Das Geschäft mit der Liebe – Nora Bossong im Interview

Bekannt geworden ist Nora Bossong eigentlich als Lyrikerin, doch für ihr neuestes Buchprojekt hat sie sich in das Rotlichtmilieu begeben. Unter dem Titel Rotlicht erforscht sie das Geschäft mit der Liebe und besucht Erotikmessen und Sex-Kinos. Ich habe mit Nora Bossong über diese intensive Recherche gesprochen.

  Woher kam die Idee, ein Buch über das Rotlichtmilieu zu schreiben?

Das Rotlichtmilieu ist im Prinzip überall: wir sehen es ständig irgendwo flackern und es setzt sofort irgendwelche Phantasien und Assoziationen frei. Es ist ein Thema, das immer wieder in Filmen und Büchern auftaucht, romantisiert und verklärt wird. Ich habe mich gefragt, warum das Rotlichtmilieu bis heute ein Bereich ist, der eigentlich nur für den männlichen Kunden da ist. Warum sich daran nichts verändert und ob eine Veränderung überhaupt wünschenswert wäre. Sollte das Rotlichtmilieu auch für Frauen geöffnet werden oder ist das ohnehin ein Bereich, der vielleicht gar nicht so schön ist, wie wir das im Blauen Engel oder in Pretty Woman gezeigt bekommenIch wollte einfach wissen, was passiert, wenn ich mich als Frau dorthin begebe – und zwar nicht als eine, die sich anbietet, sondern als eine, die dort als Kundin hingeht.

Das Rotlichtmilieu ist etwas, was häufig eher mit Schutzhandschuhen angefasst wird. Wie hat Ihr Verlag auf den Wunsch reagiert, ein Buch zu dieser Thematik zu veröffentlichen? Gab es auch Skepsis und Vorbehalte?

Vom Verlag gab es sehr viel Unterstützung. Diese Schutzhandschuhe, die man anzieht, die zieht man immer dann an, wenn man selbst mit etwas in Verbindung gebracht wird. Das habe ich auch bei meinen Begleitern, die mich durch dieses Jahr begleitet haben, gemerkt: es war sofort immer große Begeisterung für das Thema da, alle wollten etwas darüber wissen, alle wollten mal genauer hinschauen – aber niemand von ihnen wollte, dass ihr eigener Name irgendwie mit dem Rotlichtmilieu in Verbindung gebracht wird. Wenn ich mich dann hinstelle und meinen Namen auf das Buch setzen lasse, habe ich natürlich auch Bedenken und frage mich, ob ich das wirklich möchte. Wenn man aber einen reflektierten Blick auf das Buch wirft, dann muss es einfach möglich sein. Das Rotlichtmilieu ist ein Bereich unserer Gesellschaft, der einfach da ist! Es kann ja nicht sein, dass wir diesen Bereich komplett ausklammern und zu einer Parallelwelt machen.

Wenn Sie sagen, dass Sie bedenken hatten, Ihren Namen auf das Buch zu setzen – fällt es Ihnen dann schwer, sich auf das Blaue Sofa zu setzen, um dort Fragen zu beantworten?

Nein, überhaupt nicht  – so lange die Fragen seriös und ernsthaft gestellt werden. Da, wo es mir schwer fällt oder ich teilweise sogar stutzig werde, ist, wenn nach Lesungen Herren zu mir kommen, die mir eigentlich die Deutungshoheit über dieses Milieu absprechen, weil ich eine Frau bin. Da weiß ich dann einfach nicht mehr, was ich darauf antworten soll. Bislang habe ich aber auf der Bühne eigentlich ausschließlich sehr ernsthafte Auseinandersetzungen über das Thema gehabt und dann fällt es mir auch überhaupt nicht schwer, darauf zu antworten.

Wie kann ich mir denn die Recherche zu Ihrem Buch vorstellen? Können Sie darüber ein wenig erzählen?

Ich habe mich an alle Orte mit einem jeweils anderen männlichen Begleiter begeben. Zum Teil habe ich das getan, um dort inkognito zu sein – ich wollte diese Orte wirklich so sehen, wie sie sind und nicht so, wie sie mir als Journalistin vorgeführt werden. Wenn ich dort mit einer Fernsehkamera durchgehe, dann zeigt sich gleich ein ganz anderes Bild von diesem Ort. Zum Teil habe ich die Begleiter auch zum Schutz mitgenommen, aber auch, um einen anderen Blick zu haben: ist das jetzt mein weiblicher Blick? Habe ich einen anderen Blick auf all das, was dort passiert? Oder ähneln sich unsere Blicke? Es gab auch Orte – wie die Venus-Messe – da hätte ich natürlich auch alleine hingehen können. Der Begleiter – der quasi ein Korrektiv gewesen ist – ist dann aber irgendwann auch einfach zum Prinzip des Buches geworden und war deshalb überall dabei.

Gab es Erlebnisse beim Schreiben des Buches, die Sie überrascht haben oder die Sie sich im Vorfeld anders vorgestellt hätten?

Also es gab einige Überraschungen: zum einen der Swinger-Club, der mir verklemmter als eine Kleingartensiedlung vorkam. Mit Nudelsalatbuffet und Windbeuteln und einer Sauna, in der die Leute mit Handtüchern saßen – in jedem Sportstudio sieht man da mehr nackte Haut. Umgekehrt waren die Sex-Kinos sehr viel bedrückender aber auch aktiver, als ich mir das vorgestellt hatte. In dem Moment, in dem ich als Frau die Gänge dort betrete, bin ich eigentlich Freiwild. Das war mir vorher nicht so klar. Hätte ich das gewusst, dann hätte ich noch mehr Hemmungen gehabt, diese Schwelle zu übertreten.

Das, was Sie beschreiben, klingt nach einer sehr intensiven Arbeit. Hat das Schreiben von „Rotlicht“ in irgendeiner Form auch Ihr eigenes Leben verändert hat?

Es hat mich fast ein bisschen konservativer werden lassen. Ich habe in dem vergangenen Jahr natürlich auch über meine eigene Intimität und Sexualität reflektieren müssen – auch in Abgrenzung zu dem, was ich dort gesehen habe. Bestimmte Formen der Libertinage, die in Berlin gerade hip sind, die lehne ich nun stärker ab als vorher. Vor zwei Jahren hätte ich noch gesagt, dass man Sex und Liebe trennen kann – das würde ich auch immer noch sagen, man kann das trennen. Ich glaube aber, dass es erfreulicher ist, wenn man das nicht tut.

Nora Bossong: Rotlicht. Hanser Verlag, 2017. 20€, 240 Seiten.

1 Comment

  • Reply
    privatkino
    March 29, 2017 at 10:14 am

    Ich hab das Buch nach deinem Beitrag auf Facebook gekauft und werde heute damit beginnen, dieses Interview lässt mich nur noch neugieriger werden.

    Dein “Blaue-Sofa” Report als Ganzes, ist dir wunderbar gelungen – du kannst stolz auf dich sein!

    Liebe Gruß
    Yvonne

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