Susan Sontag. Geist und Glamour – Daniel Schreiber

Essayistin, Filmemacherin, Schriftstellerin. Hochintelligent, wunderschön, charakterlich schwierig. All das – und wahrscheinlich noch viel mehr – ist Susan Sontag. In der großartigen Biographie Geist und Glamour begibt sich Daniel Schreiber auf ihre Spuren. Entstanden ist dabei nicht nur eine dichte und informative Biographie, sondern auch eine höchst lesenswerte.

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I’m happy when I dance.

Geist und Glamour ist die erste deutschsprachige Biographie über Susan Sontag gewesen und erschien bereits 2007 im Aufbau Verlag. Geschrieben wurde sie von Daniel Schreiber, der in Berlin und New York Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Theaterwissenschaft, Slawistik und Performance Studies studiert hat. Er schreibt für zahlreiche Zeitungen und hat im vergangenen Jahr das Buch Nüchtern vorgelegt – ein persönlicher Blick auf unseren Umgang mit Alkohol.

Bei der Lektüre von Geist und Glamour wird schnell deutlich, dass sich Daniel Schreiber intensiv mit Susan Sontag auseinandergesetzt hat – nicht nur mit ihr als facettenreiche und streitbare Person, sondern auch mit ihren Büchern. Hinterlassen hat die Autorin ein umfangreiches Werk: neun Essaysammlungen, vier Romane, zwei Drehbücher und ein Theaterstück. Während sie für ihre Essays mit viel Lob bedacht wurde, wurden ihre restlichen Arbeiten entweder verhalten kritisiert oder gar mit Spott und Häme überzogen. Ihrem Ruf als Intellektuelle hat dies überraschenderweise jedoch nie nachhaltig geschadet. Daniel Schreiber erzählt den ungewöhnlichen Lebensweg von Susan Sontag nach und setzt diesen immer wieder in ein Verhältnis mit ihren Texten und Veröffentlichungen. Entstanden ist dabei ein sehr dichtes und intensives Buch, voller Informationen. Es zeichnet das Bild einer Frau nach, die aus einfachen Verhältnissen stammt, mit einer schwierigen Mutter zusammenlebt und vaterlos aufwächst. Einer Frau, die früh beschließt, aus den Verhältnissen, in die sie hineingeboren wurde, auszubrechen und sich neu zu erfinden – als Intellektuelle und Schriftstellerin. Dieser Wunsch, sich selbst immer wieder neu zu erfinden, ist etwas, dass sich wie ein roter Faden durch das Leben von Susan Sontag zieht.

[…] die avantgardistische Kritikerin, die bei einer Anti-Vietnamkriegsdemonstration festgenomme, politische Radikale, die ernsthafte Filmemacherin in Schweden, die trotz fortschreitenden Alters jugendlich wirkende Intellektuelle und schließlich die engagierte Romanautorin mit Hang zur Künstler-Romantik.

Susan Sontag, die sich angeblich mit drei Jahren bereits das Lesen beigebracht hat, kommt mühelos durch Highschool und College und befreit sich mithilfe ihrer Bücherliebe aus dem Gefängnis ihrer Kindheit. Doch frei ist sie nur kurz, denn dann heiratet sie mit gerade einmal siebzehn Jahren Philip Rieff, einen deutlich älteren Soziologieprofessor. Das Gefängnis ihrer Kindheit wird durch das Gefängnis einer unglücklichen Ehe ersetzt. Es dauert lange, bis sie es schafft, sich daraus zu befreien und endlich auf eigenen Füßen zu stehen. Ihr Leben wird lange von zahlreichen intensiven, aber unglücklichen, Beziehungen geprägt – mit Männern und mit Frauen. Doch trotz ihres turbulenten Privatlebens, gelingt es Susan Sontag erstaunlich leicht, sich als Intellektuelle und Essayisten durchzusetzen – ihre häufig streitbaren Texte, die in zahlreichen Zeitungen veröffentlicht werden, finden viel Beachtung. Ein weiterer zentraler Bestandteil ihres Lebens waren ihre drei schweren Krebserkrankungen, die sie schließlich auch das Leben kosteten.

Die Erfüllung ihres unstillbaren Hungers nach Literatur unterschied sich wenig von ihren Essgewohnheiten am familiären Barbecue-Grill. Susans literarischer Hunger war so stark, dass sie trotz wochenlanger, schamvoller Selbst-Peinigungen sogar Bücher stahl, wie sie schilderte.

Daniel Schreiber greift beim Schreiben dieser beeindruckenden Biografie, die sich trotz aller Informationsdichte flüssig lesen lässt, auf eine Vielzahl an Quellen zurück – das Buch umfasst mehr als 700 Fußnoten. Deutlich wird dabei auch, wie mühevoll die Quellenauswertung gewesen sein muss – Susan Sontag entpuppt sich als hochintelligenter aber wankelmütiger Mensch, Geschichten werden von ihr immer wieder neu und in abgewandelter Form erzählt. Solange, bis um sie herum eine fast schon mythische Legendenbildung entstanden ist.

