Durch Mauern gehen – Marina Abramović

Marina Abramović ist eine renommierte zeitgenössische Künstlerin. Mit dem 500 Seiten umfassenden Durch Mauern gehen ist im vergangenen Herbst ihre Autobiographie erschienen – darin erzählt sie nicht nur von der Kunst, sondern auch aus ihrem Leben: das ist schonungslos, spannend, witzig und unglaublich inspirierend.

“Wenn ich las, hörte alles um mich herum auf zu existieren. Das ganze Unglück meiner Familie – die erbitterten Streitereien zwischen meinen Eltern, die Traurigkeit meiner Großmutter darüber, dass ihr alles genommen worden war – verschwand. Ich mischte mich unter die Romanfiguren.”

Beginnen muss ich meine Besprechung direkt mit einem Bekenntnis: auch wenn mir der Name von Marina Abramović zuvor bereits begegnet war, habe ich vor der Lektüre ihrer Autobiographie nichts über ihr Leben oder ihre künstlerische Arbeit gewusst. Neugierig auf das Buch bin ich durch den Blog Brain Pickings von Maria Popova geworden: Bücher über starke und beeindruckende Frauen haben mich schon immer interessiert. Wem es genauso geht wie mir, der muss vor diesem Buch also keine Angst haben – die Autobiographie ist keine, die für Fans und Kenner geschrieben wurde. Man kann Durch Mauern gehen auch mit  großem Gewinn lesen, wenn einem die Autorin und ihre Kunst nicht bekannt sind.

Marina Abramović wurde 1946 in Belgrad geboren und wuchs als Kind von Kriegshelden im Nachkriegsjugoslawien auf. Ihr Vater und ihre Mutter hatten mit den Partisanen gegen die Nazis gekämpft und wurden nach dem Krieg mit wichtigen und gut bezahlten Posten betraut. Obwohl Marina Abramović privilegiert aufwächst, erlebt sie keine glückliche Kindheit: vor allem die Beziehung zu ihrer strengen Mutter Danica ist durch Kälte, Lieblosigkeit und Schwierigkeiten geprägt.

Als Kommunistin war sie vielleicht ambivalent, aber sie war unglaublich zäh. Wahre Kommunisten waren bereit, “durch Mauern zu gehen”, jedes Hindernis zu überwinden – sie waren willensstark wie die Spartaner. “Schmerzen kann ich aushalten”, sagte Danica in einem Interview, das ich mit ihr viele Jahre später führte, als sie schon gebrechlich war. “Niemand hat mich je schreien hören, und niemand wird mich je schreien hören.” Beim Zahnarzt bestand sie darauf, keine Spritze zu bekommen, wenn ihr ein Zahn gezogen werden musste. Die Selbstdisziplin habe ich von ihr gelernt, und ich habe mein Leben lang Angst vor meiner Mutter gehabt. 

Gerettet hat Marina Abramović die Kunst – sie selbst schreibt, dass sie schon im Alter von sechs oder sieben Jahren wusste, dass sie Künstlerin werden möchte. Um sich diesen Traum zu erfüllen, beginnt sie 1965 ein Studium der Malerei; acht Jahre später führt sie ihre erste Performance auf. Mit ihren Performances, in denen sie große und schmerzhafte körperliche Risiken eingeht, wird sie auch über Belgrad hinaus bekannt. In ihrer Autobiographie betont sie immer wieder, dass es in jeder Performance einen Moment gibt, über den sie hinausgehen muss, um den Schmerz nicht mehr zu spüren.

In Durch Mauern gehen schreibt Marina Abramović sowohl über ihre Arbeit als auch über ihr Privatleben, beides ist zumeist eng miteinander verschränkt. Einen großen Platz im Buch nimmt Frank Uwe Laysiepen ein, der unter seinem Künstlernamen Ulay einem größeren Publikum bekannt geworden ist. Beide verbringen zwölf gemeinsame Jahre, in denen sie zahlreiche Performances zusammen entwickeln und aufführen. Ihre Wege – als Paar und als Künstler – trennen sich nach der gemeinsamen Begehung der Chinesischen Mauer. Jahre später sehen sie sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit bei der Performance The Artist is Present im New Yorker Museum of Modern Art wieder.

