Es bringen – Verena Güntner

Verena Güntner erzählt in ihrem Debütroman Es bringen schonungslos vom Erwachsenwerden: es geht um Saufgelage, Fickwetten, tiefe Freundschaften und um Luis, der auf jeden Fall ein echter Bringer sein möchte.

Es bringen

Es ist ganz einfach. Du brauchst einen Plan. Wenn du keinen Plan hast, geht alles den Bach runter. Das habe ich gelernt. Und wenn ich mal was gelernt habe, verlern ich es auch nicht wieder, ich bin ja nicht blöd.

Luis ist sechzehn Jahre alt und möchte auf keinen Fall ein zarter Junge sein, er ist krass und hart – eben ein richtiger Bringer. Er ist der Trainer und er ist die Mannschaft, das ist sein Motto. Mit seiner Mutter lebt er im fünfzehnten Stock eines Hochhauses. Er hat mal Höhenangst gehabt, aber das ist schon eine Weile her. Irgendwie kann man im Leben dann doch alles besiegen, glaubt Luis. Die fünfzehn Stockwerke ist er immer zu Fuß hochgegangen und jeden Tag ist er einmal auf den Balkon raus, so kann man auch eine lächerliche Höhenangst in den Griff kriegen. Mit seinen besten Freunden schließt er Fickwetten ab, ansonsten mag Luis noch Alkohol und Freibäder – schlaffe Schwänze findet er dagegen doof.

Aber ich hatte ja nur drei Bier, und drei Bier sind bei mir das Gleiche wie kein Bier. Ich könnte jetzt ohne Probleme nen Mathe-Test schreiben.

Bei den Fickwetten gewinnt Luis übrigens fast immer. meistens wegen seiner charmanten Zahnlücke. Die hat ihm seine Mutter vererbt. Seine Mutter nennt er nur Ma und liebt sie ansonsten über alles. Genauso wie seinen besten Freund Milan, der vier Jahre älter und schon ein richtiger Twen ist. Milan ist der Coolste von allen und Luis’ bester Freund. Es gibt da auch noch das Pferd Nutella, das er ziemlich gern hat, aber darüber spricht er lieber nicht.

Sein Leben hat Luis also fest im Griff, er ist ja nicht umsonst Trainer und Mannschaft zugleich. Doch eines Tages muss er feststellen, dass man auch als Bringer nicht alles im Leben kontrollieren kann. Von einem auf den anderen Tag bricht all das zusammen, was Luis so hart gemacht hat und er muss erleben, dass erwachsen werden auch bedeutet, zart und verletzlich zu sein.

Wenn du nicht dumm sterben willst, musst du dir Sachen genau anschauen, sie üben, und zwar: bis du sie kannst. Das ist der Ablauf, und wenn du den nicht kapierst, dann wird das mit deinem Plan nix. Ich will nicht dumm sterben. Ich will auch nicht ZU klug sterben, was manchmal passieren kann, ich kenne Leute, denen das passiert, und das ist übel, könnt ihr mir glauben. Nur eins weiß ich, Leute: Dumm sterb ich auf keinen Fall.

Wenn man Verena Güntners Debütroman liest, darf man nicht allzu zartbesaitet sein, denn die junge Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie umschreibt nicht, sie beschönigt nichts. Titten, Muschi, Fickwetten. Schonungslos und ehrlich schreibt sie über die Welt von Luis, die langsam aus den Fugen gerät. Verena Güntner gelingt es dabei ganz wunderbar, den richtigen Ton zu treffen: der Roman wird aus der Perspektive von Luis erzählt und seine Lebenswirklichkeit wird erschreckend authentisch eingefangen – krass und hart und ganz frei von Klischees. Es gibt vereinzelt auch immer wieder poetische Stellen, in denen es schon fast philosophisch wird, doch meistens lauschen wir dem Ghetto-Slang von Luis, der mit Schimpfworten durchsetzt ist.

Manchmal, und ich kann euch echt nicht sagen, warum, kommt es mir so vor, als kennen wir uns schon seit Ewigkeiten. Als wären wir schon immer befreundet. Ich hab deshalb keine Erinnerung ohne Milan. Wenn ich mich in meinen Erinnerungen umdrehe, auch in denen, wo er gar nicht dabei gewesen sein kann, steht Milan immer hinter mir und schaut mich an. Er strahlt dabei eine unendliche Ruhe aus, die auch mich ruhig sein lässt. Milans Ruhe. Die habe ich immer bewundert und mich in ihren Windschatten gehängt, und weil die meisten Leute dumm sind, hat bis jetzt keiner was gemerkt. Dass ich Milan brauche, wissen nur er und ich. Und Gott, klar. Aber mit Gott bin ich eigentlich genauso close wie mit Milan. Ich würde alles für ihn machen, im Ernst. Bis auf Mord oder so was. Ohne Scheiß jetzt, ich würde wirklich alles für Milan machen.

