The Art of Asking – Amanda Palmer

Amanda Palmer legt mit The Art of Asking ein wunderschönes und so wichtiges Buch vor: es geht um Menschlichkeit, um Angst, Scham und Vertrauen. Vor allen Dingen geht es aber auch darum, wie wichtig es ist, um Hilfe bitten zu können.

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Ich habe kein Problem mit dem Bitten. Egal, um was. Ich habe KEINE SCHAM. Glaube ich.

Der Untertitel des Buches ist gleichzeitig auch schon die treffendste Zusammenfassung: Wie ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und lernte, mir helfen zu lassen. Fragen sind eigentlich etwas ganz Alltägliches – fast jeder von uns stellt wahrscheinlich mehrmals am Tag Fragen, ohne viel darüber nachzudenken. Schwierig wird es für viele erst, wenn sie nach Hilfe fragen müssen: Kannst du mir Geld leihen?, Hast du einen Schlafplatz für mich?, Magst du ein wenig Geld für meinen Blog spenden? Viele Menschen haben nie gelernt, dass es nicht nur völlig in Ordnung ist, um Hilfe zu bitten, sondern dass es auch häufig notwendig sein kann, sich Unterstützung zu holen. Niemand ist wirklich alleine – wenn er sich denn traut, um Hilfe zu bitten.

Beinahe jeder menschliche Kontakt läuft am Ende auf den Akt und die Kunst des Bittens hinaus. Das Bitten an sich IST der fundamentale Baustein jeder Beziehung. Fortwährend und meist indirekt, oftmals ohne Worte, BITTEN wir uns gegenseitig um etwas – unsere Chefs, unsere Partner, unsere Freunde -, damit wir die jeweilige Beziehung aufbauen und aufrechterhalten können.

The Art of Asking erzählt Amanda Palmers Lebensgeschichte – es ist eine Geschichte des Bittens und des Helfens. Heutzutage ist sie vielen als Musikerin bekannt, doch am Anfang ihrer Karriere versuchte sie sich zunächst als Straßenkünstlerin durchzuschlagen. Erst mit der Zeit lernt sie, wie wichtig es ist, andere um Hilfe zu bitten. Heutzutage gilt sie als Pionierin des Crowdfunding: für ihr Album Theatre is evil hat sie finanzielle Unterstützung in der Höhe von 1,2 Millionen Euro eingesammelt – von Fans, die sie für ihre Musik schätzen und die bereit dazu sind, Geld zu dafür zu zahlen, um ein neues Album in den Händen halten zu können. Amanda Palmer gilt auch als Pionierin des Couchsourfings – statt in Hotels einzuchecken, die sie sich nicht leisten könnte, übernachtet sie während ihren Tourneen bei ihren Fans auf dem Sofa.

Doch die Überwindung, ihre Fans um Hilfe zu bitten, war zunächst riesengroß. Genauso groß, wie die Überwindung, ihren Ehemann um Hilfe zu bitten. Habe ich versagt, wenn ich um Hilfe bitte? Bin ich zu schwach, wenn ich Unterstützung brauche? Verdiene ich die Hilfe von anderen überhaupt?

Ich hoffte, ich könnte ihnen eine Art kosmische, allumfassende Erlaubnis geben, sich nie wieder übertrieben zu entschuldigen, zu quälen, zu rechtfertigen und verdammt noch mal einfach zu …. BITTEN. 

Amanda Palmer hat ihre Lebensphilosophie in The Art of Asking gegossen. Sie zeichnet ihren eigenen Weg nach und erzählt davon, wie sie gelernt hat, zu bitten. Sie erzählt davon, wie sie es aushält sich verletz- und angreifbar zu machen. Sie erzählt davon, wie sie es zu ertragen gelernt hat, auch mal die Kontrolle abzugeben. Sie erzählt vor allen Dingen aber auch von ihrer wichtigsten Erkenntnis: Bitten und Helfen sind zentrale Bestandteile jeder Beziehung. In den allermeisten Fällen freuen sich Menschen darüber gebeten zu werden und im Rahmen ihrer Möglichkeit helfen zu können. Wer nicht fragt, wird nie erfahren, von wie viel Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit er umgeben ist. Gerade auch im sozialen Netz gibt es ganz viele tolle Beispiele für diese Art der Unterstützung: von #hollerkaputt bis zu Willkommen im Meer

Wie können wir eine Welt erschaffen, in der Kunst nicht einfach eine Ware, sondern eine Beziehung ist? Während Kunst wieder zum Gemeingut und mehr und mehr digital, befreit und frei teilbar wird, müssen wir uns überlegen, wie wir eine neue Ökonomie des schöpferischen Geistes unterstützen können.

The Art of Asking ist ganz sicherlich kein literarisches Meisterwerk auch sprachlich habe ich schon bessere Bücher gelesen – dafür ist es aber eine berührende Lektüre, es ist ein menschliches und so wichtiges Buch. Amanda Palmer erzählt von ihren Ängsten, von ihrer Unsicherheit und von ihrer Verletzbarkeit. Mich hat ihre Geschichte dazu gebracht, innezuhalten und nachzudenken. Zugeklappt habe ich The Art of Asking mit der Hoffnung, in Zukunft häufiger um Hilfe bitten zu können. Bitten ist nämlich keine Schwäche, sondern eine große Stärke. Deshalb bitte ich euch alle nun auch darum, dieses Buch zu lesen – ich wünsche The Art of Asking ganz viele Leser und Leserinnen, die sich ebenso berühren lassen wie ich!

Amanda Plamer: The Art of Asking. Eichborn Verlag, Köln 2015. 445 Seiten, 16,99€. Auf der Homepage der Autorin gibt es eine Playlist zum Buch.

2 Comments

  • Reply
    Bri
    April 22, 2016 at 7:33 am

    Auch wenn die Liste immer länger wird, liebe Mara, aber solch eine Bitte kann ich nicht abschlagen, zumal ich tatsächlich auch das Gefühl habe, dass es den Menschen immer schwerer fällt, um Hilfe zu bitten, jemanden um etwas zu fragen. Danke für den Tipp!

  • Reply
    dj7o9
    April 22, 2016 at 9:04 am

    Ein Befehl dem ich (ausnahmsweise) gerne folge, Captain Buzzaldrins 😉

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