Ich dachte, ‘Scheiße, das wird >Pruust< ausgesprochen.’ Ich hatte die Recherche natürlich gelesen, aber ich hatte Prousts Namen noch nie ausgesprochen, nur in Gedanken, und ich dachte immer, es würde >Praust< heißen. Es war eigentlich ein wundervolles Gefühl – endlich würde ich lernen, wie man diesen Namen ausspricht. Endlich gab es andere Leute, die lasen, was ich las. Ich war endlich angekommen, und es war wahr, ich war es.

Der Untertitel der Biographie – Geist und Glamour – hätte nicht passender gewählt werden können, denn Susan Sontag vereint beides: einen scharfen Verstand und den Wunsch danach ein Leben mit chic zu führen. Aus diesem Grund bleibt es auch ein lebenslanges Anliegen von ihr, die Unterscheidung zwischen Unterhaltungsliteratur und anspruchsvoller Literatur aufzuheben. Warum muss man sich für The Doors oder für Dostojewski entscheiden? Warum kann man nicht beides schätzen?

Ich möchte nicht viele Bücher schreiben. Ich möchte ein paar wundervolle Bücher schreiben, die Menschen noch in hundert Jahren lesen werden.

Daniel Schreiber, der diese Biographie mit gerade einmal dreißig Jahren geschrieben hat, legt mit Geist und Glamour ein lesenswertes Buch vor, das einen umfangreichen Blick auf das Leben einer spannenden Frau wirft. Deutlich wird dabei, dass Susan Sontag eine schwierige Frau gewesen ist – so schwierig, dass es nicht ganz leicht ist, sie das ganze Buch hindurch zu mögen. Doch meine Bewunderung für Susan Sontag und meine Neugier auf ihre Texte hat dies keinen Abbruch getan: Daniel Schreiber lädt dazu ein, ihr umfangreiches Werk zu entdecken und ich bin gespannt darauf, wohin mich meine Susan-Sontag-Entdeckungsreise noch führen wird.

Auf Buzzaldrins Bücher besprochen wurden bereits die Tagebücher von Susan Sontag sowie der Interviewband The Doors und Dostojewski.

9 Comments

  • Reply
    Karo
    January 9, 2015 at 3:02 pm

    Liebe Mara, jetzt bin ich aber doch neugierig: Gibt es einen bestimmten Grund, warum du dich im letzten halben Jahr so intensiv mit Susan Sontag auseinandergesetzt hast oder ist das einfach nur Zufall? Liebe Grüße, Karo

    • Reply
      Mara
      January 9, 2015 at 3:08 pm

      Liebe Karo,

      deine Neugier freut mich, meine Beschäftigung mit Susan Sontag ist aber ein reiner Zufall gewesen. Angestoßen wurde sie von dem Interviewband, der bei Hoffmann und Campe erschienen ist – ich habe beim Lesen gemerkt, dass mich diese Frau sehr fasziniert, ich aber sehr wenig über sie weiß. Aus diesem Grund habe ich angefangen, die Tagebücher zu lesen, die bereits seit einiger Zeit ungelesen in meinem Regal standen.

      Irgendwann im letzten Jahr habe ich – glaube ich – beschlossen, mich nicht mehr allzu sehr von Neuerscheinungen einschränken zu lassen, sondern stattdessen einfach mal den Pfaden einer Autorin zu folgen, die mich neugierig gemacht hat.

      Gelesen habe ich nun immer noch nichts von Susan Sontag selbst, ich werde das in diesem Jahr nachholen und fühle mich darauf sehr gut vorbereitet mittlerweile.

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Karo
        January 9, 2015 at 3:31 pm

        Aaah, so ist das also 🙂 Finde es auch immer schön, sich in ein Thema intensiver zu vertiefen – meist fehlt einem die Zeit und Muse dazu, aber ich finde es gut, dass du es dir nicht hast nehmen lassen!

        Ich habe während meines Literaturstudiums einige Essays von Sontag gelesen. Darunter natürlich auch einen ihrer berühmtesten Texte “Krankheit als Metapher”. Ich könnte mir schon vorstellen, dass man diese Abhandlung anders liest, wenn man die Biographie der Autorin kennt. Wobei auch in ihren Arbeiten viel Persönliches und Subjektives einfließt – was ich sehr gut und keineswegs unwissenschaftlich (zumindest bei den Geisteswissenschaften) finde, um das mal zu betonen.

        Na, dann viel Spaß beim weiteren Entdecken 😉

        • Reply
          Mara
          January 12, 2015 at 3:07 pm

          Danke dir, liebe Karo! 🙂 Bevor ich mit diesem Blog angefangen habe, ist es mir noch häufiger gelungen, dass ich Autoren oder Themen entdeckt habe, denen ich ganz intensiv nachgegangen bin. Ein wenig ist mir dies verloren gegangen und ich versuche, es mir zurückzuerobern.

