Tagebuch eines Sturzes – Michel Laub

Michel Laub ist Journalist und Schriftsteller. Er hat jüdische Wurzeln und wurde 1973 in Porto Alegre, Brasilien, geboren. In seiner Heimat gehört er zu den wichtigsten Autoren seiner Generation und wurde bereits vielfach ausgezeichnet. “Tagebuch eines Sturzes” ist der erste Roman von ihm, der in Deutschland erscheint und wurde von Michael Kegler übersetzt.

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“Auch ich würde lieber nicht davon reden. Wenn die Welt etwas nicht braucht, so ist es, sich meine Ansichten zu diesen Themen anhören zu müssen.”

Über das, worüber der namenlose Erzähler lieber nicht sprechen würde, kann jedoch auch nicht geschwiegen werden, denn in letzter Konsequenz ist es auch ein Teil seiner selbst. Zum Schreiben findet der Erzähler während einer schweren Lebenskrise. Der Alkohol nimmt einen immer wichtigeren Teil in seinem Leben ein, es gibt kaum Abende an denen er nicht trinkt, manchmal fängt er damit schon am Nachmittag an. Seine Ehefrau, es ist die dritte, hält es nicht mehr mit ihm aus, möchte ihn verlassen, wenn er noch einmal einen Tropfen Alkohol anrührt, wenn er noch einmal betrunken nach Hause kommt. Gleichzeitig erhält sein Vater die niederschmetternde Diagnose Alzheimer.

Im Versuch, sich seinem eigenen Leben zu stellen, stößt der Erzähler auf die Geschichte seines Großvaters, es ist eine Geschichte, die in seiner Familie immer verdrängt und nur in ganz wenigen Momenten thematisiert wurde. Der Großvater hat Auschwitz überlebt, doch ein Teil von ihm ist im Konzentrationslager gestorben – ein Teil von ihm ist für immer dort zurückgeblieben. Über seine Erlebnisse gesprochen hat er nicht, nie wieder. Er hat eine Familie gegründet, der Vater des Erzählers ist sein Sohn gewesen, doch der Großvater war nie wirklich Teil seines eigenen Lebens. In den letzten Jahren seines Lebens hat er sich im Arbeitszimmer eingeschlossen und Tagebuch geführt, doch an keiner Stelle dieses Tagebuchs taucht das Wort Auschwitz auf.

“Mein Großvater sprach nicht gern von früher. Was nicht verwunderlich ist, zumindest nicht, was das Wesentliche angeht: dass er Jude war, nach Brasilien kam in einem dieser vollgepferchten Schiffe, wie Vieh, für das die Geschichte zu Ende zu sein schien, mit zwanzig oder dreißig oder vierzig, das ist egal, und nichts bleibt übrig als eine Art von Erinnerung, die kommt und geht und ein schlimmeres Gefägnis sein kann, als das, in dem du gewesen bist.”

Die Erinnerungen des Großvaters, aus dessen Tagebuch der Erzähler immer wieder zitiert, führen dazu, dass er sich selbst zurückerinnert: an seinen Vater, an seine Kindheit. Er erinnert sich an seine Schulzeit, während dieser war er an einem fürchterlichen Sturz beteiligt gewesen, bei dem ein nichtjüdischer Junge auf seiner Geburtstagsfeier zu Schaden kam. Der Schatten von Auschwitz hängt wie ein dunkles Tuch über seinem Leben; nur durch gemeinsame Gespräche hätte es entfernt werden können, doch niemand in der Familie spricht über das, was mit dem Großvater im Konzentrationslager geschehen ist. Sinnbildlich dafür steht die Alzheimererkrankung des Vaters, die die letzten bewussten Erinnerungen an den Großvater rauben, der sich selbst das Leben nahm, als sein Sohn gerade einmal vierzehn Jahre alt gewesen ist. Das Nichterinnernkönnen und das Nichtmiteinandersprechenkönnen ist ein schmerzhaftes Versagen, das sich über das Leben von drei Generationen erstreckt, hinein bis in die Gegenwart des Erzählers.

