Ein wenig Leben – Hanya Yanagihara

Wenn dieses Jahr ein Buch in aller Munde ist, dann ist es wohl Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara. Es wird zahlreich gelesen, diskutiert und besprochen und auch ich konnte mich diesem Hype nicht entziehen und habe in den vergangenen zwei Wochen die 960 Seiten gelesen. Während ich andernorts von vielen Tränen und tiefer Berührung gelesen habe, ist dieser Effekt bei mir ausgeblieben – dabei weine ich eigentlich ausgesprochen gerne beim Lesen. Ich bin froh, dass ich Ein wenig Leben gelesen habe und einiges an dem Buch hat mir auch gefallen, vieles hat mich aber auch gestört. Davon möchte ich heute erzählen.

Man bekommt nicht die Familie, die man verdient.

Die Geschichte, die Hanya Yanagihara in Ein wenig Leben erzählt, ist schnell zusammengefasst: Jude, JB, Willem und Malcolm sind vier junge Männer, die sich am College kennenlernen, um dann gemeinsam nach New York zu ziehen und dort ihr Glück zu versuchen. Alle vier machen erfolgreich Karriere: Jude arbeitet in einer Kanzlei als hoch angesehener Anwalt, JB wird ein hipper Künstler, Willem ein bekannter Schauspieler und Malcolm arbeitet als Architekt. Die spannendste Geschichte der vier hat Jude St. Francis, der als Baby in einer Mülltonne gefunden wird und als Waisenkind erst im Kloster und später im Heim aufwächst. Auf dem Weg in sein Leben als Erwachsener erfährt er immer wieder körperlichen und sexuellen Missbrauch.

Als er sich mit JB, Willem und Malcolm anfreundet, sind diese Spuren des Missbrauchs immer noch sichtbar: Jude ist verschlossen und schweigt sich über seine Vergangenheit aus. Seine Freunde wissen fast nichts von dem, was ihm als Kind widerfahren ist. Aber wir als Leser werden in zahlreichen Rückblenden in seine dunkelsten Geheimnisse und schlimmsten Momente eingeweiht. Die Frage, wie ein Mensch solche Ereignisse überleben und verarbeiten kann und – vor allen Dingen – wie seine Mitmenschen helfen und unterstützen können, ist das zentrale Thema des Romans.

Seine Vergangenheit, seine Ängste, das, was ihm angetan wurde, das, was er sich selbst angetan hat – das sind Dinge, über die nur in Sprachen geredet werden kann, die er nicht beherrscht: Farsi, Urdu, Mandarin, Portugiesisch. Einmal hat er versucht, einige Dinge aufzuschreiben, weil er dachte, so sei es einfacher, doch das war es nicht – er weiß nicht, wie er sich selbst sein Leben erklären soll.

Was mir an dem Roman gut gefallen hat, war die Art und Weise, wie Hanya Yanagihara von Freundschaft und Hilfsbereitschaft erzählt. Es sind nicht nur die drei Freunde, die Jude unterstützen, sondern es gibt auch noch viele andere Menschen, die bedingungslos für ihn da sind: da ist Harold, sein Jura-Professor, der sich Jude annimmt und ihn durch das Leben begleitet. Da ist auch Andy, sein Arzt, der sich Tag und Nacht und weit über seine beruflichen Verpflichtungen hinaus um Jude kümmert. Gleichzeitig erzählt die Autorin aber auch von den Grenzen dieser Hilfsbereitschaft: wie sehr kann man versuchen, einen anderen Menschen am Leben zu halten? Wie sehr darf man das versuchen? Ebenso gut gefallen hat mir die Spannung des Romans – Hanya Yanagihara bindet Judes Vergangenheit immer wieder in Rückblenden in die Erzählung ein und der Leser kriegt davon Häppchen für Häppchen serviert. Es gab die eine oder andere Nacht, in der ich dringend weiterlesen musste, um endlich all die Geheimnisse von Jude herauszufinden. Ebenso beeindruckend werden die Spätfolgen des Missbrauchs geschildert, den Jude erleben musste und der ihn für sein ganzes restliches Leben geprägt hat – nicht nur seelisch, sondern auch körperlich.

