Ein Jahr auf dem Land – Anna Quindlen

Wenn man sich das Cover und den Klappentext anschaut, beschleicht einen das Gefühl, vielleicht zu etwas seichter Lektüre gegriffen zu haben. Doch der Roman lässt sich zwar flott lesen, verliert dabei aber nie den literarischen Anspruch und bietet nebenbei auch einigen Stoff zum Nachdenken. Für mich ist Ein Jahr auf dem Land das perfekte Sommerbuch.

Quindlen

Es gab Nächte, da erwachte sie mit einem Stacheldrahtzaun aus leichtem, aber unverkennbarem Schmerz rund ums Herz.

In Amerika ist Ein Jahr auf dem Land unter dem Titel Still life with bread crumbs erschienen und hat bei Kritik und Publikum gleichermaßen für Furore gesorgt – eine viertel Million Mal wurde das Buch verkauft. Ein Blick auf den Klappentext verrät, dass es um Rebecca Winter geht, einer in die Jahre gekommenen Frau, die plötzlich und gezwungenermaßen vor einem Wendepunkt im Leben steht. Von ihrem Mann hat sie sich scheiden lassen, ihr erwachsener Sohn lebt sein eigenes Leben und ihre großen Erfolge als Künstlerin liegen schon lange hinter ihr. Die Tantiemen werden immer geringer und das Ersparte rinnt ihr durch die Finger. Ihr Apartment in New York kann sie irgendwann nicht mehr finanzieren, aber trennen möchte sie sich noch nicht von diesem Leben, das einen so wichtigen Teil ihrer Identität ausmacht. Stattdessen vermietet sie ihre Wohnung unter und zieht in ein leicht ramponiertes und vor allen Dingen günstiges Häuschen fernab der Stadt. Was als unfreiwillige Auszeit vom wirklichen Leben beginnt, nimmt plötzlich eine Entwicklung, die sich Rebecca Winter vorher nie hätte erträumen können. Sie verlässt die alten, ausgetretenen Pfade und findet den Mut, neue Wege zu gehen. Auf diesen Wegen begegnet ihr nicht nur eine neue Liebe, sondern auch längst verloren geglaubte Inspiration.

Kein halbes Jahr später war Rebecca Winter zur feministischen Ikone avanciert, ihre Küchentisch-Serie wurde von Kunstkritikern und Essayisten gleichermaßen als Überhöhung und Verurteilung des weiblichen Lebens und des weiblichen Tätigkeitsfelds gefeiert.

Als Rebecca Winter aus ihrem alten Leben aussteigen muss, ist sie beinahe sechzig Jahre alt. Ihren größten künstlerischen Erfolg hat sie als junge Frau gefeiert: Stillleben mit Brotkrümeln sorgte für ihren Durchbruch. Darüber war sie selbst am meisten überrascht: ihr Mann war ein Bilderbuchmacho, der seine Frau nach durchfeierten Nächten gerne mit dem Geschirr in der Küche allein zurückgelassen hat. Einen solchen Geschirrstapel hat Rebecca – völlig erschöpft und nach einer durchfeierten Nacht – in der Küche fotografiert. Es war ein spontaner Schnappschuss, auch wenn ihr das niemand glauben möchte. Ein Schnappschuss frei von jeglicher Inszenierung. Sie wird mit dem Foto berühmt, auch wenn sich ihre Kritiker um die tiefere Bedeutung der Komposition streiten: ist die Aufnahme als feministisches Statement zu interpretieren oder doch eher als flämische Komposition?

Sie wollten auch alle nicht glauben, dass sie einfach nur fotografiert hatte, was sie vorfand: eine leere Flasche, die auf der Seite lag und an deren geschwungenen Rand noch ein Tropfen Olivenöl schimmerte, eine Handvoll öliger Gabeln, die im Schein der Deckenlampe gänzten, und natürlich, das Bild, das später Stillleben mit Brotkrümeln heißen sollte, eine entfernt flämisch anmutende Komposition aus benutzten Weingläsern, gestapelten Tellern, den abgerissenen Resten zweier Baguettestangen und einem Küchentuch, dessen eine Ecke von der Flamme des Gasherds ein wenig angesengt war. 

