Was man von hier aus sehen kann – Mariana Leky

Mariana Leky erzählt in ihrem neuen Roman vom Tod, vom Leben, von der Liebe und von einem kleinen Dorf im Westerwald. Was man von hier aus sehen kann ist manchmal herrlich skurril und komisch, aber ganz oft auch todtraurig und tiefberührend.

Stimmt es eigentlich, dass etwas verschwinden kann, wenn wir versuchen, es zu sehen, es aber nicht verschwinden kann, wenn wir nicht versuchen, es zu sehen?

In einem kleinen Dorf im Westerwald kündigt sich der Tod auf eine ganz besondere Art und Weise an: immer wenn Selma, der Großmutter der Ich-Erzählerin Luise, im Traum ein Okapi erscheint, weiß das ganze Dorf, dass am nächsten Tag jemand von ihnen sterben muss. Wen es treffen wird, ist allerdings unklar – so dass die Stunden nach einem solchen Traum häufig von hektischer Betriebsamkeit geprägt sind: Menschen möchten sich, bevor es vorbei sein könnte, noch schnell die große Liebe gestehen oder ein schwerwiegendes Geheimnis offenbaren.

Luise ist zehn Jahre alt, als Selma erneut ein Okapi im Traum erscheint – und ihre erste Begegnung mit dem Tod ist eine furchtbare und traumatische, die ihr weiteres Leben prägen wird.

Sie waren heilfroh und nahmen sich vor, sich künftig an allem zu freuen und dankbar zu sein, weil sie noch vorhanden waren. Sie nahmen sich vor, sich zum Beispiel endlich einmal ausgiebig an dem Lichtspiel zu freuen, das die Morgensonne in den Apfelbaumzweigen veranstaltete. Die Leute im Dorf hatten sich das schon häufig vorgenommen, wenn zum Beispiel ein Dachziegel sie nicht getroffen hatte oder eine schlimme Verdachtsdiagnose ausgeschlossen worden war. Aber immer kam nach kurzer Zeit der Dankbarkeit und Freude dann ein Wasserrohrbruch oder eine Nebenkostenabrechnung, und da waren Freude und Dankbarkeit dann schnell verwässert, da war man dann nicht mehr dankbar, dass man vorhanden war, da war man dann verärgert, dass mit einem selbst auch Nebenkostenabrechnungen oder Wasserrohrbrüche vorhanden waren, und das Sonnenlicht im Apfelbaum konnte einpacken.

Die Figuren, die das Dorf im Westerwald bevölkern, sind allesamt ein wenig skurril: neben Selma und Luise ist mir vor allem der Optiker ans Herz gewachsen, der sein Leben lang in Selma verliebt gewesen ist, ohne ihr diese Liebe gestehen zu können. Stattdessen hat er einen Koffer voller angefangener Briefe an sie zu Hause stehen und wird geplagt von inneren Stimmen, die andauernd an ihm herumkritteln. Auch Luises Eltern können sich nicht durchringen, aus ihren Leben auszubrechen: ihre Mutter hat eine jahrelange Affäre mit dem Besitzer des Eiscafés, weil sie zu große Angst davor hat, sich von ihrem Mann zu trennen. Luises Vater ist wiederum getrieben von dem Gedanken, durch die weite Welt reisen zu müssen, um sich vielleicht woanders endlich selbst finden zu können.

Mariana Leky erzählt in Was man von hier aus sehen kann vom tragischen Schicksal Luises, das trotz aller Komik und Skurrilität doch schwer wiegt: wir begegnen ihr als junges Mädchen, aber auch als erwachsene Frau, deren Leben von der Begegnung mit dem Tod geprägt ist. Sie verbringt ihre Tage in großer Einsamkeit und es ist mehr einem Zufall geschuldet, dass sie in einem Buchladen einer Ausbildung nachgeht. Ähnlich wie ihre Eltern, verharrt sie in einem Leben, das sie nicht glücklich macht – aus lauter Angst zu wachsen und daraus auszubrechen. Das Dorf im Westerwald hält seine Bewohner gefangen, dabei würde es so vielen von ihnen so gut tun, auch mal den Blick über diese Gemeinschaft hinaus zu wagen.

“Ich wusste nicht, dass Selma sich hinhocken und ich ihr verweintes Gesicht sehen würde, dass Selma zu mir unter den Tisch kriechen und sagen würde “Komm mal her, du kleine Schnapspraline”, und mir dann schwarz vor Augen würde, weil ich meine Augen an Selmas schwarzer Bluse schloss, kranzschleifenschwarz, das alles wusste ich natürlich nicht, denn wir würden den Verstand verlieren, wenn wir solche Dinge im Vorhinein wüssten, wenn wir im Vorhinein wüssten, dass sich in nicht mal einer Stunde das ganze großflächige Leben in einer einzigen Bewegung umdrehen wird.

Für mich ist Was man von hier aus sehen kann ein neues Herzensbuch! Beim Schreiben meiner Besprechung habe ich das Buch noch einmal durchgeblättert und wäre am liebsten erneut in den Westerwald eingetaucht und hätte wieder von vorne angefangen. In seiner Skurrilität und Warmherzigkeit erinnert mich das Dorf und dessen Bewohner an die Romane von John Irving, es ist also vielleicht kein Wunder, dass ich mich mit dieser Geschichte und diesen Figuren so rundum wohl gefühlt habe. Für mich ist der Roman von Mariana Leky – auch wenn er sich leicht lesen lässt – kein schnell verdauliches Sommerbuch. Unter all dem Komischen steckt so viel Wahres, so viel Trauriges, so viel Schreckliches. dass mir stellenweise die Tränen kamen. An einer Stelle sagt der  Optiker etwas, das mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist: er sagt über die Liebe und den Tod, dass man beides nicht proben kann, beidem nicht entkommt und beides einen ereilt. So ist es auch in Was man von hier aus sehen kann: die Begegnung mit dem Tod ereilt Luise und dreht ihr ganzes Leben um.

Mariana Leky hat einen klugen, zarten und warmherzigen Roman über den Tod geschrieben, aber auch über das Leben und darüber, ob einen die Liebe retten kann.

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. DuMont, 2017. 320 Seiten, 20,00€. Weitere Rezensionen auf:  Die Buchbloggerin, Sharon Baker liest, Klappentexterin und Literaturen.

2 Comments

  • Reply
    danielahenry
    August 3, 2017 at 6:11 pm

    <3 Tolle Rezension. Danke. Ich fand das Buch auch ganz toll.

  • Reply
    Petra
    August 7, 2017 at 5:30 am

    Danke für die schöne Rezension! Ich habe sie erst jetzt gelesen, weil ich vorher selbst den Roman lesen wollte. Und wofür ist ein regnerischer Sonntag da … Jedenfalls bin ich auch sehr begeistert gewesen. Ein Hach!-Buch.

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