April – Angelika Klüssendorf

April ist eine junge Frau, die eine Jugend ohne Jugend erlebt hat. Auch eine wirkliche Kindheit hat sie nie gehabt. In einer schonungslosen Welt ist sie in ein Leben als Erwachsene hinein gewachsen, das sie überfordert – gefangen zwischen den Anforderungen der Gegenwart und den Schrecken der Vergangenheit.

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Am liebsten würde sie die Liebe in Flaschen abfüllen, um bei Bedarf Tropfen für Tropfen parat zu haben.

Vor drei Jahren hat Angelika Klüssendorf den Roman Das Mädchen veröffentlicht, eine trostlose Geschichte über die Hölle einer Kindheit. Der Roman stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreis. April ist die Fortsetzungsgeschichte, auch dieser Roman steht nun auf der Shortlist. Es ist eine Fortsetzung, die man auch ohne Anfang verstehen kann. Es ist die Fortsetzung eines ausweglosen Lebens, das in einer fürchterlichen Kindheit seine Wurzeln hat.

Die letzten Jahre hat sie in Heimen verbracht, mit hundert Mark und der Zuweisung für die Wohnung wurde sie ins Erwachsenenleben entlassen.

Aus dem Mädchen ist mittlerweile eine junge Frau geworden, die sich den Namen April gegeben hat – in Anlehnung an einen Song von Deep Purple. Die Kindheit hat sie hinter sich gelassen, auch wenn sie immer noch in ihr steckt. Irgendwo. Sie ist gerade achtzehn geworden und die Jugendhilfe hat ihr ein Zimmer zugewiesen. Auch Arbeit hat sie bekommen, als Bürohilfskraft im Starkstromanlagebau. April ist davongekommen und doch ist sie in ihrem neuen Leben noch nicht angekommen: sie klaut bei jeder sich bietenden Gelegenheit, an ihrer Arbeitsstelle gelingt es ihr nicht, sich unterzuordnen. Ein kleiner Kobold sitzt in ihr, der sie immer wieder aufbegehren lässt, wenn sie zu viel Glück empfindet. Glück kann sie nur ganz schwer aushalten.

Anders als ihre ewig grausame Mutter hatte ihr Vater eine Art Gerechtigkeitssinn; er hat April nur mit der Hand geschlagen, er schlug auch nicht gern, es kam sogar vor, dass er sich danach entschuldigte. Trotz allem wünscht sie sich, dass ihr Vater sie auf seine Weise liebt.

April strauchelt durch ihr neues Leben als Erwachsene. Phasen der Verzweifelung wechseln sich mit Phasen eines ruhigen Glücks ab. Nicht alles ist schlecht in ihrem Leben, doch vieles ist durch ihre Kindheit verseucht worden. Ihre Eltern leben noch, doch sie sind ihr keine Unterstützung. Ihre Mutter ist Kellnerin und der Vater eine Art Lebenskünstler. Die Reise in das Erwachsenenleben muss sie alleine bewältigen und Angelika Klüssendorf lässt den Leser an dieser Reise teilnehmen. Es ist eine scheinbar hoffnungslose Reise, doch sie ist durchsetzt mit Glücksmomenten: April gelingt es einen Ausreiseantrag zu stellen, sie bewirbt sich an einem Literaturinstitut. Erst als sie die DDR verlässt, verlässt sie auch ihre Kindheit – aus dem Kobold, der Glück nicht lange festhalten kann, wird eine selbstbewusste Frau, die immer noch schwankt, doch plötzlich viel klarer ist. Sie verlässt eine Welt, die für sie reglementiert gewesen ist und betritt ein Schlaraffenland der Entscheidungsmöglichkeiten.

Sie hat das Gefühl, noch in der Kindheit verhaftet zu sein, ein Mädchen, das versucht, sich wie eine Frau zu verhalten, ohne die unsichtbare Grenze dazwischen zu überwinden.

