Das Lachen und der Tod – Pieter Webeling

Pieter Webeling wurde 1965 geboren, 2008 veröffentlichte er seinen ersten Roman. Webeling arbeitet jedoch nicht nur als Autor, sondern auch als Journalist und hat im Rahmen dieser Tätigkeit bewegende Interviews mit Holocaust-Überlebenden geführt. Einige von diesen Gesprächen sind auf seiner Homepage nachzulesen. Ein ständiges Thema in diesen Gesprächen war die Frage nach Humor und inwieweit einem ein Witz dabei helfen kann, zu überleben. In seinem Roman “Das Lachen und der Tod” (im Original De lach en de dood) lotet er genau diese Frage mit sehr viel Feingefühl und Empathie aus. Aus dem Niederländischen übersetzt wurde der Roman von Christiane Burkhardt.

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“Humor ist nichts weiter als die strikte Weigerung, der Tragödie das letzte Wort zu überlassen.”

Ernst Hoffmann ist ein niederländischer Komiker, sein Vater war Deutscher und kämpfte im Ersten Weltkrieg, seine Mutter war eine holländische Schauspielerin und Jüdin.  “Es war der dritte Sonntag im Februar 1944, um kurz nach vier, und es war eiskalt”, als Ernst Hoffmann mit unzähligen anderen Menschen nach Auschwitz deportiert wird.

“Es war und blieb merkwürdig, dass ich halb deutsch war. Ich konnte die Sprache, mehr allerdings nicht. Deutschland war zwar das Land meines Vaters, aber nicht mein Vaterland.”

Lange hatte die Kulturpolitik versucht den Halbjuden zu beschützen, doch die Versuche blieben am Ende vergebens. In dem Viehwaggon, in den Ernst Hoffmann während des Transports gesperrt wird, trifft er auf Helena Weiss – ihre Begegnung ist kurz, doch sie hinterlässt bei beiden tiefe Spuren. Bei ihrer Ankunft im Konzentrationslager werden Ernst und Helena voneinander getrennt, wie alle Männer und Frauen im Lager – es sollte lange dauern, bis sie sich wiedersehen.

Von Beginn an bemüht Ernst Hoffmann sich darum, in der Masse der Lagerinsassen unterzugehen. Die Aufseher sind sadistisch und unberechenbar, ein falscher Blick, eine falsche Bewegung und schon kann das Leben vorbei sein. Doch er kann nicht aufhören, an Helena zu denken und darüber nachzudenken, ob sie überhaupt noch lebt und wie es ihr geht. Mit Hilfe des Blockältesten gelingt es ihn, Helena einen Brief zu schicken und er erhält sogar ein Antwortschreiben – als Gegenleistung fordert Schlomo von ihm, vor den Mitgefangenen aufzutreten und sie mit Witz und Humor zu unterhalten.

“Es war mir oft aufgefallen, wie hässlich Menschen werden, wenn sie lauthals lachen. Ich sah die verzerrten Grimassen, den weit aufgerissenen Mund, das vibrierende Gaumenzäpfchen. Ich hörte die harten Kehllaute, die salvenartig hervorgestoßen wurden, als würden sie erbrochen. Wahrscheinlich, weil sie die Kontrolle verlieren, und dann werden Menschen schnell hässlich.”

Humor hat im Leben von Ernst Hoffmann schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Bereits als Jugendlicher versuchte er mit Humor seinen Vater wieder ins Leben zurückzuholen, der die Schrecken des Ersten Weltkriegs nicht vergessen konnte. Er scheitert, sein Vater nimmt sich am Morgen nach Ernsts einundzwanzigsten Geburtstag das Leben. Tagtäglich erzählt der Komiker nun seinen Mitgefangenen Witze und ahmt Charlie Chaplin nach – über allem schwebt das Ziel, die traumatisierten und halbtoten Menschen im Lager zum Lachen zu bringen. Wenn auch die Muselmänner lachen, dann war der Abend ein Erfolg.

