Matthias Nawrat im Gespräch!

© Yves Noir

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Matthias Nawrat hat seinen ersten Roman “Wir zwei allein” bei Nagel & Kimche veröffentlicht, sein zweiter Roman “Unternehmer ist bei Rowohlt erschienen. Ein Wechsel, den der Autor vor allen Dingen damit begründet, dass er als deutscher Autor auch gerne bei einem deutschen Verlag sein möchte. Ich habe mit Matthias Nawrat nicht nur über seinen neuen Roman gesprochen, sondern auch über sein Leben als Schriftsteller

Mit zehn Jahren bist du aus Polen nach Deutschland gekommen und musstest zunächst einmal die Sprache lernen. Wie hast du dir die Sprache vertraut gemacht?

Das funktionierte ganz stark über Imitation. Ich kann mich erinnern, dass ich von Anfang an mit anderen Kindern gespielt habe und da habe ich eigentlich einfach wiederholt, was die so gesagt haben. Dieser Vorgang ist im Prinzip ganz einfach zu beschreiben: jemand sagt in einer bestimmten Situation etwas und man lernt, dass man das in dieser Situation so sagt und so nach und nach begreift man dann auch, was die Dinge bedeuten. Zum anderen habe ich mir die Sprache aber auch viel durch das Lesen nahegebracht. Ich habe sehr viel gelesen und sehr viele Wörter unterstrichen und nachgeschaut.

War es dann auch eine bewusste Entscheidung, auf Deutsch zu schreiben und nicht auf Polnisch?

Es würde für mich nicht funktionieren auf Polnisch zu schreiben – ich kann nicht so gut auf Polnisch in dem Sinne schreiben, dass ich nicht literarisch auf Polnisch schreiben kann. Mir fehlt der angelesene literarische Horizont. Ich kann manchmal gar nicht entscheiden, ob ein Satz poetisch ist, oder klischeehaft. Mir fehlt dieses Feingespür im Polnischen. In letzter Zeit lese ich jedoch immer mehr polnische Literatur und ich könnte mir schon vorstellen, dass ich irgendwann Lust bekomme, das Schreiben auf Polnisch auszuprobieren.

Du hast ursprünglich Biologie studiert, wann ist der Wunsch in dir gereift, zu schreiben?

Eigentlich habe ich schon immer ein bisschen geschrieben. Im Biologiestudium habe ich gemerkt, dass es mir immer wichtiger wurde, zu schreiben. Ich war während meines Studiums mit dieser naturwissenschaftlichen Sprache konfrontiert, die für mich so etwas Objektivierendes und Entmenschlichendes hatte. Ich habe wirklich etwas gesucht, das wieder mehr zum Subjektiven zurückführt. In dieser Zeit habe ich auch viel gelesen  – das ging damals Hand in Hand.

Wie hat dein Studium des literarischen Schreibens, dein eigenes Schreiben beeinflusst oder vielleicht sogar verändert?

Verändert vielleicht nicht unbedingt. Aber was ich dazu sagen kann ist, dass das Studium auf jeden Fall meinen Horizont geöffnet hat, auch für sehr viele andere Arten von Literatur, und mir dadurch ein tieferes Selbstverständnis ermöglicht hat. In gewisser Art und Weise hat das Studium mich einfach geöffnet. Auf der anderen Seite hat es mir beigebracht, die Sprache zum einen mehr loszulassen und viel mehr auszuprobieren, zum anderen aber auch den eigenen Texten gegenüber kritischer zu werden und genauer hinzuschauen, was ich da eigentlich gemacht habe. Insofern war das Studium sehr hilfreich. Da ist natürlich keiner, der sagt: mach das so und so. Man bekommt an einem solchen Institut oder bei einem solchen Studiengang nur das, was man selber bereit ist, daraus zu machen. Wenn man das Schreiben unbedingt will und offen ist, dann kann man sehr viel lernen.

In diesen Tagen ist dein neuester Roman „Unternehmer“ erschienen – wie lange hast du daran gearbeitet?

Daran habe ich ungefähr ein Jahr gearbeitet. Von der ersten Zeile bis zum letzten Schliff ungefähr ein Jahr genau.

Wie fühlt es sich an, einen Text nach einem Jahr aus der Hand zu geben und ihn irgendwann in den Läden zu sehen? Fürchtest du dich vor den ersten Rezensionen oder freust du dich darauf?

Ich bin natürlich sehr gespannt darauf, wie er aufgenommen wird – was die Leute darüber denken werden. Ich habe aber auch Angst und zwar nicht nur vor negativer Resonanz, sondern allein schon davor, dass die Leser meinen Text in Kategorien pressen und plötzlich auf bestimmte Lesarten aus dieser Vielfalt und Offenheit, die der Text für mich hat, wenn ich ihn schreibe, reduzieren.

Der Titel des Romans lautet “Unternehmer” – empfindest du dich bei deiner Arbeit als Schriftsteller auch als Unternehmer?

