Träumen – Karl Ove Knausgård

Kaum ein anderer Schriftsteller polarisiert zurzeit so sehr, wie der Norweger Karl Ove Knausgård. Die einen finden ganz viel in seinen Büchern, den anderen ist das, was er schreibt viel zu wenig – und schon gar nicht handelt es sich dabei um große Literatur. Für mich gleichen die Bücher von Karl Ove Knausgårds einer Lesesucht: ob große Literatur oder auch nicht, sie rühren und berühren mich und lassen mich kaum wieder los. Ist das nicht das Wichtigste?

Träumen

“Ich wusste so wenig, wollte so viel, brachte nichts zustande.” 

Träumen ist der fünfte Band von Karl Ove Knausgårds autobiographischem Projekt Min Kamp – zuvor sind bereits Leben, Spielen, Lieben und Sterben erschienen. In Träumen schreibt Karl Ove Knausgård mit großer Gelassenheit über all die Ängste und Selbstzweifel, die ihn sein ganzes Leben lang verfolgt haben. Auf fast 800 Seiten erzählt er von den vierzehn Jahren, die er in der norwegischen Stadt Bergen verbrachte, bevor er schließlich die Flucht nach Stockholm angetreten ist. Es waren vierzehn Jahre, die geprägt gewesen sind von dem Wunsch Schriftsteller zu werden – ein Jahr hat er dafür sogar an der Schreibakademie studiert. Vierzehn Jahre, die gleichzeitig aber auch von dem andauernden Gefühl bestimmt waren, nicht gut genug dafür zu sein. Nicht gut genug schreiben zu können.

“Die vierzehn Jahre, die ich  in Bergen lebte, von 1988 bis 2002, sind längst vorbei, geblieben sind von ihnen lediglich einige Episoden, an die sich manche Menschen eventuell erinnern, ein Geistesblitz hier, ein Geistesblitz da, und natürlich alles, was mir selbst aus jener Zeit im Gedächtnis geblieben ist.”

In Träumen begleiten wir also einen jungen Karl Ove Knausgård durch sein Leben: Seite an Seite mit ihm erleben wir seine ersten ungelenken Beziehungen, wir erleben den Rausch und die darauf folgenden Abstürze, und wir erleben all die dunklen und düsteren Stunden, in denen Knausgård so verzweifelt versucht Schriftsteller zu werden und dabei immer wieder heimgesucht wird von Selbstzweifeln und der Angst davor, an den eigenen Ansprüchen zu scheitern: “Ich habe das Gefühl, nicht gut genug zu sein, um dazuzugehören. Ich schreibe einfach nicht gut genug.”

“Ich wollte nur eins, weitertrinken, dieses Leben führen, auf alles scheißen, aber wenn ich es tat, stieß ich jedes Mal an eine Grenze, eine Art Mauer aus Kleinbürgerlichkeit und Mittelschicht, die sich nicht ohne gewaltige Qualen und Ängste überwinden ließ. Ich wollte, konnte aber nicht. Im tiefsten Inneren war ich bieder und anständig, ein Streber, und vielleicht, so überlegte ich, war das ja auch der Grund dafür, dass es mir nicht gelingen wollte zu schreiben.”

Was mich dabei am meisten beeindruckt, ist die Schonungslosigkeit des Autors: Knausgård scheut nicht davor zurück, sich auch mit unangenehmen Gefühlen und Erinnerungen auseinanderzusetzen. Immer wieder seziert er sein eigenes Verhalten, das zwischen Selbstüberschätzung und Selbstzweifeln schwankt, zwischen unbändiger Wut und tiefer Traurigkeit, zwischen dem Wunsch danach zu gefallen und dem Bedürfnis sich abzugrenzen. Er erzählt davon, wie er im Schreibseminar die Geschichte einer Mitstudentin abgeschrieben und als seine eigene ausgegeben hat. Er erzählt von dem Neid auf seine Kollegen, von denen viele schon ihren Buchvertrag in der Tasche haben. Und er erzählt von seinem Alkoholkonsum: bereits früh im Buch wird deutlich, dass Knausgård zu viel trinkt. Jeder Versuch von ihm ein gutes Leben zu führen, scheitert dann, wenn er sich wieder einmal bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt: er betrügt seine Freundin, verletzt im Streit seinen Bruder und bringt auch sich selbst immer wieder in Gefahr.

Knausgard-Autogramm

“[…] dass ich ein Wannabe war, der in Wahrheit überhaupt nicht schreiben konnte, dass ich nichts zu sagen hatte, mir selbst gegenüber aber nicht ehrlich genug war, um daraus die Konsequenz zu ziehen, weshalb ich versuchte, um jeden Preis in der literarischen Welt Fuß zu fassen. Allerdings nicht als jemand, der selbst etwas erschuf, als jemand, der schrieb und veröffentlicht wurde, sondern als ein Schmarotzer, als jemand, der schrieb, wie die anderen schrieben, ein Sekundärmensch.

