Eulenrod – Hans Stilett

Hans Stilett wurde 1922 geboren, damals noch unter seinem gebürtigen Namen Hans Adorf Stiehl. Von 1953 bis 1983 arbeitete er  als leitender Redakteur im Bundespresseamt in Bonn, nach seiner Pensionierung zog es ihn zurück an die Universität: ein Studium der Komparatistik, Germanistik und Philosophie schloss er 1989 an der Universität Bonn mit einer Promotion ab. Bekannt wurde er durch eine Neuübersetzung von Montaignes Essais, die 1998 erschien.

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“Kein Zweifel: Ich werde gewesen sein. Woraus folgt, daß ich, da gewesen, sein werde. Denn alles, was je war, bleibt dem Buch des Lebens eingeschrieben. Wie die Menschen, von denen hier die Rede sein wird. Wie jedes Glühwürmchen auch. Wie jeder Stern.”

“Eulenrod” ist keines der Bücher, wie man sie heutzutage in einer schier erschlagenden Masse in den Buchläden ausliegen sieht. Es ist wunderbar gestaltet, bereits äußerlich erscheint es wie ein ungewöhnlich schönes Kleinod. Es ist deutlich kleiner als sonstige Bücher, auch der herkömmliche Schutzumschlag fehlt. Das Buch trägt den mysteriösen Titel “Eulenrod”, das Cover zeigt einen dichten Wald, in den dennoch ein Schimmer Licht hinein fällt. Der Untertitel ist mir sofort ins Auge gesprungen und hat mich neugierig gemacht: Biographisches Mosaik.

“Noch wese ich im Hier und Jetzt, doch der Abschied naht. Desto dichter drängen nun Gestalten heran, die ich längst vergessen glaubte, und Szenen aus dem Dämmer meiner ersten Lebensjahre leuchten wieder auf.”

Dem Buch voran gestellt ist passenderweise ein Satz von Montaigne: “Ein kleiner Mensch ist ein ganzer Mensch, genauso wie ein großer.” Hans Stilett versetzt sich zurück in die Gedankenwelt und in die Gefühle seiner Kindheit, er tut dies mit einer großen Ernsthaftigkeit – ein Kind mag ein Kind sein und dennoch erfährt es die Welt in einer Art und Weise, die nicht weniger wahr ist, als das Erleben von Erwachsenen. In kurzen Texten widmet er sich dem Leben, das er als Kind geführt hat.

“Wir leben arm, doch sehr gesund.”

Hans Stilett wächst vaterlos und in ärmlichen Verhältnissen auf. Die Wohnung, in der er lebt hat nur eine Stube und eine Schlafkammer. Die Mutter ist häufig nicht zu Hause und lässt lässt den Jungen bei seinen Großeltern zurück. Trotz der Abwesenheit der Mutter, bleibt sie für ihn eine wichtige Bezugsperson: sie schreibt nicht nur ihren Lebensroman, sondern auch Gedichte und mit Vögeln kann sie sprechen, sie beherrscht “Finkisch” und “Meisisch”. Auch die Großmutter ist sehr mit der Natur verbunden, sie lehrt ihm, Heidelbeeren zu pflücken. Hans Stilett übernimmt die Lieber zur Natur von ihr und liebt es bereits in jungen Jahren, sie zu erforschen – manchmal liegt er stundenlang bäuchlings auf einem Kiesweg, um Stiefmütterchen zu beobachten.

Der Ort in Thüringen an dem der Junge aufwächst, heißt eigentlich Zeulenroda – es sind nur zwei Buchstaben, die diesem abgenommen werden und schon wird aus der beengten und dörflichen Kleinstadt Zeulenroda Eulenrod, ein Ort an dem ein Junge wie Hans, jeden Tag ein anderes Abenteuer erleben kann.

“Neulich ein wildes Gewitter, schwarz, zerfetzt vom Gold der Blitze. Ich greif mir Bleistift und Papier und renn ans linke Stubenfenster, um sie im Niedersausen zu packen, Blatt um Blatt: ein rätselhaftes Gewirr von Linien, das vielleicht wer entziffern kann. Drum heb ich alles auf.”

Der Autor beschwört seine Kindheit auch durch eine besondere Sprache wieder herauf. Im Text stolpere ich über mir unbekannte Begriffe, an einer Stelle kriegt Hans von seinem Großvater eine gedachtelt, an anderer Stelle schneidet die Großmutter einen Runks vom Rundbrot ab. Die Erinnerungen an die damalige Zeit sind jedoch nicht nur in heitere Farben getönt – auch Tod und Krankheit spielen im Leben des Jungen eine Rolle. Ganz am Rande seiner kindlichen Perspektive wird auch die zunehmende Verschiebung der politischen Situation deutlich, immer mehr Menschen in Zeulenroda gebrauchen den Hitlergruß.

Hans Stilett wirft in “Eulenrod” einen eigenwilligen Blick auf seine Kindheit, er erinnert sich zurück an das Leben in den 20er Jahren und betrachtet diese Zeit aus den Augen des Kindes, das er damals gewesen ist. Die Bezeichnung Biographisches Mosaik habe ich im Laufe der schmalen Lektüre als immer passender empfunden: die kurzen Texte und aneinandergereihten Kindheitserinnerungen ergeben in der Tat eine Art Mosaik es ist ein Mosaik des eigenen Lebens – der eignen Biographie.

