Annika Reich im Gespräch!

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Foto: © Hassiepen/Hanser. 

In diesem Frühjahr ist Annika Reichs neuer Roman Die Nächte auf ihrer Seite erschienen – ich habe das zum Anlass genommen, mich mit der Autorin auf der Leipziger Buchmesse zu treffen. Wir haben nicht nur über das neue Buch gesprochen, sondern auch über eine Absage von Michael Krüger und die Schattenseiten des Bloggens.

Du hast ursprünglich Ethnologie und Philosophie an der Freien Universität in Berlin studiert – wusstest du damals schon, dass du irgendwann mal schreiben möchtest?

Meinen ersten Roman habe ich schon mit fünfzehn geschrieben und mit neunzehn Jahren dann an alle großen Verleger geschickt. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wie das so läuft und hab das dann einfach mit einem selbstgemachten Cover und selbstgemaltem Briefpapier losgeschickt. Die erste Absage kam von Michael Krüger, eine ganze maschinengetippte Seite, auf der er schrieb, was das für ein grauenhaftes Buch sei. So habe ich das damals zumindest wahrgenommen. Eigentlich war das eine ganz tolle Replik auf mein Buch, er hatte sich damit jedenfalls wirklich auseinandergesetzt. Der letzte Satz war: „Wenn Sie wollen, rufen Sie mich mal an und erzählen Sie mir, wie Sie zu diesem Buch gekommen sind – das würde mich wirklich interessieren.“

Von dieser Absage hast du dich aber nicht abschrecken lassen und Ende Februar ist bereits dein viertes Buch „Die Nächte auf ihrer Seite“ erschienen. Wie lange hast du an dem Roman gearbeitet?

Drei Jahre lang. Mir kam es ewig lange vor, weil ich ein ganzes Jahr lang den Ton nicht gefunden habe. Ich habe geschrieben und geschrieben, wusste genau wie das Buch klingen sollte, aber es hat sich einfach nicht eingestellt. Der Ton kam nicht durch meine Finger auf das Papier. Das hat mich irrsinnig verunsichert, weil ich Angst hatte, ihn nie zu finden, obwohl ich ihn doch so deutlich hörte.

Das, was du über den Ton erzählst, finde ich sehr spannend. Wie kann ich mir den Schreibprozess bei dir überhaupt vorstellen? Bist du beim Schreiben immer ganz strukturiert oder folgst du einfach deiner Inspiration?

Ich bin überhaupt nicht strukturiert. Meistens habe ich eine Grundfrage, mit der ich in ein Romanprojekt hineinstarte, die so drängend und groß ist, dass ich sie mir nicht anders beantworten kann. Anschließend habe ich nicht die geringste Ahnung, wie ich diese Fragestellung in eine Geschichte fassen soll. Ich bin darauf angewiesen, dass Figuren zu mir kommen – das muss man wirklich so mystisch beschreiben – und diesen Figuren höre ich dann zu und lasse sie Dinge erleben. Eine ganze Zeit lang schreibe ich vollkommen im Blindflug. Irgendwann, wenn sich Figurenkonstellationen herausgebildet haben, baue ich dann das Buch auch stark. Im Nachhinein ist das Buch irrsinnig stark gebaut, im Verfahren ist es aber aus dem Blindflug geschöpft. Was für das Schreiberleben toll ist, weil man sich selbst so viele Überraschungen ermöglicht. Andererseits ist es aber auch eine verunsichernde Tätigkeit, da ich nie weiß, was als nächstes kommt und ob überhaupt etwas kommt.

In deinem neuen Roman, „Die Nächte auf ihrer Seite“, erzählst du auch vom arabischen Frühling. Wie kann ich mir deine Recherche für diese Passagen vorstellen?

Ich habe beim Schreiben ganz verschiedene Quellen herangezogen. Einmal habe ich viele Bücher gelesen, die zu diesem Thema veröffentlicht wurden, dann die gesammelten englischsprachigen Tweets – es wurde ja während der Revolution unheimlich viel getwittert – und  die Facebook-Seiten. Ich habe mir viele Filme dazu angesehen. Um die Stimmung in der Stadt einfangen zu können, waren diese Filme eigentlich am wichtigsten. Als ich das Buch geschrieben habe, fand in Berlin die Berlinale statt, und da gab es viele kleine Filmarbeiten, die sich mit dem arabischen Frühling beschäftigt haben.

