Beobachtungen aus der letzten Reihe – Neil Gaiman

Neil Gaiman ist ein britischer Autor, der nicht nur zahlreiche Science-Fiction- und Fantasyromane veröffentlicht hat, sondern darüber hinaus auch mehrere Comics und Drehbücher. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt die Essaysammlung Beobachtungen aus der letzten Reihe.

Dieses Buch enthält Reden, Essays und Einführungen. Einige der Einführungen haben es in diesen Band geschafft, weil ich den zugehörigen Autor oder das Buch liebe und ich hoffe, dass meine Liebe ansteckend ist. Andere Texte finden sich hier drin wieder, weil ich in ihnen nach besten Kräften versucht habe, etwas zu erklären, von dem ich glaube, dass es wahr ist, vielleicht sogar wichtig.

Beginnen muss ich meine Besprechung mit einem Geständnis: ich habe zuvor noch nie einen Roman von Neil Gaiman gelesen, auch wenn mir sein Name natürlich ein Begriff gewesen ist. Als ich die Essaysammlung im Buchladen entdeckte, bin ich trotzdem sofort neugierig geworden – großen Anteil daran hatte sicherlich auch der Untertitel: Über die Kunst, das Erzählen und wieso wir Geschichten brauchen.

In Beobachtungen aus der letzten Reihe sind auf fast 600 Seiten mehr als neunzig Essays versammelt, die grob nach Themen geordnet sind: es geht um Bücher, Bibliotheken, Comics, Filme, Musik. Ein Großteil der veröffentlichten Texte sind Vorworte, die Neil Gaiman für die Bücher von anderen Autoren und Autorinnen geschrieben hat. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Reden, die er auf Messen und Preisverleihungen gehalten hat. Besonders faszinierend sind die Texte, in denen Neil Gaiman – mit großer persönlicher Note – von den Widrigkeiten und Tücken des Schreibens erzählt. Viele der zusammengestellten Essays sind natürlich autobiographisch geprägt, trotzdem muss man sich beim Kauf des Buches bewusst darüber sein, dass es sich hier wirklich um eine Sammlung von – teilweise sehr alten oder auch sehr abseitigen – Essays handelt und nicht um eine Art Autobiographie. Vielleicht ist das auch der einzige kleine Kritikpunkt, der mich an Beobachtungen aus der letzten Reihe gestört hat: bei fast 100 Essays passiert es fast zwangsläufig, dass sich darunter auch Texte befinden, die langweilig, nichtssagend oder redundant sind – es hätte dem Buch nicht geschadet, wäre es 100 Seiten kürzer.

Die Vorstellung, dass auch Schriftsteller Bücher genießen, manchmal von ihnen beeinflusst werden und andere Menschen auf diese Werke hinweisen, war für mich schon immer naheliegend. Literatur existiert nicht in einem Vakuum. Sie kann kein Monolog sein, sondern ein Gespräch, und man muss neue Menschen, neue Leser in diese Konversation mit einbinden. Ich hoffe, dass ich irgendwo in diesem Band über einen Künstler oder sein Werk reden werde, über ein Buch vielleicht, einen Film oder einen Song, der euch fasziniert. 

Vieles an Beobachtungen aus der letzten Reihe hat mir aber auch sehr gefallen: es finden sich darin einige kluge Gedanken zum Schreiben, zu der Arbeit von Autoren und Autorinnen und den Zweifeln und Schwierigkeiten, die mit dieser Tätigkeit verbunden sind. Darüber hinaus gelingt es Neil Gaiman mit seiner Begeisterung anzustecken: ob er über Fantasy, Comics, Dr. Who, Lou Reed oder Harlan Ellison schreibt – ich habe immer wieder Post-Its in das Buch geklebt und mir Autoren und Buchtitel notiert, die mich neugierig gemacht haben und zwar über alle Genregrenzen hinweg. Zwischen all den Essays finden sich auch einige sehr persönliche Texte, in denen Gaiman von seiner Beziehung zu der Musikerin und Autorin Amanda Palmer erzählt, und – ganz vereinzelt – auch ein paar herrlich witzige Anekdoten. In einem Essay erzählt er von dem Jahr, in dem die Verfilmung seines Buches Coraline für die Oscars nominiert gewesen ist und er – obwohl er Autor des Textes ist – auf die billigen Plätze abgeschoben wurde und diese wenig vergnügliche Erfahrung mit seinen Followern auf Twitter teilt.

