Knockemstiff – Donald Ray Pollock

Donald Ray Pollock wurde 1954 geboren und wuchs im US-Bundesstaat Ohio auf. Als er siebzehn Jahre alt war, verließ er die Schule ohne Abschluss und begann damit, in einer Fleischfabrik zu arbeiten, danach war er in einer Papiermühle tätig. Erst dreißig Jahre später entschloss er sich dazu, an der Abendschule seinen Abschluss nachzuholen, anschließend schrieb er sich an der Ohio State University ein. “Knockemstiff” ist sein Debütroman und erschien im Original im Jahr 2008, 2011 folgte der Roman “Das Handwerk des Teufels”. Übersetzt wurde “Knockemstiff” von Peter Torberg.

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“Ich bin schon mein ganzes Leben lang hier, wie ein Giftpilz an einem verrotteten Baumstumpf, nicht mal in die Stadt gehe ich, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt.”

Knockemstiff ist ein karger und trostloser Ort, eine Art Senke mitten in Ohio – im Westen Amerikas. Kaum einer der Bewohner dieses Kaffs, hat in seinem Leben schon einmal etwas anderes gesehen, als das wenige, dass es in Kockemstiff gibt: eine Bar, einen kleinen Kiosk, ein Autokino, eine Tankstelle und viele viele dreckige und verfallende Häuser und Wohnwagen. Es gibt kaum mal einen Fremden, der sich freiwillig an diesen tristen Ort verirrt. Die Menschen, die das Schicksal nach Knockemstiff gespült hat, teilen eine Gemeinsamkeit: eine erdrückende Trostlosigkeit. Viele von ihnen arbeiten in den nahe gelegenen Fabriken, wenn sie denn überhaupt arbeiten – ansonsten leben sie von der Wohlfahrt.

“Der Wind strömte durchs offene Fenster herein und trocknete mir den Scheiß. Es fühlte sich an, als würde der Impala über die Straße schweben. Das hast du gut gemacht, sagte ich bei mir, immer und immer wieder. Das war verflucht noch mal das Einzige, was mein Vater je zu mir gesagt hatte, das ich nicht vergessen wollte.”

Ohne Vorwarnung wird der Leser von Donald Ray Pollock in die dunkle und düstere Welt von Knockemstiff gestoßen. Knockemstiff ist ein Ort, an dem Hoffnungslosigkeit, Resignation und Depressionen aufeinander treffen, bei vielen Bewohnern kommt auch noch die Frustration hinzu. Diese gefährliche Mischung wird von Generation zu Generation weitergereicht, bereits viele der älteren Bewohner konnten sich kein anderes Leben vorstellen, als das, was sie in Knockemstiff führen. Es ist ein einfältiges Leben, geprägt von Gewalt, Sex und Alkohol, geprägt von Kriminalität und Wut. Es ist ein Leben, das sie an ihre Kinder weitergegeben haben, ein Leben, das in ihren Enkeln fortlebt. Es ist ein Leben ohne Hoffnung darauf, dass sich jemals etwas ändern wird. Die Sprache in Knockemstiff ist rau, dort ist es nicht einfach heiß, sondern heißer als im Schlitz einer dicken Frau. Die Hoffnungslosigkeit wird mit Alkohol und Drogen betäubt, die Trostlosigkeit durch die Gier nach Sex ersetzt. Das Einzige, dessen Abwesenheit immer wieder schmerzhaft bewusst wird, das fehlt, ist Traurigkeit und der Wunsch nach Veränderung. Kaum einer der Bewohner ist dazu fähig, sich zu spüren und die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, kaum einer von ihnen sehnt sich danach, aus der Trostlosigkeit auszubrechen und woanders noch einmal von vorn anzufangen. Stattdessen versuchen alle irgendwie und so gut sie können, ihr Leben zu vergessen. Knockemstiff scheint ein Ort zu sein, dessen Bewohner in eine Starre gefallen sind, eine Starre, die bewegungsunfähig macht, die nur aufgebrochen wird, um das nächste Bier zu trinken oder die nächste Pille zu schlucken.

In insgesamt 18 kurzen Erzählungen fängt Donald Ray Pollock das Leben an diesem seltsamen Ort ein. Die ersten Erzählungen spielen in den sechziger Jahren, später befinden wir uns in den neunziger Jahren – eine genaue zeitliche Orientierung fällt jedoch schwer, denn es gibt kaum konkrete Anhaltspunkte. Die Erzählungen sind lose miteinander verknüpft, manchen Figuren begegnet man wieder, andere tauchen einmal auf und verschwinden dann für immer. Ich habe das Buch dennoch weniger als Erzählband gelesen, denn als einen Roman. Am Ende schließt sich der Kreis: wir begegnen Bobby wieder, dem Jungen aus der ersten Erzählung – mittlerweile ein erwachsener Mann, der immer noch nicht im Leben angekommen ist. Der gegen seine Dämonen und gegen die Übermacht des Vaters kämpft.

 “Ich fühle mich beschissen dabei, das zuzugeben, aber es gibt Tage, da würde ich alles darum geben, ihn einfach nur wie ein kaputtes Küchengerät an die Straße stellen zu können, damit die Müllabfuhr ihn mitnimmt.”

Junction of Shady Glen Road and Black Run Road in Knockemstiff, Ohio. Quelle: Wikipedia.