Hast du auch mit Menschen gesprochen, die den arabischen Frühling erlebt haben?

Oh ja! Ich habe Steckbriefe verteilt und darauf meine Romanfigur Sira beschrieben. Auf den Steckbriefen stand:  „Wenn du eine junge Deutsch-Ägypterin bist, die 2011 zufällig auf dem Tahrir-Platz gelandet ist und die Revolution miterlebt hat, und danach wieder zurück nach Berlin gekommen bist, dann melde dich bei mir, ich schreibe einen Roman über dich. Du heißt Sira.“ Daraufhin haben sich tatsächlich fünf Frauen gemeldet, die mir dann in mehreren Gesprächen von ihren Erlebnissen erzählt haben. Das war wahnsinnig hilfreich: Sie haben mir von ihren Familien erzählt, davon wie es in der Stadt riecht, was im Radio läuft und wie man dort Taxi fährt. All das, was man sich auch aus Büchern und Filmen zusammenreimen kann, aber wenn man es dann hört, ist es doch etwas anderes.

Und bist du selbst auch mal in Kairo gewesen?

Ich wollte fahren, aber zu der Zeit gab es dort Bombenanschläge. Ich hätte alleine fahren müssen, spreche kein Arabisch und man hat mir abgeraten. Aber ich werde jetzt wahrscheinlich nach Kairo fahren und mir im Nachhinein noch einmal alles anschauen. So ist es eher eine Karl-May-Nummer.

Wir haben uns jetzt die ganze Zeit über dein neues Buch unterhalten, aber du bist ja nicht nur Autorin, sondern auch Bloggerin – du hast einen eigenen Blog und bloggst auch im Auftrag der FAZ. Wie kam es dazu?

Es gibt diesen Mythos, dass Frauen nicht politisch bloggen können. De facto gibt es wenige politische Frauen-Blogs. Dann hat die ZEIT einen neuen Blog aufgelegt, der 5 vor 8 heißt. Alte Helden erklären die Welt. Da haben wir, eine Gruppe von Autorinnen, gedacht: jetzt reicht’s! Wir gehen fünf Minuten vorher online und es schreiben nur Frauen. Das war der Impuls und jetzt machen wir das dreimal die Woche und der Blog wird von inzwischen mehr als hundert Autorinnen belebt. Ich finde das ganz toll, dass wir diese Plattform haben und dort ganz viele unterschiedliche Texte bringen können.

Was ist für dich das Besondere am Bloggen? Die Vorteile oder auch der Reiz? Und gibt es auch Schattenseiten?

Ein großer Vorteil ist es, mehr Zeit zu haben und damit mehr Freiheit. Wir müssen im Blog nicht aktuell sein. Wir können uns die Zeit nehmen, die wir brauchen und müssen nicht das bedienen, was der Tagesjournalismus bedienen muss. Das finde ich beim Bloggen einen großen Vorteil. Außerdem können wir Nischenthemen besetzen, wir können Texte aus Teilen der Welt bringen, die in unseren Medien unterrepräsentiert sind. Wir können also unsere eigenen Relevanzen setzen: wenn riesige Debatten im Feuilleton geführt werden, die wir nicht relevant finden, müssen wir dazu keine Stellung beziehen. Wir bringen dann lieber einen Brief einer Frau aus Odessa. Auch den Austausch innerhalb unserer Bloggergemeinschaft finde ich schön, wir arbeiten hoch produktiv und mit großem Spaß zusammen, und man lernt viele interessante Frauen kennen. Schwierig sind die Kommentare. Damit musste ich erst einmal umgehen lernen. Ich lebe in einem relativ freundlichen Umfeld und die Verachtung, die einem da teilweise entgegenschlägt, kenne ich nicht. Ein paar von uns können inzwischen sehr gut damit umgehen, ich kann es nicht.

