Der Geruch der Erinnerung – Molly Birnbaum

Molly Birnbaum legt mit Der Geruch der Erinnerung ein lesenswertes Erinnerungsbuch vor. Sinnlich und voller Poesie erzählt sie von dem Tag, an dem sie ihren Geruchssinn verlor. Von dem Tag, der ihren Traum zerstören und ihr Leben für immer verändern sollte.

Molly Birnbaum

Ich lernte viel über Essen und das, was es bedeutet. Für mich bedeutete es Familie und Wärme, Nahrung und Hoffnung, meine Vergangenheit und meine Zukunft. Für mich bedeutete es alles.

Molly Birnbaum hatte einen Lebenstraum: sie wollte Köchin werden. Als junge Studentin las sie mit großer Begeisterung Kochbücher, Kochzeitschriften und die Biografien berühmter Sterneköche. Eigentlich studierte sie damals Kunstgeschichte, doch sie wusste, dass sie nur eines werden wollte: Köchin. Ein Stipedium für das Culinary Institute of America war ihr bereits sicher – für die Aufnahme am Institut fehlte ihr einzig und allein noch ein Praktikum. Das Praktikum machte sie im Craigie Street Bistrot und war während sie putzt, wäscht und Gemüse schneidet zum allerersten Mal in ihrem Leben wirklich glücklich und erfüllt.

Ich hatte eine Welt betreten, die mich herausforderte, mich frustrierte und entzückte, eine Welt, in der ich wachsen konnte. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, meine Zukunft sehen zu können, sie zu kennen.

Doch dieser Traum wird ganz plötzlich zerstört – von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr so wie zuvor. Bei einem schweren Verkehrsunfall verliert sie ihren Geruchssinn. Sie hatte damals Glück, noch am Leben zu sein. Sie hatte Glück, nur ihren Geruchssinn verloren zu haben und darüber hinaus keine weiteren körperlichen Schäden zurückzubehalten. Doch je mehr Zeit nach dem Unfall vergeht, desto deutlicher wird, wie viel mehr Molly Birnbaum verloren hat.

Die Funktionsweise der Nase ist überaus komplex, eine Kette von Verbindungen und einander überlagernden Signalen, die auf molekularer Ebene zustande kommen. Seit Jahrhunderten mühen sich Wissenschaftler, den Prozess des Riechens zu ergründen. Dennoch wird es, wie schon von dem griechischen Philosophen Aristoteles, der es von allen Sinnen den Unnützesten fand, oft vergessen oder zugunsten von Sehen, Hören und Fühlen beiseitegeschoben.

Es vergehen Wochen nach ihrem Unfall, bis sie wieder mit ihrer Familie am Esstisch sitzt und feststellen muss, dass der geliebte Apfelkuchen nicht mehr so schmeckt, wie vorher. Er schmeckt nach gar nichts mehr, denn Molly Birnbaum kann die Zutaten weder riechen noch schmecken. Von ihren Ärzten erhält sie die niederschmetternde Diagnose: sie hat ihre olfaktorische Wahrnehmung verloren und es gibt kaum Chancen, diese wieder zurückzugewinnen.

Für Molly Birnbaum ist diese Diagnose besonders niederschmetternd, denn welche Köchin kann ohne ihren Geruchs- und Geschmackssinn noch arbeiten? Wie soll man Gerichte erfinden, wenn man die einzelnen Zutaten nicht mehr schmecken kann? Was fehlt im Leben, wenn man frische Kräuter plötzlich nicht mehr riechen kann? Was fehlt, wenn das Gericht im Backofen plötzlich geruchlos ist und der Apfelkuchen nach nichts mehr schmeckt? Beim Lesen von Der Geruch der Erinnerung wird schnell deutlich, dass ganz viel im Leben fehlt, wenn der Geruchssinn verschwindet. Menschen, denen der Geruchssinn abhanden kommt, werden nicht nur all die wunderbaren Gerüche genommen: Molly Birnbaum kann auch nicht mehr riechen, ob die Milch verdorben ist, ob in ihrem Haus Gas austritt oder ob es möglicherweise brennt. Den Müll in den Straßen kann sie nicht mehr riechen und die Fahrt in der U-Bahn ist völlig geruchsneutral. Alle Tätigkeiten, alle Orte und auch alle Menschen verlieren plötzlich ihren einzigartigen Geruch, ihre einzigartige Note.

Ich hatte nicht gewusst, welche Rolle das Geruchsempfinden beim Essen spielt, ehe es verschwunden war. Das volle Ausmaß meines Verlustes erkannte ich erst, als ich ihn bei jedem Bissen, jedem Schluck spürte.

Ich muss gestehen, dass es mir als Leserin ganz ähnlich erging. Ich habe selbstverständlich schon mal darüber nachgedacht, wie ich damit umgehen würde, wenn ich einen meiner Sinne verliere – wenn ich nicht mehr hören oder sehen könnte. Doch was für weitreichende und tragische Konsequenzen der Verlust des Geruchssinn haben kann, hätte ich mir vor der Lektüre dieses beeindruckenden Buches nie ausmalen können. Wenn man das Augenlicht verliert, erblindet man. Wenn man die Hörfähigkeit verliert, dann wird man taub. Doch wer nicht mehr riechen kann, leidet unter Anosmie. Ein Begriff unter dem man sich kaum etwas vorstellen kann – schon gar nicht dieses Ausmaß. Molly Birnbaum gelingt es auf einzigartige Art und Weise, den Leser an ihrem Schicksal teilhaben zu lassen.