“Eulenrod” ist eine Zusammenstellung von Erinnerungssplittern, von Kürzesterinnerungen, die Seite an Seite, auf engem Raum, nebeneinander stehen und einen unverwechselbaren und einzigartigen Blick auf eine Kindheit gewähren. Genauso wunderschön wie die äußere Gestaltung, ist auch der Inhalt dieses schmalen Büchleins äußert lesenswert. Die Kindheit von Hans Stilett ist höchst gewöhnlich, ungewöhnlich und schön ist jedoch der Zugang den er zu ihr gefunden hat und die Art und Weise, in der er seine Erinnerungen wieder aufleben lässt.

11 Comments

  • Reply
    Bri
    March 24, 2014 at 9:37 am

    Eine sehr schöne Rezension zu einem wirklichen Kleinod, das auch mich schon verzaubert hat.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 26, 2014 at 12:38 pm

      Oh Bri, wie schön, dass dir das Buch auch gut gefallen hat – darüber freue ich mich sehr! 😀 Ich würde mir nur wünschen, dass solche Kleinode neben der Masse etwas mehr Aufmerksamkeit erfahren würden – aber dafür sorgen wir ja vielleicht mit unseren Besprechungen.

      Optimistische Grüße
      Mara

      • Reply
        Bri
        March 26, 2014 at 7:07 pm

        Ja, das stimmt. Vor allem eben, weil sie so herausstechen. Es lässt sich zum Beispiel schön verschenken 😉 Genau, dafür wollen wir sorgen! Überzeugte Grüße zurück! Bri

  • Reply
    skyaboveoldblueplace
    March 24, 2014 at 11:15 am

    Liebe Mara,
    klingt nach einem sehr lesenswerten Buch. Und istb auch noch so schön kurz… Kommt gleich bei mir auf die Liste.
    Liebe Grüße, Kai

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 26, 2014 at 12:36 pm

      Lesenswert ist es in der Tat – ich habe mich an Erich Hackl erinnert gefühlt, der ja auch ein schmales Büchlein voller Kindheitserinnerungen vorgelegt hat. Auch an Patti Smith musste ich denken. In allen Fällen fand ich den Zugang zu der eigenen Kindheit, der nicht von Verbitterung geprägt war, sehr interessant.

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Bri
        March 26, 2014 at 7:17 pm

        Ja Mara, genau an Erich Hackls “Dieses Buch gehört meiner Mutter”? Meinst Du das? Allerdings sind ds ja auch dei Erinnerungen seiner Mutter, die er aufgezeichnet hat. Damals war das Leben noch sehr hart … und trotzdem sind die Erinnerungen so warm, weich und ohne Bitterheit.
        Liebe Grüße, Bri

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          March 27, 2014 at 6:34 pm

          Liebe Bri,

          genau an dieses Buch musste ich denken! Natürlich, er zeichnet die Erinnerungen seiner Mutter auf und doch empfinde ich in gewisser Hinsicht Ähnlichkeiten im Ton beider Bücher. Ohne Bitterkeit trifft es wirklich ganz gut …

          Liebe Grüße
          Mara

          • Bri
            March 27, 2014 at 8:46 pm

            Liebe Mara, ja erstaunlich, wie genügsam und ich hoffe doch glücklich wir Menschen sein können. Der Ton ist ganz ähnlich, da hast Du vollkommen Recht.
            Liebe Grüße – bin gespannt auf weitere solche Entdeckungen auf deinem schönen Blog 😉
            Bri

          • buzzaldrinsblog
            March 30, 2014 at 9:19 am

            Liebe Bri,

            ja, ich bin auch schon gespannt darauf, zu welchen Büchern ich noch geführt werde in den kommenden Wochen und freue mich darauf, sie hier vorstellen zu können.

            Liebe Grüße
            Mara

      • Reply
        skyaboveoldblueplace
        March 30, 2014 at 5:05 pm

        Der Vergleich mit Patti Smith passt wirklich gut – wenn man es darauf bezieht, wie einen das Buch tatsächlich verzaubern kann und dass auch dort eine ganz eigene Welt und Sprache beschrieben wird. Die Traumsammlerin habe ich äusserst gerne gelesen, wobei ich mich immer gefragt habe, wie man das liest, wenn man nicht die Bezüge zu Patti Smiths Leben und Liedern kennt.
        Das Buch von Erich Hackl kenne ich ehrlich gesagt nicht. Aber wer weiß, was einem so ein Leseleben noch alles vorbeibringt.
        Liebe Grüße, Kai

  • Reply
    Ein kleiner Mensch ist ein ganzer Mensch, genauso wie ein großer | skyaboveoldblueplace
    March 29, 2014 at 3:04 am

    […] das selber herausgefunden hätte, nein, nein, das kann man in der schönen Besprechung von Mara auf BuzzaldrinsBücher nachlesen. Durch ihre Besprechung bin ich auch erst auf diesen mir bisher unbekannten Autor und […]

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