Ich bin es leid, berufliche Entscheidungen treffen zu müssen, mir hängen Vernissagen und langweilige Empfänge zum Hals heraus, ich bin es leid, mit einem Glas Mineralwasser herumzustehen und so zu tun, als wäre ich an einer Unterhaltung interessiert. Ich bin meine Migräneanfälle leid, einsame Hotelzimmer, Zimmerservice, Ferngespräche, grottenschlechte Fernsehfilme. Ich bin es leid, mich immer in den falschen Mann zu verlieben. Ich habe es satt, mich für meine zu große Nase, meinen zu dicken Arsch und den Krieg in Jugoslawien zu schämen. Ich will fortgehen, so weit weg, dass ich weder per Fax noch per Telefon erreichbar bin. Ich will alt werden, richtig alt, so dass nichts mehr eine Rolle spielt. Ich will verstehen und deutlich sehen, was hinter all dem steckt. Ich will nicht mehr wollen.

Wenn man heutzutage einen Blick auf Marina Abramović wirft, dann sieht man eine starke, bekannte und erfolgreiche Künstlerin. Doch das ist nicht immer so gewesen. Das, was mich an Durch Mauern gehen besonders fasziniert hat, ist die Tatsache, dass ihr Weg zur weltweit bekannten Künstlerin schwierig und steinig gewesen ist, dass sie immer wieder mit Rückschlägen und dunklen Momenten zu kämpfen hatte, dass sie falsche Entscheidungen getroffen und andere Menschen verletzt hat und wie offen und schonungslos sie darüber schreibt. Vor allem in den zwölf Jahren, die sie gemeinsam mit Ulay verbracht hat, hatte Marina Abramović nur wenig finanzielle Mittel und hat lange Zeit sogar in einem Bus gelebt.

Durch Mauern gehen lässt sich unkompliziert und ohne Vorkenntnisse lesen und genießen – die Sprache ist schlicht und schnörkellos. Ich bin von der ersten Seite an abgetaucht in die faszinierende Lebensgeschichte dieser ganz besonderen Frau. Marina Abramović schreibt in großer Offenheit darüber, wie sie es geschafft hat, schwere Momente, Verletzungen und dunkle Erlebnisse in eine Kunst zu verwandeln, die Grenzen durchbricht und überschreitet – körperliche und emotionale Grenzen. Für mich ist Marina Abramović das, was man gemeinhin unter dem Wort Powerfrau verstehen könnte: sie ist klug, willensstark, mutig und eine Kämpferin – egal was ihr im Leben auch passiert ist, sie hat nie aufgegeben. Es sollte also nicht verwundern, dass sie sich mit dreiundsechzig Jahren noch entschlossen hat, den Führerschein zu machen. An einer Stelle im Buch bezeichnet sie sich selbst als Kriegerin, Spirituelle und Jammertante – wobei sie die Jammertante jedoch am liebsten versteckt.

VERHALTEN EINES KÜNSTLERS
Ein Künstler sollte weder sich selbst noch andere belügen.
Ein Künstler sollte nicht die Ideen eines anderen stehlen.
Ein Künstler sollte keine Kompromisse eingehen – weder persönlich noch hinsichtlich des Kunstmarkts.
Ein Künstler sollte niemanden töten.
Ein Künstler sollte sich nicht zum Idol machen …
Ein Künstler sollte sich niemals in einen Künstler verlieben.