Er weiß nicht, was er tun soll; er weiß nicht, was passieren wird. Er muss es herausfinden. Alles, was ihn das Leben gelehrt hat, sagt ihm, dass er das Weite suchen sollte; alles, was er sich im Leben wünscht, sagt ihm, dass er bleiben sollte. Sei mutig, sagt er sich. Sei einmal im Leben mutig.

Doch einiges hat mich im Laufe der Lektüre auch zunehmend gestört. Interessanterweise wirbt der Hanser Verlag selbst mit dem Slogan “Sie werden über dieses Buch sprechen wollen” und so ging es mir nach dem Lesen tatsächlich auch – ich würde gerne über das sprechen, was in meinen Augen ganz und gar nicht funktioniert hat oder auch einfach nicht plausibel ist.

Da ist zum einen die Figurenkonstellation: ich fing das Buch mit der Erwartung an, etwas über alle vier Freunde zu erfahren, doch Jude steht so sehr im Zentrum der Geschichte, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, dass Malcolm und JB schon fast von der Autorin vergessen worden sind oder sie schlicht das Interesse an ihnen verliert. Über Malcolm erfahre ich auf 960 Seiten so wenig, dass ich am Ende gar kein Bild von ihm vor Augen hatte. Ebenso störend empfand ich die Tatsache, dass Hanya Yanagihara ihre Figuren sehr schwarz-weiß zeichnet: die Guten sind alle unglaublich gut, hilfsbereit und liebevoll und die Bösen sind alle so böse, dass es manchmal nur schwer zu ertragen ist. Ähnlich erging es mir mit der Vergangenheit von Jude, der in seiner Kindheit von jedem Menschen, auf den er trifft, missbraucht wird. Die Schilderungen muten teilweise so übertrieben an, dass die Glaubwürdigkeit verloren geht. Der Roman ist eine einzige Übertreibung: Hanya Yanagihara erzählt von übertriebener Fürsorge, übertriebener Liebe, übertriebener Bösartigkeit und stellt dabei die Regler ein klein wenig zu hoch ein. Genauso übertrieben sind die Figuren gezeichnet, die natürlich alle wahnsinnig erfolgreich werden und unglaublich reich sind. Es kommt dabei zu solchen Verzerrungen, dass ich manchmal fast ausgestiegen bin: Jude wächst in einer Kindheit auf, in der er kaum regelmäßig zur Schule geht und wird dann doch ein erfolgreicher Anwalt, ein begabter Pianist und ein talentierter Bäcker – denn neben dem Studium muss er natürlich auch noch arbeiten. Das waren mir irgendwann das eine oder andere Klischee zu viel. Als ebenso störend habe ich die Tatsache empfunden, dass die Geschichte ein wenig im luftleeren Raum schwebt, da keinerlei historische Einordnung erfolgt. Die vier Freunde benutzen zwar Smartphones und Computer, ansonsten findet aber kein historisches Ereignis Erwähnung – da fühlt sich die Geschichte teilweise schon wie ein modernes Märchen an, das in einer ganz eigenen Welt spielt. Erwähnen muss ich abschließend auch noch die ständigen Wortwiederholungen: ich glaube, dass mir das Buch wesentlich besser gefallen hätte, wenn es um die Hälfte gekürzt worden wäre – ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie häufig sich Jude schämt und wie oft er Es tut mir leid sagt.

Wir brauchten mehrere Tage, um ihn zu lesen, denn obwohl er nicht lang war, war er zugleich endlos, und wir mussten immer wieder die Seiten niederlegen und uns von ihnen entfernen, um uns dann gegenseitig zu wappnen – Bist du bereit? – uns hinzusetzen und ein weiteres Stück zu lesen.

