Vampire im Zitronenhain – Karen Russell

Karen Russell wurde 1981 in Miami geboren und studierte an der Northwestern University Englisch und Spanisch. Trotz ihres jungen Alters hat sie für ihre Veröffentlichungen schon zahlreiche Auszeichnungen erhalten, bereits ihr Erzählband “Schlafanstalt für Traumgestörte”, mit dem sie debütierte, wurde für den “Guardian First Book Award” nominiert. Der Roman “Swamplandia” war unter den Finalisten des Pulitzer-Preis und vom New Yorker wurde sie auf die Liste der zwanzig besten Nachwuchsautoren befördert, Seite an Seite mit Jonathan Safran Foer und Nicole Krauss. “Vampire im Zitronenhain” ist ihr neuestes Buch und erschien im vergangenen Jahr. Malte Krutzsch ist für die Übersetzung verantwortlich.

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“Vampire im Zitronenhain” ist ein Erzählband, der insgesamt acht Erzählungen versammelt. Alle acht Erzählungen kratzen an der Grenze unserer Realität,  spielen mit Phantasie und Wirklichkeit. Karen Russell sucht in ihren Erzählungen das Ungewöhnliche und wendet sich ab vom Normalen, das allzu oft alltäglich erscheint. Sie versetzt den Leser zurück in die Vergangenheit, zurück ins 19. Jahrhundert und erzählt eine Geschichte von jungen Frauen, die zur Herstellung von Seide missbraucht werden. Die Frauen verwandeln sich Stück für Stück in Raupen, die mit Maulbeerblättern ernährt werden und den kostbaren Faden produzieren. Es wird auch ein Blick in die Zukunft geworfen: Karen Russell erzählt von antarktischen Fanveranstaltungen, von den Teams Krill und Wal und davon, dass es dabei nicht nur um einen ungewöhnlichen Sport geht, sondern um Leben und Tod.

“[…] sich selbst konnte Nal nicht entkommen. Er versenkte Bälle, und immer war es Nal, der sie versenkte; er warf vorbei, und immer war es Nal, der vorbeiwarf. Er fühlte sich außerstande, spontan zu handeln: Bei allem musste ein kleines Männchen in seinem Kopf erst ein Ablaufdiagramm entwerfen. Wenn p, dann q; wenn z, dann zurück nach a.”

Karen Russell widmet sich in ihren Erzählungen dem Ver-rückten, den Dingen, die nicht mehr an ihrem Platz sind, wendet sich Orten zu, an denen die Ordnung verloren gegangen ist. Sie erzählt von Vampiren, die statt Blut Zitronenlimonade trinken, um ewig leben zu können. Sie erzählt von mysteriösen Vogelscheuchen und von Seemöwen, die die Zukunft beeinflussen können. Ihre Erzählungen sind phantastisch, es ist eine Phantasie, der etwas Magisches anhaftet. Karen Russell spielt mit den Grenzen unserer Vorstellungskraft und lotet diesen dunklen Ort im Nirgendwo aus, dem man sich nicht gerne freiwillig nähert. Sie beweist dabei immer wieder viel Humor, sinnbildlich steht dafür die Geschichte “Der Stall am Ende unserer Amtszeit”, in der ehemalige Präsidenten im Körper von Pferden wiedergeboren werden.

“‘Ich bin auch nicht tot, John Adams’, sagte Eisenhower. ‘Ich bin nur inkognito hier. Der Secret Service hat sich wohl dieses Versteck für mich ausgedacht, bis ich in meinem Körper zurückkehren und die Regierung des Landes abermals übernehmen kann. Für die anderen kann ich ja nicht sprechen, aber ich bin kein Pferd.”

Wenn man die phantastische Schicht vom Text abkratzt, offenbart sich darunter eine tieferliegende Ernsthaftigkeit. In der Geschichte “Die grablose Puppe des Eric Mutis” geht es vordergründig um eine mysteriöse Vogelscheuche, doch es geht auch darum, dass ein schlechtes Gewissen einen manchmal bis in die Nächte hinein verfolgen, von innen heraus auffressen und in tiefe Abgründe stürzen lassen kann. Jede der acht Geschichten widmet sich unter der häufig phantastischen Oberflächenschicht elementaren menschlichen Themen wie der Liebe und dem Leben, aber auch der Trauer und dem Tod. Die Geschichte, die mich am stärksten beeindruckt hat und die auch jetzt immer noch irgendwo in meinem Gedächtnis sitzt und dort kratzt und pocht, ist die einzige Geschichte im Erzählband, die fast auch wahr sein könnte. In “Die neuen Veteranen” massiert Beverly nicht nur normale Kunden, sondern auch ehemalige Soldaten, die durch ein besonderes Förderungsprogramm auf ihrem Tisch landen. Einer dieser Soldaten ist Derek, der die Erinnerungen an den Krieg nicht auslöschen kann. Sinnbildlich dafür steht die Tätowierung auf seinem Rücken, die ihn für immer an seinen verstorbenen Kameraden erinnern wird. Beverly entdeckt bei der Massage von Derek, dass sie die Fähigkeit hat, nicht nur körperliche Schmerzen wegzumassieren, sondern auch die Erinnerungen. Doch kann es wirklich hilfreich sein, etwas, das man erlebt hat, zu vergessen? Kommt es nicht immer wieder, verkleidet oder in abgewandelter Form, zurück? Kann das Vergessen eine Lösung sein, eine Rettung?