Für mich ist die Frage danach, ob die Bücher von Karl Ove Knausgård große Literatur sein mögen gar nicht so wichtig: seine Bücher rühren mich, seine intensive Selbstreflexion regt mich dazu an, über meine eigene Vergangenheit nachdenken. Knausgård hat keine Scheu davor, sich auch mit Dingen auseinanderzusetzen, die man eigentlich lieber vergessen möchte und er scheut sich auch nicht davor, Gefühl zu zeigen: in Träumen wird immer wieder ganz viel geweint. Mich machen die Bücher von Karl Ove Knausgård nachdenklicher, weicher, offener, durchlässiger. Es gibt wohl keine anderen Bücher, aus denen ich so viel gelernt und so viel für mich mitgenommen habe. Auch Träumen macht da keine Ausnahme.

Ich glaube, dass das für viele einen großen Reiz bei der Lektüre ausmacht: wer Lust darauf hat, über sich selbst und sein eigenes Leben nachzudenken, wer Seite an Seite mit einem Autor nachforschen möchte, warum er so geworden ist, wie er ist, der sollte die Bücher von Karl Ove Knausgård lesen. Am besten alle. Am besten von vorne. Anfangen kann man aber natürlich auch direkt mit Träumen oder mit einem der anderen Bände. Hauptsache Knausgård lesen.

 

15 Comments

  • Reply
    wildgans
    January 25, 2016 at 7:54 am

    Seine Bücher werde ich nicht lesen. Gern würde ich sie lesen wollen, wenn eine Frau sie geschrieben hätte. Da kannst du sagen, was du willst.
    Danke trotzdem für deine ansprechende Rezension- und wie gerne wüsste ich all die Stellen, die du angestrichen hast…
    Gruß von Sonja

    • Reply
      Mara
      February 4, 2016 at 10:10 pm

      Liebe Sonja,

      ich kann mal irgendwann einen Beitrag mit all meinen Anstreichungen aus Knausgards Büchern machen – vielleicht zum Abschluss der Reihe, dann erfährst du alle Stellen, die ich angestrichen habe. 🙂
      Schade, dass Knausgard nichts für dich ist, vielleicht ändert sich das irgendwann noch mal!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    marinabuettner
    January 25, 2016 at 9:01 am

    Eine sehr schöne stimmige Besprechung, Mara!

    • Reply
      Mara
      February 4, 2016 at 10:08 pm

      Liebe Marina,

      hab ganz vielen Dank! 🙂

  • Reply
    Ulli
    January 25, 2016 at 12:48 pm

    Liebe Mara,

    Ja, Karl Ove Knausgard polarisiert. Ich mag seine Bücher, ich mag sie nicht … so geht es mir mittlerweile mit seinem Werk. Ich habe alle 5 Bücher gelesen, anfangs war ich nur begeistert und dann kam die grosse Langeweile. Zu viele Wiederholungen sind eins und dann dieses Gewese um seine Alkoholexzesse und seine verklemmte Sexualität, da hätten mir persönlich 100 Seiten darüber gereicht. Mich nervte das in seinem vierten Buch “Leben” gen Ende und dann ging es in “Träumen” gerade so weiter … Aaaaber dann hat er es doch wieder geschafft mich zu fesseln. Wegen Letzterem werde ich auch den 6. Band lesen … aber der Zwiespalt bleibt!
    herzliche Grüsse und danke für deine gute Besprechung
    Ulli

    • Reply
      Mara
      February 4, 2016 at 10:08 pm

      Liebe Ulli,

      das zwiespältige Gefühl kann ich auch total nachvollziehen – ich finde auch nicht alles großartig in den ersten fünf Bänden. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass in dem vergangenen Herbst die Kritik doch sehr vehement geworden ist, was ich erstaunlich fand.
      Ich freue mich übrigens auch schon sehr auf den sechsten Band.