Ich bin abschließend dennoch froh, dass ich dieses Buch gelesen habe und finde es interessant, dass so viele Menschen etwas darin finden, was sie bewegt und was ihnen etwas bedeutet. Ist das nicht eigentlich genau das, was Literatur bewirken sollte? Uns zum Sprechen bringen? Ich hätte mir sehr gewünscht, das Buch noch mehr mögen zu können, doch dazu haben mir die Schattierungen und Zwischentöne gefehlt. So bleibt Ein wenig Leben für mich eine gut lesbare und leicht rührselige Lektüre, die ich einfach nicht zur Seite legen konnte – nicht weil das Buch so gut gewesen ist, sondern weil es spannend war.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Stephan Kleiner. Hanser Literaturverlage, Januar 2017. 960 Seiten, €28. Weitere Rezensionen: Herr Booknerd, Klappentexterin, Literaturen.

32 Comments

  • Reply
    -Leselust-
    February 13, 2017 at 1:00 pm

    Interessant, mal so eine ganz andere Meinung zum Buch zu lesen. Die hast du auch sehr gut begründet, so dass ich deine Argumente gut nachvollziehen konnte. Jetzt bin ich fast noch neugieriger auf das Buch. Mal sehen, wie ich es empfinden werde.
    Liebe Grüße
    Julia

    • Reply
      Mara
      February 14, 2017 at 3:40 pm

      Liebe Julia,

      wie lustig, dass ich dich trotz meiner kritischen Besprechung neugierig auf das Buch machen konnte! 🙂 Wenn du es lesen solltest, bin ich schon sehr gespannt auf deine Eindrücke.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Thomas Brasch
    February 13, 2017 at 1:22 pm

    Ich hatte schon mal in einem FB-Kommentar meine Vermutung geäußert, dass ich mit jeder Besprechung mehr den Eindruck gewinne, dass es “intellektueller Kitsch” ist. Das muss man nicht gänzlich als negative Kritik auffassen. Denn es sei jedem gegönnt, sich auch mal der Gefühligkeit hinzugeben. Tun wir ja auch, wenn wir uns verlieben. Doch man sollte im Nachgang darüber mal reflektieren. Hierzu ist dieser Artikel von Gumbrecht ein guter Einstieg: http://www.sueddeutsche.de/kultur/achtung-statement-kitsch-as-kitsch-can-1.427214

    • Reply
      Mara
      February 14, 2017 at 3:38 pm

      Lieber Thomas,

      vielen Dank für den Link, ich werde mich mal einlesen!

      Das Buch als intellektuellen Kitsch einzuordnen ist sicherlich nicht falsch, ich habe ja auch von rührselig geschrieben – hätte aber auch kitschig dazu sagen können. Ich bin niemand, der ein Buch nicht lesen möchte, weil es ein Melodram ist, ich finde nur, dass es wichtig ist, es auch zu benennen und das hatte mir bei bisherigen Besprechungen ein wenig gefehlt.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    danielahenry
    February 13, 2017 at 3:05 pm

    Hallo Mara. Mir ging es bei diesem Buch genauso. Ich habe es nicht zu Ende gelesen und nach 500 Seiten beschlossen, dass jetzt SCHLUSS ist 😀 Die Zeit ist zu kurz und meine “to-read” liste zu lang. Lese zur Zeit “Do not say we have nothing” by Madeleine Thien <3

    • Reply
      Mara
      February 14, 2017 at 3:37 pm

      Ich freue mich, dass es mir nicht alleine so ergeht mit diesem Buch – ich hatte mich bei all der Begeisterung schon ein wenig komisch gefühlt. Bei dem Buch von Madeleine Thien hoffe ich auf eine deutsche Übersetzung, das steht nämlich auch schon auf meiner Liste. 🙂

