Von Beruf Schriftsteller – Haruki Murakami

Zu Beginn muss ich wahrscheinlich zugeben, dass ich ein gespaltenes Verhältnis zu den Büchern von Haruki Murakami habe. Viele seiner Geschichten sind mir zu magisch, nur wenig habe ich bisher von ihm gerne gelesen. Als ich jedoch erfuhr, dass von ihm mit Von Beruf Schriftsteller eine Art Biographie erscheint, wusste ich, dass ich das Buch sofort lesen möchte. Ich habe einfach eine große Leidenschaft für Bücher, die sich mit dem Schreiben und dem Lesen beschäftigen.

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„Und ich wünsche mir, dass auch die Leser meiner Bücher dieses Gefühl von Neuanfang genießen können. Als würden sich in ihren Herzen Fenster öffnen, durch die frische Luft hereinweht. Das ist es, was ich mir beim Schreiben inständig erhoffe. Jenseits aller Theorie, einfach nur das.“

Da ich im Vorfeld kaum etwas über den Menschen Haruki Murakami wusste, hat mich doch vieles bei der Lektüre dieser äußert lesenswerten Essays überrascht: ich habe nicht gewusst, dass Murakami nicht nur schreibt, sondern daneben auch übersetzt. Ebenso habe ich nichts über sein Vorleben gewusst: als junger Mann hat er gemeinsam mit seiner Frau eine kleine Jazzkneipe betrieben, für die er sich hoch verschulden musste.

„Wir hatten keinen Fernseher, kein Radio und keinen Wecker. Unsere Wohnung hatte keine Heizung, und in kalten Wintern konnten wir nur schlafen, wenn wir unsere vier Katzen fest im Arm hielten.“

In insgesamt elf Essays, die allesamt von Ursula Gräfe aus dem Japanischen übertragen wurden, spürt Haruki Murakami der Frage nach, was ihn zum Schriftsteller gemacht hat und was ihn Schriftsteller bleiben ließ. Gleichzeitig lotet er sein schwieriges Verhältnis zu Literaturpreisen und Auftritten in der Öffentlichkeit aus. Er übt auch leise Kritik an der japanischen Gesellschaft, stellt das dortige Schulsystem infrage und den Umgang mit einer Katastrophe wie Fukushima. Obwohl Haruki Murkami mittlerweile ein weltweit erfolgreicher Autor ist, spürt man doch in all seinen Texten eine große Bescheiden- und Zurückgenommenheit. Er profiliert sich nicht und er klopft sich auch nicht selbst auf die Schulter. Ganz im Gegenteil: da, laut seiner Einschätzung, nur fünf Prozent der Weltbevölkerung regelmäßig Bücher konsumieren, betreibt er mit seinem Schreiben lediglich eine Tätigkeit für eine Minderheit. Überhaupt: Schreiben könnte nach seiner Meinung eigentlich jeder, es bedarf keiner Ausbildung, um ein Buch schreiben und veröffentlichen zu können. Haruki Murakami schränkt jedoch ein, dass die wahre Kunst sei, nicht nur ein Buch zu schreiben, sondern über viele Jahre Texte zu veröffentlichen und tatsächlich vom Schreiben leben zu können. Den Durchhaltewillen, der dafür erforderlich ist, über den verfügt nicht jeder.

„Ich habe mir die Regel gesetzt, während der Arbeit an einem Roman täglich zehn Blätter japanischen Manuskriptpapiers zu füllen. Auf einem Blatt ist Platz für 400 Zeichen. Das entspricht ungefähr zweieinhalb Bildschirmseiten auf meinem Computer, aber es ist eine alte Gewohnheit von mir, in Blättern à 400 Zeichen zu rechnen. Auch wenn ich gern noch mehr schreiben würde, höre ich nach zehn Seiten auf. Aber auch wenn mir an einem Tag noch eine fehlt, zwinge ich mich dazu, die zehn Seiten vollzuschreiben. Bei sehr langfristigen Projekten spielt Regelmäßigkeit eine große Rolle. Schreibt man jedoch nur, wenn es fließt, und macht Pause, wenn nicht, dann entsteht keine Regelmäßigkeit. Deshalb schreibe ich jeden Tag zehn Seiten. Wie nach Stechuhr.“

Ich habe mit großem Interesse über den Arbeitsprozess von Haruki Murakami gelesen, der auch davon erzählt, dass ein Manuskript bei ihm immer wieder ruht, um sich dann mit einem neuen Blick auf den Text zu stürzen und von seiner Frau berichtet, die die erste Leserin und Kritikerin all seiner Texte ist. Beim Lesen seiner Essays, die allesamt sehr nüchtern und klar geschrieben sind und dazu einladen, das Buch in einem Stück zu verschlingen, wird deutlich, wie bescheiden Haruki Murakami ist und wie hart er für seinen Erfolg gearbeitet hat. Die romantischen Vorstellungen, die ich ab und an noch vom Schreiben eines Buches habe, werden hier klar als das Resultat harter und unnachgiebiger Arbeit enttarnt.

