Bis ich dich finde – John Irving

Bis ich dich finde stand zehn Jahre lang eingeschweißt in meinem Regal, ehe ich im vergangenen Winter dazu griff, um es endlich zu lesen. Die 1140 Seiten habe ich dann während meines Urlaubs auf Amrum verschlungen und hätte mir keine bessere Lektüre dafür vorstellen können, denn Bis ich dich finde besitzt all das, was auch die anderen Romane von John Irving auszeichnet: eine facettenreiche Geschichte, viele skurrile Momente und diese ganz besondere Mischung aus Tragik und Komik!

Das Leben zwingt uns genügend endgültige Entscheidungen auf. Wir sollten so vernünftig sein, die unnötigen tunlichst zu vermeiden.

In Bis ich dich finde erzählt John Irving die Geschichte von Jack Burns – einem erfolgreichen Schauspieler. Jacks Kindheit wird von seinem abwesenden Vater geprägt: William hat die Familie früh verlassen. Über ihn ist nur bekannt, dass er als Kirchenorganist gearbeitet hat und süchtig nach Tätowierungen ist – außerdem wird ihm eine Schwäche für junge Mädchen nachgesagt. Als Jack vier Jahre alt ist, macht sich seine Mutter Alice gemeinsam mit ihm auf die Suche nach William. Sie reisen einmal quer durch Europa, wohnen wochenlang in Hotelzimmern und suchen in Kirchen, Tattoostudios und Rotlichtvierteln nach dem verschollenen Vater.

Ich verrate nicht zu viel, wenn ich erzähle, dass diese Suche erfolglos bleiben wird: Alice und Jack kehren alleine in ihre Heimatstadt Toronto zurück. Dort schickt die Mutter ihren Sohn auf eine Mädchenschule, was Jack – der später immer wieder Beziehungen mit deutlich älteren Frauen führt – für sein ganzes restliches Leben prägen wird. Ebenso sehr prägt ihn die Leerstelle, die sein Vater hinterlassen hat –  auch dann noch, als er schon längst kein kleiner Junge mehr ist, sondern schon lange als erfolgreicher Schauspieler arbeitet.

Laut seiner Mutter war Jack Burns bereits ein Schauspieler, bevor er Schauspieler wurde, doch die lebhaftesten Erinnerungen an seine Kindheit waren die an jene Augenblicke, in denen er den Drang verspürte, sich an der Hand seiner Mutter festzuhalten. Das waren die Augenblicke, in denen er nicht spielte.

Bis ich dich finde ist wahrlich kein kurzer Roman und ich gebe zu, dass ich auf den ersten Seiten etwas zu kämpfen hatte – John Irving verlangt seinen Lesern Durchhaltewillen und Konzentration ab. Doch es lohnt sich durchzuhalten, denn im Laufe des Romans gewinnt die Geschichte immer stärker an Kraft.  Bis ich dich finde ist nicht nur ein Roman über Tattoos, Kirchenorgeln und fehlende Väter, sondern auch eine Geschichte, die sich mit der Frage beschäftigt, wie verlässlich eigentlich unsere Erinnerungen sind. Wer prägt unsere Erinnerungen? Wer formt und beeinflusst sie? Wie kann man sicher sein, dass das, was man erinnert, auch wirklich geschehen ist?

Der erste Teil des Buches wird aus der Erinnerung von Jack erzählt und dessen Wahrnehmung wird geprägt von den Erzählungen seiner Mutter und den Informationen, die er von ihr erhält. Es sind diese Erzählungen und Informationen, die nicht nur Jacks Wahrnehmung prägen, sondern auch das Bild, das er von seinem abwesenden Vater hat. Ein Vater, der verschollen ist, der ihn verlassen hat – im Stich gelassen hat. Die große Stärke des Romans ist der Moment, in dem Jack – und damit auch der Leser – diese Erinnerungen in Frage stellen muss. Es ist der Moment, in dem er die Reise wiederholt, die er als Vierjähriger erlebt hat, um herauszufinden, wie viel von seinen Erinnerungen tatsächlich stimmt. John Irving gelingt es dabei hervorragend mit der Wahrnehmung der Leser zu spielen. Die Erkenntnis, wie fragil und unzuverlässig Erinnerungen sein können, ist für mich das zentrale Thema dieses Romans.

