Heute bedeckt und kühl: Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virgina Woolf – Michael Maar

Michael Maar wurde 1960 geboren und hat unter anderem Bücher über Thomas Mann, Vladimir Nabokov, Harry Potter und Marcel Proust veröffentlicht. Für seine bisherigen Veröffentlichungen erhielt der Autor bereits zahlreiche Preise und Auszeichnungen, zuletzt den Heinrich-Mann-Preis der Berliner Akademie der Künste. Vor zwei Jahren erschien im C.H.Beck Verlag “Die Betrogenen”, sein erster Roman. “Heute bedeckt und kühl: Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virgina Woolf ” wurde im vergangenen Jahr veröffentlicht.

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“Ein Mann ohne Tagebuch (er habe es nun in den Kopf oder auf Papier geschrieben) ist, was ein Weib ohne Spiegel.”

Michael Maars Parforceritt durch die Geschichte des literarischen Tagebuchs umfasst 220 Seiten, 40 Kapitel und ein Personenregister, das sich über sechs Seiten erstreckt. Im Titel erwähnt werden bereits Samuel Pepys und Virgina Woolf, doch Michael Maar streift diese beiden Tagebücher lediglich und richtet seinen Fokus stattdessen darauf, die Vielfalt der unterschiedlichen Tagebücher aus insgesamt vier Jahrhunderten vorzustellen: Erwähnung finden unter anderem Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Heimito von Doderer, Franz Kafka, Helmut Krausser, Thomas Mann, Katherine Mansfield, Brigitte Reimann, Susan Sontag und Oscar Wilde.

Der Autor bezeichnet sein eigenes Buch als kleine Promenade und in der Tat fühle ich mich als Leserin so, als würde ich an all diesen Diaristen vorbeispazieren und kurz in ihre Leben eintauchen, bevor ich in ein weiteres Leben, ein weiteres Schicksal eintauche. Der rote Faden von Michael Maar ist die Frage danach, was einen Menschen dazu bringt, Tagebuch zu führen.

“Nur in Tagebüchern ist das Allerprivateste so unlösbar verschlungen mit dem, was später als Datum in den Geschichtsbüchern stehen wird. Ein Tagebuch, nicht zuletzt darin liegt sein Reiz, gibt immer auch ein absichtsloses und um so getreueres Bild seiner Zeit.”

Die Tagebücher, die Michael Maar für seine Analyse heranzieht, sind vielfältig und entstammen insgesamt vier Jahrhunderten – ich stoße auf Männer wie August Graf von Platen, der seinem Tagebuch sich und seine Sexualität offenbart. Auch andere Tagebuchschreiber offenbaren in ihren privaten Journalen tiefste Geheimnisse, dementsprechend ist mit dem Schreiben eines Tagebuchs auch immer die Angst verbunden, entdeckt und verraten zu werden. Tagebücher können manchmal auch wahre Giftkammern sein, in denen die Schreiber mit ihren Mitmenschen abrechnen. Eine weitere Gattung, die häufig anzutreffen ist, sind Traumtagebücher. Besonders heraus aus der überwältigenden Masse der Tagebücher ragen sicherlich die, die im Angesicht der großen Geschichte geschrieben werden – Erwähnung finden unter anderem Anne Frank und Viktor Klemperer.

“Wieder sind es die Details, die uns die große gräßliche Geschichte atmend, lebend, zuckend anschaulich machen, bevor sie in Begriffen und später in Phrasen sterilisiert werden.”

Michael Maar ist jedoch nicht nur an der Frage interessiert, warum so viele Tagebücher schreiben, sondern auch an der Frage, warum wir diese Tagebücher so gerne lesen. Ein entscheidender Grund ist sicherlich der, dass Tagebücher die Möglichkeit geben, tief in das Leben und die Gedanken fremder Menschen einzutauchen – häufig sind es ungefilterte und unverstellte Gedanken, die in Tagebüchern geäußert werden. Doch dies hat auch eine dunkle Kehrseite, denn woher kann man sich als Leser sicher sein, dass das Tagebuch den wahren Menschen widerspiegelt und keine Fälschung ist? Ein berühmtes Beispiel in diesem Zusammenhang sind die Tagebücher von Anaïs Nin, die viele Frauen mit ihrem Bericht über eine Fehlgeburt rührte, bevor sich herausstellte, dass es sich in Wirklichkeit um eine Abtreibung handelte.

“Das Tagebuch ist gewissermaßen die Beschwerdestelle, deren Schalter nie geschlossen hat, die Hotline ohne Warteschleife – und noch dazu gebührenfrei.”

