Gegenspiel – Stephan Thome

In Gegenspiel erzählt Stephan Thome nicht nur eine spannende Lebensgeschichte, angesiedelt irgendwo zwischen Portugal und der deutschen Provinz, sondern wagt auch ein literarisches Experiment.

Stephan Thome Gegenspiel

Vor zwei Jahren veröffentlichte Stephan Thome den Roman FliehkräfteDamals erzählte er die Geschichte des Professors Hartmut Hainbach, der seit zwanzig Jahren mit seiner portugiesischen Frau Maria verheiratet ist und dessen Ehe zunehmend bröckelt. Ich klappte das Buch damals mit dem Wunsch zu, Hartmut und Maria weitere vierhundert Seiten begleiten zu dürfen. Diesen Wunsch hat mir Stephan Thome mittlerweile erfüllt, denn mit Gegenspiel legt er quasi das Gegenstück zu Fliehkräfte vor: es ist dieselbe Geschichte und auch dieselbe Ehe, die langsam brüchig wird, nur wird diesmal alles aus der Perspektive von Maria erzählt.

“Was geschieht mit uns?”, fragt sie in die Stille hinein. Für hiesige Verhältnisse ist es ein heißer Sommer. In Berlin waren es früh am Morgen über zwanzig Grad.
“Was meinst du?”

“Was geschieht mit uns? Warum können wir nicht mehr reden?”
“Wir reden schon eine ganze Weile.”
“An einander vorbei. Um einander herum. Was auch immer.”

Es ist ein Umzug, der die Ehe von Hartmut und Maria von einem Tag auf den anderen in Frage stellt. So viele Jahre lange hat Maria ihr Leben, ihre Wünsche und ihre Ziele an Hartmuts Vorstellungen ausgerichtet. So lange, bis sie ihre Tage irgendwann nur noch damit verbrachte, zu Hause zu sitzen und DVD-Serien zu schauen. Maria entscheidet sich dazu, ein Theaterengagement in Berlin anzunehmen und zieht aus dem gemeinsamen Haus in Bonn aus. Sie wird Assistentin ihres Liebhabers aus Studienzeiten, der mittlerweile in Berlin ein Theater leitet. Es ist das erste Mal seit zwanzig Jahren, dass Maria aus dem engen Korsett der Professorenehe ausbricht und nicht mehr nur das tut, was von ihr erwartet wird. Es ist das erste Mal, dass Maria nicht nur ein Leben als Anhängsel führt, sondern eine eigene Entscheidung trifft.

Wo der Sand fester und der Meergeruch intensiver wird, bleibt Maria stehen. Es ist das Einzige, was sie in diesem Moment tun kann: nicht weglaufen. 

Stephan Thome blickt zurück auf das Leben von Maria, erzählt in kurzen Episoden ihre Lebensgeschichte. Geboren wurde sie in Portugal, als Studentin kam sie in den achtziger Jahren nach Berlin – lebte in besetzten Häusern und verliebte sich in Falk, den rebellischen Theaterregisseur. Wegen ihm nimmt sie plötzlich teil an einer Demonstration, verbringt anschließend einen Tag auf der Polizeiwache. Schon in Portugal hat die junge Frau vorsichtig rebelliert, nun ist sie Teil einer Szene, die alles in Frage stellt. Doch statt ihre Träume auf den Theaterbühnen und an der Seite von Falk zu leben, verliebt sich Maria in den etwas biederen Hartmut – angehender Professor für Philosophie. Für ihr Leben hatte sie große Pläne, doch ihre Träume und Wünsche enden an der Seite Hartmuts in der nordrhein-westfälischen Provinz. Plötzlich ist sie Ehefrau und Mutter eines Kindes, das sie eigentlich nie haben wollte.

Vor zwei Wochen, bei ihrem Mittagessen am Hackeschen Markt, hat Hartmut gesagt, es könnte doch sein, dass jedes Menschenleben mehr als ein Mal beginnt. Dass man nie zu alt ist, sich zu ändern. Nein, theoretisch nicht, hat sie geantwortet, ohne zu wissen, ob er einen Scherz mache oder es ernst meinte. Allmählich beginnt sie zu ahnen, wie viel Zeit sie beide damit vertan haben, die Zeichen zu übersehen und den Fliehkräften nachzugeben.

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Eigentlich erzählt Stephan Thome eine Allerweltsgeschichte: er erzählt von zwei Menschen, die zwanzig Jahre dafür brauchen, um zu erkennen, dass sie ihre Ehe auf einem wackligen Fundament gebaut haben. Wahrscheinlich gibt es dieses Phänomen in jeder zweiten Ehe: zwei Partner haben ganz unterschiedliche Erwartungen aneinander und an ihr Leben, doch gründen dann – mehr aus einem Zufall heraus – eine Familie, leben nebeneinander her, bis dann einer der beiden – häufig zur Mitte des Lebens hin – erkennt, dass er dieses Leben auf Dauer nicht ertragen kann. Eigentlich ist das keine Geschichte, die zweimal erzählt werden müsste und doch tut Stephan Thome genau das und zwar auch noch so, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen wollte. Gegenspiel kann als Prequel, um mal einen Fachterminus zu gebrauchen, gelesen werden, funktioniert aber auch als eigenständiger Roman. Ich glaube aber, dass das literarische Experiment, eine Geschichte in zwei Romanen und aus zwei Perspektiven zu erzählen, besonders dann gut funktioniert, wenn man beide Bücher kurz nacheinander liest.