  • Reply
    Jochen
    February 13, 2017 at 3:38 pm

    Liebe Mara,
    ich bin zwar noch nicht durch mit dem Buch, aber vieles, was du ansprichst kann ich unterschreiben.
    Bin gar nicht mal sicher, ob ich es überhaupt bis zum Ende lesen möchte oder doch lieber abbreche.
    lg_jochen

    • Reply
      Mara
      February 14, 2017 at 3:36 pm

      Lieber Jochen,

      ich hatte schon einmal woanders von deinen Schwierigkeiten gelesen. Interessanterweise habe ich am Wochenende mit Paul Auster angefangen und habe das Gefühl, dass es mir damit ganz anders geht – gefühlt war das sprachlich ein Quantensprung.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Nina
    February 13, 2017 at 6:17 pm

    Danke für diese ehrliche Bewertung und jetzt weiß ich definitiv, dass ich es nicht lesen möchte 😉
    Liebe Grüße
    Nina

    • Reply
      Mara
      February 14, 2017 at 3:34 pm

      Liebe Nina,

      ich fühle mich immer ganz schlecht dabei, anderen von Büchern abzuraten, hatte aber auch das Gefühl, hier ehrlich sagen zu müssen, was mir nicht gefallen hat.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    nettebuecherkiste
    February 13, 2017 at 6:38 pm

    Klasse Rezension, ich stimme dir in allem voll und ganz zu! Ich war gegen Ende so abgestumpft und genervt, dass ich dabei gar nichts mehr empfunden habe.

    • Reply
      Mara
      February 14, 2017 at 3:33 pm

      Ich freue mich sehr über deine Zustimmung und darüber, dass es dir ähnlich erging – mich hat das Buch im Laufe der Lektüre auch immer weniger erreichen können.

  • Reply
    buchpost
    February 13, 2017 at 6:55 pm

    Bestätigt mich in meiner Vermutung, dass das kein Buch für mich ist, danke für die ausgewogene Besprechung. LG, Anna

    • Reply
      Mara
      February 14, 2017 at 3:32 pm

      Liebe Anna,

      sehr gerne – ich gehe mit Kritik immer sparsam um, hier hatte ich aber das Gefühl, dass eine differenzierte Besprechung nötig ist.

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        buchpost
        February 14, 2017 at 7:13 pm

        Hallo Mara,
        weiter oben schreibst du, dass du dich immer ganz schlecht fühlst, wenn du von einem Buch abrätst. Ich empfinde das ganz anders. Du begründest (nachvollziebar) deine Meinung. Was andere dann damit machen, ist doch deren Ding. Und es ist doch wichtig, Entscheidungen für oder gegen ein Buch auf der Grundlage von Argumenten zu treffen, die ich für mich trotzdem noch einordnen muss. Du bist nicht schuld daran, dass ich oder andere das Buch nicht lesen werden (das hatte ich schon vorher entschieden, du hast meine Meinung aber gefestigt). Du gibtst Entscheidungshilfe, bist aber nicht verantwortlich für meine Buchauswahl, die Verantwortung bleibt doch bei jedem selbst.
        Ich selbst rate nur äußerst selten zu einem Buch, weil die Geschmäcker und Bedürfnisse so unterschiedlich sind. Aber hoffe, dass meine LeserInnen danach trotzdem wissen, ob das Buch etwas für sie sein könnte oder nicht.
        Und – das ist jetzt ganz subjektiv – ich finde, es macht einen Blog auch spannend, wenn es auch kritische und skeptische Besprechungen gibt. Unbhängig, davon dass wir natürlich alle nur Bücher lesen wollen, die uns restlos begeistern :-).
        Und dass deine nächste Lektüre dich dann wieder überzeugen kann, wünsche ich dir. LG, Anna