Auf den letzten Seiten dieser aufregenden Entdeckungsreise durch die Geschichte des Tagebuchs, widmet sich Michael Maar unserer heutigen Gegenwart und findet in dieser nur wenig Gutes – das, was ehemals das handgeschriebene Tagebuch gewesen ist, wird nun durch Facebook und Blogs ersetzt. Die Sprache dessen, was Facebookuser posten, ist für ihn eine Pestilenz und die Bilderflut ein Sinnbild für die sich einschleichende Ent-Alphabetisierung.

“Tagebücher bieten das, was heute das Internet bietet: unsortierte und unzensierte, wild blühende und wild wuchernde Informationen; Gerüchte, die nie den Weg zum Druck finden, kuriose Details und abseitige Aperçus. Was in den Zeitungen steht, passiert viele redaktionelle Filter. Was im Tagebuch oder im Internet-Blog steht, keinen einzigen. Es ist darum viel Katzengold unter dem, was glänzt, aber gerade das macht seinen leicht schmutzigen Reis.”

Michael Maar legt mit “Heute bedeckt und kühl: Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virgina Woolf” eine unterhaltsame und informative Entdeckungsreise durch die Welt der Tagebücher vor. Mein Urteil fällt dennoch zwiespältig aus, denn zum einen kann ich das Buch jedem nur ans Herz legen, doch zum anderen ist es eine wahre Gefahr für jede Wunschliste!

22 Comments

  • Reply
    Kef Khaos
    April 14, 2014 at 2:04 pm

    Überredet, es kommt auf meine Wunschliste 😉 Das muss doch mal ein Ende haben…
    Liebe Grüße
    Kef

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 16, 2014 at 5:16 pm

      Es wird wohl nie ein Ende haben, ich habe mich damit bereits abgefunden! 😀

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Apfel
    April 14, 2014 at 2:18 pm

    Anais Nin: zwei ihrer Tagebücher besitze ich – noch ungelesen. Daher weiß ich nicht, ob ihre Unwahrheit in einem der beiden steht, aber falls dem so sein sollte, hätte ich nicht Bescheid gewusst. Darum danke für diese zufällige Aufklärung.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 16, 2014 at 5:15 pm

      Gern geschehen, wie gesagt: ich habe nur das wiederholt, was Michael Maar formuliert. 🙂 Von Anais Nin habe ich auch ein Tagebuch im Regal, ich habe es mir vor vielen Jahren mal auf einem Bücherflohmarkt an der Uni gekauft – gelesen habe ich es bisher noch nicht. Sag unbedingt Bescheid, wenn du dich an die Tagebücher heranwagst. 🙂

  • Reply
    jancak
    April 14, 2014 at 2:40 pm

    Eine Biografie über Virgina Woolf habe ich gerade im Schrank gefunden

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 16, 2014 at 5:14 pm

      Ich bin über sie ja schon bei Stefan Bollmann gestoßen und finde sie unheimlich interessant, auch wenn ich selbst noch nichts von ihr gelesen habe … es wird Zeit! 😀

  • Reply
    IngridW
    April 14, 2014 at 2:52 pm

    Das Buch interessiert mich sehr. Die angedeuteten Risiken muss ich wohl eingehen 🙂

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 16, 2014 at 5:13 pm

      Unbedingt! Was gibt es denn heutzutage noch, was keine Risiken und Nebenwirkungen hat .. 😉

  • Reply
    perlengazelle
    April 14, 2014 at 3:56 pm

    Ich liebe Tagebücher und auch Briefwechsel. Aber ist es nicht doch so, dass (berühmte) Autoren hier und da Tagebücher führen, die eigentlich für die Öffentlichkeit gedacht sind – post mortem? Also gefiltert sind, mit der Schere im Kopf?
    Hat nicht auch Anne Frank ihr Tagebuch in Teilen überarbeitet?

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 16, 2014 at 5:12 pm

      Genau diese Frage wird auch von Michael Maar aufgeworfen, es wird wahrscheinlich viele Tagebuchschreiber geben, die nicht für sich schreiben, sondern für einen potentiellen Leser – im Buch wird an dieser Stelle z.B. Max Frisch genannt, der sich im Tagebuch wohl ganz anders dargestellt hat, als er in Wirklichkeit ist. Ich kenne nur wenig seiner Tagebücher und kann das deshalb schwer beurteilen oder einordnen. Ich glaube aber auch, dass man hier und da unverfälschte Blicke auf die Geschichte finden kann, aber es ist wahrscheinlich schwer zu sagen, wie stark ein Autor beim Schreiben seines Tagebuchs nach außen gerichtet ist.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Meine Buchtipps
    April 15, 2014 at 12:09 am

    das buch hab ich auch; da ich aber fast alle einzelbände kenne und ich mich auch durch alle pepys bücher gewühlt habe, blieb meine WL verschont 😉

    lg petra

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 16, 2014 at 5:10 pm

      Liebe Petra,

      du kennst fast alle der erwähnten Tagebücher? Wow! Ich bin beeindruckt, denn Michael Maar erwähnt ja in der Tat eine ganze Menge an Tagebüchern … 🙂