Das Buch hat mir auch persönlich viel mitgeben können: Haruki Murakami hat eine grundlegend positive Einstellung dem Leben und seiner Arbeit gegenüber. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir eine Szene im Buch, in der er und seine Frau dringend auf eine bestimmte Geldsumme angewiesen sind und genau diese dann abends auf ihrem Heimweg finden. Natürlich mag das kitschig klingen, ich habe aber versucht, mir eine Scheibe von seinem Glauben, dass sich auch in ausweglosen Situationen Lösungen finden lassen, abzuschneiden. EEbenso deutlich formuliert Haruki Murakami sein Bestreben, auch mal anzuecken: man kann es nicht allen Menschen Recht machen, es wird immer Kritik geben (auch Murakami musste das leidvoll erfahren) – er hat es sich deshalb zum Lebensmotto gemacht, zunächst einmal sich selbst zufriedenzustellen. In diesem Zusammenhang erwähnt Murakami auch ein sehr passendes Zitat des polnischen Dichters Zbigniew Herbert: „Man muss gegen den Strom schwimmen, um zur Quelle zu gelangen. Denn mit dem Strom schwimmt der Abfall.“

„Sieht man die Welt nur aus der eigenen Perspektive, schmort man zu sehr im eigenen Saft. Der Körper wird steif, die Beinarbeit wird mühsam, und die Beweglichkeit leidet. Aber wenn man es schafft, den eigenen Standpunkt aus mehreren Perspektiven zu betrachten, mit anderen Worten, sich auf andere Denksysteme einzulassen, nimmt die Welt an Plastizität und Flexibilität zu.“

Für mich ist Von Beruf Schriftsteller ein großartiger Schreib- und Lebensratgeber, voller philosophischer und autobiographischer Momente. Die biographischen Essays lassen sich leicht aber anregend lesen, ich habe schon lange nicht mehr so viel aus einem Buch für mich mitgenommen. Eine große und sehr persönliche Leseempfehlung!

19 Comments

  • Reply
    Dorte
    November 11, 2016 at 12:50 pm

    Bereits vor Deiner Empfehlung stand dieser Murakami auf meiner Liste und Dein Beitrag bestätigt meinen Lesewunsch nur. Vielen Dank für die Vorstellung!

    Dorte

    • Reply
      Mara
      November 14, 2016 at 1:19 pm

      Liebe Dorte,

      sehr gerne, ich wünsche dir eine ebenso beeindruckende Lektüre, wie ich sie erlebt habe! 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Marina Büttner
    November 11, 2016 at 2:11 pm

    Weil dich Bücher zum Thema schreiben interessieren, empfehle ich auch “Schreiben” von A. L.Kennedy. Gerade erschienen.

    • Reply
      Mara
      November 14, 2016 at 1:18 pm

      Vielen Dank für den Tipp – das hatte ich bereits in einer Buchhandlung in Zürich entdeckt, jetzt werde ich es mir auf jeden Fall zulegen! 🙂

  • Reply
    Eva
    November 11, 2016 at 3:39 pm

    Liebe Mara, DANKE für den Artikel. Ich bin ein sehr großer Murakami-Fan und anders als Du, haben es mir vor allem die ausgeprägt phantastischen Bücher von ihm angetan. Aber ich habe so mein Problem mit Autobiographien. Ich finde das Leben anderer Leute eigentlich meistens genauso langweilig wie mein eigenes 😉 und unterstelle Autobiographien immer eine gewisse Selbstinszenierung. Daher hatte ich die Befürchtung, dass mir mein Bild von Murakami eher desillusioniert wird, wenn ich seine Autobiographie lese. Aber Dein Artikel überzeugt mich davon, dass es sich doch lohnen könnte. Liebe Grüße, Eva

