Panikherz – Benjamin von Stuckrad-Barre

Ich muss vorab gestehen, dass ich zuvor noch nie etwas von Benjamin von Stuckrad-Barre gelesen habe. Als ich jedoch erfuhr, dass mit Panikherz eine Autobiographie von ihm erschienen ist, wusste ich sofort, dass ich das Buch lesen muss. Ich habe es nicht bereut!

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Die Erinnerung ist die einzige Hölle, aus der es kein Entrinnen gibt.

Mir ist schon lange keine Rezension so schwer gefallen, wie die zu Panikherz. Benjamin von Stuckrad-Barre hat keinen Roman geschrieben, sondern eine Autobiographie. Seine Lebensgeschichte. So authentisch und schonungslos, dass das Lesen manchmal nur schwer zu ertragen ist.

Benjamin von Stuckrad-Barre wächst zu einem Zeitpunkt in einer Öko-Familie auf, zu dem öko noch nicht cool ist. Er ist das jüngste von vier Kindern einer Pastorenfamilie. Seine Kindheit und Jugend verbringt er in Rotenburg-Wümme und Göttingen – immer mit dem Wunsch, da so schnell wie möglich rauszukommen und reich und berühmt zu werden. Bereits in jungen Jahren legt er eine erstaunliche Karriere hin: er arbeitet beim NDR und bei der taz, schreibt für den Rolling Stone und wird Produktmanager beim Plattenlabel Motor Music. Später arbeitet er dann als Autor für Harald Schmidt und debütiert mit gerade einmal dreiundzwanzig Jahren mit seinem Buch Soloalbum als Schriftsteller. Ein Leben im Schnelldurchlauf und auf der Überholspur.

Ich war ready. Das war mein Dampfer, mein Raumschiff, was auch immer, jedenfalls war ich an Bord, Udo war der Kapitän. Und dann hoben wir ab.

In Panikherz geht es jedoch weniger um die Erfolge dieser rasanten Karriere, als um die Schattenseiten. Die Erwartungen von außen und die Erwartungen an sich selbst, beginnen Benjamin von Stuckrad-Barre schnell zu erdrücken. Er hat das Gefühl, schlank sein zu müssen, um sich selbst ertragen zu können. Ebenso rasant wie seine Karriere, entwickelt sich bei ihm eine Essstörung: er schwankt zwischen Fastenkuren und Hungeranfällen. Irgendwann findet er heraus, dass er diesen Hunger bekämpfen kann, wenn er Kokain nimmt. Später kommt der Alkohol hinzu. Er lebt ein Leben im Rausch, ein Leben, das er irgendwann ohne Rausch nicht mehr ertragen kann.

Benjamin von Stuckrad-Barre schreibt schonungslos und erschreckend offen über seine Ess- und Drogensucht. Er erzählt von den dunklen Momenten, von Abstürzen und tiefer Verzweiflung. Er erzählt von abgebrochenen Klinikaufenthalten, von Versprechen, an die er sich nicht hält, und davon, wie er fast alles verliert: seine Freunde, seine Arbeit und sein Leben.

Mittags schlich ich mich vom Klinikgelände, kaufte in einem Supermarkt tütenweise Eis und Schokolade, und dann setzte ich mich in den Wald, fraß die Tüten leer, steckte mir den Finger in den Hals, kotzte ins Laub und ging zurück in die Klinik. Dort musste ich dauernd meine Kindheit töpfern und im Stuhlkreis mit den anderen darauf warten, dass wenigstens einer von uns anfing zu weinen, damit der Therapeut zufrieden war. Die Therapie lief super.

