Kein Paar wie wir – Eberhard Rathgeb

Eberhard Rathgeb wurde 1959 in Buenos Aires geboren, mit vier Jahren zog es ihn gemeinsam mit seinen Eltern und seinen Geschwistern nach Deutschland. Rathgeb hat als Feuilletonredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gearbeitet, 2007 erschien sein Buch “Schwieriges Glück. Versuch über die Vaterliebe”. “Kein Paar wie wir” ist sein neuester Roman und erschien im vergangenen Jahr im Hanser Literaturverlag, er wurde mit dem aspekte Literaturpreis ausgezeichnet.

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“Sie hatten das Wünschen früh geübt und im Alter nicht verlernt, es hielt die beiden Schwestern jung.”

Ruth und Vika sind Schwestern, die durch ein ganz eng geknüpftes Band miteinander verbunden sind. Sie sind nicht nur Schwestern, sondern zwei Frauen, die sich dazu entschieden haben, ihr Leben alleine zu verbringen – sie sind miteinander alleine, ohne Männer und ohne Kinder, dafür aber mit all ihren gemeinsamen Erinnerungen. Mit ihren Eltern sind sie Ende der dreißiger Jahre nach Argentinien geflüchtet, es war eine vorausschauende Flucht angesichts dessen, was später passieren sollte. Ihr Vater arbeitet in Argentinien als Brückenbauer, dort findet er sein berufliches Glück, doch zuhause bleibt er ein gefühlloser Tyrann, der seine Kinder zu Höchstleistungen antreibt – ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Liebe, ohne Mitgefühl. Die Mutter ist zwar da, doch eigentlich ist sie es nicht – das Leben in der Fremde hat sie depressiv gemacht, sie wollte nie weg aus Deutschland, auch wenn die Flucht bedeutete, in Sicherheit zu sein.

“Das Meer der Dinge zog sich von den alten Frauen zurück. Ihre Lebenskraft, ihre Neugier reichten nicht mehr aus für ein Blütenblatt, den Henkel einer Tasse, den Stoff einer Decke, für die Rinde eines Baumes, den Griff einer Gabel, für den Geschmack von Brot und Wasser.”

Vika und Ruth wachsen in einem Elternhaus auf, dessen Atmosphäre vergiftet ist. Der Vater ist herrschsüchtig, er kennt nur seine Arbeit, die beiden Töchter nimmt er kaum wahr. Die Mutter ist schwerfällig, all ihre Wünsche und Träume projiziert sie auf die beiden Töchter, überschüttet sie mit Erwartungen, Forderungen und Vorwürfen, immer wieder Vorwürfen. Erst als die beiden Schwestern Ende zwanzig sind, gelingt es ihnen, sich aus ihrem Elternhaus zu lösen und die Fesseln abzustreifen.

“Das vergangene Leben lässt uns nicht los. Nur wenn wir uns bewegen, wenn wir arbeiten, reisen, unter Menschen sind, können wir sie abschütteln. Nur wenn wir uns ablenken, wenn wir unterwegs sind, haben wir vor ihr Ruhe. Sobald wir uns niederlassen und nichts tun als dasitzen und zu reden, holt sie uns ein. Wenn wir die Augen schließen, sehen wir ihr Gesicht, wenn wir uns umschauen, sehen wir Mutter aus einem Winkel auftauchen. Sie beobachtet uns, sie lässt uns nicht fortgehen.”

Ruth wandert nach New York aus, ihre Schwester Vika folgt kurze Zeit später. Zum ersten Mal können beide befreit von ihrer bedrückenden Vergangenheit leben. Sie gewöhnen sich schnell an die amerikanischen Verhältnisse – ihr Vorteil ist sicherlich, dass sie drei Sprachen beherrschen. Sie leben und verdienen gut in New York, leben genauso eng zusammen, wie in ihrer Kindheit, fahren ab und an Händchen haltend Taxi – Männer kommen ihnen aber nicht ins Haus, auch wenn es einige Verehrer gibt, die Angst davor, ein ähnliches Leben führen zu müssen, wie das der Eltern, ist zu erdrückend.

“An diesem Tisch und auf diesen Stühlen saßen wir als Kinder. Das Vergangene bleibt an einem hängen, es fällt nicht von einem ab, es löst sich nicht auf. Die Dinge überleben uns. Wir gehen davon, sie bleiben.”

Die beiden Schwestern sind mittlerweile gealtert und längst wieder zurück nach Argentinien gezogen, gemeinsam auf dem Sofa sitzend blicken sie zurück auf ihr Leben, auf ihre Vergangenheit, auf ihre Kindheit, ihre Eltern und den Lauf der Geschichte, den sie mehrmals besiegen konnten, weil sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren: sie flüchteten vor Hitler und sie verließen Argentinien rechtzeitig vor dem Militärputsch. In gemeinsamen Gesprächen, Gesprächen, in denen die eine Schwester den Gedanken der anderen zu Ende denkt, werden die Bilder der Vergangenheit Stück für Stück zusammengesetzt, bis sich ein Panorama eines beeindruckenden, wenn auch einsamen, Lebens ergibt: “Das Gespräch war eine Nabelschnur, die sie verband und am Leben erhielt.” Es ist ein intimes Gespräch zwischen zwei so miteinander vertrauten Menschen, dass der Zugang in die Welt der Schwestern auf den ersten Seiten nicht einfach ist – ich habe mich als Gesprächsbeobachter gefühlt, ohne den Text jedoch wirklich betreten zu können.