Bei dem Versuch die Welt zu verstehen, wird die Literatur Aprils Gradmesser. Sie liest alles, was sie in die Hände bekommt: ihr Lieblingsroman ist der Graf von Monte Christo. Literatur wird zu ihrem wichtigsten Lebensinhalt, sie schreibt und liest, um sich von dem zu befreien, was gewesen ist. Es ist ein Zufall, der sie zur Herausgeberin einer kleinen Literaturzeitschrift macht. Und so habe ich April als Lebensgeschichte gelesen, die durchsetzt ist mit Fluchtgedanken und dem Bedürfnis nach Heimat. Mit der Suche nach Freiheit und der schon fast erdrückenden Hoffnungslosigkeit. Entstanden ist dabei ein bedrückender Roman mit großer Eindringlichkeit. Ganz sicherlich kein Lesevergnügen und doch konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen.

Angelika Klüssendorf legt mit April einen fast schon seltsamen Entwicklungsroman vor, der voller Widersprüche ist: aus dem Mädchen, das ein Erwachsenenleben voller Hoffnungslosigkeit betritt, wird – trotz aller zwischenzeitlicher Rückschläge – mit der Zeit eine starke, junge Frau. Geschrieben ist der Roman schnörkellos und unprätentiös, das Leid ist in jedem Wort, in jedem Satz, in jeder Zeile greifbar und doch ist der Erzählton nüchtern, ja fast schon lakonisch erzählt. April ist ein trost- und hoffungsloser Roman, dem es gelingt,dann doch irgendwann  einen leisen Hoffnungsschimmer zu spenden: es ist die Hoffnung darauf, dass es trotz allem besser werden könnte.

Weitere Besprechungen gibt es hier, hier und hier.

17 Comments

  • Reply
    jancak
    September 12, 2014 at 12:08 pm

    Sicher ein spannender Roman, von dem ich in Leipzig ein bißchen hören konnte

    • Reply
      Mara
      September 12, 2014 at 12:56 pm

      In der Tat ein sehr spannender Roman, ich kann dir die Lektüre nur empfehlen! 🙂

  • Reply
    Kerstin
    September 12, 2014 at 12:31 pm

    Klingt gut! Ich habe bisher aber auch nur Gutes davon gehört. Allerdings auch, dass er den Buchpreis nicht bekommen sollte, weil der erste Roman besser gewesen sei 😀
    Ich bin gespannt, ich werde ihn auch noch lesen. Aber dein Beitrag regt definitiv dazu an!

    • Reply
      Mara
      September 12, 2014 at 12:53 pm

      Liebe Kerstin,

      schön, dass ich dich neugierig machen konnte! Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, auch wenn es zwischendurch unfassbar dunkel und deprimierend ist. Den ersten Roman kenne ich noch nicht, ich werde ihn aber definitiv noch lesen – beurteilen welcher der beiden besser ist, kann ich jedoch nicht.

      Ich kann dir die Lektüre nur empfehlen und wäre gespannt darauf zu erfahren, wie es dir gefällt! 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Desirée Löffler
    September 12, 2014 at 1:20 pm

    Oh, das klingt aber finster. Ich glaub, da traue ich mich im Moment nicht dran. Da halte ich mich lieber an den Herrn Köhlmeier =)

    • Reply
      Mara
      September 12, 2014 at 1:41 pm

      Finster ist es zwischendurch in der Hand und doch gelingt es dem Buch auch Hoffnung zu spenden. Diese Widersprüchlichkeit macht April zu einem tollen Leseerlebnis – wenn man das so formulieren möchte.

      Auf deine Meinung zu Herrn Köhlmeier bin ich schon gespannt und wer weiß, vielleicht hast du doch mal Lust “April” zu lesen. 🙂

  • Reply
    dasgrauesofa
    September 12, 2014 at 4:38 pm

    Ich kann auch so gar nicht mit dem Buch warm werden, auch wenn Du betonst, dass es ja doch irgendwo ein Fünckchen Hoffnung gibt. “April” werde ich einfach mal links liegen lassen. – Meinst Du denn der Roman hätte vielleicht sogar das Zeug zum Buchpreis? Oder hast Du eher einen anderen Favoriten?
    Viele Grüße, Claudia