Es ist Udo Lindenberg, der Benjamin von Stuckrad-Barre aus dieser schweren Zeit hinaus hilft. Das ist etwas, das man wissen muss, bevor man anfängt, Panikherz zu lesen: Udo Lindenberg spielt eine zentrale Rolle in dieser Lebensgeschichte. Benjamin von Stuckrad-Barre wächst mit Udo Lindenbergs Musik auf und auch später helfen ihm seine Lieder durch dunkle Stunden. Als er am Boden ist, ist es Udo Lindenberg, der seinen Stuckimann vor dem totalen Absturz bewahren möchte, der ihn in seiner Panikfamilie aufnimmt, ihn an die Hand nimmt und versucht ihn zurück in ein normales Leben zu führen. Udo Lindenberg ist ominpräsent im Roman und fast zu jeder Situation gibt es das passende Udo-Zitat. So ist Panikherz auch eine Liebeserklärung an Udo Lindenberg und dessen Musik.

In Panikherz wird jedoch nicht nur von der Vergangenheit erzählt, sondern auch von der Gegenwart: Benjamin von Stuckrad-Barre hat sich nach Los Angeles zurückgezogen, in das berühmt berüchtigte Hotel Chateau Marmont. Dort führt er ein nüchternes aber nicht unbedingt langweiliges Leben. Er erzählt von Begegnungen mit Bret Easton Ellis und Thomas Gottschalk und von seinem neuen Leben.

Nein, wir werden nirgends rausgeschmissen, wir gehen ja gar nicht erst rein, für uns kein Schnaps, kein Schnupf, kein Garnichts, wie biegen vorher rechts ab, bergauf, zum Chateau Marmont. Der Schlaf vor Mitternacht ist ja auch sehr wichtig, gesundheitlich.

Panikherz hat mich tief berührt, denn ich habe selten zuvor so lebensecht und bewegend über die Mächte und Mechanismen einer Suchterkrankung gelesen. Das ist erschreckend und manchmal nur schwer auszuhalten. Es gab Momente, in denen ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte und Raum und Zeit um mich vergaß. Der Erzählton ist atemlos und rasant, und trotz der vielen dunklen Momente erzählt Benjamin von Stuckrad-Barre seine Lebensgeschichte auch mit ziemlich viel Humor und einer gewissen Ironie. Für mich ist Panikherz eine große literarische Entdeckung und ein Buch, dem ich möglichst viele Leser wünsche.

Also: Lest Panikherz – und lasst euch von diesem Buch schockieren und berühren. Ich verspreche euch, dass ihr euch dabei auch ein wenig amüsieren werdet. Und wer weiß: vielleicht könnt ihr beim Lesen sogar noch einen Song von Udo Lindenberg hören. Dann ist das Leseerlebnis perfekt!

Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz. Kiepenheuer & Witsch Verlag, März 2016. 576 Seiten, 22,99€. Weitere Besprechungen: Leselupe, Zeilensprünge.

19 Comments

  • Reply
    Bri
    September 16, 2016 at 11:53 am

    Hmm, ich habe versucht, das Buch zu lesen – und muss zugeben, ich bin kein Stuckrad-Barré Fan und werde es wohl auch nicht mehr – aber mir war das ein wenig zu viel Nabelschau. Sicher, er hat sich wieder aus diesem Suchtleben herausgehievt und das ist großartig und davor muss man den Hut ziehen, keine Frage. Aber wenn er davon schreibt, dass er als Kind nie Nutella bekam, sondern immer nur den Bio-Aufstrich … puuh, da kann ich nur sagen, ich bin auch ohne Nutella etc. aufgewachsen und es hat mir weder gefehlt, noch geschadet. Es mag Gründe geben, die ihn in die Suchthölle getrieben haben … und wahrscheinlich muss ich das Buch auch noch fertig lesen, um das zu erfahren … doch im Moment reizt es mich nicht wirklich. Wäre da nicht die Verbindung zu Udo Lindenberg gewesen, hätte ich das Buch wohl noch früher zugeklappt – doch Udo ist einer meiner Helden, nach wie vor. Weil für ihn einfach alle Menschen gleich sind und das im positivsten Sinne. Was die Beschreibungen eines Lebens auf Droge angeht, da fand ich persönlich Jörg Fausers Rohstoff um Längen besser. Aber das ist mal wieder reine Geschmackssache.
    Deine Rezension ist wie immer – trotz meiner Kritik – fundiert und nah dran!
    LG, Bri