Für mich ist Gegenspiel eine berührende Lektüre, die auf unaufgeregte und häufig ironische Art und Weise das Leben und die eheliche Liebe erforscht. Stephan Thome erzählt eine Geschichte von Lebenslügen und Selbstbetrug, von Selbstaufgabe und dem Wunsch nach einem Neuanfang. Es ist eine leise Geschichte, die offenbart, dass es kein Patentrezept dafür gibt, eine Ehe zu retten. Die einzige Idee, die der Autor Paaren in kriselnden Ehen mit auf den Weg gibt, ist die Idee, sich selbst zu retten und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, erst dann ist es vielleicht überhaupt wieder möglich, eine gemeinsame Basis zu finden.

Stephan Thome: Gegenspiel. Roman. Suhrkamp, Berlin 2015. 464 Seiten, €22,95. Eine weitere Rezension findet sich auf dem Blog Buchrevier von Tobias Nazemi.

10 Comments

  • Reply
    Hauke
    March 27, 2015 at 9:04 am

    Ein wunderbares Buch!
    “Fliehkräfte” hat mir sehr gut gefallen, aber “Gegenspiel” hat mich gänzlich begeistert. (Siehe auch bei mir im “Leseschatz”)
    Herzliche Grüße, Hauke

    • Reply
      Mara
      March 31, 2015 at 2:34 pm

      Danke für den Hinweis, deine Besprechung schaue ich mir gleich noch mal an – ansonsten ging es mir wie dir: Fliehkräfte habe ich sehr gerne gelesen, aber Gegenspiel hat mich tatsächlich sehr begeistert!

  • Reply
    serendipity3012
    March 27, 2015 at 9:35 am

    Ja, auch mir hat das Buch sehr gefallen, ich glaube, sogar mehr als Fliehkräfte… Oder auch nicht, es sind ja doch zwei verschiedene Bücher, denn es ist ja eigentlich gar nicht die gleiche Geschichte, sondern doch eine ganz andere. Und bestimmt wäre es noch interessanter gewesen, beide Romane direkt nacheinander zu lesen (obwohl es dann vielleicht doch ein wenig zu viel gewesen wäre?), um eben die Szenen, die in beiden Büchern vorkommen, direkt vergleichen zu können. Aber es geht ja auch ganz unabhängig voneinander, daher empfinde ich es auch nicht so, dass einer der Romane das Prequel oder Sequel zum anderen ist. 🙂 Meine Rezension gibts auf dem Feinen Buchstoff, ein Highlight gleich zu Anfang meines Lesejahres 2105.

    • Reply
      Mara
      March 31, 2015 at 2:32 pm

      Ich glaube, dass mir Fliehkräfte fast noch besser gefallen hat, weil ich die Perspektive von Maria so spannend fand, die ihr Leben lang nur Anhängsel gewesen ist und plötzlich eine eigenständige Entscheidung trifft. Dadurch, dass Thome in “Gegenspiel” die Vergangenheit von Maria beleuchtet, ist es natürlich eine andere Geschichte – doch im Grund bleibt sie doch gleich: ein Ehepaar entfremdet sich und steht vor der Frage, ob man einen Neuanfang wagt oder ob nichts mehr zu kitten ist. Meine Lektüre von FLiehkräfte lag leider schon so lange zurück, dass ich keine Vergleiche mehr anstellen konnte, an manches habe ich mich noch erinnert, an vieles aber nicht mehr.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Constanze Matthes
    March 27, 2015 at 9:57 am

    Ich schließe mich der Reihe begeisterter Leser an. Mir hat der Roman wunderbar gefallen, vor allem die Blicke auf die unterschiedlichen Zeiten und Orte. Wie der Autor es geschafft, seine weibliche Heldin in ihrer Gedankenwelt und ihrer Entwicklung zu beschreiben, war bewundernswert. Schön wäre es, wenn Thome nun einen Roman dem Blick der Tochter auf die Familie widmen würde.

    • Reply
      Mara
      March 31, 2015 at 2:24 pm

      Liebe Constanze,

      ich war von Gegenspiel auch absolut begeistert, der Roman hat mir fast noch besser gefallen, als der Vorgänger. Es ist wirklich beeindruckend, wie es Thome gelingt, die Geschichte aus der Perspektive seiner Hauptfigur zu beschreiben. Einen dritten Teil – aus der Perspektive der Tochter – ist eine tolle Idee, da würde ich mich auch sehr drüber freuen.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Xeniana
    March 27, 2015 at 4:09 pm

    Ich habe Fliehkräfte sehr gern gelesen, nun kommt Gegenspiel auf die ” noch zu lesen” Liste. Eine Besprechung die wie so oft, neugierig macht.

    • Reply
      Mara
      March 31, 2015 at 2:17 pm

      Das freut mich sehr und ich bin gespannt darauf, wie es dir mit “Gegenspiel” ergehen wird – mir hat das Buch fast noch besser gefallen, als der Vorgänger.

      • Reply
        Xeniana
        March 31, 2015 at 6:44 pm

        Ich bin gespannt:)

  • Reply
    Der Sonntagsleser -KW 13/2015 (Löwensuche, schlechte Buchgestaltung, Straßenliteratur und Weltliteratur als Graphic Novel) | Lesen macht glücklich
    March 29, 2015 at 3:03 pm

    […] diese Woche mehrere Vorstellungen gab, war “Gegenspiel” von Stephan Thome und zwar bei Mara von buzzaldrins und bei Buchrevier. Das Vorgängerbuch “Fliehkräfte”, welches thematisch sehr eng mit […]

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