Alles was ich bin – Anna Funder

“Alles was ich bin” ist nicht nur Roman, sondern wahre Geschichte. Die australische Autorin Anna Funder erzählt von den Erinnerungen ihrer Freundin Ruth Blatt, einer tapferen und mutigen Widerstandskämpferin, die gemeinsam mit ihren Freunden in den Wirren die dem Ersten Weltkrieg folgten, gegen die Machtergreifung Hitlers kämpfte. “Alles was ich bin” ist Fiktion und Wahrheit, ein Erinnerungsbuch über Mut, Freundschaft, Liebe und das Leid, verraten zu werden.

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“Was er noch nicht wissen kann – oh, warum wird uns so wenig beigebracht? Und es ist doch eine so wichtige, wichtige Sache – ist, dass man sich nicht an seinen eigenen Schmerz erinnert. Es ist das Leiden anderer, das uns zugrunde richtet.”

Der Roman wird auf zwei Zeitebenen erzählt, auf der einen befinden wir uns in Sydney. Es ist das Jahr 2001 und bei Ruth Blatt wurden erste Plaqueablagerungen im Gehirn entdeckt – ein Hinweis auf Alzheimer. Ihre Gegenwart wird für sie immer flüchtiger, das, was gestern gewesen ist, erinnert sie kaum noch. Dafür erwachen in ihr immer mehr Erinnerungen an die Vergangenheit. Erinnerungen an ihr Leben in Deutschland, dort, wo sie die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur miterlebt hat, sondern auch mitgeprägt hat. Gemeinsam mit ihrem Mann Hans Wesemann, Berthold Jacob, Mathilde Wurm und Dora Fabian, der Sekretärin des Schriftstellers und Revolutionärs Ernst Toller, gehört sie einer Gruppierung deutscher Widerstandskämpfer an, die gegen die drohende Machtergreifung der Nationalsozialisten ankämpfen. Es ist ein Kampf, der sie zur Flucht nach London treibt, wo sie nicht aufhören können, gegen die menschenverachtenden Methoden der Nationalsozialisten anzukämpfen – unter großer Gefahr des eigenen Lebens und im verzweifelten Versuch, das Ausland auf die Situation in ihrem Heimatland, das keine Heimat mehr ist, aufmerksam zu machen. Der Kampf dauert so lange an, bis die Gruppierung feststellen muss, dass sie in ihrem Exil keinesfalls so sicher sind, wie sie lange geglaubt haben.

“Ich bin ein Gefäß voll Erinnerungen in einer vergesslichen Welt.”

Die Erinnerungen von Ruth werden ergänzt von den tagebuchartigen Aufzeichnungen Ernst Tollers, der sich zurück erinnert an die 30er Jahre und an sein Leben im Exil. Ernst Toller war Schriftsteller, Pazifist und Revolutionär – er saß viele Jahre im deutschen Gefängnis und obwohl ihm die Möglichkeit offen stand, entlassen zu werden, wollte er seine Mitgefangenen nicht im Stich lassen.

“Den meisten Menschen mangelt es an Phantasie. Könnten sie sich die Leiden anderer vorstellen, würden sie weniger Leiden zufügen. […] Sich in das Leben eines anderen hineinzuversetzen ist ein Akt des Mitgefühls, der absolut heilig ist. Wir entwarfen die Flugblätter, vervielfältigten die Wahrheit. Wir erzählten die Geschichten auf Butterbrotpapier, in Zigarrenbehältern, schmuggelten sie nach Deutschland. Wir riskierten unser Leben, um unseren Mitmenschen – dort und in London – dabei zu helfen, es sich vorzustellen. Sie stellten es sich nicht vor. Aber Toller, so groß er war, hat nicht recht. Es ist nicht so, dass es den Menschen an Phantasie mangelt. Es ist so, dass sie sich deren Gebrauch versagen. Denn wenn man sich einmal solches Leiden vorgestellt hat, wie kann man dann weiterhin nichts tun.”

Im Zentrum des Romans stehen die Jahre 1933 bis 1935 und Anna Funder beschreibt mit beeindruckender Präzision, Detailreichtum und Authentizität den Kampf der Widerstandsgruppierung: es geht um Mut, Tapferkeit, Ideale, Überzeugungen und den Wunsch danach, etwas aufzuhalten, das kaum noch aufzuhalten ist. Es geht aber auch um Vertrauen und darum, dass das Fundament der Gruppierung an einer Stelle zu bröckeln beginnt, an der niemand dies je erwartet hat. Plötzlich müssen sich all jene, die glaubten, an einem Strang zu ziehen und dieselben Überzeugungen zu vertreten, hinterfragen – sich selbst, aber auch ihre Mitstreiter und Mitstreiterinnen. Nichts ist mehr sicher, nichts hat noch Bestand.