    • Reply
      Mara
      September 19, 2016 at 11:40 am

      Liebe Bri,

      auch ich bin kein Fan und hatte zuvor noch nichts gelesen von Stuckrad-Barre – die Lektüre habe ich dennoch als beeindruckend empfunden. Eine Autoobiographie betreibt natürlich immer ein klein wenig “Nabelschau”, in diesem Fall habe ich das aber tatsächlich nicht als negativ empfunden. Ich glaube übrigens nicht, dass Stuckrad-Barre seine Suchterkrankung auf das Fehlen von Nutella (die es in meiner Kindheit auch nicht gab) zurückführt, so habe ich das Buch auch nicht gelesen – die Tatsache, dass seine Eltern öko waren, bevor öko cool war, erwähnt er doch einfach als Teil seiner Kindheit.

      Spannend, wie unterschiedlich Geschmäcker sein können!

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Bri
        September 20, 2016 at 8:16 am

        Liebe Mara, bei mir kam es so an, als wolle er die Öko-Diktatur 😉 seiner Eltern ein wenig dafür verantwortlich machen, dass er sich so krass abgrenzen wollte. Ich habe ja auch erwähnt, dass ich es tatsächlich bisher noch nicht ganz gelesen habe … und zu Anfang war ich begeistert, dachte, Mann der kann schon schreiben, was er ja auch kann, aber nach ca. 50-60 Seiten hatte mich das irgendwie ermüdet. Mich hat der Sog einfach nicht gepackt, ich gebe nicht auf … lasse liegen und sacken und versuche es sicher noch mal. Aber ja, Vielfalt ist ja auch schön – auch in den Leseinteressen! LG, Bri

        • Reply
          Mara
          September 25, 2016 at 11:26 am

          Liebe Bri,

          ach, ich weiß nicht – vielleicht tut er das sogar ein wenig. Ich muss einschränkend erwähnen, dass ich ein Faible für Männerbücher habe: Stuckrad-Barre, Knausgard (wird im Buch ja sogar erwähnt) oder kürzlich John Burnside. So ganz objektiv kann ich das also wahrscheinlich auch nicht betrachten!

          Liebe Grüße
          Mara

  • Reply
    simonsegur
    September 16, 2016 at 12:18 pm

    Klingt sehr interessant – meinen Dank. Bin zwar – wie Bri – nicht unbedingt der Stuckrad-Barré-Fan, aber Deine Rezi spricht doch sehr stark an. Merci!

    • Reply
      Mara
      September 19, 2016 at 11:37 am

      Ich bin – wie erwähnt – auch kein Fan, aber losgelöst von der Person des Autors ist das hier einfach eine rasante und ziemlich beeindruckende Lektüre! Ich wäre gespannt, wie es dir gefällt, falls du es lesen solltest.

  • Reply
    Juliane
    September 16, 2016 at 12:49 pm

    Liebe Mara,

    das ist eine schöne Besprechung zu Stuckrad-Barres Autobiografie. Witzigerweise habe ich auch gerade eben meine Besprechung zu dem Buch online gestellt. Von den schonungslosen Beschreibungen seiner Suchterkrankungen, die meiner Meinung nach vollkommen ohne Pathos daherkommen, war ich auch sehr begeistert. Allerdings muss ich sagen, dass das Buch für mich auch einige, vor allem stilistische Schwächen hatte. Deshalb fiel mein Urteil zweigeteilt aus. Wenn du magst, kannst du dir meine Besprechung ja mal durchlesen. Würde mich freuen.

    http://poesierausch.com/2016/09/16/benjamin-von-stuckrad-barre-panikherz/

    • Reply
      Mara
      September 19, 2016 at 11:35 am

      Liebe Juliana,

      oh, was für ein schöner Zufall – bei deiner Besprechung schaue ich sehr gerne gleich mal vorbei, vielen Dank für den Link! Dadurch, dass ich zuvor noch nichts gelesen hatte von Stuckrad-Barre bin ich möglicherweise mit anderen Erwartungen an die Lektüre herangegangen, ich habe den Text zumindest nicht ganz so kritisch gelesen, wie du.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    letteratura
    September 16, 2016 at 4:00 pm

    Mir hat das Buch auch sehr gefallen, meine Rezension gibt es auf meinem Blog. Ich habe damals aber auch schon Soloalbum und ein oder zwei andere Romane gelesen. Ich finde ihn auch nicht selbstmitleidig oder nabelschauig ;), andere lesen das Buch offenbar ganz anders.