    • Reply
      Mara
      November 14, 2016 at 1:18 pm

      Liebe Eva,

      oh, ich freue mich sehr über deinen Kommentar und darüber, dass ich durch meine Besprechung dir dieses Buch doch noch schmackhaft machen konnte. Ich habe selten zuvor eine so unaufgeregte und wenig auf sich selbst bezogene Autobiographie gelesen und bin wirklich sehr beeindruckt von dem Menschen Murakami. Ich glaube, dass es dir als Leserin seiner Bücher auf jeden Fall gefallen könnte!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Denise
    November 12, 2016 at 12:15 am

    Murakamis Buch habe ich auf der Frankfurter Buchmesse entdeckt und hätte es am liebsten gleich mitgenommen. Leider durften Samstag keine Bücher verkauft werden, sodass es noch nicht in mein Bücherregal gezogen ist. Nach deinem tollen Artikel werde ich es jetzt aber ziemlich weit oben auf meinen Weihnachtswunschzettel packen. 🙂

    • Reply
      Mara
      November 14, 2016 at 1:16 pm

      Oh, ich kenne das Gefühl Bücher auf der Buchmesse zu entdecken, die man sich dann aber nicht kaufen kann! Ich komme deshalb auch immer mit einer langen Wunschliste von der Messe nach Hause! Ich hoffe, dass das Buch bald bei dir einziehen wird und wünsche dir bereits jetzt ganz viel Freude bei der Lektüre!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Juliana
    November 13, 2016 at 12:26 pm

    Bisher habe ich ja lediglich in eins seiner Bücher reingelesen und habe nach knapp 70 Seiten vorerst kapituliert, weil der Funke nicht überspringen wollte. Seitdem bin ich unsicher, ob er mir generell nicht liegt oder es nur an diesem Buch lag oder vielleicht war es nur der falsche Zeitpunkt. Vielleicht sollte ich es aber auch erst einmal mit diesem autobiografischen Werk probieren. Was du berichtest, klingt auf jeden Fall außerordentlich interessant.

    Viele Grüße
    Juliana

    • Reply
      Mara
      November 14, 2016 at 1:15 pm

      Liebe Juliana,

      wie erwähnt: ich tue mir auch schwer mit seinen sonstigen Büchern, habe dieses hier aber unheimlich gerne gelesen. Wenn du eigentlich kein Fan seiner Texte bist, würde ich dir doch diese Autiobiographie sehr empfehlen. Ich bin schon gespannt, ob du sie lesen wirst und wie sie dir gefallen wird!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    wortsonate
    November 14, 2016 at 1:53 pm

    Ich lese ich gern, weil ich auch die englischsprachigen Buchbesprechungen nutzen, weil diese ein viel besseres Verständnis für die japanischen Autoren entwickeln.

  • Reply
    Petya
    January 16, 2017 at 10:45 pm

    Hallo Mara, danke für die wunderbare Rezension, ich verpasse seit Jahren kein neues Buch von Murakami mehr und freue mich auf die Lektüre sehr. Kennst du eigentlich “Wovon ich rede wenn ich vom Laufen rede”? Es ist auch mit einer sehr entwaffnenden Ehrlichkeit geschrieben. Es geht in dem Buch nicht nur um das Laufen (und er läuft viel, extrem viel) sondern auch darüber wie Laufen ihm beim Schreiben hilft und überhaupt je mehr man liest desto schwieriger wird es, die zwei Tätigkeiten auseinander zu halten. Mich hat das Buch auf jeden Fall sehr, sehr beeindruckt und inspiriert… Mittlerweile trainiere ich für meinen zweiten Marathon. Liebe Grüße, Petya

  • Reply
    ankeharnisch
    March 13, 2017 at 2:47 pm

    Liebe Mara, danke für deine Rezi! Ich habe erst vor Kurzem mein erstes Murakami-Werk gelesen (Schlaf) und fand das wirklich gut. Ich hatte keine Ahnung, was ich erwarten sollte und das war auch gut. Sonst weiß ich nicht, ob ich enttäuscht gewesen wäre … denn Murakamis-Stil erwartet man sicher nicht. Dieses Real-Halb-Magische zwischendurch hat mir dabei gut gefallen, weil es mich selbst zum Nachdenken gebracht hat (Wie viel und wie nehme ich meine Umgebung tatsächlich wahr und wie erkläre ich mir scheinbar normal-seltsames Verhalten? Das fand ich sehr spannend, denn Murakami kehrt das Normale gerade in eine neue, komplett fremde Perspektive.
    Die Biografie klingt sehr, sehr spannend und ich glaube, die befindet sich sogar schon auf meinem SuB. Deshalb bin ich nun noch gespannter auf die Lektüre!
    LG
    Anke

    • Reply
      Mara
      March 14, 2017 at 2:08 pm

      Liebe Anke,

      ich kenne ja bisher kaum einen der Romane von Murakami, da ich mir mit dieser magischen Erzählwelt immer etwas schwer tue – umso überraschter war ich, wie sehr mir seine Biographie gefallen hat, in der ich ganz viel gefunden habe, was ich daraus mitnehmen konnte.