Was für mich Es bringen zu einer ganz besonderen Lektüre gemacht hat, ist das, was sich hinter der Ghettofassade befindet. Es geht in diesem Roman um viel mehr als Titten, Muschis und Fickwetten. Es geht um einen Jungen, der hart sein möchte, der dazu gehören möchte und der dann doch feststellen muss, wie verletzbar man sein kann, wenn man erwachsen wird. Es geht um die schmale Linie zwischen der Kindheit und dem Moment, in dem man erwachsen wird. Luis erlebt diesen Moment viel zu schnell, viel zu abrupt und muss dabei feststellen, dass in der Welt der Erwachsenen ganz andere Gesetze herrschen. Dabei möchte er doch eigentlich nur, dass alles so bleibt, wie es ist und wie er es kennt. Diese Zerrissenheit zwischen der eigenen Sensibilität und dem Wunsch danach, erwachsen zu sein, beschreibt Verena Güntner mit ungeheuerer Intensität.

Als ich das Buch zuklappe, ist mir gleichzeitig ein bisschen schwer und leicht: Luis ist mir ans Herz gewachsen, trotz all seiner Eigenarten und Fehler und ich möchte ihn eigentlich ungern wieder hergeben. Ich würde ihm gerne die Hand halten bei den nächsten zaghaften Schritten, die er hinein ins Erwachsenenleben gehen muss. Das Buch verschont uns mit einem Happy End und doch habe ich das Gefühl, dass es Luis schaffen kann in dieser Welt. Es bringen ist ein schonungsloser und intensiver Roman, der unter seiner rauen Fassade ganz zart ist und noch lange in mir nachhallen wird.

Verena Güntner: Es bringen. Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2014. 249 Seiten, €18,99. Lesung der Autorin aus dem Roman.

5 Comments

  • Reply
    Verena Güntner im Gespräch! - Buzzaldrins Bücher
    April 30, 2015 at 8:57 am

    […] auch Schriftstellerin – im vergangenen Herbst hat sie ihren eindrücklichen Debütroman Es bringen veröffentlicht. Ich habe mit ihr über die Arbeit auf der Bühne und über ihr Schreiben […]

  • Reply
    Leserstoff
    April 30, 2015 at 2:26 pm

    Den Inhalt des Buches finde ich interessant. Habe schon öfter Jugendbücher so in der Art gelesen und verschlungen. So bin ich auch auf die Rezension gestoßen. Aber die Sprache in den Zitaten hat mich hingegen nicht sonderlich überzeugt. Ich arbeite mit Jugendlichen zusammen und finde im Gegensatz zu dir, dass die Sprache eher gewollt und unauthentisch klingt. Natürlich kann man das auch nicht so gut beurteilen nur nach einigen Zitaten.

    • Reply
      Mara
      May 3, 2015 at 2:58 pm

      Ich habe mich über deinen Besuch und deinen Kommentar sehr gefreut – Sprache und Authentizität wird von jedem anders empfunden, wobei ich auch gestehen muss, dass ich kaum Kontakt zu heutigen Jugendlichen habe. Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, dann empfinde ich die Sprache von Verena Güntners Figuren als sehr passend.
      Du solltest das Buch nicht aufgrund einer weniger Zitate beurteilen, ich finde, dass sich dennoch ein Blick lohnen würde – vielleicht wäre das Buch ja auch etwas für die Jugendlichen, mit denen du arbeitest.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Petzi
    May 9, 2015 at 4:37 pm

    Liebe Mara,

    dieses Buch hatte ich so gar nicht auf dem Schirm und wird jetzt ebenfalls auf die Wunschliste gesetzt. Es könnte tatsächlich eines für mich sein und ich werde bald mal reinlesen und schauen, ob es mich wirklich überzeugt. 🙂

    Liebe Grüße
    Petzi

    • Reply
      Mara
      May 19, 2015 at 2:31 pm

      Liebe Petzi,

      irgendwie habe ich es ganz vergessen, auf deinen Kommentar zu antworten – entschuldige bitte, dabei habe ich mich sehr über deine Wortmeldung gefreut. Hast du in der Zwischenzeit schon einmal reingelesen? Mir hat der Roman wirklich gut gefallen, ein bisschen habe ich mich an Tigermilch erinnert gefühlt. Luis ist mir einfach sehr ans Herz gewachsen.

      Liebe Grüße
      Mara

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