“Die Familie meines Großvaters ist vollständig in Auschwitz ums Leben gekommen. Keine Zeile in seinen Heften erinnert  an sie. Keine einzige Zeile handelt vom Lager, davon, wie lange mein Großvater dort gewesen ist, wie er es geschafft hat zu überleben, was er empfunden hat, als er befreit wurde, und ich stelle mir vor, wie mein Vater reagiert hat, als er beim Lesen, sechs Monate oder ein Jahr nach Tod meines Großvaters, diese Leerstelle bemerkte.”

Das schmale Büchlein, umfasst gerade einmal 175 Seiten, hat aber eine so große Kraft und Wirkung, dass ich geglaubt habe, einen Wälzer zu lesen, einen Roman mit doppelt so vielen Seiten. Dazu beigetragen hat sicherlich auch die Tatsache, dass das Buch zwar aus kurzen Kapiteln besteht, diese aber immer wieder unheimlich lange Sätze beinhalten. Sätze, in denen man sich erst einmal zurechtfinden muss. Die Themen des Erzählers kreisen um den schweren Sturz seines Mitschülers und um einen schlimmen Streit mit seinem Vater – es war der einzige Moment, in dem sich Vater und Sohn nahe gekommen sind, es ist der einzige Moment, in dem die Wände, die der Vater um sich herum errichtet hat, bröckelten.

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Im Zentrum des Romans steht jedoch das Thema Erinnerung und Vergessen. Daran geknüpft wird die Frage, wieviel wir erinnern müssen, um weiterleben zu können und wieviel wir vergessen dürfen, um zu überleben. Es geht aber auch um die Frage, wieviel man als Angehöriger erdulden und aushalten muss – kann man jedes Verhalten mit Auschwitz entschuldigen oder hat man als Sohn auch das Recht wütend zu werden? Wo fängt die Verantwortung für das eigene Handeln an? Kann man den Großvater nur als Opfer der Geschichte beurteilen, oder auch als Mann, Ehemann und Vater? Im Text wird immer wieder Bezug genommen auf Primo Levi und sein Buch “Ist das ein Mensch?”, in dem er über seine Erfahrungen im Konzentrationslager schreibt.

“Ist es möglich, einen Überlebenden von Auschwitz zu hassen, wie es mein Vater getan hat? Ist es erlaubt, diesen vollkommenen Hass zu empfinden, ohne jemals der Versuchung zu erliegen, ihn wegen Auschwitz zu mildern, ohne sich schuldig zu fühlen, die eigenen Emotionen über so etwas wie die Erinnerung an Auschwitz zu stellen? Kann der Hass auf einen Überlebenden von Auschwitz gleichgültig machen gegenüber Auschwitz, der Hass auf den Überlebenden, der dazu führt, das man ihm Böses wünscht, dazu, dass einem gleichgültig oder gar recht ist, was ihm angetan wurde, selbst wenn es in Auschwitz war?”

Michel Laub legt mit “Tagebuch eines Sturzes” einen schmerzhaften, wenn gleich auch kraftvollen Roman vor. Er erzählt auf sprachlich hohem Niveau eine Geschichte des Erinnerns und Vergessens, des Überlebens und Weiterlebens, von Verantwortung und Schuld. Der Roman endet mit einem Hoffnungsschimmer, es ist die Hoffnung darauf, dass die vierte Generation vielleicht anders mit der Vergangenheit umgehen kann.

10 Comments

  • Reply
    Der Mann fur den Text
    April 14, 2014 at 5:55 am

    Reblogged this on [Leipzig.Lebensmittel.Punkt.].

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    Maren Wulf
    April 15, 2014 at 9:37 pm

    Das hast du schön auf den Punkt gebracht, liebe Mara: Wieviel Erinnern braucht es auf der einen Seite zum Leben und Überleben und wieviel Vergessen und Verdrängen auf der anderen. Besonders beklemmend finde ich, dass es dabei so oft nur Verlierer gibt: den Sohn und den Enkel, die langsam am Schweigen des Großvaters zugrunde gehen, und den Großvater, der sich durch sein Schweigen noch nicht einmal selbst zu retten vermochte, aber eben auch nicht anders konnte. Danke für diese feine Besprechung! Ich freue mich schon auf den Hoffnungsschimmer ganz am Ende.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 16, 2014 at 5:09 pm

      Ich glaube, dass ich diesen Gedanken ursprünglich mal bei Ruth Klüger aufgeschnappt habe, als sie während einer Lesung in Bremen gewesen ist – auf dieses Buch hat er aber einfach wunderbar gepasst, da musste ich ihn wieder hervorholen. Ich empfinde den “Lauf” der Geschichte auch als sehr beklemmend, gerade auch weil scheinbar selbst spätere Generationen Schwierigkeiten haben sich von den Schrecken der Vergangenheit zu befreien.