Abschließend würde ich dich gerne nach deinem Geheimnis fragen: Du bist Bloggerin, Autorin, hast eine Gastdozentur an der Kunstakademie Düsseldorf und bist Mitarbeiterin von Katharina Grosse. Wie findest du die Zeit für all diese Tätigkeiten?

Ich habe wahrscheinlich das Talent, schnell umschalten zu können. Ich brauche keine Übergangszonen. Wenn ich am Roman schreibe, muss ich nicht erstmal einen Kaffee trinken, wenn ich danach einen Blogtext schreibe. Ich habe relativ wenig Metaebene – ich denke wenig darüber nach, ob das jetzt alles zu viel ist, sondern mache die Dinge eins nach dem anderen. Aber es ist trotzdem zu viel! Es ist zu viel, aber leider oder zum Glück alles so spannend, dass ich nicht wüsste, was davon wegfallen sollte. Wenn ich irgendetwas aufgeben müsste, dann wäre es niemals das literarische Schreiben.  Das müsste unbedingt bleiben.

8 Comments

  • Reply
    serendipity3012
    June 11, 2015 at 3:43 pm

    Ein interessantes Interview! Ich habe Annika Reich auf einer Lesung erlebt, zusammen mit Ulla Lenze, ein sehr interessanter, kurzweiliger Abend! Ihr Buch habe ich daraufhin gelesen. Ich werde auf jeden Fall beobachten, was von ihr als nächstes kommt.

    • Reply
      Mara
      June 13, 2015 at 5:52 pm

      Danke für deinen Besuch und das Lob – ich habe Annika Reich auch auf einer Lesung erlebt und habe den Abend als sehr unterhaltsam und kurzweilig in Erinnerung. Dabei fällt mir übrigens ein, dass das Buch von Ulla Lenze hier immer noch ungelesen auf meine Lektüre wartet. 😉
      Für mich war “Die Nächte auf ihrer Seite” mein erste Lektüreerfahrung mit Annika Reich und ich werde nun auch warten, was als nächstes kommt und das lesen, was schon erschienen ist.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    dasgrauesofa
    June 11, 2015 at 4:05 pm

    Liebe Mara,
    vielen Dank für dieses wirklich tolle Interview. Der Blick auf den Schreibprozess hat mir so gut gefallen und mich erinnert an Terézia Moras Frankfurter Vorlessung, in der sie auch beschreibt, wie lange es dauert, bis die richtige Form und die richtige Erzählstimme für einen Roman gefunden ist und dass es auch einmal sein kann, dass die Arbeit von einem Jahr sich letztendlich nicht bewährt. Da bekomme ich immer noch einmal einen ganz anderen Respekt vor der Arbeit der Schriftsteller. Euer Gespräch zum Thema Bloggen hat mich auf jeden Fall neugierig gemacht, da werde ich mir doch die FAZ Bloggerei mal viel genauer anschauen.
    Viele Grüße, Claudia

    • Reply
      Mara
      June 13, 2015 at 5:50 pm

      Liebe Claudia,

      ich finde es – muss ich gestehen – immer unglaublich spannend etwas über die Schreibarbeit von Autoren zu erfahren. Die Vorlesungen von Terézia Mora stehen deshalb auch schon länger auf meiner Wunschliste.
      Den Blog auf den Seiten der FAZ finde ich tatsächlich sehr spannend, denn die Frauen wenden sich häufig Themen zu, die in der hektischen Medienlandschaft ansonsten untergehen. Ich lese dort immer wieder sehr gerne, kann mir aber auch vorstellen, dass es nicht immer ganz einfach ist, mit der Flut an Kommentaren dort umzugehen.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    sylvi29
    June 11, 2015 at 8:16 pm

    Ein viel zu kurzes Interview. Ich hätte unter anderem sehr gern gewusst, wie Annika Reich ihre Erzählstimme doch noch gefunden hat. Jetzt besuche ich erst einmal die Seite der FAZ. Deine Beiträge sind immer interessant, liebe Mara.

