Zuflucht in Deutschland – Texte verfolgter Autoren

Während der nationalsozialistischen Herrschaft waren tausende Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle dazu gezwungen, Deutschland zu verlassen. Das ist eine Situation, die sich momentan in immer mehr Ländern auf erschreckende Art und Weise wiederholt: Journalisten, Autoren, Verleger und auch Blogger sind dazu gezwungen, ihre Heimatländer zu verlassen. Eine Übersicht über all diese Menschen findet sich in der Case list. Das PEN-Zentrum in Deutschland engagiert sich in einem sogenannten Writers-in-Exile-Programm für genau diese Menschen: sie schaffen eine Öffentlichkeit für die bedrohten oder sogar inhaftierten Männer und Frauen, engagieren sich für ihre Freilassung und in einigen Fällen gelingt es sogar, einige von ihnen nach Deutschland zu holen – es werden Stipendien oder auch Wohnungen vermittelt. Josef Haslinger, österreichischer Schriftsteller und Präsident  des PEN-Zentrums hat auf dem Blauen Sofa nicht nur über seine Arbeit informiert, sondern auch seine neueste Veröffentlichung vorgestellt: in Zuflucht in Deutschland wurden Texte von zwanzig Autoren und Autorinnen veröffentlicht, die aus China, Kuba oder Bangladesch nach Deutschland geflohen sind.

Das PEN-Zentrum in Deutschland übernimmt die Betreuung der Autoren, denen es gelingt, aus ihren Herkunftsländern nach Deutschland zu fliehen. Es gibt nicht nur eine psychologische Betreuung der Autoren, sondern auch Hilfestellung im Alltag: das Goethe-Institut bietet beispielsweise Deutschkurse an, da viele der Autoren nicht nur kein Deutsch sprechen können, sondern auch über keine Sprachkenntnisse in Englisch oder Französisch verfügen.

Eine der 20 Autoren und Autorinnen hat ihren Text in dem vorliegenden Sammelband sogar auf Deutsch veröffentlicht, alle anderen haben in ihrer Muttersprache geschrieben. Es sind Texte über Ängste und Alpträume, mit denen man im Gepäck in das neue Heimatland gereist. Eine Autorin ist mit ihrer dreijährigen Tochter aus Tschetschenien geflohen, die Angst davor hatte, ein Flugzeug zu betreten, da sie die Flugzeuge nur als Flugobjekte kannte, die Bomben abwerfen. Es sind aber auch Texte über das Einüben von neuen Alltagsritualen: wie lebe ich mich in einem neuen Land ein und wie finde ich mich in einem Supermarkt zurecht? Die 20 Autoren stammen aus insgesamt sechzehn Ländern – aus Ländern, in denen die Meinungsfreiheit häufig nicht mehr existiert.

Besonders kritisch hat sich Josef Haslinger über die Situation in der Türkei geäußert, das Land sei für ihn das größte Autoren- und Journalistengefängnis. Die konkreten Einflussmöglichkeiten in der Türkei vor Ort sind gering, da keine Öffentlichkeit mehr gewollt ist. Die Lage für den Korrespondenten Denis Yücel schätzt er deshalb auch besonders kritisch ein – Yücel ist für die Türkei ein Faustpfand und eine Verhandlungsmasse. Die Flucht gelungen ist dagegen Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der Cumhuriyet, der allerdings seine Ehefrau in der Türkei zurücklassen musste – ihr wird die Ausreise mittlerweile verweigert. Für den Teil der türkischen Bevölkerung, der sich eine Zugehörigkeit zu Europa und einen Pluralismus wünscht, wünscht sich Haslinger mehr Aufmerksamkeit – Aufgabe Deutschlands müsste es sein, der türkischen Opposition Gehör zu verschaffen.

Josef Haslinger betont am Ende der Veranstaltung, dass man die Rolle, die die Literatur bei diesen politischen Verwicklungen spielen kann, nicht überschätzen darf – sie ist aber in der Lage dazu, Erfahrungen so zu vermitteln, dass sie unter die Haut gehen.

Josef Haslinger und Franziska Speer: Zuflucht in Deutschland – Texte verfolgter Autoren. S. Fischer Verlag, 2017. 288 Seiten, 9,99€.

1 Comment

  • Reply
    Claudia
    March 27, 2017 at 7:30 am

    Liebe Mara,
    schön, dass Du das Buch hier vorstellst. Ich habe Josef Haslinger in einer Sendung rund um die Leipziger Buchmesse gesehen, wo er dieses Buch vorgestellt hat. Und lesen möchte ich es ganz unbedingt, zum einen, weil es wohl offensichtzlich einen Eindruck vermittelt über den Stand der Meinungs- und Veröffentlichungsfreiheit in vielen Ländern, zum anderen, weil es vielleicht auch einen Einblick erlaubt in die unterschiedlichen Arten des Schreibens in den vielen verschiedenen Ländern. Ich bin also sehr gespannt auf die Lektüre.
    Viele Grüße, Claudia

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