Die Geschichte der Bienen – Maja Lunde

Maja Lunde erzählt in ihrem Roman Die Geschichte der Bienen eine groß angelegte Geschichte: es geht um drei Familien, drei Kontinente, drei Epochen und die Zukunftsvision einer Welt, in der die Bienen ausgestorben sind. Aus diesen Bestandteilen ist ein Roman über schmerzhafte Verluste, enttäuschte Hoffnungen und kaum zu erfüllende Erwartungen entstanden. Das ist leicht und unterhaltsam zu lesen – mehr aber auch nicht.

Alle sollten einen Beitrag leisten, selbst die Kinder. Denn wer brauche schon Bildung, wenn die Kornvorräte zur Neige gingen? Wenn die Rationen jeden Monat schrumpften? Wenn man abends hungrig ins Bett gehen müsse?

Die Geschichte, die Maja Lunde in ihrem Roman erzählt, spielt in drei Epochen und auf drei unterschiedlichen Kontinenten: 1852 liegt der Biologe und Samenhändler William in England mit einer seltenen Erkrankung dauerhaft im Bett. Sein Mentor hat sich von ihm abgewandt und das Gefühl, mit seinem Leben und seinen Ambitionen als Wissenschaftler gescheitert zu sein, erdrückt ihn. Doch als ihm die Idee für einen neuartigen Bienenstock kommt, schafft er es endlich, das Bett zu verlassen. 2007 arbeitet der Imker George in Ohio auch im höheren Alter noch auf seinem eigenen Hof, auch wenn seine Frau schon längst lieber ins wärmere Florida umgezogen wäre. George möchte die Hoffnung darauf, dass sein Sohn Tom den Hof übernehmen könnte, nicht aufgeben – Tom hat jedoch andere Pläne, er möchte studieren und Journalist werden. Das Leben der Familie wird eines Tages von einer Naturkatastrophe erschüttert. Die Arbeiterin Tao lebt 2098 in China und bestäubt die Bäume von Hand, da die Bienen bereits seit langer Zeit ausgestorben sind. Ihr Sohn Wei-Wen darf nur ein paar Jahre zur Schule gehen, bevor er auch für die Arbeit auf dem Feld eingesetzt wird – doch dann geschieht ein mysteriöses Unglück und das Leben von Tao gerät aus den Fugen.

Die drei Handlungsstränge werden nicht an einem Stück erzählt, sondern parallel – jedes Kapitel steht für eine Epoche. Da die Kapitel sehr kurz gehalten sind, ist für Abwechslung gesorgt, aber auch für Spannung, da ich immer gerne wissen wollte, wie es mit den Figuren weitergeht und was alle drei Perspektiven wohl miteinander verbinden könnte.

Damals hatten wir noch viel Platz, und mein kleines Saatgutgeschäft in der Hauptstraße von Maryville florierte. Ich war voller Enthusiasmus und glaubte, ich könnte mein Geschäft mit dem verbinden, was mir wirklich etwas bedeutete: meiner naturwissenschaftlichen Forschung. Doch das war lange her, lange bevor wir diese Unmenge an Töchtern bekamen, und vor allem lange vor meinem endgültigen Gespräch mit Professor Rahm.