  • Reply
    Nanni
    February 14, 2017 at 8:43 am

    Liebe Mara,
    ich habe deine Rezension heute morgen am Handy gelesen, dann zwei mal Fabians Meinung zum Buch, dann wieder deine und jetzt habe ich den Laptop angeschmissen, um einen Kommentar zu schreiben. Du siehst, sowohl das Buch, als auch eure Meinungen dazu bewegen etwas.
    Ganz ehrlich – mein erster Gedanke, als ich deine Rezi las, war “Wie bei Shades of Grey” 😀 Das habe ich zwar nicht gelesen, aber einen Teil des Films gesehen und neben wirklich, wirklich schlechten Dialogen, stört mich daran, dass Grey so ein armer Junge ist, dessen ganzes Leben verkorkst ist, weil er eine schlechte Kindheit hatte. Immer und immer wieder wird es angesprochen, damit der Leser / Seher es auch ja mitbekommt und weiß, dass es der Grund für sein Verhalten ist (ähnliche Geschichte ist meiner Meinung nach “Hool”. Ein Psychogramm wie aus dem Lehrbuch und deshalb völlig unaufregend)
    Ich mag es überhaupt nicht, wenn AutorenInnen so penetrant auf das hinweisen, was der Leser sich eigentlich denken kann bzw. was man zwischen den Zeilen finden möchte.
    Ich habe es schon in Fabians Kommentar geschrieben – ich bin nun restlos verwirrt. Möchte ich das Buch wirklich lesen oder nicht? Diese Frage stelle ich mir von Anfang an, doch nun hat sie einen neuen Blickwinkel bekommen.
    Während ich mir anfangs nicht sicher war, ob ich die Qualen Judes, von denen jeder hinter vorgehaltener Hand gesprochen hat, von denen aber eigentlich klar war, dass es sich um sexuellen Missbrauch handeln muss, aushalten kann, stelle ich mir nun die Frage, ob mir das Buch tatsächlich so gut gefallen könnte, dass ich 960 Seiten Zeit und 28 € dafür investieren möchte?
    Ich frage mich auch, ob ich es aus fachlicher Perspektive aushalte, wenn es zu sehr konstruiert und möglicherweise nicht realistisch ist? Auf der anderen Seite reagiert natürlich jeder Mensch anders. Es spielen so viele Faktoren mit, ob man nach solchen Schicksalsschlägen Fuß fasst oder nicht.
    Hach, hach, hach … ich weiß nicht, ich weiß nicht. Ich hätte solche Lust auf eine wirklich gut erzählt, umfassende Geschichte. Vielleicht sollte ich mich erstmal darüber freuen, dass auf meinem Lesestapel Ferrante (sichere Sache) und “Geister” (möglicherweise ziemlich gut) liegen und dann mal weitersehen. Würde “Ein wenig Leben” nicht ständig auf den sozialen Netzwerken auftauchen… 😀
    Viele liebe Grüße
    Nanni

    • Reply
      Mara
      February 14, 2017 at 3:31 pm

      Liebe Nanni,

      vielen lieben Dank für deine Wortmeldung – ich finde es total spannend, wie viele unterschiedliche Meinungen und Wahrnehmungen es zu diesem Buch gibt. Da kann ich verstehen, dass die Entscheidung schwer fällt, ob du es lesen möchtest oder nicht.

      Was mir zu deiner fachlichen Perspektive einfällt, ist ein weiterer Punkt, der mich an dem Buch gestört hat: Hanya Yanagihara hat im Vorfeld nicht recherchiert. Jude und seine Geschichte sind kein Produkt von klinischen Studien, Erfahrungsberichten anderer Überlebender oder empirischer Untersuchungen, sondern ganz allein ein Produkt ihrer Fantasie. Mit dieser Herangehensweise hatte ich beim Lesen Schwierigkeiten – vor allem dann auch, als ich in einem Interview gelesen habe, dass Yanagihara nicht an die Gesprächstherapie “glaubt”. Für meinen Geschmack hat sie diesen Glauben etwas zu stark in das Buch hereinfließen lassen und entstanden ist dabei ein Buch, das auf mich eben zu konstruiert und klischeehaft gewesen ist und ein bisschen zu wenig Leben hat.