Unsere heutigen Lebensstrukturen – es passiert immer seltener, dass man jahrelang denselben Beruf ausübt und auch Scheidungen und Trennungen nehmen zu – bedingen es, dass man gezwungen ist, sich immer wieder neu zu erfinden. Auch Rebecca Winter gerät in diese (finanziell bedingte) Zwangslage, aus der heraus sie in ein neues Leben starten muss. Plötzlich ist sie für ihr Leben ganz allein verantwortlich, nichts wird ihr mehr abgenommen und in dem baufälligen Häuschen ist so einiges zu tun. Doch es gelingt ihr, die neuen Umstände nicht nur anzunehmen, sondern in etwas Positives umzuwandeln: sie fängt plötzlich wieder an zu arbeiten, trifft einen Mann, den sie anziehend findet und legt sich einen zotteligen Vierbeiner zu. Stück für Stick richtet sie sich in diesem unbekannten Leben ein und wandelt ein bitteres Ende in einen verheißungsvollen Neuanfang um.

Wie sollte es weitergehen? Wie und wo sollte sie leben? Womit ihr Geld verdienen? Sie wusste, jeder vernünftige Mensch würde ihr raten, sich zu verkleinern, abzuspecken, die Wohnung zu verkaufen, doch so etwas konnte man nur sagen, wenn man die Wohnung als Immobilie betrachtete und nicht als Zuhause. Wie wollte ihr Zuhause nicht verkaufen. Für sie war es die letzte Verbindung zu dem Ich, das sie einmal gewesen war.

Anna Quindlen erzählt in Ein Jahr auf dem Land die Geschichte eines Neuanfangs, sie erzählt von einer Selbstfindungsreise, von einer Befreiungsgeschichte. Und sie erzählt eine Liebesgeschichte, natürlich mit Happy End. Das hört sich möglicherweise alles kitschig an und vielleicht ist es das sogar – ein ganz klein wenig – und dennoch ist dieses Buch mehr als eine leichte und unterhaltsame Lektüre. Es ist ein Buch, das einen nachdenken lässt über die Ausrichtung des eigenen Lebens und es ist ein Buch, das die Angst davor nimmt, dass Dinge manchmal auch zu Ende gehen können. Das, was danach kommt, ist vielleicht sowieso viel besser, viel erfüllter, viel mehr das, was man sich immer gewünscht hat. Anna Quindlen macht Lust auf Neuanfänge und macht Mut, sich zu trauen und auch mal etwas zu wagen. Es mag kitschig klingen, doch eigentlich kann man nur gewinnen, wenn man sich traut, ausgetretene Pfade auch mal zu verlassen.

Ein Jahr auf dem Land ist leicht, unterhaltsam, flott zu lesen und zwischendrin auch noch recht witzig – es ist gleichsam aber auch eine berührende und mutmachende Lektüre, die nie den literarischen Anspruch verliert. Für mich sind das die idealen Bestandteile eines wunderbaren Sommerbuchs.

Anna Quindlen: Ein Jahr auf dem Land. Aus dem Englischen von Tanja Handels. DVA Verlag, München 2015. 320 Seiten, €19,99. Wer mal reinlesen möchte, kann sich hier eine Leseprobe runterladen.

Quindlen Verlosung

Wer jetzt neugierig geworden ist, der hat die Chance, ein Exemplar vom Ein Jahr auf dem Land zu gewinnen. Hinterlasst mir einfach bis zum 3.7. um 24 Uhr einen Kommentar oder schreibt mir eine E-Mail an mara.giese@buzzaldrins.de.

Viel Glück!

24 Comments

  • Reply
    Gaby Klups
    June 26, 2015 at 12:12 pm

    In der Tat, das klingt nach einem richtig netten Sommerbuch…. und vielleicht habe ich ja sogar das Glück, es zu gewinnen! :))

  • Reply
    Gina
    June 26, 2015 at 12:18 pm

    Das Buch steht schon lange auf meiner Wunschliste. Würde es super gerne im August im Urlaub lesen & daher natürlich gerne gewinnen 🙂 wäre toll wenn es klappt 🙂

    • Reply
      Mara
      June 28, 2015 at 9:26 am

      Liebe Gina,

      es ist auf jeden Fall das perfekte Urlaubsbuch und ich drücke dir ganz fest die Daumen, dass du es mit auf deine Reise nehmen kannst. 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Tanja
    June 26, 2015 at 12:54 pm

    Gute Sommerbücher. Bücher für den Urlaub. Nicht zu leichte Kost, aber bitte auch nicht zu schwer. Der Urlaub soll möglichst nicht von schonungslosen Inhalten aus den Angeln gehoben werden . Puh. Welch Anspruch an ein Buch. Liebe Mara. Ich vertraue und teile hiermit meine freudige Teilnahme an deinem Spiel mit. Danke mit Knicks. Tanja.