Auch wenn die Biene im Titel und auf dem Cover präsent ist, habe ich Die Geschichte der Bienen nicht als naturwissenschaftliches Sachbuch sondern als klassischen Familienroman gelesen: da ist William, der mal Ambitionen als Wissenschaftler gehabt hat und dann davon aus der Bahn geworfen wird, dass er eine Familie gründet – die Töchter kosten ihn Zeit, Aufmerksamkeit und Nerven; wie kann das vereinbar sein mit der anspruchsvollen Arbeit eines Wissenschaftlers? Da ist George, der die Chance hat, seinen Hof für viel Geld zu verkaufen und mit seiner Frau nach Florida auswandern könnte, aber seinen Lebenstraum einfach nicht loslassen kann. In ihm ist die Vorstellung, dass sein einziger Sohn Tom den Betrieb übernehmen wird, so fest verankert, dass er gar nicht in der Lage ist, über eine Alternative nachzudenken – oder sich zu fragen, was sich sein Sohn eigentlich für eine Zukunft wünscht. Das Festhalten an alten Werten, führt für den Imker schließlich zu einer Katastrophe. Ganz ähnlich erlebt dies Tao, die in einer chinesischen Zukunftsvision lebt, in der die Menschen unterdrückt und zu gefügigen Arbeitern gemacht werden – eigene Träume, Wünsche oder Ziele sind unerwünscht, die Regierung benötigt Landarbeiter, die hart arbeiten und ihr gehorchen.

Alle drei Handlungsstränge sind miteinander durch die Thematik der Bienen verwoben: William erforscht die Bienen, für George sind sie die Lebensgrundlage und Tao muss sie durch die menschliche Hand ersetzen, da es sie in der Zukunftsvision von Maja Lunde nicht mehr gibt. Ob das Jahr 2098 wirklich so aussehen könnte, das weiß wohl niemand, aber auch davon abgesehen, stellt die Autorin wichtige Fragen in ihrem Roman: wie eng ist das Leben und das Schicksal der Menschen mit dem der Bienen verknüpft? Wie sieht die Verantwortung aus, die wir als Mensch nicht nur der Natur und den Bienen gegenüber haben, sondern auch unseren Kindern, denen wir eine Welt hinterlassen, in der sie aufwachsen müssen?

Doch Wei-Wen würde trotzdem Bedeutung haben. Das Bild von ihm. Der Junge mit dem roten Tuch, sein Gesicht – das war die neue Zeit. Für Millionen von Menschen waren sein rundes Kinn und seine großen, leuchtenden Augen, die in einen knallblauen Himmel schauten, nur mit einem einzigen Wort verbunden. Einem einzigen, gemeinschaftlichen Gefühl: Hoffnung.

Sprachlich lehnt sich Maja Lunde an die unterschiedlichen Zeiten und das soziale Umfeld an, in denen die Geschichten spielen. Damit hatte ich ab und an Schwierigkeiten, beispielsweise dann, wenn mir der eine oder andere Dialog doch etwas platt erschien oder die Töchter von William zu Beistellpüppchen degradiert werden, die zu ernsthafter wissenschaftlicher Arbeit nicht fähig sind – nicht, weil sie nicht klug genug wären, sondern weil es Frauen sind. Das mag authentisch sein, für mich  war es dann aber doch schon manchmal sehr klischeehaft. Ich wäre sehr gespannt darauf, wie andere die Sprache des Romans empfunden haben, oder ob ich alleine mit meinen Schwierigkeiten bin. Für mich ist der Roman sprachlich dann doch sehr einfach gehalten.

Zu einem abschließenden Urteil zu kommen, fällt mir schwer: ich bin der Meinung, dass Maja Lunde mit Die Geschichte der Bienen einen leichtgängigen und unterhaltsamen Familienroman komponiert hat, der nebenbei auch auf das Schicksal und die Bedeutung der Bienen aufmerksam macht – ohne dabei allerdings wirklich in die Tiefe zu gehen. So bleibt Die Geschichte der Bienen für mich eine nette Lektüre für zwischendurch, die einen beängstigenden Blick in die Zukunft wirft, mich darüber hinaus aber leider nicht nachhaltig beeindrucken konnte.

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. btb Verlag, München 2017. 20€, 508 Seiten. 


