schmerzlich, als stieße ihr jemand eine Nadel ins Herz. Wie weiß und kalt so ein Waschbecken aussehen kann, wenn man ohne Mann lebt. Wie steril. Was ihr fehlt, ist der Geruch von Sex, das ist es, was ihr fehlt, ein vager Geruch nach verstreichender Zeit und Seetang und gemähtem Gras.”

Lisa Moore lotet in ihrem feinsinnigen Roman fragile Existenzen aus, die Situationen extremer Bedrohung erleben. In kurzen Sequenzen, in denen kein Wort zu viel ist, widmet sich die Autorin ihren Figuren. Da gibt es die siebzehnjährige Colleen, deren behütete Kindheit mit dem überraschenden Tod ihres Stiefvaters abrupt endet. Mittlerweile ist aus dem zwölfjährigen Mädchen, das sie vor dem Tod gewesen ist, ein rebellischer Teenager geworden, der alle Grenzen der Scham und des Anstands testet und immer wieder überschreitet. Weil sie Zucker in die Tanks mehrere Bulldozer kippt, wird sie als Ökoterroristin abgestempelt. Wenn man so will, steht Colleen im Zentrum des Romans. Die anderen Figuren werden um sie herum angeordnet. Im Gedächtnis geblieben ist mir Frank, ein liebenswerter junger Mann, der jede Nacht an seinem eigenen Stand Hotdogs verkauft. Mit verzweifelter Hoffnung kann er nicht aufhören, an das Gute im Leben zu glauben, dabei hat ihm dieses Leben schon früh seine Mutter genommen. Ein Tod, den er nie verwunden hat. Colleens Tante Madeleine ist Dokumentarfilmerin, von ihrem ersten Mann ist sie schon lange getrennt, doch lieben tut sie ihn immer noch. Um nicht fühlen zu müssen, arbeitet sie wie besessen und ignoriert dabei ihre eigene Gesundheit. Colleens Mutter Beverly hat erst ihren Mann verloren und nun überkommt sie immer häufiger das Gefühl, auch ihre Tochter zu verlieren.

“Öko-Terroristen hatten ihre Tochter gekidnappt und sie von ihrer Mutter und allem, was sie je gelernt hatte, abgebracht – höflich zu sein etwa, komme was da wolle, Stoffservietten zu verwenden, angetrocknete Zahncreme vom Waschbecken abzuwischen, in der Schule hervorragende Noten zu schreiben, keinen Geschlechtsverkehr zu haben und keinen Oralverkehr hinten im Schulbus, was gerade angesagt war, den Abfall zu trennen und zu essen, was man auf dem Teller hat – das alles war wie ausgelöscht.” 

Doch das Figurenensemble ist immer noch nicht komplett: da gibt es noch die Schauspielerin Isobel, die in dem neuen Film von Madeleine die Hauptrolle spielt. Aus dem Gefühl heraus, an einer schmerzhaften Einsamkeit zu ersticken, lässt Isobel den mysteriösen Valentin in ihr Leben – kurze Zeit später ist nichts mehr so, wie es zuvor war.

Colleen, Frank, Madeleine, Beverly, Isobel, Valentin – wir lernen sie alle kennen. Jedes Kapitel ist mit einem Namen überschrieben, in kurzen und dichten Sequenzen widmet sich Lisa Moore ihren Figuren, die alle an irgendetwas kranken, etwas mit sich herumschleppen – sie alle haben ihren Kopf in den Rachen eines Alligators gelegt und können jetzt nur noch hoffen, dass sie nicht anfangen zu schwitzen. Jedes Kapitel widmet sich einer Figur, doch alle diese Figuren hängen irgendwie miteinander zusammen, manche von ihnen begegnen sich, andere leben voneinander getrennte Leben.

“Er war auf eine kalte, hässliche Insel geraten, die kaum existierte, auf vielen Landkarten gar nicht verzeichnet war. Er war im Nirgendwo.”

Die besondere Atmosphäre des Romans wird durch den exotischen Handlungsort bedingt: die Geschichte spielt im neufundländischen St. John’s. Eine Stadt, die in meiner Vorstellung kalt und unwirtlich ist. Ein abgelegener Ort, an dem nicht viele eine Perspektive für sich  selbst sehen können, in dessen Hafen jedoch täglich große Kreuzfahrtschiffe einlaufen, um die Menschen an alle möglichen Orte dieser Welt zu bringen. Genauso kalt und unwirtlich mir dieser Ort erschienen ist, ist auch die Sprache des Romans, die weit davon entfernt ist, poetisch zu sein. Nüchtern und sachlich erzählt Lisa Moore aus dem Leben ihrer Figuren, die allesamt Gestrandete sind, gestrandet im Rachen des Alligators. Wenn der Roman eine Moral haben sollte, dann vielleicht diese: um zu leben, muss man sich aus der Erstarrung lösen, statt im Rachen zu verharren, sollte man damit beginnen, zu leben. Leben bedeutet Schmerz und Unglück, wenn man lebt, können einem aber auch Schönheit und Liebe begegnen.

“Wir haben nur ein Leben, Colleen. Es gibt nicht das Leben, das wir leben, und das Leben, das wir hätten leben können. Verstehst du, was ich meine?”

Lisa Moore hat einen feinsinnigen Roman geschrieben, der durch seine wunderbaren Figuren lebt. Es sind Figuren, die allesamt den holprigen Weg nehmen, voller Stolpersteine. Es sind Menschen, die das Glück verlassen hat – Pechvögel, die zu viel gewollt oder sich zu wenig getraut haben. Ein gutes Ende gibt es für keinen von ihnen, aber auch kein schlechtes: der Leser wird mit dem Wissen entlassen, dass das Leben weitergeht, wie es genau weitergehen wird, haben alle von ihnen selbst in der Hand.

2 Comments

  • Reply
    Jarg
    March 9, 2014 at 1:23 pm

    Lisa Moore! Las gerade vor einem Jahr “Und wieder Februar” und war sehr beeindruckt. Dieses hier ist mir offenbar entgangen (wahr wohl damals zu sehr mit meiner Rezension beschäftigt) … bis jetzt durch Deine Rezension. Danke, Mara … und sonnige Grüsse!
    Jarg

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 9, 2014 at 1:24 pm

      Lieber Jarg,
      ich danke dir für deine Wortmeldung und freue mich sehr darüber. 😀 “Und wieder Februar” kenne ich noch nicht, ich werde es aber sicherlich bald lesen, ich habe mich ganz verliebt in das Erzählen von Lisa Moore, aber auch in das karge und abgelegene Neufundland. Wie schön, dass ich durch meine Besprechung ein Buch auf deinen Radar befördern konnte, was dir ansonsten vielleicht entgangen wäre.
      Liebe Grüße
      Mara

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