      • Reply
        Meine Buchtipps
        April 16, 2014 at 7:25 pm

        Ich meinte damit Woolf und Pepys 😉
        Vom letzteren habe ich die Gesamtausgabe von Roger Willemsen, durch die ich mich gewühlt habe. Wobei sich extrem viel wiederholt.

        So wars gemeint 😉

        Lg Petra

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          April 18, 2014 at 2:37 pm

          Liebe Petra,

          ach, dann habe ich dich einfach falsch verstanden – ich dachte, du beziehst dich auf alle Tagebücher, den es werden ja sehr viele erwähnt. 🙂

          Liebe Grüße und dir schöne Ostern
          Mara

          • Meine Buchtipps
            April 23, 2014 at 8:57 am

            Nein Mara, ich glaube, ich habe mich falsch ausgedrückt. Ich habe mir das Buch – das ich ja auch habe – zur Hand genommen und musste direkt bei meinem Satz lachen ;-).

            Auch wenn ich viele Tagebücher gelesen habe und mich gerne damit beschäftige, ALLE aus diesem Buch – kenne ich wahrlich nicht – *lach*

            Lg Petra

  • Reply
    ODudek
    April 16, 2014 at 9:14 am

    Da auch ich die Lektüre von Tagebüchern liebe, steht das Buch bereits auf meiner Wunschliste.
    LG

  • Reply
    skyaboveoldblueplace
    April 16, 2014 at 10:17 am

    Liebe Mara,
    Deine Besprechung führt stante pede zu einer Buchbestellung meinerseits. Ganz schlimm! Aber im Ernst, der Titel ist völlig an mir vorbei gegangen und nun bin ich froh, dass Du ihn so schön besprochen hast. Ich lese sehr gerne Tagebücher, grade, weil sie in der Herangehensweise doch sehr unterschiedlich sind, aber meistens doch die Persönlichkeit der Schreibenden sehr offen durchscheint. Ich liebe die Tagebücher von Samuel Pepys auf der einen, oder Max Frisch auf der anderen Seite und finde gleichzeitig solche Projekte wie ‘Rom, Blicke’ von Rolf-Dieter Brinkmann interessant. Und natürlich alles was dazwischenliegt.
    Liebe Grüße, Kai

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 16, 2014 at 5:06 pm

      Lieber Kai,

      ich muss gestehen, dass ich bis auf die Tagebücher von Wolfgang Herrndorff und James Salter noch kein Tagebuch eines Literaten gelesen habe (ausgenommen von Kurt Kobain und Marilyn Manson, die ich nun aber nicht wirklich als literarisch bezeichnen würde ;-)). Aufgrund dessen war die schöne Zusammenstellung von Michael Maar ein wahrer Fundus fr meine Wunschliste – ganz oben stehen die Tagebücher von Samuel Pepys.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Muromez
    April 18, 2014 at 9:51 am

    Bin immer vorsichtig bei Tagebüchern. Stets habe ich im Hinterkopf: Hat der Verfasser das lediglich für sich oder tatsächlich (nach seinem Tod) für die breite Maße (heute via Blog z.B.) geschrieben? Man darf bekanntlich fremde Tagebücher nicht aufschlagen. Oft möchte ich deswegen auch nicht in diese Schriften schauen, obwohl sie sicherlich für die Wissenschaft fördernd sind. Etwas zwiegespalten…

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 18, 2014 at 2:28 pm

      Hallo Muromez,

      ich kann deine Bedenken einerseits verstehen, andererseits finde ich Tagebücher einfach auch immer furchtbar reizvoll – ich bin ein unglaublich neugieriger Mensch und freue mich immer daran, etwas über andere zu erfahren. Dann wiederum gibt es Tagebücher wie das von Wolfgang Herrndorf, deren Veröffentlichung ich einfach unheimlich wichtig finde.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    (Die Sonntagsleserin) KW #16 – April 2014 | Bücherphilosophin.
    April 20, 2014 at 6:01 am

    […] wohl bekanntesten Roman der britischen Schriftstellerin Virginia Woolf, thematisiert, geht es bei Buzzaldrins Bücher um die Tagebücher der Autorin und berühmte Tagebücher im […]

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