Wer sich übrigens weiter in die Thematik der Bienen einlesen möchte, der kann das hier tun:

Piotr Socha: Bienen – Randolf Menzel, Matthias Eckoldt: Die Intelligenz der Bienen – Thomas D. Seeley: Bienendemokratie – Emma Tennant: Das Bienen Buch

14 Comments

  • Reply
    Klausbernd
    May 3, 2017 at 12:37 pm

    Liebe Mara,
    ich finde die unterschiedlichen Ebenen des Englischen bzw. des Amerikanischen witzig kombiniert auch wegen mannigfacher Konnotationen.
    Danke fürs Rezensieren
    Klausbernd

    • Reply
      Mara
      May 3, 2017 at 12:43 pm

      Lieber Klausbernd,

      schön, mal wieder von dir zu lesen. Als ich mich hinsetzte, um meine Rezension zu schreiben, fiel mir auf, dass ich wirklich kaum eine Stelle finde, die ich sprachlich schön finde und gerne zitieren würde. Das ging mir schon lange nicht mehr so bei einem Roman. Alles in allem habe ich die Geschichte, die Bienen-Thematik und die Sprache dann doch als recht durchschnittlich empfunden. Vielleicht warn meine Erwartungen aber auch zu hoch.

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Klausbernd
        May 3, 2017 at 1:25 pm

        Liebe Mara,
        ja, sorry, ich habe deine Seite lange nicht mehr besucht, aber vorhin machte mich Hanne darauf aufmerksam, dass du einen Roman rezensiertest, den ich gerade gelesen habe.
        Unsere verschiedene Einschätzung mag daran liegen, dass ich diesen Roman teils in Englisch und teils in Norwegisch las. Aber du hast wohl recht, dass er nicht gerade ein sprachliches Kunstwerk ist. Auch im Englischen ist er nahe an der Umgangssprache auf verschieenen Ebenen übersetzt. Wie das im Original im Norwegischen ist, kann ich nicht beurteilen, da mein Norwegisch nicht so gut ist. Aber auffallend war, dass ich ihn leicht im Original lesen konnte, was mir z.B. bei Knausgard nicht so ging.
        Ebenfalls gebe ich dir Recht, dass die Erwartungen bes. durch all die amerikanischen Rezensionen hochgejubelt wurden. Übrigens ein interessantes Thema, wie Rezensionen die Leseerwartung manipulieren. Ich hatte bei diesem Roman ein Buch wie Maurice Maeterlincks “Das Leben der Bienen” erwartet, eine philosophische Bienenkunde.
        Dann mach’s mal gut. Wir gehen nun auf eine lange Reise in den Norden Schottlands, zu den Orkneys und anderen Wikinger Orten.
        Liebe Grüße
        Klausbernd

  • Reply
    wortsonate
    May 3, 2017 at 1:56 pm

    Das Buch steht auf meiner Leseliste,allerdings wenn es nur ein nettes Buch ist , dann lasse ich es lieber. Ich habe mich ja schon mit den Schmetterlingen verhauen.

    • Reply
      Mara
      May 12, 2017 at 5:07 pm

      Mit welchen Schmetterlingen? Schmetterlinge würden mich interessieren! Ich rate ja nur ungern von Büchern ab, hier kann ich aber auch nicht guten Gewissens zuraten,

  • Reply
    Petra Wiemann
    May 3, 2017 at 3:10 pm

    Liebe Mara,
    deine Rezension vermittelt einen sehr guten Eindruck von diesem Buch. Ich habe es auch gerade gelesen und war ebenso enttäuscht wie du. Das lag sicher auch an den positiven Rezensionen, die ich schon gelesen hatte. Ich fand alle drei Charaktere flach und holzschnittartig. Trotz ihrer Schicksale haben sie mich nicht berührt. Ich fand es schade, dass von der Zukunft ohne Bienen nur dieser winzig kleine Ausschnitt geboten wurde. Der Unterhaltungswert war für mich mittelmäßig. Ich bin nur wegen des Themas Bienen am Ball geblieben, da ich schon einige Sachbücher dazu kenne. Im letzten Viertel, als alle Fäden zusammenliefen, kam fast noch ein bisschen Spannung auf. Aber ich hatte mehr erwartet.
    Liebe Grüße, Petra

    • Reply
      Mara
      May 16, 2017 at 11:21 am

      Liebe Petra,

      ich bin froh, dass du meine Lektüreeindrücke teilst! Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass ich ein anderes Buch gelesen habe – mehr als ein ganz netter Familienroman wird mir hier einfach nicht geboten und der ist nicht einmal besonders gut geschrieben. Die Konflikte waren absehbar und ab Seite 100 zieht es sich alles nur noch. Wirklich schade!