Zugeklappt habe ich Beobachtungen aus der letzten Reihe mit dem Gefühl, vieles daraus mitgenommen zu haben: kluge Gedanken, Mut, Ideen und Inspiration – gerade für schreibende oder kreativ arbeitende Menschen, bieten viele der Essays spannende Denkanstöße. Mitgenommen habe ich aber auch die ansteckende Begeisterung für Themen, mit denen ich mich bisher kaum beschäftigt habe: Sei es die Leidenschaft für Comics oder auch die Liebe für Autoren und Autorinnen, die mir bis dahin noch völlig unbekannt waren – Neil Geiman ist in seinem Enthusiasmus  wahrlich infektiös.

Also seid weise, denn die Welt braucht mehr Weisheit, und wenn ihr nicht weise sein könnt, tut so, als wärt ihr weise und benehmt euch, wie weise Leute es tun. Und jetzt zieht aus und macht interessante Fehler, macht erstaunliche Fehler, macht glorreiche und fantastische Fehler. Brecht die Regeln. Macht die Welt interessanter, schließlich lebt ihr darin. Und macht gute Kunst.

Auch wenn ihr Neil Geiman als Autoren noch nicht kennt, kann ich euch die Lektüre von Beobachtungen aus der letzten Reihe nur empfehlen: es ist vielleicht ratsam, die Essays Stück für Stück und immer in Etappen zu lesen und sich nicht davon abschrecken zu lassen, wenn es zwischendurch auch immer wieder einen langweiligeren oder nichtssagenderen Text gibt. Am Ende werdet ihr das Buch zuklappen und eine ganze Liste an tollen Autoren und Autorinnen haben, die ihr entdecken wollt und eine ganze Liste an Büchern, die ihr kaufen wollt. Und nicht nur das: ich habe auch ein Buch zugeklappt, das nun voller Post-Its ist und zu dem ich wohl immer wieder zurückkehren werde, wenn ich auf der Suche nach Weisheit, Trost oder einem guten Ratschlag bin.

Neil Gaiman: Beobachtungen aus der letzten Reihe. Über die Kunst, das Erzählen und wieso wir Geschichten brauchen. Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer Schumacher und Ruggero Leò. Bastei Lübbe, Köln 2017. 570 Seiten, 24€. Weitere Rezensionen auf: krearchiv, Nicoles Bücherwelt und Buchstapelweise.

Weitere Bücher:

NiemalslandDer Ozean am Ende der StraßeAmerican GodsCoralineNordische Mythen und Sagen

9 Comments

  • Reply
    simonsegur
    October 24, 2017 at 11:43 am

    T.T. – toller Tipp, meinen herzlichen Dank. Selten genug melden sich ja wirklich erfolgreiche AutorInnen zu Wort, wenn’s um das Thema Schreiben geht. Liebe Grüße!

  • Reply
    belmonte
    October 24, 2017 at 11:54 am

    Wunderschöner Blogpost. Wie bereits getweetet finde ich es kurios, dass Du mit diesem Gaiman-Buch angefangen hast. Ich bin jedenfalls neugierig geworden.

    Ich finde Gaimans “Ozean” ganz außergewöhnlich (https://vnicornis.wordpress.com/2014/03/08/i-saw-that-there-were-patterns-and-gates-and-paths-beyond-the-real-neil-gaiman-the-ocean-at-the-end-of-the-lane-rezension/). Und an seiner Sandman-Reihe kannst Du Dich monatelang sattlesen bei all den Haupt- und Seitenlinien. “American Gods”, das ich persönlich etwas schwächer fand, hat nochmal eine ganz eigene Fan-Gemeinde.

    Gaiman ist auch ein ganz toller Vorleser (Youtube) mit sehr klarem Lesefluss.

    Bin gespannt, ob noch mehr von Dir zu Gaiman kommt.