  • Reply
    macg82
    June 26, 2015 at 3:09 pm

    Hallo Mara,
    wie immer eine Besprechung, die Appetit auf mehr macht. Da klingt ein wenig die Metroploenmüdigkeit bei der Protagonistin durch. Mich interessiert vor allem der Bruch zwischen Großstadt- und landleben und wie New York dargestellt wird (quasi Erfahrungsabgleich mit meinen Urlaubserlebnissen). Springe gerne mit in den Lostopf.
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende.
    P.S. Bei mir gibt es auch etwas zu gewinnen, falls du Interesse hast 😉

    • Reply
      Mara
      June 28, 2015 at 9:25 am

      Lieber Marc,

      eigentlich möchte die Protagonistin gar nicht aus New York weg, doch dann stellt sie fest, wie schön und wie anders es auf dem Land sein kann. Dieser Gegensatz vom Land und der Stadt ist also tatsächlich sehr spannend.

      Danke auch für den Hinweis auf dein Gewinnspiel, das schaue ich mir gleich mal näher an. 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Katharina
    June 26, 2015 at 4:32 pm

    Liebe Mara,
    ich bin schon an verschiedenen Stellen über das Buch gestoßen und war sehr am Zweifeln, ob das nicht ein zu romantischer Selbstfindungsroman ist und habe vorerst mal die Finger davon gelassen. Deine Besprechung macht aber doch sehr neugierig (und das nicht zum ersten Mal, habe hier schon einige Schätze gefunden, die mir sonst vielleicht entgangen wären ☺️) und lässt mich mein Urteil überdenken, sodass ich gerne an der Verlosung teilnehmen würde.
    Liebe Grüße,
    Katharina

    • Reply
      Mara
      June 27, 2015 at 6:41 pm

      Liebe Katharina,

      ich freue mich sehr, dass ich dich doch noch auf das Buch neugierig machen konnte. Ein bisschen kitschig ist das Buch stellenweise schon und eigentlich mag ich Kitsch auch überhaupt nicht, aber die Geschichte kriegt dann doch immer wieder die Kurve, ohne zu kitschig wird.
      Ich freue mich auch sehr darüber, dass du immer mal wieder auf meinem Blog fündig wirst – solche Rückmeldungen sind für mich immer ganz großartig!

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Katharina
        July 3, 2015 at 6:49 pm

        Liebe Mara,
        für mich ist jeder neue post von Dir und auch einigen Deiner Bloggerkollegen eine große Freude. Ich möchte an dieser Stelle ein ganz große Dankeschön aussprechen für die tolle Arbeit, die Du/Ihr leistet. Ich lese auch einiges das Jahr über, aber wenn ich mir vorstelle wieviel Energie/Arbeit/Herzblut in ein so fundiertes Projekt gesteckt wird…. Bleibt mir nicht andres als meinen Hut zu ziehen und ganz lieb “bitte” zu sagen, dass es noch lang lang weitergeht!
        Liebe Grüße,
        Katharina

  • Reply
    irveliest
    June 26, 2015 at 7:41 pm

    Eine schöne ausgewogene Mischung, von der du schreibst….
    Zum Beenden und Neubeginn fällt mir ganz spontan ein: “Nichts ist schlimmer als die Angst davor.”
    Manchmal muss man sich trauen und wird oft doppelt dafür belohnt.