“Wenn man nichts von dem wahrnimmt, was um einen herum geschieht, dachte sie, ist es so, als würde man in der Erinnerung leben. Als wäre man nur noch Erinnerung. In sich verkapselt. Ein geschlossener Innenraum in einem schwerfälligen Gehäuse. Ein Eremit, der sich von der Welt zurückgezogen hat und sich seinen Gedanken überlässt.”

Vika und Ruth leben eine Beziehung, in der die Grenzen der Normalität (was auch immer normal bedeuten mag) verwischt sind – verbunden werden sie durch eine enge Zweisamkeit, doch diese Zweisamkeit hat auch dazu geführt, dass sich keiner der beiden je nach außen orientieren konnte. Nur Ruth hatte eine kurze Affäre mit einem Mann, als sie für kurze Zeit alleine in New York gewesen ist. Beide scheinen ihr großes Glück in der gemeinsamen Bindung gefunden zu haben, doch trotz dieses offensichtlichen Glücks, das von Eberhard Rathgeb mit ganz viel Feingefühl und Zärtlichkeit beschrieben wird, wirkt dieses seltsame Paar auch befremdlich. Beide gewinnen viel durch ihr gemeinsames Leben, ich habe mich aber auch immer wieder gefragt, was sie dadurch vielleicht verlieren könnten: auch viele Jahre nach dem Tod der verhassten Eltern, haben sich beide noch immer nicht von den Schrecken ihrer Kindheit lösen können. Die Schatten der Vergangenheit verschwinden nicht, niemals so ganz. Ist es wirklich eine Entscheidung für einander gewesen oder eine Entscheidung aus Angst vor dem Leben?

“Kein Mann ist das wert, dachten sie. Auch keine Frau. Die Liebe zwischen den Männern und den Frauen wird völlig überschätzt. Sie bilden ein Paar und möchten glücklich sein und werden unglücklich. Sie versprechen sich gegenseitig hoch und heilig die Treue und betrügen sich bei der nöchstbesten Gelegenheit. Sie möchten ein schönes Leben führen und bringen sich schließlich um, weil ihre Hoffnungen enttäuscht wurden. Sie halten an ihrer Ehe fest wegen der Kinder, aber wenn sie alt und hinfällig geworden sind, machen sie sich das Leben gegenseitig zur Hölle.”

Eberhard Rathgeb legt mit “Kein Paar wie wir” einen lesenswerten Roman vor, der die Geschichte von zwei außergewöhnlichen Schwestern erzählt. Zwei Schwestern, denen es gelingt, der Geschichte zu entwischen, die die Schatten der Vergangenheit aber dennoch nicht loswerden. Eberhard Rathgeb ist ein berührendes Porträt gelungen, voller Liebe, aber auch angefüllt mit Angst und Traurigkeit.

5 Comments

  • Reply
    papercuts1
    April 1, 2014 at 5:38 am

    Dieses Buch steckte ja letztes Jahr in meinem Adventskalender und wartet noch darauf, dass es an der Reihe ist. Ich wusste wenig darüber, was mich erwartet. Durch deine Besprechung habe ich jetzt eine bessere Idee, was auf mich zukommt. Es hört sich nach einer Herausforderung an, auf die ich mich freue.

    LG

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 4, 2014 at 3:12 pm

      Oh ja, liebe Papercuts, ich erinnere mich noch sehr gut an diesen wahnsinnig tollen Adventskalender, den du von deinem wahnsinnig tollen Mann bekommen hast! 🙂 Das Buch ist eine Herausforderung, eine Herausforderung, die lesenswert, manchmal aber auch sperrig ist – ich bin ganz doll gespannt auf deine Meinung! 😀

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    skyaboveoldblueplace
    April 1, 2014 at 7:04 am

    Liebe Mara,
    in der Buchhandlung hatte ich das Buch schon mal in der Hand, konnte mich aber nicht entschließen, weil ich es nicht einschätzen konnte. Nun weiß ich dank Deiner wunderbaren Besprechung Bescheid und werde es doch erstmal zurückstellen. Es ist ein interessantes, schwieriges Thema – aber ich glaube, im Moment eher nicht so meins.
    So bin ich heute also doppelt angetan von Deiner Besprechung, erstens, weil sie so profund und informativ ist, wie immer – und zweitens, weil Du endlich mal ein Buch besprichst, das ich nicht sofort kaufen muss, wie z.B. Eulenrod. Dafür überhaupt nochmal vielen Dank, ohne Deine tolle Besprechung wäre ich da nicht drauf – ich habe es wirklich mit Gewinn gelesen, und sogar zum Schreiben hat es mich gebracht.
    Liebe Grüße, Kai

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 4, 2014 at 3:11 pm

      Lieber Kai,

      das Buch hat mich wirklich zwiespältig zurückgelassen, deshalb ist es mir auch sehr schwer gefallen eine ausgewogene Besprechung zu schreiben – auf der einen Seite hat es mir gefallen, auf der anderen Seite ist es aber tatsächlich ein sehr schwieriges Thema, ein schwieriges Buch, das manchmal sogar etwas sperrig ist. Dass du das Buch zunächst zurückstellst, kann ich also sehr gut verstehen, auch wenn ich auf der anderen Seite natürlich gespannt auf weitere Meinungen wäre.

      Darüber, dass dir Eulenrod so gut gefallen hat, freue ich mich sehr! 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        skyaboveoldblueplace
        April 5, 2014 at 12:51 pm

        ja Eulerod, da war ich Dir wirklich dankbar, genauso, wie für die wunderbare Geschichte um Sprosse.
        Liebe Grüße, Kai

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