    • Reply
      booknapping.de
      October 24, 2017 at 3:52 pm

      Da möchte ich mich direkt anschließen. Neil Gaiman gehört zu meinen Lieblingsautoren, eben weil er eine ganz besondere Art des Erzählens hat. Ich bin über die Comics (Sandman, Bücher der Magie) zu ihm gekommen. Viele andere moderne AutorInnen haben sich von ihm inspirieren lassen, wobei er selbst häufig aus Mythen, Märchen & Co. schöpft. Gaiman macht immer etwas ganz eigenes daraus und bleibt dabei nie im Trivialen. Hach – ich mag ihn einfach sehr 🙂

      Vielen Dank, Linus, für die tolle Besprechung, ich habe jetzt noch mehr Lust auf diesen Essayband und werde ihn auf jeden Fall in meine Regale mit aufnehmen.

      Liebe Grüße,
      Sandra

      • Reply
        Buzzaldrins Bücher
        October 29, 2017 at 2:05 pm

        Hallo Sandra,

        vielen Dank für deine Empfehlungen, ich möchte jetzt auf jeden Fall noch mehr von Neil Gaiman entdecken und freue mich darauf. Auch seine Comics interessieren mich sehr – ich habe noch nie einen Comic gelesen und finde es großartig, wie es Gaiman gelingt, Lust darauf zu machen, in diese Welt einzutauchen.

        Mit den Essays wünsche ich dir ganz viel Spaß!

        • Reply
          booknapping.de
          October 30, 2017 at 10:33 pm

          Hallo Linus,

          das freut mich jetzt wirklich ganz besonders. Ich bin gespannt, welcher Comic dein erster sein wird. Ich bleibe dran 😉

          Liebe Grüße,
          Sandra

    • Reply
      Buzzaldrins Bücher
      October 29, 2017 at 2:06 pm

      Danke dir! Meine Entdeckung von Neil Gaiman ist vielleicht etwas ungewöhnlich gewesen, wird jetzt aber auf jeden Fall nicht zu Ende sein – der Ozean reizt mich sehr, aber auch Sandman interessiert mich!

      Ich werde auf jeden Fall über weitere Entdeckungen berichten – vielen Dank für die Empfehlungen!

  • Reply
    papercuts1
    October 24, 2017 at 7:29 pm

    Lieber Linus,
    ich bin so glücklich, dass du Neil Gaiman entdeckt hast und freue mich auf deine weiteren Begegnungen mit ihm. Es ist eher ungewöhnlich, dass du über seine Essays zu ihm findest, aber er ist schließlich unfassbar vielseitig, und jeder kann zu ihm finden.
    Wenn dir das Essayformat gefallen hat, sind seine Kurzgeschichten vielleicht auch etwas für dich. Auf Deutsch gibt‘s da „Zerbrechliche Dinge“. Ansonsten, wie schön gesagt „Der Ozean…“. Bin gespannt, womit t du mit Neil weitermachst!
    LG,
    Ute von buchstapelweise

    • Reply
      Buzzaldrins Bücher
      October 29, 2017 at 2:03 pm

      Hallo Ute,

      vielen lieben Dank für deinen freundlichen Kommentar! Ich freue mich auch sehr darüber, dass ich Neil Gaiman auf diesem Wege endlich mal entdeckt habe. Als nächstes werde ich mir wohl den “Ozean” vornehmen und berichte natürlich gerne darüber, wie es mir gefallen hat!

  • Reply
    Miss Booleana
    November 8, 2017 at 7:58 pm

    Es hat mir sehr gefreut, dass du das Buch hier besprochen hast und es war ein schöner Zufall, dass das gerade jetzt passiert. Das Buch verfolgt mich nämlich. Ständig sehe ich es in Buchhandlungen und kaufe es dann doch nicht, weil der Stapel ungelesener Bücher einfach zu große ist. 😉
    Ich habe zwei Bücher von Neil Gaiman gelesen – eins sehr geliebt (American Gods – in english) und eins sehr wenig geliebt. (Niemalsland – alte Version auf Deutsch) Irgendwie schleiche ich also schon länger um die “Beobachtungen”, aber auch gleichzeitig das Gefühl, dass ich noch mehr von Gaiman lesen will, bevor ich mir die “Beobachtungen” gebe. Aber dank dir habe ich jetzt überhaupt erstmal einen Eindruck was mich erwartet.

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