      Kannst du mir noch eine Empfehlung zu weiteren Bienenbüchern geben? Kennst du da bereits etwas?

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Petra Wiemann
        May 17, 2017 at 11:07 am

        Gern empfehle ich dir Sachbücher zum Thema Bienen 🙂 Im letzten Jahr las ich ein sehr informatives Buch vom Hobbyimker Marzellus Boos, “Bienen – die Seele des Sommers”. Es ist voller interessanter Fakten über die Arbeitsteilung im Bienenstaat, den aktuellen Forschungsstand und die Bienen in unserer Kultur.
        http://www.elementareslesen.de/marzellus-boos-bienen/
        Wunderschön aufgemacht ist das Geschenkbuch “Die Biene – Geschichte, Biologie, Arten”, herausgegeben von Noah Wilson-Rich. Eine Kulturgeschichte der Bienen mit dem Schwerpunkt auf der Honigbiene.
        http://www.elementareslesen.de/noah-wilson-rich-die-biene/
        Außerdem gibt es ein sehr unterhaltsames Buch vom Bienenforscher Dave Goulson: “„Und sie fliegt doch – Eine kurze Geschichte der Hummel”. Hummeln sind ja auch Bienen und sind wie die Honigbienen wichtige Bestäuber. Goulson erzählt spannend sehr engagiert von seiner Forschung.
        Mit diesen Büchern macht es Spaß, das Thema zu vertiefen!

  • Reply
    thomas
    May 3, 2017 at 4:41 pm

    Schön zu lesen, dass es anderen Leuten gleich ging.
    Ich fand den Roman ebenfalls sehr leicht, fast schon zu leicht.
    Zusätzlich hat mich die Georg-Handlungsstrang genervt. Nicht weil er schlecht geschrieben war, aber weil der Vater durchgängig so verständnislos und uneinfühlsam war. Ich hab beim Lesen mit dem Sohn mitgelitten.

    lg
    thomas

    • Reply
      Mara
      May 16, 2017 at 11:23 am

      Hallo Thomas,

      ich freue mich, dass du meine Eindrücke ein wenig teilen kannst. Da fühle ich mich gleich viel weniger alleine. Die Dialoge im Teil von George fand ich manchmal arg holzschnittartig und plump und habe mich gefragt, ob es an der Sprache liegt oder an der “Schicht”, die hier beschrieben wird.

      Schon interessant, dass ein so schlichter Roman dann so einen Hype erfährt – Bienen scheinen einfach ein Trendthema zu sein. 😉

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Annika
    May 9, 2017 at 2:53 pm

    Hallo Mara,
    ich stimme dir zu. Ich habe das Buch auch vor kurzem gelesen und fand es recht unterhaltsam, besonders da ich gerne Famiiengeschichten lese. Allerdings hätte ich es gern etwas dystopischer gehabt!
    Liebe Grüße
    Annika

    • Reply
      Mara
      May 16, 2017 at 11:24 am

      Liebe Annika,

      wie beruhigend, dass du das ganz ähnlich empfunden hast! Ich hätte auch gerne etwas mehr Dystopie oder Bienen gehabt – am Ende ist das Buch dann eben doch nur ein schlichter Familienroman, der eben zu drei unterschiedlichen Zeiten spielt.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    {Rezension} Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde | Bella's Wonderworld
    May 30, 2017 at 7:46 am

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    *+* Maja Lunde: „Die Geschichte der Bienen“ *+* |
    June 5, 2017 at 6:08 am

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