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Ulli
        February 5, 2016 at 9:04 am

        Liebe Mara,
        meinst du Negativkritik? Ich habe das nicht so verfolgt … ich will sein Werk auf keinen Fall schmälern, da er doch für viele zeigt, dass man andere Seelen erreicht, wenn man ehrlich (soweit das geht) von sich schreibt, aber für mich braucht es dafür eben nicht 6 dicke Bände, in denen sich dann doch vieles wiederholt. Wären da nicht immer wieder sehr geniale Abschnitte, würde ich mich wohl nicht mir dir auf den sechsten Band freuen.
        herzliche Grüsse
        Ulli

  • Reply
    Constanze Matthes
    January 25, 2016 at 3:52 pm

    Was mir in dieser ganzen Diskussion aufgefallen ist, dass die kritischen Stimmen erst jetzt unüberhörbar geworden sind. Wo waren sie, als die ersten Bände erschienen sind? Irgendwie gewinne ich den Eindruck, dass sobald ein Autor für sehr viele Schlagzeilen sorgt, es Kritiker gibt, die “daraufhauen” müssen, weil es gerade trendy ist. Ich möchte damit nicht den Autor, den ich zugegeben sehr gern lese, verteidigen, ich möchte einfach um ein gerechtes, mit Argumenten unterlegtes Urteil bitten. Wenn ein Leser meint, das Buch gefalle ihm nicht, habe ich damit überhaupt kein Problem. Weil Literatur ja immer auch Geschmackssache ist und jeder Leser seine Favoriten und Lieblingsstile hat. Viele Grüße

    • Reply
      Mara
      February 4, 2016 at 10:07 pm

      Mir ist das ebenfalls aufgefallen, dass die Kritik aus irgendeinem Grund in diesem Herbst besonders groß geworden ist – es ist ja schon die sechste Veröffentlichung von Knausgard auf Deutsch gewesen und die ganzen Kritiker hatten sich in den Jahren zuvor ja nicht so vehement zu Wort gemeldet. Ich beobachte diese Entwicklung, dass man sich etwas sucht, das einen stört und auf das man “draufhauen” kann schon länger und mit Unbehagen.
      Ich lasse mir zumindest nicht die Freude an den Büchern nehmen und freue mich schon sehr auf den nächsten und leider letzten Teil.

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Constanze Matthes
        February 5, 2016 at 8:22 am

        Genau, du sagst es: Man sollte sich die Freude nicht nehmen lassen und seine Meinung auch vertreten. Denn auch viele Kritiker und Autoren zollen Knausgard ihren Respekt. Und ich gehe davon aus, dass sie “literarisch bewandert” sind. Viele Grüße

  • Reply
    buchpost
    January 25, 2016 at 7:25 pm

    Sehr schöne Besprechung, ich konnte auf einmal verstehen und nachvollziehen, weshalb du ihn so gern liest. LG, Anna

    • Reply
      Mara
      February 4, 2016 at 10:04 pm

      Liebe Anna,

      oh, wie schön! Darüber freue ich mich sehr. Selbst, wenn du die Begeisterung nicht teilst, freut es mich, dass du sie nachvollziehen kannst.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    jancak
    January 26, 2016 at 10:35 am

    Ich gehöre wie schon geschrieben, zu denen, die mit dem Autor und dem Hype um ihn nicht so viel anfangen können. Gelesen habe ich noch nichts und muß noch auf den Tag warten, wo ich eines der Bücher in den Schränken finde, da der Hype ja groß ist, wie wahrscheinlich die Auflage, wird das vermutlich mal passieren und ich habe oder hätte, weil ich das Buch schon habe, den letzten Jonathan Franzen vorige Woche im Schrank gefunden. Als ich das erste Mal den Namen Knausgard hörte, habe ich mich gewundert, als ich die Begeisterung der Blogger las und habe mir gedacht, das ist so ein Hype, wie “Shades of Grey” oder Stephenie Meyer, aber es haben auch Literaturkritiker darüber gesprochen und ich habe die Diskussion im Schweizer Buchclub gehört, die ich sehr spannend fand, auch weil die meinten, daß der Mann nichts anderes kann, als über sein Leben zu schreiben und das tut er offenbar mit Begeisterung, warum er dann trotzdem so ein Hype wurde, ist mir nicht ganz klar, aber spannend, spannend, ob ich mal was finden werde und was als nächstes kommt, liebe Grüße!

    • Reply
      Mara
      February 4, 2016 at 10:03 pm

      Liebe Eva,

      hab vielen Dank für deine Wortmeldung – ich bin ja ein wenig über den Vergleich von Knausgard und Shades of Grey gestolpert. Als wären Blogger besonders bekannt dafür, erotische Roman zu hypen. 😉

      Ich hoffe auf jeden Fall, dass du mal über ein Exemplar stolperst und dir dann deinen eigenen Eindruck machen kannst.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    [Sonntagsleserei]: Januar 2016 – Lesen macht glücklich
    February 1, 2016 at 5:03 am

    […] habe bisher den ersten Teil von Karl-Ove Knausgard als Taschenbuch im Schrank stehen. Mara von buzzaldrins ist da schon weiter und stellt den aktuellsten Teil seiner “Autobiographi…. Ihre Begeisterung für diese Bücher ist echt ansteckend und man würde am liebsten sofort in die […]

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