VERHÄLTNIS EINES KÜNSTLERS ZUR STILLE
Ein Künstler muss die Stille verstehen.
Ein Künstler muss in seinem Werk Raum für die Stille schaffen.
Die Stille ist wie eine Insel inmitten eines aufgewühlten Meeres.

VERHÄLTNIS EINES KÜNSTLERS ZUR EINSAMKEIT
Ein Künstler muss sich Zeit nehmen und lange Phasen der Einsamkeit auf sich nehmen
Einsamkeit ist extrem wichtig.
Weit weg von zu Hause, weit weg vom Atelier, weit weg von der Familie, weit weg von Freunden sein.
Ein Künstler sollte sich lange an Wasserfällen aufhalten.
Ein Künstler sollte sich lange an Vulkanen aufhalten, die ausbrechen.
Ein Künstler sollte lange schnell fließende Flüsse betrachten.
Ein Künstler sollte lange den Horizont betrachten, die Stelle, an der Himmel und Meer sich treffen.
Ein Künstler sollte lange die Sterne des Nachthimmels betrachten.
– Lebensmanifest einer Künstlerin: Marina Abramović

Marina Abramović erzählt in Durch Mauern gehen nicht nur von ihrer faszinierenden Lebensgeschichte und ihrem ungewöhnlichen Zugang zur Kunst, sondern schafft es dabei auch, mich daran zu erinnern, wie wichtig es ist, nie aufzugeben und mit offenen Augen durch die Welt zu laufen. Dort gibt es so viele Möglichkeiten und Dinge, die darauf warten, entdeckt zu werden. Ich wünsche Durch Mauern gehen ganz viele Leser und Leserinnen, die ebenfalls Freude daran haben, in das Leben dieser starken und bewundernswerten Frau einzutauchen.

Marina Abramović (gemeinsam mit James Kaplan): Durch Mauern gehen. Aus dem Englischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann. Luchterhand Verlag, München 2016. 475 Seiten, €28. 

13 Comments

  • Reply
    trallafittibooks
    May 18, 2017 at 8:19 am

    Hey Mara!
    Wieder mal ein richtig toller und informativer Beitrag, danke dafür.
    Ich habe bisher noch nie eine Biografie gelesen.
    Aber jetzt bin ich wirklich neugierig auf das Buch, insbesondere weil es sich hier um eine richtige Powerfrau handelt. Ich speichere mir es mal auf der Wunschliste ab und schaue mal, ob und wann ich es mir zulegen kann. Sicherlich kann man selbst auch viel daraus mitnehmen, auch wenn man die Frau gar nicht kennt.

    Liebe Grüße,
    Nicci

    • Reply
      Mara
      May 22, 2017 at 2:55 pm

      Oh, ich freue mich sehr, dass ich dich auf das Buch von Marina Abramovic neugierig machen konnte – wenn du mal etwas von einer starken Frau lesen möchtest, kann ich dir ihr Buch tatsächlich nur empfehlen, es hat mich sehr tief beeindruckt!

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        trallafittibooks
        May 22, 2017 at 2:56 pm

        Habe es auf jeden Fall schon mal abgespeichert 🙂 Vielen Dank!

        Liebe Grüße und eine tolle Woche!

  • Reply
    Christine
    May 18, 2017 at 9:35 am

    Hallo Mara,
    vielen Dank für die tolle Besprechung – klingt, als müsste ich das Buch unbedingt lesen. Ich habe Marina Abramovic in ihrer Performance “The artist is present” im Moma gesehen. Damals kannte ich sie noch nicht, aber sie als Person und die ganze Ausstellung haben mich sehr beeindruckt. Eine tolle Frau!