      Liebe Grüße (und natürlich bin ich gespannt, wie du dich entscheiden wirst!)
      Mara

  • Reply
    jancak
    February 14, 2017 at 2:51 pm

    Auch so ein Hype, der wahrscheinlich an mir vorübergeht, liebe Grüße aus Wien, ich habe, glaube ich, gerade zwei sehr interessante Debuts gelesen!

    • Reply
      Mara
      February 14, 2017 at 3:18 pm

      Liebe Eva,

      bei diesem Hype kannst du problemlos aussetzen – mich würde aber natürlich interessieren, welche Debüts du gelesen hast?

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        jancak
        February 14, 2017 at 8:33 pm

        Ach ja das habe ich vergessen, zwei wirkliche Empfehlungen denke ich, Juliana Kalnays “Eine kurze Chronik des plötzlichen Verschwindens” und Tijan Sila “Tierchen unlimited”, das muß ich noch zu Ende lesen

        • Reply
          Mara
          February 24, 2017 at 2:20 pm

          Wie spannend – von Juliana Kalnay hatte ich vorher noch nie gehört – ich habe mir den Buchtitel direkt mal notiert! 🙂

  • Reply
    ChristianHH
    February 15, 2017 at 8:17 am

    Liebe Mara, abgesehen davon, dass ich deine Kritik an Yanagihara teile, glaube ich, dass im Sommer bei Dumont das bessere “Ein wenig Leben” erscheint:

    http://www.dumont-buchverlag.de/buch/adams-als-wir-unbesiegbar-waren-9783832198411/

    Wird ganz sicher auf meiner Liste landen.

    Liebe Grüße
    Christian

    • Reply
      Mara
      February 24, 2017 at 2:20 pm

      Lieber Christian,

      vielen Dank für diesen Hinweis – das Buch wäre mir ansonsten wohl durchgerutscht. Ich werde es mir gleich notieren. 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Rezension: Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara – The Read Pack
    February 18, 2017 at 3:24 pm

    […] Rezensionen zum Buch gibt es auch bei pinkfisch.net (große Begeisterung!) und buzzaldrins.de (geteilte Skepsis). Schaut auch dort mal […]

  • Reply
    Das Literarische Quartett - Die Bücher der Sendung vom 3.März 2017
    February 19, 2017 at 2:51 pm

    […] Buchrevier, Buzzaldrins Bücher und novellieren haben „Ein wenig Leben“ bereits […]

  • Reply
    Book Experiences
    February 20, 2017 at 10:21 am

    Das hast du alles sehr schön auf den Punkt gebracht. Ich bewundere es, wenn man als Leser auch die Kritikpunkte genau benennen bzw. herausfiltern kann. Ich musste beim Lesen zwar nicht weinen, aber es hat dennoch etwas in mir bewegt. Vor allem eben die tiefen Freundschaften, die hier zum Vorschein kommen!

    Trotzdem hätte auch ich gerne ein bisschen mehr über Malcolm erfahren. Der Fokus lag dann schon sehr stark auf Jude und Willem. Das hätte man anders machen können.

    Viele Grüße
    Juliana

    • Reply
      Mara
      February 24, 2017 at 2:15 pm

      Liebe Juliana,

      vielen Dank für dein Lob – die Besprechung ist mir nicht leicht gefallen, umso mehr freue ich mich darüber, wenn du sagst, dass ich meine Kritik gut rüber bringen konnte. Das mit dem Fokus auf Jude hat mich im Laufe der Geschichte auch immer stärker gestört. Da hätte ich mir ab und an einen Lektor gewünscht, der einfach durchgegeriffen hätte, um Malcolm rauszustreichen.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Julia Schmitz
    February 27, 2017 at 9:01 pm