          Ich habe dank der Biographie nun einige der Essaybände auf der Wunschliste und werde mich dort nach und nach durcharbeiten – ich hoffe darauf, dass mir die Lektüre dank meines Hintergrundwissens “leichter” fallen wird. “Krankheit als Metapher” steht auf jeden Fall auch auf der Liste …

  • Reply
    dj7o9
    January 9, 2015 at 3:03 pm

    Ich fand die Biografie ebenfalls großartig. Eine tolle Frau, die glaube ich gelegentlich auch mal ziemlich nerven konnte 😉
    Dieses Häuten und sich immer wieder neu erfinden fand ich so spannend …
    Ganz tolle Rezension !

  • Reply
    skyaboveoldblueplace
    January 9, 2015 at 3:53 pm

    Liebe Mara,
    klasse, dass Du Dich an die Biographie von Daniel Schneider gemacht hast. Bei aller Bewunderung scheint dabei denn doch ein etwas anderes, weil distanzierteres Bild herausgekommen zu sein, als das bei dem Buch ihres Sohnes David Rieff, “Tod einer Untröstlichen: Die letzten Tage von Susan Sontag” der Fall war. Das habe ich vor einigen Jahren gelesen und war danach nicht wirklich amused. David Rieff schreibt in meiner Erinnerung aus der Sicht eines leicht beleidigten Kindes, das seine Mutter sehr bewundert, aber…
    Das scheint Schreiber anders gemacht zu haben und ich werde mir das Buch mal notieren.
    Wie auch immer, Susan Sontag ist einfach eine faszinierende Autorin und Denkerin – und bestimmt nicht wirklich nett im Umgang. Aber man kann sich ja mit ihren Büchern vergnügen. Damit meine ich vor allem die Essays. Romane habe ich keine von ihr gelesen. Vielleicht wenn ich mal 70 werden sollte…
    Vielen Dank für Deine Besprechung und liebe Grüsse
    Kai

    • Reply
      Mara
      January 12, 2015 at 3:00 pm

      Lieber Kai,

      es ist wohl immer eine schwierige Aufgabe, das Bild eines Menschen einzufangen – ich glaube aber, dass es Daniel Schreiber gut gelungen ist, aufzuzeigen, dass Susan Sontag auch schwierige Seiten gehabt hat. An einer Stelle wird sie von einer Freundin mit dem englischen Wetter verglichen und dass man auch bei Susan Sontag beständig mit einem heftigen Regenschauer rechnen musste, der genauso schnell vorbei sein konnte.
      Daniel Schreiber war – wie erwähnt – noch sehr jung, als er dieses Buch geschrieben hat, aber ich hatte das Gefühl, dass er der Aufgabe mehr als gerecht geworden ist und es gelingt ihm in jedem Fall einen spannenden aber auch hinterfragenden Blick auf Susan Sontag zu werfen.

      Von ihr selbst habe ich bis jetzt übrigens auch noch nichts gelesen – weder die Essays, noch die Romane. Wobei die Romane auch eher mit leisem Spott bedacht wurden, doch an die Essays möchte ich mich auf jeden Fall in diesem Jahr heranwagen.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    perlengazelle
    January 9, 2015 at 4:33 pm

    Ich lese sehr gern Biographien und dann darüber hinaus Weiterführendes. Briefe, Tagebücher, auch solche aus dem Umfeld, um ein umfassendes Bild zu erhalten. Das natürlich trotzdem nie den ganzen Menschen zeigt. So beschäftige ich mich dann auch einen längeren Zeitraum mit dieser Person. Wobei es oft Zufall ist, um welche Person es sich handelt. Den langen verschlungenen Pfaden folgen – genauso ist es. Schauen, wohin es einen treibt. Höchst spannend. Von Susan Sontag kenne ich bisher noch nichts, aber es scheint mir eine lohnende Lektüre zu sein.

    • Reply
      Mara
      January 12, 2015 at 2:55 pm

      Du fasst mein Gefühl sehr gut in Worte – ich habe mir viele Monate lang diktieren lassen, was ich lese. Neuerscheinungen waren einfach zu verlockend für mich. Neue Bücher reizen mich jetzt natürlich immer noch, aber ich möchte auch diesen Pfaden folgen, die sich manchmal beim Lesen auftun. Susan Sontag erwähnt zum Beispiel eine Biographie von Marie Curie, die sie sehr gerne gelesen hat. Ich habe mir das Buch mittlerweile gekauft und möchte es bald lesen. Diese Pfade, die sich manchmal beim Lesen auftun (jemand sprach mal vom Lesen als lebenslange Kettenreaktion), finde ich immer wieder unheimlich spannend.

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