“Humor ist eine Flucht. Diesen Satz hatte ich schon oft gehört. Ich fragte mich, ob der Mensch dem Leid entfliehen kann, indem er einfach mit einem Lachen darüber hinweggeht. Oder muss man die Qualen erst durchleiden, um sie endgültig hinter sich lassen zu können? Ist das Lachen nur dann gerechtfertigt? Ist Humor erst dann Humor, wenn es sich um verarbeitetes Leid handelt?”

Ernst Hoffmann stellt sein Leben im Lager von nun an unter das Motto: “Jeden Tag ein Lacher!” Es gelingt ihm, seine Mitgefangenen zu unterhalten, ihr Leid zu lindern – zumindest für diesen Moment, doch sein Dasein als Komiker bleibt auch den Mächtigen und Befehlshabern nicht lange verborgen. Der Lagerkommandant möchte Ernst dazu zwingen, seine Witze vor einem nationalsozialistischen Publikum zu erzählen, der weigert sich vehement, doch als ihm im Gegenzug die gesundheitliche Versorgung von Helena, die an Fleckfieber erkrankt ist, zugesichert wird, wird sein Gewissen auf eine harte Probe gestellt. Welche Grenzen ist man bereit zu überschreiten, um selbst zu überleben, aber auch, um zu wissen, dass die, die man liebt, überleben wird?

“Denn so groß das Entsetzen auch ist  – das Lachen wird uns nie vergehen.”

Pieter Webeling legt mit “Das Lachen und der Tod” einen höchst lesenswerten Roman vor, der gleichermaßen schön und schrecklich ist. Im Zentrum des Romans stehen nicht nur das Lachen und der Tod, sondern auch die Liebe. Der Beginn einer Liebe zwischen Ernst und Helena wird am schlimmstmöglichen Ort gesät, es ist ein Ort des Hasses, des Bösen und des Todes. Es ist ein Ort, an dem der Boden viel zu trocken ist, als dass die Liebe wachsen könnte. Nüchtern und erschreckend detailliert zeichnet Pieter Webeling das Grauen im Vernichtungslager nach. Die erdrückende Macht des Bösen, aber auch die schreckliche Sinnlosigkeit all der Taten, schnürt einem beim Lesen die Luft zum Atmen ab. Diesem Bollwerk des Bösen entgegen gesetzt wird der Humor und das Lachen. Ernst Hoffmann hat auch in Situationen der absoluten Ausweglosigkeit immer einen Witz parat – vielen bleibt bei dem Wort Vernichtungslager das Lachen wahrscheinlich im Halse stecken, doch es ist der Humor, der dafür verantwortlich ist, dass die Menschen nicht ihren Überlebenswillen verlieren: “Wir lachen, um nicht wahnsinnig zu werden, um uns einen Rest geistiger Gesundheit zu bewahren.” 

“Das Lachen und der Tod” ist ein grausames Buch, das nur schwer zu ertragen und auszuhalten ist und doch ist es gleichzeitig ein seltsam hoffnungsvolles Buch: es ist die Hoffnung darauf, überleben zu können. Es ist die Hoffnung darauf, dass das Bollwerk Humor dem Bösen seine Kraft nehmen kann, zumindest für einen Moment.

12 Comments

  • Reply
    dasgrauesofa
    March 19, 2014 at 4:09 pm

    Liebe Mara,
    Deine Besprechung hat mich sehr beeindruckt, so sehr, dass ich mich gar nicht erst an das Buch herantraue – mir reichen gerade schon die Fluchtgräuel aus Ulrike Draesners Roman. — Ein Motiv ist immer wieder erkennbar: Die gnadenlose Erpressung. “Wenn Du Dich ganz erniedrigst, dann bekommst Du vielleicht, was Du Dir wünscht.” Hier die Behandlung von Helena, in den “Sieben Sprüngen” das Nicht-Abholen von Emil. Immer wieder dieses – offensichtlich auch durch keine Zivilisation zu überwindende – Ausspielen der Allmacht über andere Menschen. Ich hoffe, der Roman hat irgendwo einen Hoffnungsschimmer?!
    Viele Grüße, Claudia