Das Besondere dieses Schicksals ist sicherlich, dass sie dieses nicht einfach klaglos akzeptiert und ihren zerplatzten Träumen hinterher trauert. Ganz im Gegenteil: sie gibt sich mit den Antworten der klassischen Schulmedizin nie zufrieden und lässt nichts unversucht, ihren Geruchssinn zurückzuerhalten. Unterstützt wird sie dabei unter anderem von Oliver Sacks, dem bekannten britischen Neurologen. Sie trifft auch auf Ben Cohen, dem Gründer der Eismarke Ben & Jerry’s – auch er ist Anosmiker. Und ohne zu viel zu verraten, kann ich doch sagen, dass sich all die Mühe von Molly Birnbaum irgendwann auszahlt …

Ich hatte begonnen, Bücher übers Riechen zu lesen – historische, psychologische, medizinische. Jeden Tag staunte ich mehr über seine Geheimnisse und seine Großartigkeit und die Komplexität dessen, was wir darüber wissen und was nicht. Auf der Suche nach der Individualität des Geruchssinns war mir schnell klar geworden, dass für ihn so etwas wie Normalität nicht gilt. Auch als Gesunder hatte sich mir meine Nase die Umwelt anders erschlossen als anderen.

Molly Birnbaum legt mit Der Geruch der Erinnerung ein höchst lesenswertes Erinnerungsbuch vor, das gleichzeitig auch eine ungewöhnliche medizinische Fallgeschichte erzählt. Der Autorin gelingt es dabei, Wissenschaft und persönliches Schicksal elegant miteinander zu verweben. Sie erforscht den Geruchssinn aus historischer, medizinischer und literarischer Perspektive und lädt den Leser dazu ein, an ihrem Schicksal teilzunehmen. Darüber hinaus ist Der Geruch der Erinnerung auch ein Buch, das Mut machen kann. Es klingt zwar wie ein Klischee, aber selbst wenn große Träume zerplatzen, tun sich dahinter vielleicht andere Wege und Möglichkeiten auf.

Molly Birnbaum: Der Geruch der Erinnerung. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Almuth Carstens. Roman. btb Verlag, München 2013. 350 Seiten, €9,99. Molly Birnbaum betreibt eine eigene Homepage und einen Blog.

8 Comments

  • Reply
    Hermia
    April 17, 2015 at 3:32 pm

    Vielen Dank, das klingt extrem reizvoll!

    • Reply
      Mara
      April 22, 2015 at 1:35 pm

      Das freut mich sehr! Das Buch ist schon etwas älter, erzählt aber in der Tat eine sehr spannende und lesenswerte Geschichte!

  • Reply
    Ariana
    April 20, 2015 at 7:44 am

    Mich hast du mit dieser Rezension auch sehr neugierig auf das Buch gemacht. 🙂

    • Reply
      Mara
      April 22, 2015 at 1:29 pm

      Darüber freue ich mich sehr. Mir hat es wirklich gut gefallen und falls du dich entscheiden solltest, es zu lesen, würde ich sehr gerne erfahren, wie es dir mit der Lektüre erging! 🙂

  • Reply
    nettebuecherkiste
    April 25, 2015 at 2:31 pm

    Ich stelle mir den Verlust des Geruchssinns ganz furchtbar vor. Kochen ist mein zweitliebstes Hobby.. Ich muss dabei auch an Hape Kerkelings Mutter denken, die sich aufgrund einer unter anderem durch den Verlust des Geruchssinns verursachten Depression das Leben nahm. (Hab “Der Junge muss an die frische Luft” als Hörbuch gehört.) Ein wirklich hartes Schicksal. Der Mann einer Kollegin von mir hat bei einer OP das Augenlicht verloren – er war Fotograf. Ich habe wirklich Respekt vor Menschen, die lernen, mit einem solchen Verlust umzugehen.

    • Reply
      Mara
      April 28, 2015 at 3:35 pm

      Ich habe mir – wie erwähnt – den Verlust des Geruchssinn vorher nie so fürchterlich vorgestellt, aber das Buch hat mir dann eindrücklich vor Augen geführt, worauf man alles verzichten muss. “Der Junge muss an die frische Luft” liegt hier übrigens auch noch auf dem Stapel und nun bin ich noch gespannter auf die Lektüre.
      Den Verlust des Augenlichts stelle ich mir persönlich ja besonders schlimm vor, da ich doch so gerne lese!

  • Reply
    Birgit
    January 27, 2017 at 9:27 pm

    Eine sehr schöne Rezension und ein sehr spannendes Buch. Der Schreibstil ist schon sehr besonders, doch hat mir auf anhin gut gefallen.
    Viele Grüße
    Birgit

    • Reply
      Mara
      February 6, 2017 at 1:22 pm

      Liebe Birgit,

      vielen Dank, dass du mir mit deinem Kommentar dieses Buch noch einmal in Erinnerung rufst. Der Sprachstil ist wirklich außergewöhnlich, aber ich habe das Buch auch in guter Erinnerung behalten.

      Liebe Grüße
      Mara

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