Auf diese Weise wird uns in messbar großen oder unermesslich kleinen Portionen unsere Kindheit gestohlen – nicht immer in einem einzigen dramatischen Augenblick, sondern oft in einer Serie kleiner Diebstähle, deren Endergebnis doch immer derselbe Verlust ist.

John Irving erzählt jedoch nicht nur von fragilen Erinnerungen und der Frage, ob wir diese als Erwachsene wieder reparieren können, sondern auch von dem sexuellem Missbrauch, den Jack als heranwachsender Junge erleben musste. Wie sehr prägen einen solche Beschädigungen für das restliche Leben? Können wir uns als Erwachsene die Portionen, die uns in unserer Kindheit gestohlen werden, auf irgendeine Art und Weise wieder zurückholen? Das sind für mich die wichtigen Fragen, die sich aus der Lektüre ergeben haben. Es sind Fragen, die John Irving nicht nur seinen Figuren stellt, sondern auch seinen Lesern. Natürlich dürfen auch in Bis ich dich finde die skurrilen Momente nicht fehlen: die Tätowierer und Orgelspieler, die Ringer und das Leben im Rotlichtviertel. Als ich die letzte Seite des Buches zugeklappt habe, habe ich alle zwischenzeitlichen Schwächen verziehen. Bis ich dich finde soll zu den autobiographischsten Büchern von Irving gehören, in jedem Fall ist es eines seiner besten, denn John Irving gelingt es wunderbar und berührend vom Suchen und vom Finden und von den Verletzungen der Kindheit zu erzählen.

Das Besondere an den Büchern von John Irving ist für mich eine Mischung aus 3 Dingen: 1. dass sie für mich immer einen ganzen Kosmos eröffnen, in den ich während der Lektüre ganz und gar eintauche, um an der Seite der Figuren, die Geschichte mitzuerleben. 2. diese ganz besondere Mischung aus hochkomischen Szenen und todtraurigen Momenten. 3. dass ich aus der Lektüre immer eine Art Weisheit mitnehme. In Bis ich dich finde habe ich mir diesen Satz ganz dick angestrichen: Vergiss die Vergangenheit nicht, aber verzeihe ihr.

John Irving: Bis ich dich finde. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl. Diogenes Verlag, Juni 2007. 1140 Seiten, €15. 

12 Comments

  • Reply
    Ninespo
    February 24, 2017 at 6:23 pm

    Hallo Mara,

    eine wirklich sehr einfühlsame und schöne Rezension. Da ich Irving schon seit Längerem lesen möchte, aber nie dazu kam, werde ich das Vorhaben nach deiner Rezension verstärkt angehen. Nächste Woche kaufe ich mir meinen ersten Irving. Hast du schöne Empfehlungen für mich?

    Liebste Grüßlies und ein wundervolles Lesewochenende
    Nina

    • Reply
      Mara
      March 8, 2017 at 8:39 am

      Liebe Nina,

      ich hoffe, dass ich noch nicht zu spät dran bin mit meiner Empfehlung?! Ich liebe “Garp und wie er die Welt sah” und würde dir das Buch ganz ausdrücklich ans Herz legen.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Nela | Livricieux
    February 24, 2017 at 8:33 pm

    Hallo Mara,
    dieses Buch steht bestimmt auch bereits 10 Jahre bei mir im Bücherregal. In dieser Zeit wurde es allerdings bestimmt ebenso oft gelesen. 😉
    Bis ich dich finde ist mit Abstand mein liebster Irving.
    Danke für diese schöne Buchbesprechung.
    Herzlich, Nela