    • Reply
      Mara
      June 27, 2015 at 6:39 pm

      Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die Angst vor dem Unbekannten meistens schlimmer ist, als das, was dann kommt. Das Buch von Anna Quindlen macht wirklich Mut, sich mehr zu trauen und daran zu glauben, dass auch ein Ende manchmal ein Neuanfang sein kann …

  • Reply
    Cindy Piranhapudel
    June 27, 2015 at 2:48 pm

    Hallo Mara, eine schöne Besprechung. Nach Sommerbüchern, die mehr als eine leichte Unterhaltung sind, suche ich immer gern und deshalb würde ich auch gern an der Verlosung teilnehmen! Liebe Grüße, Cindy

    • Reply
      Mara
      June 27, 2015 at 6:34 pm

      Liebe Cindy,

      morgen kommt passend dazu noch ein kleiner Eintrag über Sommerbücher – da findest du vielleicht noch weitere Inspiration. Ich freue mich auf jeden Fall darüber, dass ich dich neugierig machen konnte.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Buchschätzerin
    June 27, 2015 at 4:17 pm

    Hallo Mara,
    Das Buch lacht mich auch schon einige Zeit an und so hüpfe auch ich gerne mit in den Lostopf!
    Herzliche Grüße aus Braunschweig sendet die Buchschätzerin

    • Reply
      Mara
      June 27, 2015 at 6:31 pm

      Liebe Buchschätzerin,

      ich freue mich darüber, dass ich dich neugierig machen konnte und du in den Lostopf gesprungen bist – mir hat das Buch wirklich ausgesprochen gut gefallen. 🙂

      Ganz liebe Grüße aus Göttingen
      Mara

  • Reply
    juneautumn
    June 28, 2015 at 6:16 am

    Liebe Mara,
    das hört sich nach einem “Wanderbuch” an – ein Buch, das ich sehr gerne lesen würde und dann weitergeben an alle, von denen ich glaube, dass sie auch viel Freude damit haben könnten.
    Dementsprechend beteilige ich mich gerne an der Verlosung!
    Viele Grüße und einen schönen Sonntag,
    Miriam

    • Reply
      Mara
      June 28, 2015 at 9:23 am

      Liebe Miriam,

      oh ja! Das Buch wäre wahrscheinlich wirklich perfekt zum Wandern geeignet – ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die daran Freude hätten und denen die Geschichte etwas geben könnte. Schön, dass du in den Lostopf springst!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    subtastisch
    June 28, 2015 at 10:00 am

    Liebe Mara, dann versuche ich mein Glück, und vertraue darauf, dass es die Büchergöttin es so wollte, dass ich meinen Hugendubel-Gutschein für andere Bücher verwendet habe, damit ich dieses Buch bei dir gewinne 😉 *hüpf in den Lostopf* LG Sarah

  • Reply
    Petra Gust-Kazakos
    June 28, 2015 at 11:21 am

    Ein nettes Sommerbuch – das hätte ich auch gern mal wieder, da mache ich mit : ) Liebe Grüße
    Petra

  • Reply
    Klappentexterin
    June 28, 2015 at 6:19 pm

    Liebe Mara,

    nein, überrascht bin ich nicht, dass wir wieder ein Buch haben, das wir gleichermaßen mit großer Freude betrachten. Übrigens gleichen sich unsere Besprechungen so sehr. Na, du wirst es bald lesen, die fertige Rezension hängt noch in der Warteschleife, wird aber bald das Licht der Netzwelt erblicken.

    Ganz herzlich
    Klappentexterin

    • Reply
      Mara
      June 29, 2015 at 5:23 pm

      Liebe Klappentexterin,

      ui, wie toll! Ich war mir erst so unsicher, ob mir das Buch gefallen könnte und dann sind mir Rebecca, der Hund und die anderen Figuren doch so sehr ans Herz gewachsen. Wie schön, dass dir der Roman ebenfalls gefallen hat – ich bin schon jetzt auf deine Besprechung gespannt.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Mara
    July 6, 2015 at 5:44 pm

    Ihr Lieben,

    aufgrund der sommerlichen Hitze, hat die Losfee leicht verspätet ausgelost. Der glückliche Gewinner wurde per Mail benachrichtigt. An all diejenigen, die leer ausgegangen sind: seid nicht traurig, es gibt bestimmt bald mal wieder ein Gewinnspiel!

    Liebe Grüße
    Mara

  • Reply
    Anna Quindlen. Ein Jahr auf dem Land (dt. 2015) | LiteraturLese
    July 25, 2015 at 9:48 am

    […] auf Steffis Bücherkiste (17.5.2015) Jacqueline Masuck auf masuko13 (8.6.2015) Mara Giese auf Buzzaldrins Bücher (26.6.2015) Susanne auf bibliophilin.de […]

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    Noch einmal ganz von vorn. | Klappentexterin
    March 28, 2016 at 6:43 pm

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