    Liebe Mara, mit deiner Rezension kann ich mich am besten identifizieren! Du hast ja schon mitbekommen, das ich mich mit dem Buch sehr schwer tue. Und jetzt, auf Seite 500, ist es nicht besser. Ich bin weder mitgenommen noch schockiert noch eingenommen von diesen Freundschaften, ich finde es alles bloß rührselig & wenn Jude noch ein einziges Mal “es tut mir leid” sagt, muss ich das Buch evtl an die Wand werfen… 😄 Wahrscheinlich werde ich meine Lesezeit bald lieber für andere Bücher nutzen. (Mich erinnert das an den Film “Toni Erdmann”, den alle so überragend fanden und bei dem ich nach 20 Minuten vor Langeweile eingeschlafen bin. Ob ich etwas falsch mache?)

    • Reply
      Mara
      March 8, 2017 at 8:25 am

      Liebe Julia,

      ach, ich glaube nicht, dass du etwas falsch machst! Das Buch wurde so gehypt, dass es natürlich auch hohe Erwartungen weckt – als sich das Buch dann als ein schnöder, nicht besonders gut geschriebener, Unterhaltungsroman offenbarte, war ich auch erst einmal überrascht. Den Entschluss das Buch abzubrechen finde ich mutig – ich schaffe das meistens leider nicht, denke aber, dass es wesentlich gesünder ist, die eigene Lesezeit mit schönen Büchern zu füllen!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Das Literarische Quartett: Die Sendung vom 3.März 2017 - Ein Kommentar
    March 5, 2017 at 2:18 pm

    […] Glück denken nicht alles so: novellieren, letteratura, Privatkino, Buzzaldrins Bücher und Buchrevier haben “Ein wenig Leben” bereits gelesen und auf unterschiedliche Art und Weise […]

  • Reply
    Barbara
    April 21, 2017 at 1:14 pm

    Liebe Mara,
    nachdem ich mich durch fast sämtliche Rezensionen von “Ein wenig Leben” durchgelesen hatte, bin ich endlich (!) auf Deine Rezension gestossen und war erleichtert, endlich einmal eine nicht ganz so euphorische Besprechung dieses Werkes zu finden. Was Du schreibst, kann ich nur voll und ganz bestätigen, ja, ich würde sogar noch viel weiter gehen wollen und sagen, dass ich von Anbeginn der Lektüre häufiger verärgert als gespannt oder gar gerührt war. Die holzschnittartigen Charaktere aller vier Protagonisten lassen auch auf inzwischen Seite 635 keine lebendigen Bilder vor meinem inneren Auge entstehen, am allerwenigsten sehe ich Jude vor mir. Und diese Unschärfe der Personen macht es mir unmöglich, mit Ihnen zu fühlen, gar zu leiden, wie so viele Rezensenten geschrieben haben. Streckenweise erinnert mich der Stil des Buches an Schüleraufsätze, die nach einem Schreibseminar entstanden sind. Von den ständigen nervigen Wiederholungen war ja bereits die Rede (“es tut mir leid”…). Weniger wäre hier deutlich mehr gewesen. Schade, aber es gibt ja die hier genannten guten Alternativen, die hoffen lassen…
    Viele Grüße und vielen Dank
    Barbara
    P.S.: Liebe Julia, bei Toni Erdmann erging es mir genauso wie Dir!

    • Reply
      Mara
      April 23, 2017 at 9:49 am

      Liebe Barbara,

      vielen Dank für deinen Kommentar – natürlich tut es mir leid, dass du so ein unerfreuliches Leseerlebnis hast, andererseits erleichtert es mich auch, nicht ganz alleine mit meinen Eindrücken gewesen zu sein. Ich habe es wirklich als erstaunlich empfunden, dass dieses Buch trotz der für mich so offensichtlichen Schwächen so sehr gelobt und gehypt wird. Ich habe direkt danach Paul Austers neuen Roman gelesen und hatte das Gefühl, dass da sprachlich Welten zwischen liegen – das Buch kann ich dir als Alternative also nur wärmstens empfehlen.

      Liebe Grüße
      Mara

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