    • Reply
      Mara
      September 20, 2014 at 3:16 pm

      Liebe Claudia,

      entschuldige meine verspätete Antwort, erst war Bandit krank und dann ich selbst – da ist einiges liegen geblieben in den letzten Tagen. Nicht einmal lesen konnte ich so wirklich. Schlimm, schlimm!
      Für mich ist “April” ein tolles Buch gewesen, dem ich aber nur Außenseiterchancen einräume beim Buchpreis. Meine Favoriten sind im Moment Seiler und Hettche, auch wenn ich die Pfaueninsel noch nicht ganz gelesen habe.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    skyaboveoldblueplace
    September 13, 2014 at 12:01 pm

    Liebe Mara,
    das klingt sehr interessant und spannend – aber mir im Moment irgendwie zu dunkel und trostlos. Und ich habe ja noch sooo viele Bücher auf meinem Stapel, die unbedingt gelesen werden wollen…
    Liebe Grüsse
    Kai

    • Reply
      Mara
      September 20, 2014 at 3:11 pm

      Lieber Kai,

      ich habe es zumindest als dunkel empfunden, auch wenn es zwischendurch immer wieder Hoffnungsschimmer gibt. Vielleicht rutscht der Roman ja irgendwann doch noch mal auf deinen Stapel, ich werde nun auf jeden Fall auch den Vorgänger lesen, denn alles in allem hat mich Angelika Klüssendorf doch sehr begeistert.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Sonntagsleserin – September 2014 | buchpost
    September 14, 2014 at 7:13 am

    […] von Buzzaldrins Bücher las April von Klüssendorfer und Zwei Herren am Strand von […]

  • Reply
    masuko13
    September 14, 2014 at 8:12 am

    Seltsam, ich habe “April” weder als trost- noch hoffnungslos empfunden. April lebt eben ihr Leben und macht das Beste draus. Manchmal sogar recht unbeschwert. Ich habe dieses dürre Mädchen total gemocht!
    Klüssendorf schildert die Künstlerszene der 80er im düsteren Leipzig absolut echt. So ist es gewesen.

    Und dann retten die Literatur und das Schreiben April ja im wahrsten Sinne des Wortes das Leben.
    Ich bekomme glatt Lust, den Roman ein zweites Mal zu lesen.
    Literarisch finde ich ihn wirklich besonders und auch wichtig im 25. Jahr des Mauerfalls. Ob es für den Deutschen Buchpreis reicht, wird man sehen, ich freue mich aber sehr, die Autorin auf der Shortlist zu sehen.

    • Reply
      Mara
      September 20, 2014 at 3:03 pm

      Liebe Masuko,

      ich habe es als sehr spannend empfunden, von deinen Eindrücken zu diesem Roman zu lesen. Ich mochte April auch sehr gerne und ich finde es bewundernswert, wie sie sich trotz allem durch ihr Leben schlägt. Dennoch habe ich auch viel Trostlosigkeit beim Lesen empfunden, April selbst empfindet ja so viel Hoffnungslosigkeit, dass sie sogar versucht, sich das Leben zu nehmen.

      Ich glaube, dass der Roman gegen Kruso oder auch die Pfaueninsel nur Außenseiterchancen haben wird, gelesen habe ich das Buch aber dennoch sehr gerne und ich werde nun wohl auch noch den Vorgänger lesen müssen.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Ein Blick auf die kurze Liste - Buzzaldrins Bücher
    October 6, 2014 at 5:12 pm

    […] durch ihre körperliche Behinderung ist es ihr verwehrt am wahren Leben teilzunehmen. Auch April, die aus schwierigen Verhältnissen kommt, steht am Rand der Gesellschaft und kämpft sich durch […]

  • Reply
    Blogbummel – September 2014 | buchpost
    July 19, 2015 at 6:52 pm

    […] von Buzzaldrins Bücher las April von Klüssendorfer und Zwei Herren am Strand von […]

  • Reply
    Liebe im Miniaturformat (4) | Buzzaldrins Bücher
    December 4, 2015 at 7:17 am

    […] Klüssendorf – April […]

  • Reply
    „April“ von Angelika Klüssendorf – Wörterrausch
    January 6, 2017 at 10:07 am

    […] Rezensionen auf Blogs und im Feuilleton (zum Beispiel im Spiegel Online, der taz, bei masuko13 oder Buzzaldrins Bücher). Dort wird der schnörkellose Schreibstil gelobt, die aufwühlende Handlung. In April wird eine […]

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