Den Ort des Geschehens, dieses trostlose Kaff mit dem mysteriösen Namen, gibt es übrigens wirklich. Knockemstiff ist eine Geisterstadt in Ohio, die auch unter den Namen Glenn Shade oder Shady Glenn bekannt ist. Um den Namen kreisen eine Vielzahl an Mythen, unter anderem gibt es die Geschichte, dass eine Frau dem Priester erzählt habe, dass ihr Ehemann sie betrügen würde – der Rat des Priesters war: ” Knock ’em stiff!” Donald Ray Pollock gelingt mit “Knockemstiff” ein erschreckendes Abbild des etwas anderen Amerikas. Die Beschreibungen dieses einzigartigen Ortes, sind unheimlich authentisch – dem Autor gelingt es, die Lebenswelt seiner Figuren in all ihrer Düsternis abzubilden, sie auf Papier zu bringen und dadurch irgendwie greifbar zu machen. Dies funktioniert vor allem auch Dank der großartigen Sprache – und der großartigen Übersetzung.

“Knockemstiff” ist ein hartes und erbarmungsloses Buch. Es ist roh und so rau, dass man Gefahr läuft sich beim Lesen zu stoßen und blaue Flecken zu bekommen. Es ist so schonungslos und düster, dass es schwer fällt zu behaupten, dass mir das Buch gefallen habe. Es hat mich ausgeknockt, umgehauen, es ist so intensiv, dass es mir den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Es gab immer wieder Momente, in denen ich das Buch nur schwer zur Seite legen konnte. Einerseits hat es mich abgeschreckt, andererseits aber auch unheimlich fasziniert.

5 Comments

  • Reply
    alexandraluchs
    April 18, 2014 at 2:39 pm

    Hallo,

    Auch dieser Tipp von dir trifft mich genau, die Mischung aus Erzählungen und dem Wissen “diesen Ort gibt es wirklich” und noch dazu eine Geisterstadt, da wird meine Phantasie gleich aktiv 🙂

    Viele liebe Grüße
    Alexandra

  • Reply
    Wulf | Medienjournal
    April 20, 2014 at 2:21 am

    Okay, das klingt so, als würde “Knockemstiff” definitiv für mich zur Pflichtlektüre gehören. Nicht unbedingt, weil ich mich an dieser Hoffnungslosigkeit, diesem Fatalismus delektiere, sondern vor allem, weil “Das Handwerk des Teufels” genau dieselben Merkmale aufweist, mich damit zwar oftmals tief erschüttert, ebenso oft aber auch beeindruckt hat. Es ist eine Faszination, die von dieser grenzenlos scheinenden Trostlosigkeit, die Pollock so gekonnt einzufangen weiß, ausgeht, dass ich mich der Sogwirkung nur schwerlich entziehen könnte, denn, so skurril das klingen mag, solche Geschichten wecken durchaus ein ums andere Mal meine Faszination – selten auffälliger und deutlicher als im Falle dieses spezifischen Autors – insofern hast du nicht nur “Knockemstiff” in Worten und Ausführungen gekonnt skizziert, sondern mir auch den Geschichtenband erneut schmackhaft gemacht, wohingegen ich dir (noch einmal) sein Roman-Debüt ans Herz legen möchte, dass dich allerdings ähnlich verstören dürfte wie sein Erstling.

  • Reply
    Zeilenkino
    April 22, 2014 at 4:49 pm

    “Knockemstiff” ist eines der wenigen Bücher, das ich sowohl im Original als auch in der Übersetzung gelesen habe – und in dem manche Sätze schlichtweg perfekt sind. Gerade die Anfangssätze der Geschichten ziehen mit wenigen Worten und so viel Wucht sofort in die Geschichte rein. “Das Handwerk des Teufels” hat mich ebenfalls umgehauen – und da es einfach weniger Geschichten sind, ging dieses Leseerlebnis noch tiefer.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 24, 2014 at 11:00 am

      Nun komme ich wohl nicht drum herum, auch noch “Das Handwerk des Teufels” zu lesen – zwischen den beiden Büchern werde ich aber wohl eine kleine Pause brauchen, es ist bestimmt nicht gut, sich zweimal kurz hintereinander so umhauen zu lassen. Danke jedoch, dass du mir das Leseerlebnis schon einmal schmackhaft gemacht hast! 🙂

  • Reply
    [Rezension]: Donald Ray Pollock – Knockemstiff – Lesen macht glücklich
    July 14, 2017 at 9:11 pm

    […] Vieles ist in diesen Geschichten miteinander verflochten, mal sieht man hier und dort alte Bekannte, gleich einem Déjà-vu und fragt sich woher man diese oder jene Person schon kennt. In Knockemstiff kennen sich viele über fünf Ecken, aber keiner vertraut dem anderen. Eine ausweglose Situation, aus der es kein Entrinnen gibt und so bleibt letztendlich nur das Prinzip Hoffnung auf bessere Zeiten oder zumindest die Sehnsucht danach. Alles in allem ist dieses Buch mit seinen Kurzgeschichten eine trostlose Nummer, die sich aber keineswegs nicht lohnt. Es ist hart, sich durch diesen Morast aus Drogen, Blut und Dreck zu wühlen – keine Frage. Am Ende wartet jedoch die Erkenntnis, wie so oft, wenn man in den Niederungen der Gesellschaft unterwegs ist, dass es einem doch gar nicht so schlecht geht, einem alle Wege offen stehen und man eigentlich ganz zufrieden sein kann mit dem Leben, welches man führen darf. Eine Lektüre, die aufrüttelt, die bewegt und einen mehr oder minder entsetzt zurück lässt. An einem Stück gar nicht zu genießen, mehr häppchenweise zuführ- und damit ertragbar. Man muss sich darauf einlassen können und gewisse Brutalitäten über sich ergehen lassen. Wenn man diese Punkte berücksichtigt, bekommt man amerikanische Literatur der etwas anderen Art geboten. Nicht glatt geschliffen oder wohlfein geschrieben sondern schroff, roh, gewaltsam und deprimierend, aber diese Investition lohnt sich. Weitere Rezensionen findet ihr bei: Buzzaldrins […]

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