      Wenn du das Buch lesen solltest, wäre ich sehr gespannt darauf, wie es dir gefallen wird. 🙂

      • Reply
        madameflamusse
        May 31, 2014 at 3:20 pm

        Der Schrecken der Vergangenheit wirkt umso stärker umso mehr drüber geschwiegen wird. Das schlimme sind ja grade die Teile die Wir vererbt bekommen von denen wir nichts wissen bzw. die sich nur in unserem Unterbewußtsein aufhalten, denn dadurch können Wir nicht mit Ihnen umgehen.
        Thema Kriegsenkel, sag ich da nur.
        Liebe Grüße, schön mal wieder hier zu sein. Ich finde deinen Blog sehr professionell und beneide Dich um deinen tollen Bücherstapel.

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          June 4, 2014 at 4:40 pm

          Schön, dich mal wieder hier begrüßen zu dürfen – ich freue mich immer wieder sehr über deine Besuche und über deine lieben Worte. 😀
          Deine Anmerkungen zum Thema Krieg, Vergangenheit und Erinnerungen kann ich so nur unterschreiben – deshalb glaube ich auch, dass Bücher wie das von Michel Laub unheimlich wichtig sind.

          Liebe Grüße
          Mara

          • madameflamusse
            June 4, 2014 at 7:05 pm

            Danke liebe Mara *staun* – ich fand Dich immer so unglaublich freundlich, das ich mich fragte wie man so was immer so durchhält, weil Du ja wirklich viele Kommentare bekommst. Ja, ich war ganz schön weg..hab beide Hände zum Stricken gebraucht und war auch ziemlich sprachlos nach dem plötzlichen Tod meines Katzenmädchens. Seufz. Ich freu mich das ich bemerkt werde hier…Thanks 😉

          • buzzaldrinsblog
            June 8, 2014 at 12:26 pm

            Das mit deiner Katze habe ich noch mit bekommen und sehr mit dir migefühlt – es liegt außerhalb meines Vorstellungsvermögens, dass es Bandit irgendwann einmal nicht mehr geben sollte. Auf jeden Fall finde ich es sehr schön, dich wieder zu lesen. 🙂

          • madameflamusse
            June 8, 2014 at 2:08 pm

            Ja, ich hatte seit längerem schon Sorge… weil ich auch selber so angegriffen war, und hatte immer Angst das Filinchen was passiert, wenn Sie lange schlief mußte ich immer schauen ob Sie noch lebte. Und dann ist alles so plötzlich gekommen, das ich es ehrlich gesagt noch gar nicht begriffen habe. 8,5 Jahre sind eine lange Zeit um sich aneinander zu gewöhnen… mir fehlen unsere Rituale und Ihre Art ganz sehr. Eigentlich hatte ich beschlossen das Filinchen die älteste Katze der Welt wird. Seufz.
            Danke liebe Mara

  • Reply
    Rezension: Michel Laub, Tagebuch eines Sturzes | Leipzig.Lebensmittel.Punkt.
    May 14, 2014 at 8:44 am

    […] Ursprünglich veröffentlicht auf buzzaldrins Bücher: […]

  • Reply
    madameflamusse
    May 31, 2014 at 3:18 pm

    Klingt ziemlich interessant und umfasst mal wieder meine Themen. Und auch wieder hier das Erinnern und Vergessen wie bei Anna aus Der Wal durch London.
    Ich glaube schlimme Dinge die passieren teilen das Leben in verschiedene Teile. Es gibt den Zeitpunkt davor und danach und auch die Zeitrechnung wir nie mehr die alte sein. Es sind verschiedene Leben die man dann lebt als Person. Wahrscheinlich schafft man es nicht anders diesen nicht zu benenenden Schmerz zu ertragen.

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