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 21, 2014 at 3:01 pm

      Liebe Claudia,

      doch, doch – Hoffnungsschimmer gibt es, nicht alles ist dunkel an diesem Roman, die Hoffnung liegt eindeutig darin, auch schlimme Ereignisse dadurch bewältigen zu können, dass man sich seinen Humor bewahrt. Allein das gibt doch schon Hoffnung, oder?
      Deine Lektüreeindrücke zu Ulrike Draesners Roman klingen sehr spannend, ich brauche zunächst eine kleine Pause, bevor ich mich dieser Thematik weiter widmen kann.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Kathrin
    March 19, 2014 at 4:32 pm

    Nach deiner Besprechung habe ich ein schlechtes Gewissen! Das Buch hat mir unsere Buchhändlerin damals so ans Herz gelegt und eigentlich wollte ich direkt mit dem Lesen beginnen, doch nun liegt es noch immer ungelesen im Regal – und das, obwohl ich sehr sicher bin, dass ich dieses Buch lieben werde. Schön, dass es bei dir mehr Aufmerksamkeit bekommen hat als bislang bei mir 🙂 Ich hoffe, deine Rezension wird noch viele Menschen auf “Das Lachen und der Tod” neugierig machen!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 21, 2014 at 3:00 pm

      Ich hoffe auch, dass meine Besprechung noch den ein oder anderen leser auf dieses Buch aufmerksam machen wird, ich freue mich auf jeden Fall schon einmal, dich neugierig gemacht zu haben! Wie schön! 😀 Bei mir stand das Buch übrigens auch eine ganze Weile unangetastet im Regal rum, wie schade eigentlich und wie schön, dass ich es dann letztendlich doch in die Hand genommen habe!

  • Reply
    (Die Sonntagsleserin) KW #12 – März 2014 | Bücherphilosophin.
    March 23, 2014 at 7:02 am

    […] ernster ging es dahingegen bei buzzaldrins Bücher zu, die sich Pieter Webelings “Das Lachen und der Tod” widmete. “Ein grausames […]

  • Reply
    [Die Sonntagsleserin] KW #12 – März 2014 | Phantásienreisen
    March 23, 2014 at 8:51 am

    […] von Buzzaldrins Bücher hat in dieser Woche wieder mehrere wunderbare Bücher besprochen: Zum einen “Das Lachen und der Tod”, das mir vor einiger Zeit unsere Buchhändlerin ans Herz legte und deren positive Eindrücke nun […]

  • Reply
    Sonntagsleserin KW #12 – 2014 | buchpost
    March 23, 2014 at 9:16 am

    […] Bücherphilosophin hat Ungehorsam von Naomi Alderman gelesen und Mara von Buzzaldrins Bücher war angetan von Pieter Webelings Buch Das Lachen und der […]

  • Reply
    Sonntagsleser: Blog-Presseschau 23.03.2014 (KW12) | buecherrezension
    March 23, 2014 at 10:46 am

    […] Blog bringt uns “Das Lachen und der Tod” von Pieter Webeling näher, ein Roman über die Liebe und die überlebensspendende Kraft des Humors im Angesicht des […]

  • Reply
    Tanja
    March 28, 2014 at 12:55 pm

    Liebe Mara,
    deine Besprechung hat auch mich erreicht – sie geht wirklich sehr tief.

    Liebe Grüße,
    Tanja

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 30, 2014 at 9:19 am

      Liebe Tanja,

      darüber freue ich mich sehr, danke für diese Rückmeldung!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Muromez
    April 18, 2014 at 9:24 am

    Sehr interessanter Ansatz mit dem Humor. Bezweifle allerdings stark, dass in der Realität die Menschen überhaupt Unterhaltung in diesen Situationen annehmen wollten und überhaupt die Kraft hatten zu lachen.

    Roberto Benignis Meisterwerk und Film “Das Leben ist schön” sorgte bekanntlich ebenso für reichlich Diskussionsstoff. Darin wurde vom Vater das KZ und der Holocaust dem Sohn als ein unterhaltsames Spiel vermittelt. Erinnert mich gerade irgendwie daran.

    Jedenfalls danke für den Tipp.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 18, 2014 at 2:29 pm

      Ich finde es auch schwer vorstellbar, dass Menschen in einer solchen Situation noch für Humor empfänglich sein sollten … danke dir übrigens für den Filmtipp, den Titel kannte ich bisher noch nicht! 🙂

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