“Und nun, eine Ewigkeit später, ertappe ich mich dabei, dass ich, wenn ich nicht aufpasse, denke: Warum hat Gott mich gerettet und nicht all die anderen? Die Gläubigen? Tief im Innersten empfinde ich, dass meine Stärke und mein Glück nur Sinn ergeben, wenn ich zum auserwählten Volk gehöre. Unverdientermaßen, und dennoch auserwählt; ich bin ein langlebiger Beweis seiner Irrationalität. Wenn man darüber nachdenkt, verdienen es weder Gott noch ich zu existieren.”

Anna Funder erzählt einen intensiven Roman, der nicht nur von Figuren bevölkert wird, sondern von Menschen, die mir beim Lesen ans Herz gewachsen sind, genauso wie von Menschen, die mich in ihrer unfassbaren Brutalität abgestoßen und angeekelt haben. “Alles was ich bin” ist kein Buch, aus dem man unbeschadet hervorgeht, es ist unheimlich intensiv und bewegend – als Leser holt man sich blaue Flecken und Schürfwunden.  Darüberhinaus wirft die Autorin einen informativen und authentischen Blick auf eine wichtige historische Zeit und auf eine Gruppierung an mutigen Widerstandskämpfern, deren Geschichte in wenigen Jahren von kaum jemandem noch erzählt werden kann. “Alles was ich bin” ist keine Autobiographie, kein Sachbuch und wirkt dennoch unheimlich authentisch und realistisch – Anna Funder bedient sich den bruchstückartigen Erinnerungen ihrer Freundin Ruth Blatt und erzählt eine Geschichte davon, wie es gewesen sein könnte. Es ist eine wichtige Geschichte, eine Geschichte gegen das Vergessen.

7 Comments

  • Reply
    Karthause
    June 19, 2014 at 2:55 pm

    Ein sehr gutes Buch, ich habe es auch mit Begeisterung gelesen und gerade erst bei der Lektüre von “Ostende” wieder daran gedacht, denn darin taucht Ernst Toller auch auf.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 19, 2014 at 2:57 pm

      “Ostende” liegt hier noch, ich möchte es bald lesen – solcherlei Querverbindungen mag ich ja immer sehr gerne. Vor der Lektüre von Anna Funders Roman war mir Ernst Toller übrigens kein Begriff, genauso wie mir die ganze Widerstandsbewegung um ihn herum unbekannt gewesen ist. Ich glaube, dass ein Roman wie der von Anna Funder unheimlich wichtig ist für unser kulturelles Gedächtnis und unser aller Erinnerungen …

  • Reply
    jancak
    June 19, 2014 at 5:58 pm

    Das ist ein spannender roman, den ich vielleicht auch lesen sollte

  • Reply
    madameflamusse
    June 24, 2014 at 6:25 pm

    Schon dei n Text und die Zitate haben mich sehr berührt. Dies NS Zeit ist ja eines meiner Hauptlesethemen. Also dieses Buch muß ich unbedingt lesen.

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    skyaboveoldblueplace
    June 25, 2014 at 6:10 pm

    oh, das scheint ein Buch zu sein, was ich mir dringend anschaffen sollte. Ostende – 1936, ein Sommer der Freundschaft über die Freundschaft habe ich übrigens vor meinem kleinen Klinikabenteuer als letztes gelesen habe – und ich kann es bloß empfehlen. Ein ‘kleines’ aber ganz großartiges Buch über diese Zeit, über Freundschaft, Emigration und Sterben.
    Liebe Grüße, Kai

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    Frank Maria Reifenberg
    June 27, 2014 at 6:53 am

    Ganz, ganz tolles Buch, gut zu kombinieren mit Volker Weidermanns Sommer in Ostende!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 27, 2014 at 6:55 am

      So häufig, wie dieses Buch jetzt hier erwähnt wurde, muss ich es wohl unbedingt lesen und das so schnell wie möglich! 🙂
      Ich danke für deinen Besuch und die freundlichen Worte und freue mich, dass du das Buch ebenso toll fandst, wie ich!

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