    • Reply
      Mara
      June 13, 2015 at 5:42 pm

      Liebe Sylvi,

      ich danke dir sehr für deine Rückmeldung – ich habe das Interview tatsächlich etwas gekürzt, da es mir erst viel zu lang erschien, um so interessanter finde ich nun, dass es dir zu kurz ist. 🙂 Das werde ich mir mal notieren und bei meinem nächsten Interview berücksichtigen. Es ist auf jeden Fall schön zu hören, dass du das Interview mit Interesse gelesen hast.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Widmar Puhl
    April 14, 2017 at 12:10 pm

    Liebe Mara,
    wie Du an meinem Blog sehen kannst, bin ich schon ziemlich lange Blogger, war aber aus Zeitmangel auch ziemlich ahnungslos – erstens im Blick auf die Szene und zweitens speziell bei Literaturblogs. Das ändert sich gerade erst langsam, weil ich versuche, mich systematisch durch eine aktuelle Dokumentation von Wolfgang Tischer über Blogger auf der Leipziger Buchmesse zu arbeiten. Die Zeit dazu finde ich jetzt erst langsam, weil ich seit zwei Monaten Rentner bin. Ich finde das Bloggen unheimlich spannend und (auch handwerklich) vielseitig. Ich habe etliche Deiner Rezensionen mit Gewinn gelesen und freue mich, weil es dabei mal nicht um Thriller, Fantasy oder Liebesromane oder Esoterik geht. Dein tolles Interview mit Annika Reich ist ein wunderbares Beispiel dafür. Vielen Dank!
    In meinem früheren Leben als Autor und Redakteur für den SWR2-Hörfunk war mein Blog hauptsächlich eine Chance zur Verwendung von Resten, die keinen Sendeplatz fanden. Inzwischen ist es fast so etwas wie der persönliche Garant für meine Pressefreiheit geworden, weil sich die Vielfalt in den Mainstream-Medien zunehmend verringert, und zwar nicht nur aus Budgetgründen. Gerade diese Vielfalt aber ist für mich wesentliche am Qualitätsjournalismus. Als Rentner kann ich mir den Luxus erlauben, nur noch Autor zu sein und auch mal Zeit für die Arbeit an Poesie zu verwenden. Auf Facebook gibt es als Test für mich und Probe zum Lesen mein “Gedicht der Woche”.
    Auf Facebook habe ich auch viele “Freunde” gefunden, die meine politischen Kommentare und mein Engagement für Weltoffenheit und Toleranz schätzen. Aber fb kann nach meiner Erfahrung Publikationen nicht ersetzen. Ich wurde also auch Self-Publisher bei einem Band mit politischen Essays, für die sich kein Verlag fand, obwohl die meisten Teile des Buches bereits in Zeitungen oder bei SWR2 als Feature-Version lektoriert wurden und ein großes Publikum erreicht haben. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass meine Kollegen in den Kulturredaktionen Self-Publisher komplett ignorieren. Außerdem sind die meisten meiner Freunde älter und wissen nicht, wie Leserrezensionen gehen. Also suche ich Blogger, die Bücher rezensieren und mit denen ich mich auch handwerklich austauschen kann.
    Darf ich Dir vielleicht mal ein Ebook schicken? Das Buch “Die Quellen des Zorns – Gefahr für Rechtsstaat und Demokratie” entstand schon im Winter 2015/16 bei neobooks und epubli. Aber ich konnte mich nicht ums Marketing kümmern, weil noch noch voll berufstätig war. Die Wahrnehmung ist also noch fast vollständig neu. Es würde mich freuen, von Dir zu hören.

    Viele Grüße,
    Widmar

    • Reply
      Mara
      April 23, 2017 at 9:56 am

      Lieber Widmar,

      ich freue mich, dass du nun endlich die Zeit findest, mit Begeisterung und Leidenschaft an deinem Blogprojekt zu arbeiten und wünsche dir dafür ganz viel Erfolg. Da ich allerdings keine E-Books lese und politische Themen auf meinem Blog eigentlich kaum stattfinden, habe ich an deinem Angebot, mir ein E-Book zuzusenden kein Interesse. Dennoch vielen lieben Dank für die Anfrage!

      Liebe Grüße
      Mara

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