“Und wenn sich herausstellt, dass sie seine Erinnerungen doch von außen beeinflussen kann? Die Karten seiner Vergangenheit neu mischen kann, indem sie einige auslässt, durch freundlichere aus einem anderen Deck ersetzt, was soll daran schlimm sein? War nicht gerade das andere schlimm? Zuzulassen, dass die erste Wahrheit Metastasen bildete, die einen umbringen konnten? Dass ein einziger Tag die ganze Lebensspanne eines Körpers zerfraß – sollte man das nicht verhindern?”

Karen Russell legt mit “Vampire im Zitronenhain” einen skurrilen und aberwitzigen Erzählband vor, der voller Humor und Ernsthaftigkeit ist. Über dem Text liegt eine dicke Schicht Phantasie, Magie und ganz viele märchenhafte Elemente, doch darunter schimmert ganz zart auch das ungewöhnliche Talent dieser jungen Autorin: Karen Russell gelingt es auf einem hohen literarischen Niveau zu erzählen. Sie erzählt mit leichter Hand und erschafft dabei Königreiche der Phantasie, die sie mit einer tieferen Bedeutung und Moral unterlegt. Die Fledermaus, die das Cover ziert, fungiert als inhaltliche Klammer, die die Geschichten zusammenhält, denn in allen acht findet sie auf die ein oder andere Weise Erwähnung, wie ein wiederkehrendes Motiv.

Erzählbände sind immer eine schwierige Sache, Karen Russell ist mit “Vampire im Zitronenhain” jedoch ein höchst lesenswerter Erzählband gelungen. Ihre Erzählungen sind ein fortlaufendes Spiel mit den Erwartungen des Lesers. Sie erschafft skurrile Figuren, denen sie jedoch mit ganz viel Wärme und Liebe so viel Leben einhaucht, dass ich mich als Leserin kaum von ihnen trennen konnte. Karen Russell ist eine beeindrucke und mutige Autorin und “Vampire im Zitronenhain” sicherlich nicht das letzte Buch, das ich von ihr gelesen habe.

8 Comments

  • Reply
    jancak
    March 9, 2014 at 1:18 pm

    Spannend, ich habe ja gerade “Dracula” gelesen

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 9, 2014 at 3:49 pm

      Die Vampire spielen in diesem Band aber wirklich eine untergeordnete Rolle und tauchen nur in einer Geschichte. “Dracula” möchte übrigens auch schon lange lesen … 🙂

      • Reply
        jancak
        March 9, 2014 at 6:54 pm

        Kann ich nur empfehlen, weil es schon vom Schreibstil und auch den damaligen Kommunikationsmethoden sehr spannend ist. Allerdings hat man wahrscheinlich schon so viele Klischees darüber im Kopf, daß es wahrscheinlich heilsam ist, das Original zu lesen

  • Reply
    Daniel
    March 9, 2014 at 1:57 pm

    Ich kannte die Autorin noch nicht, aber deine Rezension hat mich neugierig gemacht. Was mich beim Lesen ein bisschen irritiert hat: Meistens sprichst du von “Vampire im Zitronenhain” als Erzählband, aber an zwei Stellen als Roman – meinst du damit, dass ihre Erzählungen so eng miteinander verknüpft sind, dass man sie auch als Roman bezeichnen könnte oder ist das einfach nur ein Versehen?
    Liebe Grüße
    Daniel

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 9, 2014 at 3:46 pm

      Lieber Daniel,

      erst einmal: herzlich Willkommen auf meinem Blog, ich freue mich über deine Wortmeldung. 😀 Bei deiner Anmerkung, mit der du natürlich vollkommen Recht hast, handelt es sich in der Tat um ein Versehen. Die Geschichten lesen sich in der Tat schnell weg, quasi in einem Rutsch – so eng miteinander verschlungen sind sie. Für meinen Geschmack wäre es aber sicherlich nicht richtig, “Vampire im Zitronenhain” wirklich als Roman zu bezeichnen, es handelt sich doch eher um einen Erzählband. Nach deinem Einwand habe ich meine Besprechung auch gleich korrigiert … 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    B.ee
    March 9, 2014 at 5:42 pm

    Liebe Mara,
    ich kannte die Autorin bis gerade eben gar nicht. Nach Deiner tollen Rezension sind ihre Bücher sofort auf meiner Wunschliste gelandet. Ich lese ja sehr gerne Bücher, die am Rande der Realität spielen. Schlagwort “Magischer Realismus”.

    Danke für die tolle Entdeckung!
    B.ee

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 12, 2014 at 1:10 pm

      Liebe Bee,

      ich freue mich, dass es das Buch auf deine Wunschliste geschafft hat. Ich kannte die Autorin zuvor auch nicht, nun werde ich aber sicherlich auch noch ihre anderen Bücher lesen und entdecken und freue mich bereits sehr darauf.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Magischer Realismus… | Aig an taigh
    March 11, 2014 at 10:45 am

    […] die Idee kam ich, da Mara auf ihrem Blog eine neue Rezension (Vampire im Zitronenhain) eingestellt hat, die für mich nach ganz zauberhaftem Magischen Realismus […]

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