    • Reply
      Mara
      September 19, 2016 at 11:33 am

      Liebe Ines,

      ich habe die Lektüre auch nicht als nabelschauig empfunden – wenn man eine Autobiographie schreibt, dürfte es klar sein, dass man über sich selbst schreibst. Ich werde auf jeden Fall gleich mal bei dir vorbei schauen und deine Rezension lesen – auf weitere Werke von Stuckrad-Barre bin ich nun übrigens auch neugierig geworden.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Katie Bücherwelt
    September 17, 2016 at 10:57 am

    Hey =)

    Zum Glück bin ich nicht die Einzige, die ein Faible für längere Buchrezensionen hat. Das hast du echt wunderbar beschrieben. Ein großes Lob. Jetzt stöbere ich noch ein bisschen weiter hier rum und wünsche dir ein schönes Wochenende.

    Ganz liebe Grüße
    Katie

    • Reply
      Mara
      September 19, 2016 at 11:15 am

      Liebe Katie,

      vielen Dank für deinen Besuch, ich freue mich, dass du meine Rezension gerne gelesen hast und hoffe, dass du beim Stöbern noch auf das eine oder andere interessante weitere Buch stoßen wirst.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    franzischoenbach
    September 17, 2016 at 7:33 pm

    Huhu liebe Mara. Wow, das Buch klingt wirklich wie eins Must-Read! Mich hast du als Leserin für das Buch auf jeden Fall dazugewonnen. Ich finde Autobiografien an sich ja immer sehr spannend und mit dem Thema Sucht dazu – ich bin sehr gespannt darauf. Eine wundervolle Rezension, vielen Dank dafür!

    glg Franzi

    • Reply
      Mara
      September 19, 2016 at 11:09 am

      Liebe Franzi,

      ich freue mich sehr, dass ich dich neugierig machen konnte! Passend zu Stuckrad-Barre habe ich übrigens auch “Die Welt im Rücken” von Thomas Melle und “Wie alle anderen” vonn John Burnside gelesen – beide Bücher beschäftigen sich ebenfalls mit Sucht und psychischen Erkrankungen.

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        franzischoenbach
        September 19, 2016 at 1:39 pm

        Hi Mara,

        ach perfekt, danke dir! Die schaue ich mir auch direkt näher an 🙂

        glg Franzi

  • Reply
    AnnaTeresa
    September 18, 2016 at 9:49 am

    Wow, das klingt echt “spannend”. Wobei spannend das falsche Wort ist. Eher interessant. Ich glaube ich muss Panikherz wirklich auf meine Wunschliste schreiben.

    Liebe Grüße
    AnnaTeresa

    • Reply
      Mara
      September 19, 2016 at 11:03 am

      Liebe AnnaTeresa,

      vielen lieben Dank für deinen Kommentar, ich freue mich sehr, dass das Buch auf deine Wunschliste wandert. “Panikherz” ist tasächlich spannend und interessant und sehr lesenswert – ich wäre gespannt darauf zu erfahren, wie es dir gefällt!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    nettebuecherkiste
    September 18, 2016 at 12:16 pm

    Hallo Mara, ich war auch begeistert von dem Buch und kannte den Stucki vorher gar nicht. Das Hörbuch ist auch sehr zu empfehlen, er liest es selbst. Schönen Sonntag! Anette

    • Reply
      Mara
      September 19, 2016 at 11:01 am

      Liebe Anette,

      wenn das Hörbuch von Stuckrad-Barre selbst gelesen wird, stelle ich mir das als sehr besonderes Erlebnis vor – der Sound des Buches kommt dabei wahrscheinlich besonders gut rüber.

      Liebe Grüße
      Mara

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