      Ich wünsche dir in jedem Fall viel Freude bei der Lektüre!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Kerstin
    April 17, 2017 at 11:46 am

    Hallo Mara, vielen Dank für den Hinweis auf das Buch von Murakami. Habe es gleich gelesen und war sehr begeistert von der sehr sympathischen Schilderung seines Lebens als Schriftsteller, inklusive vieler wertvoller Tips für Schreibbegeisterte.
    Herzliche Grüße
    Kerstin

    • Reply
      Mara
      April 23, 2017 at 9:53 am

      Liebe Kerstin,

      ich freue mich sehr, dass dir das Buch gut gefallen! Ich habe es auch sehr gerne und mit großer Begeisterung gelesen – die Romane von Murakami kenne ich dagegen noch kaum, deshalb habe ich mir jetzt mal “Kafka am Strand” gekauft und bin gespannt auf die Lektüre.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Raya Mann
    September 17, 2017 at 8:50 pm

    Liebe Mara, ich kann dein zwiespältiges Verhältnis zu Murakami verstehen. Seine Mystery-Romane sind sehr speziell. Hast du Naokos Lächeln gelesen? Es ist ein realistischer Roman ohne Parallelwelten und dergleichen. Damit hatte er seinen Durchbruch. Kennst du Gefährliche Geliebte? Schmucklos und persönlich, in einem Zug zu lesen. Wegen dieser beiden Bücher ist Murakami für mich DER Meister zum Thema Sehnsucht. Zudem ist er der eine von zwei großen Romanciers, die mich selbst zum Schreiben und zum Weiterschreiben inspirieren. Deshalb habe auch ich mich riesig über Von Beruf Schriftsteller gefreut. Übrigens, Honig von McEwan und Der Distelfink von Donna Tartt sind auch für mich besondere Bücher. Liebe Grüsse, Raya Mann

    • Reply
      Mara
      October 6, 2017 at 9:44 am

      Hallo Raya,

      ja, mein Verhältnis zu Murakami ist tatsächlich gespalten, da ich mir schwer tue mit den magischen Elementen, die so viele seiner Bücher ausmachen. Gelesen habe ich von ihm ansonsten nur “Die Pilgerjahre …”, die mir ganz gut gefallen haben und ein Sachbuch über die Anschläge in der U-Bahn in Tokio, das ich sehr sehr geliebt habe. An den ganzen Rest habe ich mich noch nicht herangetraut, aber ich habe mir deine Tipps und Hinweise mal notiert und werde Herrn Murakami bestimmt nochmal eine Chance geben.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Martina
    November 11, 2017 at 11:50 am

    Eine gewisse Zeit war ich fast süchtig nach Murakami und hab deswegen sehr viel von ihm gelesen. Geheimnisvolle Parallelwelten machen mir nicht aus, im Gegenteil… Aber seit ich ihn kennengelernt habe, habe ich eine aufrichtige Angst davor, dass Fahrzüge weiter fahren als zu den angegebenen Etagen 😉
    Eine Kommentatorin hat “Naokos Lächeln” empfohlen, das mir auch sehr gut gefallen hat, ebenso die Melancholie der “Gefährlichen Geliebten”. “Kafka am Strand” ist für mich Eskapismus pur, hat allerdings auch was von einem Jugendbuch, wenn man das sagen darf? Ich glaub, als siebzehnjährige hätte mich das arg begeistert.
    (Allerdings, Warnung für Tierfreunde: es gibt eine unglaublich schreckliche Szene mit Katzen – man spürt allerdings, wann es brenzlig wird. Und da kann ich nur empfehlen: überblättern. Echt.)
    Diese Autobiographie kenne ich noch nicht, danke für die schöne Rezension! Und da Du Irving magst – Murakami hat ihn übersetzt, aber das steht da sicher drin?
    Schön, was ich hier alles finde! Freue mich auf weitere Besuche!

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