Ja, auf jeden Fall! Ich bin sogar – glaube ich – ein relativ moderner Unternehmer. Ich vertrete also eine Version vom Unternehmertum, die immer mehr in alle Gesellschaftsbereiche vordringt: es ist die sogenannte Ich-AG. Es gibt immer mehr Leute, die irgendetwas mit kreativen Berufen machen oder irgendetwas mit Medien und sozusagen ihre eigene kleine Agentur, ihre eigene kleine Firma oder ein Start-Up-Unternehmen betreiben. Im Prinzip mache ich auch nichts anderes. Nur, dass ich nicht unbedingt Profit machen will. Mein Profit ist im Grunde genommen das, was mir das Schreiben täglich bringt. Wenn ich mich nicht tausendfach verkaufe, dann ist das kein Hals- und Beinbruch. Mir geht es primär nicht um das Geld, ich muss natürlich irgendwie überleben, aber ich kann mir das auch anders organisieren, wenn es nicht über das Schreiben funktionieren sollte. Das Ziel eines klassischen kapitalistischen Unternehmers ist finanzieller Profit.

In diesem Zusammenhang ist mir auch aus dem Buch ein Satz im Gedächtnis geblieben, dass sich stets – so schön diese Arbeit auch sein mag – eine zweite Person in einem regt, die nicht arbeiten will. Geht es dir beim Schreiben genauso?

Ja, so geht es mir eigentlich jeden Morgen. Es gibt aber immer einen Punkt, an dem ich das überwinde – ein Punkt, an dem das automatisch weg ist und an dem dann alles wie von alleine läuft. Das ist immer der schönste Moment beim Schreiben. Ansonsten ist das jeden Morgen schon ein Stück weit ein Kampf, mich an den Schreibtisch zu zwingen – es gibt aber immer mal wieder auch andere Tage, Tage an denen der Text mich sozusagen ruft.

Du hast es vorhin bereits kurz angedeutet, du arbeitest als freier Schriftsteller. Ich stelle mir den Schritt zu der Entscheidung, das Leben mit Schreiben zu finanzieren, sehr mutig vor. Hast du zwischendurch an dieser Entscheidung gezweifelt?

Ja, vor allem vor der Entscheidung. In dem Moment, in dem man diese Entscheidung wirklich trifft, sind die Würfel gefallen. Das ist so eine schwierige Entscheidung, dass es eigentlich nur möglich ist, sie zu treffen, wenn wirklich dieser Moment kommt, in dem man hundertprozentig davon überzeugt ist. Man kann es nicht halbherzig machen, man kann auch nicht sagen: „Naja, ich schaue jetzt ein halbes Jahr einfach mal, wie das so ist und dann sehe ich weiter.“ Es war für mich insofern eine schwere Entscheidung, als dass damit natürlich viele Ängste verbunden sind: werde ich arm sein? Wird sich überhaupt irgendjemand für mich interessieren? Aber es ist auch eine unglaublich befreiende Entscheidung, weil in dem Moment, in dem man denkt, „ach, ich scheiß auf alles, irgendwie werde ich schon überleben“, befreit das ungemein von allen Zwängen, die man sonst hat. Von allen möglichen Sicherheitszwängen.

Wie fällt dein Resümee nach dieser Entscheidung aus? Wie fühlst du dich als junger Autor im Literaturbetrieb? Hast du das Gefühl, angekommen zu sein?

Ich habe noch nicht den großen Durchbruch geschafft, aber ich glaube, das wird noch kommen. So, wie ich momentan etabliert bin, bin ich bereits sehr viel weiter gekommen, als ich mir das jemals erhofft hätte. Es ging jetzt doch relativ schnell und ich hatte auch viel Glück – ich habe schon das Gefühl, dass das Schreiben mittlerweile ein gutes Standbein für mich ist.

6 Comments

  • Reply
    Patrick Hutsch
    May 12, 2014 at 3:43 pm

    Reblogged this on open mike – der blog.

  • Reply
    Xeniana
    May 12, 2014 at 6:30 pm

    Ein spannendes Interview. Jetzt bin ich fast neugierig auf das Buch:)LG Xeniana

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      May 16, 2014 at 3:04 pm

      Wie schön, liebe Xeniana – wenn du das Buch lesen solltest, wäre ich ganz gespannt darauf zu erfahren, wie du die Welt wahrnimmst, in der Lipa lebt. 🙂

  • Reply
    dasgrauesofa
    May 12, 2014 at 6:45 pm

    Was Matthias Nawrat über die Sprache der Naturwissenschaften sagt, dass sie nämlich etwas Objektivierendes, etwas Entmenschlichendes habe, gilt wohl mindestens genauso für die Sprache der Wirtschaft. Und die nutzt er in seinem Roman ja auch – und an Lipa sehen wir dann die entmenschlichenden Folgen.
    Viele Grüße, Claudia

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      May 16, 2014 at 3:06 pm

      Ja, Lipa kann einem leid tun – in der Welt, in der sie lebt, zählt kein Individuum, keine Persönlichkeit. Deine Beobachtung, dass sich dies auch in der Sprache spiegelt, fand ich sehr interessant und wichtig, ich danke dir dafür!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Sonntagsleser: Blog-Presseschau 18.05.2014 (KW20) | buecherrezension
    May 18, 2014 at 6:13 am

    […] ist er derzeit in aller Munde, auf Buzzaldrin’s Blog nun auch im Gespräch: das Interview mit dem deutsch-polnischen Autor Matthias Nawrat dreht sich um die Tücken des Schreibens in der Zweitsprache, den neuen Roman und die Stellung des […]

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