    • Reply
      Mara
      March 8, 2017 at 8:38 am

      Liebe Nela,

      ich finde es total schön, dass du schreibst, dass du dieses Buch bereits häufiger gelesen hast! Seitdem ich blogge, habe ich immer das Gefühl, keine Zeit dafür zu haben, Bücher mehrmals zu lesen – dabei habe ich mir diese Zeit früher immer so gerne genommen!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Constanze Matthes
    February 24, 2017 at 9:29 pm

    John Irvings Bücher und auch Deine Besprechung beweisen, wie zeitlos Literatur sein kann und das darin ihre immense Bedeutung liegt. Man kann seine Romane also auch noch Jahre nach ihrem Erscheinen noch immer mit viel Gewinn und Begeisterung lesen. Wie wunderbar. Ich muss wohl mal wieder einen Irving zur Hand nehmen, ich habe ihn früher sehr, sehr gern gelesen. Viele Grüße

    • Reply
      Mara
      March 8, 2017 at 8:36 am

      Liebe Constanze,

      genau das finde ich ebenfalls interessant. Ich habe heute immer stärker das Gefühl, dass die Halbwertszeit von Büchern rasant abnimmt. Da finde ich es unglaublich wohltuend, dass man die Bücher von Irving auch Jahre später noch in den Buchhandlungen findet und die Geschichten auch heute noch Gewicht und Bestand haben.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Nanni
    February 25, 2017 at 6:33 am

    Liebe Mara,
    ich weiß noch genau wie es war, als ich “Bis ich dich finde” gelesen habe. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Habe in der der Schule während des Unterrichts darin gelesen, auf dem Geburtstag meiner Oma, während alle feierten… 😀
    Ich war völlig fasziniert von Irvings Sprache, seinem Vermögen so viele Personen und Lebensgeschichten im Blick zu haben und natürlich von der Geschichte an sich. Ich glaube, dass ich trotzdem nicht mal annähernd das erfassen konnte, was Irving alles ausdrücken wollte.
    Ich hoffe, ich nehme mir bald endlich die Zeit wieder Irving zu lesen.
    Liebe Grüße
    Nanni

    • Reply
      Mara
      March 8, 2017 at 8:34 am

      Liebe Nanni,

      vielen Dank für deinen schönen Kommentar, der mein eigenes Leseerlebnis perfekt zusammenfasst! So erging es mir nämlich auch während meines Urlaubs auf Amrum. Ich glaube übrigens auch, dass das Buch ein Buch ist, das ich bestimmt noch öfters lesen könnte, um noch mehr Aspekte daran zu entdecken.

      Bei deinem Vorhaben, bald mal wieder ein Buch von John Irving zu lesen, wünsche ich dir viel Freude! 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    wortsonate
    February 25, 2017 at 12:08 pm

    Steht noch auf meiner Leseliste.

    • Reply
      Mara
      March 8, 2017 at 8:30 am

      Dann wünsche ich dir schon jetzt viel Freude bei der Lektüre! 🙂

  • Reply
    Rosa
    February 26, 2017 at 11:53 am

    Liebe Mara,

    eine wirklich sehr schöne Rezension! Ja, der von dir dick angestrichene Satz des Romans ist wirklich eine ganz besondere Lebensweisheit.

    John Irving beweist mit jedem seiner Romane, dass er nicht nur als großartiger Erzähler in der Tradition von Charles Dickens steht, sondern dass er auch ein wahrer Kenner der menschlichen Natur ist. Er blickt hinter unsere Fassaden und zeigt uns das, was wir so oft zu verbergen suchen.

    “Bis ich dich finde” habe ich geliebt – doch mein Favorit bleibt “Owen Meany”. Kein Buch von Irving hat mich so berührt wie dieser Roman.

    Liebe Grüße

    Rosa

    • Reply
      Mara
      March 8, 2017 at 8:30 am

      Liebe Rosa,

      ich finde deinen Kommentar sehr interessant, da ich an dieser Stelle gestehen muss, dass “Owen Meany” zum einzigen Buch von Irving gehört, das ich abgebrochen habe. Nach deinem Kommentar habe ich beschlossen, es doch noch einmal zu versuchen – vielen Dank für die Erinnerung!

      Liebe Grüße
      Mara

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