    • Reply
      Mara
      May 22, 2017 at 2:54 pm

      Oh, du durftest sie sogar live sehen? Hast du dich auch an ihren Tisch gesetzt? Das finde ich wirklich super spannend und ich beneide dich, dass du das tatsächlich live erleben durftest.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Cora
    May 18, 2017 at 2:17 pm

    Liebe Mara,
    ich habe gerade unglaublich lange überlegt, woher ich Marina Abramović kenne und dann hat es Klick gemacht: Sie ist doch die Künstlerin, die im Moma mehrere Tage in diesen drei spartanisch eingerichteten “Zimmern” gelebt hat, ohne Nahrung oder irgendeine Art von Zerstreuung. Ich hatte das vor einer Ewigkeit im Fernsehen gesehen und war unglaublich beeindruckt von ihr. Vielen Dank also, dass du das Buch vorgestellt hast, sonst hätte ich vermutlich nie wieder daran gedacht. Ihre Biographie habe ich mir auf die Leseliste geschrieben 🙂
    Liebste Grüße,
    Cora

    • Reply
      Mara
      May 22, 2017 at 2:53 pm

      Liebe Cora,

      ich kannte vorher gar keine ihrer Kunstaktionen und war – wie erwähnt – nur doch einen Blogbeitrag auf sie und ihr Buch aufmerksam geworden. Mittlerweile habe ich mir schon einiges von ihr auf YouTube angeschaut und bin erstaunt, dass ich nicht schon viel früher auf sie aufmerksam geworden bin. Ihre Autobiographie ist wirklich sehr lesens- und empfehlenswert!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    danielahenry
    May 18, 2017 at 8:17 pm

    Hi Mara. Fantastic review. I read Marina’s book last year in English and was blown away. I have to add that I had the honor to meet her at the MOMA during her exhibit. I waited five hours in line to meet her. Worth it? HELLS YES:) Greetings from Canada. Love your blog. <3

    • Reply
      Mara
      May 22, 2017 at 2:49 pm

      Wow, das muss ein total beeindruckendes Erlebnis gewesen sein für dich! 🙂 Ich schaue mir fast täglich Videos dieser Performance bei YouTube an und könnte jedes Mal, wenn Ulay sich zu ihr an den Tisch setzt, anfangen zu weinen.

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        danielahenry
        May 22, 2017 at 3:12 pm

        Ich auch. Und ja, war sehr beeindruckend. <3 Gruesse zurück.

  • Reply
    Kerstin
    May 21, 2017 at 1:35 pm

    Hallo Mara,
    ich habe mich unglaublich über diese Buchbesprechung gefreut. “Durch Mauern gehen” habe ich direkt nach dem Erscheinen gelesen. Ein tolles Buch, geschrieben von einer wirklich eindrucksvollen Künstlerin. Eine, die es geschafft hat, auch gegen Widerstände unbeirrt ihren Weg zu gehen. Abramovic schildert so viele eindrucksvolle Erlebnisse und Phasen ihres Lebens, dass ich immer mal wieder in ihrer Autobiographie lese.
    Herzlichst
    Kerstin

    • Reply
      Mara
      May 22, 2017 at 2:47 pm

      Liebe Kerstin,

      genauso erging es mir auch – bei mir liegt die Biographie neben meinem Nachttisch und ich werde wohl noch so einige Male hineinlesen. Die Geschichte von ihr hat mir Mut gemacht, dass man auch Phasen, in denen es nicht so gut läuft, überstehen kann.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Nola
    May 24, 2017 at 5:38 am

    Liebe Mara,
    Deine Buchbesprechung hat mich wirklich ganz kribbelig gemacht. Ich habe vergangenes Jahr bei Kulturzeit einen Bericht über Abramovic gesehen, der mich stark beeindruckt hat.
    Gleichwohl bin ich noch am Überlegen, ob ich das Buch lese oder nicht. Du hast zwar geschrieben, man muss nichts über die Künstlerin wissen, um das Buch gut lesen zu können. Trotzdem… Kann man es ggf. mit “M-Train” von Patti Smith vergleichen? Das Buch finde ich großartig, wenn ich vor dem Lesen fast nichts über Patti Smith wusste.
    Herzliche Grüße
    Nola

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