In Almas Augen – Daniel Woodrell

Manche Wunden heilen schnell, schon kurze Zeit später ist nur noch eine Narbe zu sehen, die irgendwann verblasst und kaum noch zu erkennen ist. Manchmal können aber auch Jahre vergehen, bis Wunden heilen, bis sich eine Kruste bildet, die nicht mehr juckt und aufgekratzt wird. Es gibt aber auch Wunden, die nie verheilen, egal wie viel Zeit vergeht und von einer solchen Wunde erzählt Daniel Woodrell in seinem Roman “In Almas Augen”.

DSC_1180

“Alma DeGeer Dunahew war mit ihrer verkniffenen, feindlichen Natur, ihren dunklen Obsessionen und ihrem grundlegenden Verlangen nach Rache das große rote Herz unserer Familie, das wir geheim hielten und das uns Kraft gab.”

Es ist 1965, es ist Sommer. Alma hat ihren zwölfjährigen Enkel Alek zu Besuch, der die heißen Tage an der Seite seiner Großmutter verbringt. Alma ist auf einer Farm geboren worden, sie hat ein halbes Jahrhundert als Magd gearbeitet. Es ist der Sommer, in dem Alma ihrem Enkel zum ersten Mal von der Explosion in der Arbor Dance Hall berichtet. In der kleinen Provinzstadt West Table in Missouri kommen 1929 zweiundvierizig junge Menschen bei einer Tanzveranstaltung ums Leben. Zweiundvierzig Menschen, die ausgelassen in die Nacht hinein tanzten, mitten in einem kleinen Nest in den Ozarks von Missouri. Die kurz darauf ausbrechende Große Depression legt einen Schleier des Vergessens über das Unglück. Die Polizei ermittelt, doch ihre Arbeit erledigt sie eher halbherzig. Es wird nie geklärt, ob die Explosion “ein großes Verbrechen oder ein ungeheures Missgeschick” gewesen ist.

Achtundzwanzig der zweiundvierzig Toten konnten nie identifiziert werden, gemeinsam wurden sie unter einem monumentalen Engel begraben, den die vergehende Zeit mit einer schwarzen Schicht belegt hat. Es ist der Engel, der auch vierzig Jahre nach dem Unglück, an diese fürchterliche Explosion erinnert. Doch Alma gehört zu denen, die nicht vergessen kann. Sie kann nicht vergessen, was damals geschehen ist, denn sie hat bei der Explosion ihre geliebte Schwester Ruby verloren. Alma beginnt Nachforschungen anzustellen, sie möchte nicht glauben, dass es sich um ein tragisches Unglück handeln könnte, doch in der Bevölkerung stößt sie mit diesem Bemühen auf massive Widerstände. Auch ihre eigene Familie möchte einfach nur den Mantel des Schweigens über das legen, was in der Arbor Dance Hall geschehen ist. Und über das Schicksal von Ruby, der lebensfrohen Männerheldin.

“In jenem Sommer, den ich bei ihr verbrachte, erschreckte sie mich bei jedem Sonnenaufgang, wenn sie auf der Kante ihres Bettes saß, die langen offenen Haare bis zum Boden reichten und unter ihren unentwegten Bürstenstrichen zitterten. Die Schatten schwanden dann aus dem Zimmer, und das frühe Licht schwebte zu beiden Fenstern herein. Ihr Haar war so lang wie ihre Geschichte […].”

Daniel Woodrell reichen knappe 180 Seiten um ein Panorama des Unglücks, des Tragischen, des Schicksalhaften zu entfalten. Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen. “In Almas Augen” ist keine durchgängig erzählte Geschichte, sondern viel mehr ein fragmentarisches  erzähltes Erinnerungsbuch. Es ist ein Erinnerungsbuch, dessen Bruchstücke der Leser selber füllen muss. Die Erzählperspektive springt hin und her, zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Daniel Woodrell konzentriert sich dabei nicht allein auf Almas Perspektive, sondern erzählt – in episodenhaften Schlaglichtern – von mehreren Schicksalen und verbindet virtuos unterschiedliche Ereignisse und Personen miteinander. Dabei offenbart sich Stück für Stück die Geschichte des Unglücks, Schicht für Schicht dringt der Leser vor in Almas tragische Wahrheit.

“Sie hieß Alma, und sie mochte nicht ‘Großmutter’ oder ‘Omama’ genannt werden und konnte schon mal eine Ohrfeige verteilen, wenn man sie mit ‘Oma’ ansprach. Sie war einsam, alt und stolz.” 

Mit “In Almas Augen” legt Daniel Woodrell wieder einmal ein intensives und vorzüglich erzähltes Stück Literatur vor. Es ist typisch für ihn, tief  in die amerikanische Provinz einzutauchen und auch dieses Mal erzählt er eine Geschichte, die geprägt ist vom Gegensatz zwischen reich und arm, von Alkohol und fehlenden Perspektiven. Der Roman überzeugt nicht nur durch eine spannende und verschachtelte Geschichte, der eine tragische Note anhaftet, sondern vor allen Dingen auch durch die Sprache und die erzählerische Kraft Woodrells. 180 Seiten reichen aus, um die Wahrheit mit Almas Augen sehen zu können, doch ich hätte liebend gerne noch weitere 180 Seiten lesen können.

2 Comments

  • Reply
    andreastrickliesel
    July 8, 2014 at 1:55 pm

    Toll, wieder ein Buch für meine lange Liste! Die wird nie kürzer.
    Danke, Andrea

  • Reply
    madameflamusse
    July 9, 2014 at 1:18 pm

    Wow, das klingt phantastico…also das MUSS ich lesen! Lügen und Schmerz sind grade meine Lieblingsthemen in der Literatur. Man kann über Bücher echt viel aufarbeiten.

  • Hinterlasse hier Deinen Kommentar ...

    %d bloggers like this: